Katastrophenschutz

Im Sinne von §25 des Thüringer Brand- und Katastrophenschutzgesetzes (ThürBKG) ist eine Katastrophe „ein Ereignis, bei dem Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen, die natürlichen Lebensgrundlagen, erhebliche Sachwerte oder die lebensnotwendige Versorgung der Bevölkerung in ungewöhnlichem Ausmaß gefährdet oder geschädigt werden und die Gefahr nur abgewehrt werden kann, wenn die Behörden, Dienststellen, Organisationen, Einheiten, Einrichtungen und eingesetzten Kräfte unter einheitlicher Leitung zusammenwirken“. Das Ziel des Katastrophenschutzes im Freistaat Thüringen ist es, solche Katastrophen bestmöglich zu bewältigen.

Aufgrund seines im Kern reaktiven Wesens existiert für den Katastrophenschutz kein klassischer strategischer Planungshorizont. Grundsätzlich ist es für den Umgang mit Katastrophen entsprechend des Top-Event-Ansatzes aber wichtig, welche Gefährdungssituationen mit welcher Häufigkeit und in welchem Ausmaß zukünftig auf die Aufgabenträger, insbesondere die bei den Landkreisen und kreisfreien Städten angesiedelten unteren Katastrophenschutzbehörden sowie auf die Feuerwehren, Rettungsdienste und privaten Hilfsorganisationen zukommen werden. Ein Planungsinstrument für diese Akteure ist die 2004 erstmals nach einem bundeseinheitlichen Schlüssel (BBK 2010) erstellte Verschlusssache „Gefährdungsabschätzung für den Freistaat Thüringen“ (VS-NfD), in der acht Hauptgefährdungen, die landesweit einheitlich verteilt sind und von denen alle Aufgabenträger gleichermaßen betroffen sind und andere relevante Gefährdungssituationen ermittelt worden sind. Zur Abwehr der Hauptgefährdungen wurden im ThürBKG die Bereiche festgelegt, für die Katastrophenschutz-Einheiten aufzustellen sind. Facharbeitsgruppen haben danach die entsprechenden Katastrophenschutz-Einheiten konzipiert, die in der Thüringer Katastrophenschutzverordnung (ThürKatSVO) als Mindeststandard normiert wurden. Die beiden Trupps der Führung, die beiden Einsatzzüge für die Bereiche Brandschutz / Hochwasser / Extremwetterlagen, der Gefahrgutzug sowie der Sanitäts- und Betreuungszug sind als Basiseinheiten jeweils dreiundzwanzigmal flächendeckend über das Land verteilt. Der Bergrettungszug, der Wasserrettungszug und die Tauchereinsatzgruppe sind als Spezialeinheiten in den Höhenlagen des Thüringer Waldes bzw. an Gewässern konzentriert (vgl. auch TIM 2010).

Von den 23 identifizierten Gefährdungssituationen weisen insbesondere die Themen Hochwasser / Staudammbruch, Extremwetterlagen, Flächenbrände und Massenanfälle von Verletzten auf Straßen und Schienen eine Klimasensitivität auf. Aber auch die Katastrophenschutzeinheiten selbst können durch den Ausfall kritischer Infrastrukturen oder durch hitzebedingte Be- bzw. Überlastung des Personals betroffen sein.

Über den Klimawandel hinaus ist der Katastrophenschutz auch von sozioökonomischen Faktoren abhängig. Hierzu zählt zum einen der demographische Wandel, der vor allem in ländlichen Gebieten zu einem Nachwuchsproblem in den freiwilligen Bereichen des Katastrophenschutzes (z. B. der Freiwilligen Feuerwehr) führt, auf den das Handlungsfeld historisch bedingt entscheidend aufbaut. Diese Problemlage wird zum einen durch ein verändertes Freizeitverhalten, zum anderen durch die „Pendlerproblematik“ verschärft, durch die ein relevanter Anteil an freiwilligen Hilfskräften an den Werktagen in ihrer Heimat nicht für Einsätze zur Verfügung steht. Da Bund und Land für die Bereitstellung der technischen Ausrüstung des Zivil- und Katastrophenschutzes zuständig sind, ist das Handlungsfeld auch vom politischen Sicherheitsbedarf und der Entwicklung der öffentlichen Haushalte abhängig.

Auswirkungen des Klimawandels

Hochwasser

Hochwasser haben ein quantifizierbares Auftrittsrisiko und sind angesichts der Ereignisse der letzten Jahrzehnte (z. B. das Saale-Hochwasser von 1994, die Elbe-Flut 2002 und das Frühjahrshochwasser an Werra, Unstrut und Saale 2003) für den Katastrophenschutz von besonderer Relevanz. Durch Starkniederschläge (hier definiert als Ereignisse mit > 50 mm Niederschlag pro Tag) ausgelöste Hochwasserereignisse werden sich in ihrer Häufigkeit, Intensität und räumlichen Verteilung bis zur Mitte des Jahrhundert nicht signifikant verändern. Erst zum Ende des Jahrhunderts ist in einzelnen Teilräumen des Freistaats mit einem erhöhten Hochwasserrisiko zu rechnen (vgl. Kapitel Oberflächengewässer). Der Katastrophenschutz sollte also auch zukünftig auf Hochwasserereignisse eingestellt sein und den mittel- bis langfristigen Anpassungsbedarf seiner Notfallpläne eruieren.

Stürme

Wie Kyrill im Jahr 2007 gezeigt hat, können Stürme insbesondere in Wäldern und besiedelten Gebieten mit hohen Sach- und Personenschäden verbunden sein. Sturmereignisse und mit ihnen die Gefahr von katastrophalen Sturmschäden werden zukünftig sowohl hinsichtlich ihrer Auftrittshäufigkeit (bezogen auf Tage mit Böenwindgeschwindigkeiten > 28 m/s) als auch hinsichtlich ihrer Intensität flächendeckend, insbesondere in den Mittelgebirgsregionen signifikant zunehmen (Anhang, Abb. 11). Auch hier ist zu prüfen, inwiefern sich für den Katastrophenschutz eine Anpassungsnotwendigkeit ergibt.

Flächenbrände

Flächenbrände entstehen heute vorrangig in Wäldern. Die Waldbrandgefahr lässt sich über den Waldbrandindex (WBI) hinreichend gut abbilden (vgl. Kapitel Waldbrand). Weiterhin sind aber auch landwirtschaftliche Flächen, vor allem in frisch abgeerntetem Zustand und bei Verbleib von Ernterückständen (z. B. Stroh), von einer Entzündungsgefahr betroffen. Zwar zielt der WBI auf die Gefährdungsbeurteilung von Waldbränden ab, die Auswahl seiner Modelleingangsgrößen macht aber deutlich, dass eine Übertragung auf landwirtschaftliche Flächen und sonstige Freiflächen und damit seine inhaltliche Ausweitung zu einem Flächenbrandindex (FBI) methodisch begründbar ist. Wie Abb. 48 zeigt, ergibt sich in den Projektionszeiträumen ein robuster und flächendeckender Trend zu einer signifikant erhöhten Auftrittshäufigkeit von Tagen mit hoher und sehr hoher Flächenbrandgefahr. Die Zunahme wird dabei in den walddominierten Räumen ungleich schwächer ausfallen, als in den Hauptagrarräumen des nördlichen Thüringens. Zum Schutz der Bevölkerung und von Sachgütern sollte für diese Entwicklung dringend der Anpassungsbedarf der örtlichen Feuerwehren insbesondere in den agrarisch dominierten Gebieten überprüft werden.

Abb. 48: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Tagen mit hoher und sehr hoher Flächenbrandgefahr für die drei Klimaprojektionszeiträume im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 - 1990
Abb. 48: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Tagen mit hoher und sehr hoher Flächenbrandgefahr für die drei Klimaprojektionszeiträume im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 - 1990

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Massenanfälle von Verletzten auf Straßen und Schienen

Die Eintrittswahrscheinlichkeit von Massenanfällen von Verletzten wird durch schnee- und eisbedingte Gefahrensituationen erhöht. Dieses zusätzliche wetterbedingte Risiko ist gegenwärtig für die Mittelgebirgsregionen des Freistaats aufgrund der hier naturgemäß höheren Schneefallmenge ungleich höher einzuschätzen, als im übrigen Freistaat. Die durchschnittliche Schneefallmenge sowie die Auftrittshäufigkeit von Frostperioden wird im Laufe des Jahrhunderts deutlich geringer werden (Anhang, Abb. 25 und Anhang, Abb. 24). Dass diese Entwicklungen nicht gleichzeitig auch mit einer sinkenden Gefahr von Massenunfällen verbunden sein müssen, zeigt der Umstand, dass Einzelereignisse in Teilräumen zukünftig durchaus intensiver ausfallen können als im Referenzzeitraum (vgl. Abb. 38), so dass auch hier die Notwendigkeit der Katastrophenvorsorge weiterhin hohe Relevanz besitzt.

Eigene Betroffenheit

Der Klimawandel kann nicht nur als ursächliches Ereignis zu Katastropheneinsätzen führen, sondern auch das Personal und die Technik des Katastrophenschutzes selbst beeinträchtigen. In diesem Zusammenhang ist damit zu rechnen, dass die Leistungsfähigkeit des Personals in den Sommermonaten durch Hitzeereignisse deutlich stärker eingeschränkt sein könnte als gegenwärtig, wenn nicht adäquate Präventionsmaßnahmen ergriffen werden (Kap. Nicht infektiöse Krankheit). Auch für die vom Katastrophenschutz benötigte kritische Infrastruktur (z. B. Stromleitungen) besteht zukünftig durch einzelne Sturm- und Schneeereignisse ein erhöhtes Ausfallrisiko (Kap. Kritische Infrastruktur), auf das der Katastrophenschutz vorbereitet sein sollte. Starker Frost und die Auftrittshäufigkeit von Frostperioden werden hingegen seltener die Einsätze des Katastrophenschutzes beeinträchtigen (vgl. Anhang, Abb. 27 und Anhang, Abb. 24).

Maßnahmen

Die Auswertungen haben gezeigt, dass der regionale Klimawandel in Thüringen tendenziell zu häufigeren und auch intensiveren, aber nicht zu vollkommen neuen Katastrophenzuständen führen wird. Dank der kontinuierlichen Gefährdungsabschätzung auf Kreisebene (KS01) und der daraus resultierenden Aufstellung und rechtlichen Fixierung der multifunktionalen Einheiten zur Katastrophenabwehr kann dem Handlungsfeld Katastrophenschutz im Freistaat Thüringen bereits heute eine hohe Anpassungskapazität hinsichtlich der Klimafolgen bescheinigt werden. Daher müssen Anpassungsmaßnahmen darauf abzielen, diese hohe Qualität für die Zukunft zu sichern (vgl. BBK 2012).

Hierzu zählt zum einen die Verbesserung des Informationsangebotes über den Klimawandel und seine Folgen für den Katastrophenschutz (KS02) sowie effektive Systeme zur Warnung vor klimabedingten Gefahren (KS03). Eine thematisch querschnittsorientierte, akteursgerechte Informationsplattform erscheint geeignet, die Umsetzung dieser Maßnahmen zu unterstützen. Diese Ansätze sollten mit einer Implementierung der Klimawandelproblematik in die Ausbildung und Schulung des Katastrophenschutzpersonals verknüpft werden (KS04).

Auch in der täglichen Arbeit der beteiligten Akteure können adäquate Maßnahmen die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels unterstützen. In diesem Zusammenhang ist insbesondere eine weiter verbesserte Einsatzplanung (KS05), eine Optimierung der organisationsübergreifenden Zusammenarbeit (KS06) sowie eine bessere personelle Ausstattung zu nennen. Letzt genannte Maßnahme bezieht sich vor allem auf das Ehrenamt in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr (z. B. die Freiwilligen Feuerwehren). Hier bedarf es auch mit Blick auf den demographischen Wandel verstärkter Anstrengungen zur Nachwuchsakquise und -förderung, insbesondere der betroffenen öffentlichen und privaten Hilfsorganisationen (KS07).

Das Schadensausmaß ist im konkreten Katastrophenfall ganz erheblich von der Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung abhängig. Die gesetzliche Aufgabe der Gemeinden, den Wissens- und Erfahrungsschatz im Selbstschutz zu verbessern, sollte zukünftig verstärkt wahrgenommen werden (KS08).

Letztlich kann auch die Beobachtung der Einsatzentwicklung dabei helfen, weiteren Anpassungsbedarf aufzudecken und die Wirksamkeit der identifizierten Maßnahmen zu beurteilen. Um die Vergleichbarkeit dieses bereits praktizierten Einsatzmonitorings über alle beteiligten Organisationen hinweg zu verbessern, ist es notwendig, den Katalog an ursächlichen Ereignissen zu harmonisieren und auch um konkrete Wetterereignisse zu erweitern (KS09).

Tab. 22: Anpassungsmaßnahmen im Handlungsfeld Katastrophenschutz

Nr. Maßnahme Kriterium Bewertung bzw. Bemerkung
KS01 Kontinuierliche Gefährdungsabschätzungen auf Kreisebene unter Berücksichtigung des Klimawandels Zeitliche Dringlichkeit hoch (bis 3 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit bereits umgesetzt o. durchgeführt
Zuständigkeit untere und obere KatS-Behörde
Kosten mittel
KS02 Verbesserung des Informationsangebotes über den Klimawandel für den Katastrophenschutz Zeitliche Dringlichkeit mittel (3 bis 10 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit mittelfristig (3 - 10 Jahre)
 Zuständigkeit Umweltbehörden; untere und obere KatS-Behörde
 Kosten gering / mittel
KS03 Betrieb von effektiven Systemen zur Warnung vor klimabedingten Gefahren Zeitliche Dringlichkeit k. A.
Zeitliche Umsetzbarkeit k. A.
Zuständigkeit Umweltbehörden
Kosten k. A.
KS04 Implementierung der Klimawandelproblematik in die Ausbildung und Schulung des Personals Zeitliche Dringlichkeit mittel (3 bis 10 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit mittelfristig (3 - 10 Jahre)
Zuständigkeit öffentliche und private Hilfsorganisationen (HiO)
Kosten gering
KS05 Optimierte Einsatzplanung Zeitliche Dringlichkeit mittel (3 bis 10 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit mittelfristig (3 - 10 Jahre)
Zuständigkeit untere und obere KatS-Behörde
Kosten Das Land finanziert jeder unteren KatS-Behörde u.a. dafür eine volle Personalstelle.
KS06 Optimierung der organisationsübergreifenden Zusammenarbeit Zeitliche Dringlichkeit hoch (bis 3 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit bereits durchgeführt bzw. in Umsetzung
Zuständigkeit KatS-Behörden und HiO
Kosten gering / mittel
KS07 Stärkung des Ehrenamtes in der Gefahrenabwehr Zeitliche Dringlichkeit hoch (bis 3 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit mittelfristig (3 - 10 Jahre)
Zuständigkeit HiO und KatS-Behörden
Kosten k. A.
KS08 Stärkung der Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung Zeitliche Dringlichkeit hoch (bis 3 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit kurzfristig (bis 3 J.)
Zuständigkeit Gemeinden und Bund
Kosten mittel
KS09 Harmonisierung des Einsatzmonitorings über die einzelnen Organisationen hinweg Zeitliche Dringlichkeit mittel (3 bis 10 Jahre)
Zeitliche Umsetzbarkeit mittelfristig (3 - 10 Jahre)
Zuständigkeit Bund bzw. Bundesebene der HiO
Kosten k. A.

 

Anhang Abbildungen

Anhang, Abb. 11: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Schweren Stürmen
Anhang, Abb. 11: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Schweren Stürmen

Anhang, Abb. 25: Durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge in Form von Schnee für die drei Klimaprojektionszeiträume im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 - 1990
Anhang, Abb. 25: Durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge in Form von Schnee für die drei Klimaprojektionszeiträume im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 - 1990

Anhang, Abb. 24: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Frostperioden für die drei Klimaprojektionszeiträume und den Referenzzeitraum 1961 - 1990
Anhang, Abb. 24: Durchschnittliche jährliche Auftrittshäufigkeit von Frostperioden für die drei Klimaprojektionszeiträume und den Referenzzeitraum 1961 - 1990

Anhang, Abb. 27: 3-Tagesminimumtemperatur in Extremjahren für die drei Klimaprojektionszeiträume und den Referenzzeitraum 1961 - 1990
Anhang, Abb. 27: 3-Tagesminimumtemperatur in Extremjahren für die drei Klimaprojektionszeiträume und den Referenzzeitraum 1961 - 1990

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