Markantes Einzelereignis

An dieser Stelle sollen die unwetterartigen Gewitter Ende Juni (Nacht vom 30.06. zum 01.07) und Anfang Juli (05. und 06.07.) 2012 genauer beleuchtet werden. Insbesondere wird der Fragestellung nachgegangen, ob derartige Einzelereignisse noch "normal" oder bereits Auswirkung klimatischer Veränderungen sind.

Die Stadt Gera wurde am 05. und 06. Juli gleich zweimal in Folge von starken Gewittern mit erheblichen Sachschäden getroffen. In der Nacht zum Monatswechsel von Juni auf Juli waren es vor allem zahlreiche Blitzentladungen und Gewitterböen, die im gesamten Thüringer Raum Einzug hielten. Zur Charakterisierung dieser Ereignisse stellten uns auch die "Thüringer Storm Chaser" (www.storm-chasing.de) freundlicherweise detaillierte Informationen und Bildmaterial zur Verfügung.

Zur Beschreibung der großräumigen Wetterlage, die für die zahlreichen Gewitter verantwortlich war, wird auf die subjektive Wetterlagenklassifikation von Hess und Brezowsky (Hess und Brezowsky, 1969) zurückgegriffen. Am 30.06. / 01.07.2012 war die Großwetterlage "Trog Westeuropa" vorherrschend, während es am 05. und 06.07.2012 die Wetterlage "Tief Britische Inseln" war. Beide Wetterlagen gehen mit südwestlicher Strömung und Tiefdruckeinfluss für Deutschland einher. Somit sind sie durch das Heranführen feucht-warmer Luft prädestiniert für die Auslösung von Gewittern in Sommermonaten. Es stellt sich daher die Frage, ob beide Wetterlagen im Juni und Juli 2012 überdurchschnittlich häufig aufgetreten sind. Innerhalb der aktuellen Klimareferenzperiode von 1981 bis 2010 tritt die Wetterlage TB in der Summe der Monate Juni und Juli durchschnittlich an 1,1 Tagen und TrW an 4,7 Tagen pro Jahr auf. In der Monatssumme Juni und Juli im Jahr 2012 wurden beide Wetterlagen überdurchschnittlich häufig registriert: TB an 4 Tagen und TrW an 13 Tagen. Der Vergleich mit vorangegangenen Jahren (Abb. 1) zeigt, dass es sich dabei aber um kein Einzelereignis handelt.

Abb. 1:    Anzahl der Wetterlagen TB und TRW im Juni + Juli (Datenquelle: DWD, Gestaltung und Auswertung, TLUG, 2012)

Jedoch in der Summe TB + TrW (Abb. 2) betrachtet, ist das außergewöhnlich häufige Auftreten dieser Kombination im Jahr 2012 feststellbar.

Abb. 2:    Anzahl der Wetterlagensumme TB + TRW im Juni + Juli (Datenquelle: DWD, Gestaltung und Auswertung, TLUG, 2012)

Abb. 3:    10-jähriges gleitendes Mittel der Anzahl der Wetterlagensumme TB + TRW im Juni + Juli (Datenquelle: DWD, Gestaltung und Auswertung, TLUG, 2012)

Seit dem Jahr 2002 ist sogar ein positiver Trend zu erkennen. Dieser Zeitraum von nur zehn Jahren ist statistisch jedoch nicht repräsentativ genug, um von einem robusten Klimaänderungssignal dieser Intensität ausgehen zu können. Die Zunahme innerhalb der letzten Jahre ist dennoch markant und seit Datenaufzeichnung ab 1881 findet sich kein vergleichbares Muster dieser Art wieder. Auch wenn diese kurzfristig starke Zunahme statistisch nicht greifbar ist, so hat langfristig (ab 1881) betrachtet, die Kombination beider Wetterlagen signifikant zugenommen (Abb. 3). Das Potential für den wachsenden Einfluss dieser beiden Wetterlagen auf Thüringen ist demnach im Juni und Juli gegeben. Der damit einhergehende Transport feucht-warmer Luft aus südlichen Richtungen erhöht damit gleichzeitig auch das potentielle Gewitterrisiko beider Monate.

Die Auswirkungen der Gewitter im Jahr 2012 sind im Folgenden exemplarisch anhand der Ereignisse vom 05.07. im Raum Gera kurz aufgeführt (TSC, 2012). Windbruch und überflutungen waren die Hauptprobleme im Stadtgebiet.

- Umgestürzte Bäume blockierten reihenweise Straßen, Rad- und Gehwege und beschädigten auch PKW's und im Stadtteil Lusan ein Einfamilienhaus. Der markanteste Schaden ereignete sich an der Villa Voß, wo das 60 t schwere Schutzdach um 4 m verschoben wurde. In einigen Straßen lagen große Mengen an abgebrochenem Astwerk auf dem Boden, was ein Befahren schwierig oder unmöglich machte. Vereinzelt fielen Ziegel von den Dächern, die dann in Trümmern auf den Gehwegen und Fahrbahnen lagen.

- Durch Blitzschlag kam es zu einem Brand in der Lessingstraße, der aber rasch gelöscht werden konnte. Ein weiterer Blitzeinschlag lies die Brandmeldeanlage des Waldklinikums mehrmals auslösen. Gleiches ereignete sich im Museum für Angewandte Kunst und im Kaufland Lusan. Schäden in Folge von Blitzeinschlägen gab es auch an Kommunikationsleitungen in der Stadt.

Großer abgerissener Ast im Hofwiesenpark (TSC, 2012)

- Neben einer hohen Anzahl an vollgelaufenen Kellern und überfluteten Straßenabschnitten wurden im Erdgeschoss der Gera-Arcaden auch mehrere Geschäfte überschwemmt. Ebenfalls betroffen war das Sozialamt samt Archiv. Der Straßenbahnverkehr musste teilweise bis zu einer Stunde unterbrochen werden, da Gleise überschwemmt waren oder - wie im Tierpark - das Bett der Parkeisenbahn auf 30 m Länge unterspült worden war.

- Durch den Feierabendverkehr herrschte auf den Hauptverbindungen in der Stadt teilweise Stillstand. Mehrere Straßen waren anfangs auch kaum befahrbar. Auf der Bundesautobahn A4 zwischen Langenberg und dem Geraer Kreuz ging es kurzzeitig nur im Schrittempo voran, da neben sehr eingeschränkter Sicht auch gefährliches Aquaplaning herrschte.

Schäden gab es auch in den südlichen und östlichen Nachbarkreisen. So mussten in Gössnitz im Landkreis Altenburger Land Keller leergepumpt, Straßen bereinigt und Störungen in Telefonleitungen beseitigt werden. Der Pleiße-Pegel in Gößnitz überschritt mit 215 cm kurzzeitig den Richtwasserstand für die Alarmstufe 1. Auch in Altenburg war ein ähnliches Schadensbild zu verzeichnen. Hier waren 4.700 Bewohner im östlichsten Landkreis Thüringens kurzzeitig ohne Strom. Auch im Landkreis Greiz gab es das gleiche Bild: Umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller, überspülte Grundstücke und Straßen. Die Feuerwehr und andere Einsatzkräfte waren, wie z.B. im Bereich Zeulenroda-Triebes, im Dauereinsatz.

Herabgerissene Äste in der T. - Hoppe - Straße (TSC, 2012)

Quellenverzeichnis

Deutscher Wetterdienst (DWD), 2012: DWD-Analyse-Archiv.

Hess, P., Brezowsky, H., 1969: Katalog der Großwetterlagen Europas. Ber. DWD 15, Offenbach a.M.

Thüringer Storm Chaser (TSC), 2012, www.storm-chasing.de.