Sozialwirtschaftsbericht Thüringen

Starke Thüringer Branche: Zwei Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und 58.000 Beschäftigte

Rund zwei Milliarden Euro erwirtschaftet die Sozialwirtschaftsbranche pro Jahr in Thüringen – 4,7 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung im Freistaat. Das geht aus dem „Sozialwirtschaftsbericht Thüringen“ hervor, der 2011 im Auftrag des Thüringer Wirtschafts- und des Thüringer Sozialministeriums von der Friedrich-Schiller-Universität Jena erstellt wurde. Am 23. November 2011 wurde der Sozialwirtschaftsbericht im Rahmen einer Fachtagung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Sozialwirtschaft leistet einen wichtigen Beitrag für ein menschliches und soziales Miteinander in Thüringen. Vor allem werden der ökonomische Beitrag der Branche sowie die erheblichen positiven Beschäftigungseffekte unterschätzt. Die Sozialwirtschaft ist ein echter Wirtschaftsfaktor und mit 58.000 Beschäftigten einer der großen Arbeitgeber in Thüringen. Die Kosten der Studie betragen 70.000 Euro. Die Finanzierung erfolgte aus Mitteln des vom Thüringer Wirtschaftsministerium und des Thüringer Sozialministeriums.

Zu den sozialen Dienstleistungen, die von der Studie erfasst werden, gehören unter anderem die Altenpflege, die frühkindliche Förderung, die Kinder- und Jugendhilfe, die Hilfen für Menschen mit Behinderungen und die Beratung von Menschen in Notlagen. In der Sozialwirtschaft werden arbeitsintensive, personennahe Dienstleistungen erbracht, bei denen die menschliche Arbeitskraft die zentrale Rolle spielt, die deshalb nicht ohne Weiteres ersetzt werden kann. Die rund 4.800 sozialen Einrichtungen seien deshalb wichtige Arbeitgeber gerade auch in ländlichen und strukturschwachen Regionen Thüringens.

Die Behauptung, dass die Sozialwirtschaft eher als ein Kosten- denn als ein Wirtschaftsfaktor gesehen werden müsse, wurde durch die Studie eindeutig widerlegt. 39 Prozent der eingesetzten Mittel fließen in Form von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern wieder an die öffentliche Hand zurück. Würden noch weitere Effekte – beispielsweise die in anderen Wirtschaftszweigen erzeugte Beschäftigung – berücksichtigt, liege die Rückflussquote sogar bei 73 Prozent. Allein die Einsparungen durch die Vermeidung von Arbeitslosigkeit belaufen sich auf mehr als 300 Millionen Euro.

Von den rund 58.000 Erwerbstätigen im Bereich der sozialen Dienstleistungen sind 46.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt – 6,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Thüringen. Dabei ist entscheidend, dass die Sozialwirtschaft ein weitgehend konjunkturunabhängiger Wirtschaftsbereich ist, der selbst in den Krisenjahren 2008 und 2009 noch gewachsen ist. Da aufgrund der demografischen Entwicklung die Nachfrage nach Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen weiter steige, sind die Erwartungen der befragten Geschäftsführer hinsichtlich eines weiteren Beschäftigungsaufwuchses in dieser Branche äußerst plausibel.

Darin besteht aber auch eines der größten Entwicklungshemmnisse für die Branche. Das Angebot an qualifizierten Fachkräften ist rückläufig. So konnte fast die Hälfte der befragten Einrichtungen (44 Prozent) im betrachteten Zeitraum offene Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzen. In mehr als jeder dritten Einrichtung gibt es derzeit einen Fachkräftebedarf, der nicht gedeckt werden kann. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, muss vor allem die Ausbildung und Qualifizierung intensiviert und attraktiver werden. Vor allem der Bundesgesetzgeber sei jetzt gefragt, die Finanzierung des dritten Ausbildungsjahrs von Umschülern zu ermöglichen, die Ausbildung in Pflegeberufen zu modernisieren und zu vereinheitlichen sowie zugleich die Anerkennung ausländischer Bildungs- und Berufsabschlüsse in diesem Bereich zu erleichtern. Es ist zudem erforderlich, die in der dualen Ausbildung bewährten Unterstützungssysteme wie zum Beispiel ausbildungsbegleitende Hilfen auch in den sozialen Dienstleistungsberufen anzuwenden und die Berufsorientierung verstärkt zur Werbung für die gesamte Branche zu nutzen.

Einen wichtigen Faktor zu Verbesserung des Fachkräfteangebots sind aber auch die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen der Branche. In der Sozialwirtschaft gibt es viel Teilzeitarbeit und viele befristete, niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse. Das bisherige Beschäftigungswachstum ging auch mit einer Ausweitung prekärer Beschäftigung einher. Natürlich ist es angesichts zurückgehender Entgelte, Budgets und Zuschüsse nicht einfach, Löhne beliebig anzuheben; dennoch: Wer gute Fachkräfte haben will, muss sie vernünftig entlohnen. Hinzu kommt, dass die Sozialwirtschaft eine überwiegend „weibliche Branche“ ist. Eine positive Lohnentwicklung wäre daher auch ein wirksames Programm gegen die Abwanderung von Frauen aus Thüringen.

Mit Blick auf einen offensiven Umgang mit der demografischen Entwicklung hat die Sozialwirtschaft eine entscheidende Rolle. Eine bedarfsgerechte soziale Infrastruktur und die dafür erforderlichen Angebote der Sozialwirtschaft sind auch in Zukunft Voraussetzung für ein kinder- und familienfreundliches Thüringen und den Erhalt von Lebensqualität insbesondere in strukturschwachen Räumen. Um Abwanderung zu verhindern und die demografische Entwicklung langfristig positiv zu beeinflussen, seien gute Rahmenbedingungen für Familien erforderlich – einschließlich der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Trotz der angespannten Situation der öffentlichen Haushalte ist es Aufgabe für Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, die dafür erforderlichen Grundlagen zu schaffen. Aufgabe der Tarifpartner ist es, innerhalb der Branche für familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Weitere Informationen 

Sozialwirtschaftsbericht Thüringen (Kurzversion) (1.5 MB)
Auf 35 Seiten komprimierte Variante des Berichts.
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

Sozialwirtschaftsbericht Thüringen (Langversion) (4.6 MB)
Enthält alle detaillierten Ergebnisse der Untersuchung (ca. 130 Seiten).
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

Rede von Ministerin Heike Taubert anlässlich der Präsentation (64.8 kB)
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

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