Sozialer Dienst

PROFESSIONELLES SELBSTVERSTÄNDNIS UND KERNAUFGABEN

"Soziale Arbeit ist eine Profession, die sozialen Wandel, Problemlösungen in mensch-lichen Beziehungen sowie die Ermächtigung und Befreiung von Menschen fördert, um ihr Wohlbefinden zu verbessern. Indem sie sich auf Theorien menschlichen Verhaltens sowie sozialer Systeme als Erklärungsbasis stützt, interveniert Soziale Arbeit im Schnittpunkt zwischen Individuum und Umwelt/Gesellschaft. Dabei sind die Prinzipien der Menschen-rechte und sozialer Gerechtigkeit für die Soziale Arbeit von fundamentaler Bedeutung." (IFSW und IASSW- Montreal 2000).

Der Soziale Dienst ist eine wichtige Berufsgruppe innerhalb der Justizvollzugseinrichtungen. Er leistet einen wesentlichen Beitrag zur Resozialisierung von Gefangenen bzw. Untergebrachten und dient damit mittelbar dem Opferschutz. In jedem Stadium des Aufenthaltes – an der Schnittstelle der Aufnahme, während der Haft und an der Schnittstelle der Entlassung in die Freiheit - bietet der Soziale Dienst Hilfestellungen der unterschiedlichsten Art an. Dies wird in Thüringen explizit durch die Zentrale Einweisungs- und Aufnahmeabteilung der JVA Tonna und das gesetzlich verankerte und bereits zwölf bis sechs Monate  vor der voraussichtlichen Entlassung beginnende und bei Bedarf bis zu sechs Monate nach der Entlassung andauernde Übergangsmanagement besonders ersichtlich. Der Soziale Dienst ist damit nicht nur ein Begleiter während der Haftzeit, son¬dern auch ein wichtiges Bindeglied der Gefangenen bzw. Untergebrachten und der Justizvollzugseinrichtungen nach „draußen“.

In der Vollzugspraxis unterliegt der Soziale Dienst, bezogen auf seine fachlichen Standards und die inhaltliche Ausgestaltung noch immer sehr unterschiedlichen Erwartungen. Der Begriff „Soziales“ scheint zunächst alles zu subsumieren, was anderweitig nicht erklärbar oder zuordenbar ist. Daraus resultierend hat im Laufe der Jahre jede Justizvollzugseinrichtung ihr individuelles Verständnis von Sozialer Arbeit und deren Umsetzung, mit z.T. unterschiedlichen Aufgabenbeschreibungen, entwickelt. Zugleich hat sich die wissenschaftliche Disziplin „Soziale Arbeit“, die aus der Verbindung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik hervorgegangen ist, fortlaufend weiter entwickelt und professionalisiert.

Die Soziale Arbeit umspannt im Justizvollzug ein komplexes Aufgabenfeld. Sie integriert ver-schiedene Bezugsdisziplinen und verfügt dennoch über eine professionelle Eigenständigkeit. Hervorgehoben seien besonders die Beziehungs- und Alltagsorientierung in der Unterstützung von Lebensentwürfen und gleichzeitig der Kontrollauftrag der staatlichen Institution (Doppelmandat).

VORAUSSETZUNGEN

In den Justizvollzugsanstalten, der Jugendstrafanstalt und der Jugendarrestanstalt in Thüringen sind staatlich anerkannte Diplom-Sozialarbeiter/innen, Diplom-Sozialpädagoginnen und Diplom-Sozialpädagogen oder Absolventen von Bachelor-Studiengängen dieser und vergleichbarer Fachrichtungen optimalerweise mit Zusatzqualifikationen (z.B. Sozialtherapie, Suchttherapie) und mehrjähriger extramuraler Berufserfahrung mit Sozialer Arbeit betraut. Sie können von weiterqualifizierten Mitarbeiter/innen des allgemeinen Vollzugsdienstes unterstützt werden.

TÄTIGKEITSBEREICHE UND KOMPETENZEN

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes arbeiten im Rahmen der einschlägigen Vorschriften an der Gestaltung des Vollzugs und der Erreichung des Vollzugszieles mit. Sie erfüllen die Aufgaben des Sozialen Dienstes im Justizvollzug. Für die Rahmenbedingungen sind die Anstaltsleitung bzw. das für den Justizvollzug zuständige Ministerium als Aufsichtsbehörde zuständig

Soziale Arbeit im Justizvollzug ist grundsätzlich auf eine Ko-Produktion hin angelegt, auf Wechselseitigkeit und auf ein Handeln im multipolaren und komplexen sozialen Feld von Lebensgeschichten und Verhältnissen.

Das besondere System des Justizvollzuges begrenzt bzw. definiert den Rahmen für Handlungsmöglichkeiten in einem klar beschriebenen Maße. Allein das Strafmaß, die Behandlungsbereitschaft des Klienten sowie die baulichen und sicherheitsrelevanten Aspekte der Justizvollzugsanstalten wirken sich erheblich auf den Gestaltungsspielraum der Sozialen Arbeit aus. 

Der Soziale Dienst ist fachspezifischer Bestandteil  eines interdisziplinären Behandlungsteams, häufig mit einer Schwerpunktausrichtung. Hinsichtlich seiner fachlichen Einschätzung auf aktueller wissenschaftlicher Basis ist der Soziale Dienst unabhängig.

Für eine gelingende Vernetzung der sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Aufgaben und Tätigkeiten im Gesamtsystem ist eine hohe Transparenz des fachlichen Anforde-rungsprofils sowie der Aufgabenschwerpunkte und Inhalte zwingend notwendig.

Zu den Kernkompetenzen Sozialer Arbeit im Justizvollzug zählen insbesondere:

  • die Fähigkeit zur systematischen Analyse von Situationen und Prozessen von Individuen (einschließlich Risikoprognose) und Gruppen,
  • die zielgerichtete und empathische Steuerung von Problemlösungsprozessen in Kooperation mit dem Probanden,
  • die administrative und fachliche Zusammenarbeit innerhalb der eigenen Profession im Funktionsbereich, abteilungs- und fachübergreifend (interdisziplinäres Team) sowie mit Angehörigen der Inhaftierten bzw. anderweitigen Bezugspersonen,
  • die Vernetzung und Kooperation mit Dritten, insbesondere der Bewährungshilfe, der Jugendgerichtshilfe, den Führungsaufsichtstellen, der freien Straffälligenhilfe, der Bundesagentur für Arbeit, den Städten und Kommunen, Vereinen und Verbänden u.v.m.,
  • die Definition, Abgrenzung und Reflexion der eigenen Rolle sowie Bereitschaft und Fähigkeit, diese in einen diskursiven Bewertungsprozess einzubringen,
  • die Fähigkeit, Ziele und Konzeptionen für die eigene Arbeit zu entwerfen und daraus dann eine qualitativ hochwertige Arbeit zu entwickeln,
  • die Dokumentation von Prozessen und Ergebnissen des professionellen Handelns (z.B. Anamnese, Vollzugsplanung, Behandlung innerhalb des Vollzuges, Entlassungsvorbereitung, weitergehende Betreuung) sowie die Umsetzung der Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, einschließlich Ergebniskontrolle und systematischer Evaluation,
  • die Qualität sichernde Weiterentwicklung der Profession,
  • die Mitwirkung an der Erarbeitung und Weiterentwicklung von anstalts- und/oder fach-bereichsbezogenen Behandlungskonzepten.

Hinsichtlich der methodischen und didaktischen Kompetenzen ist inzwischen auch im Justizvollzug eine große Vielfalt zu verzeichnen. Diese ergibt sich im Wesentlichen aus der alltäglichen Praxis mit dem humanistischen Ansatz und geht deutlich über die langjährigen Trias von Sozialer Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit hinaus.

Der reiche Schatz an sozialpädagogischen Methoden und Arbeitsformen, wie z.B. Bedarfsanalysen, klientzentrierte und motivierende oder systemische Gesprächsführung, strukturierte Interventionsplanung, Suchtberatung, Schuldnerberatung, deliktspezifische Einzel- und Gruppenarbeit, Case Management, kollegiale Beratung und Coaching bestimmt sich hauptsächlich durch erworbene (Zusatz-)Qualifikationen des einzelnen Sozialarbei-ters/Pädagogen.

Für alle Mitarbeitenden im Justizvollzug gilt mit dem Thüringer Justizvollzugsgesetzbuch, dass es zur Erreichung des Vollzugszieles der Mitwirkung der Inhaftierten und Untergebrachten bedarf und hierzu ihre Bereitschaft zu wecken und zu fördern ist (§6 Abs. 1 ThürJVollzGB). Jugendstrafgefangene sind sogar verpflichtet, an der Erreichung des Vollzugszieles mitzuwirken (§6 Abs. 2 ThürJVollzGB). Die erzieherische Einflussnahme auf den jungen Probanden ist entsprechend zu gestalten.

Nicht unbeachtet gelassen werden darf die Erkenntnis, dass die Mehrzahl der Gefangenen vor der Inhaftierung bereits Kontakt zu den verschiedensten Sozialdiensten in unterschiedlichen Kontexten, z.B. der Jugend- und Bewährungshilfe, dem Sozialen Dienst der Arbeitsagenturen oder Sozialämter, freien Vereinen oder Trägern hatte oder sich in gerichtlich bestellter Betreuung befand bzw. befindet. Insbesondere Gefangene mit langen Haftstrafen werden regelmäßig in die Betreuung der Bewährungshilfe oder der Führungsaufsicht entlassen.

Das zu entwickelnde soziale Netzwerk muss an bereits bestehende Behandlungsangebote anknüpfen, gleichermaßen aber auch neue Optionen, gemeinsam mit dem Betreffenden, ent-wickeln. Ein nahtloser Übergang aus der stationären in die ambulante Betreuungsform ist durch ein hohes Maß an sorgfältig organisierter und bedarfsgerecht auf den Einzelfall zugeschnittener Hilfeleistung (Case Management) sicherzustellen.

GESETZLICHE GRUNDLAGEN SOZIALER ARBEIT IM THÜRINGER JUSTIZVOLLZUG

Gesetzliche Grundlagen Sozialer Arbeit sind

  • die Gesetze und Verwaltungsvorschriften, die unmittelbar den Vollzug in seinen verschiedenen Formen - in der Untersuchungshaft, dem Strafvollzug, Jugendstrafvollzug, der Sicherungsverwahrung und dem Jugendarrest - regeln: v.a. Thüringer Justizvollzugsgesetzbuch (ThürJVollzGB), Thüringer Sicherungsverwahrungsvollzugs-gesetz (ThürSVVollzG), Thüringer Maßregelvollzugsgesetz (ThürMRVG), ergänzt durch das StVollzGB (soweit fortgeltend)
  • die Vorschriften des Strafrechts, insbesondere das Strafgesetzbuch (StGB), die Strafprozessordnung (StPO), das Betäubungsmittelgesetz (BtmG), das Jugendgerichtsgesetz (JGG),
  • das Verfassungsrecht und das Datenschutzrecht: das Grundgesetz (GG) und das Bundes-datenschutzgesetz (BDSG), das Thüringer Datenschutzgesetz (ThürDSG)
  • die Gesetzgebung der sozialen Sicherungen, u.a. die Sozialgesetzbücher (SGB), Thüringer Gesetz zur Hilfe und Unterbringung psychisch kranker Menschen (ThürPsychKG), Thüringer Meldegesetz (ThürMG), Aus¬länderrecht (z.B. das Gesetz über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet (AufenthG), das Gesetz über Verfahren in  Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwil¬ligen Ge-richtsbarkeit (FamFG), das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), das Unterhaltsvorschussgesetz (UVG) und weitere, spezifische Gesetze.
  • Verwaltungsvereinbarung zum Vollzug der Freiheitsstrafe und Jugendstrafe, der Untersuchungs-, Zivil- und Abschiebehaft sowie des Jugendarrestes an weiblichen Gefangenen und Arrestanten in den Vollzugseinrichtungen des Freistaates Sachsen.

Der Soziale Dienst kennt stets die für den Justizvollzug und den speziellen Tätigkeitsbereich einschlägigen Gesetze und Vorschriften in ihrer jeweils aktuellen Fassung und wendet diese handlungssicher an.

Die Kenntnis der aktuellen Gesetzgebung, vor allem im Bereich der sozialen Sicherung, ist bei vielen Arbeitsschritten im Bereich der Sozialdienstlichen Tätigkeit im Vollzug grundlegend. Eine gelingende und nachhaltige Entlassungsvorbereitung setzt die Kenntnis von Leistungen und Anspruchsvoraussetzungen des sozialen Hilfesystems sowie die entsprechende Unterstützung durch Weiterbildung voraus.

STANDARDS

Die im Folgenden beschriebenen Aufgaben sind Schlüsselprozesse des Sozialdienstes im Justizvollzug. Schlüsselprozesse sind wesentliche, immer wiederkehrende Aufgaben, die kohärent in den Vollzugseinrichtungen erfüllt werden.

Die exakte Beschreibung dieser Tätigkeiten vermittelt ein klares Berufsbild von Sozialer Arbeit im Justizvollzug, definiert die Aufgabengebiete und den Arbeitsumfang, vereinfacht Abläufe und macht die Arbeit des Sozialdienstes auch anstaltsübergreifend kompatibel.

Die aufgeführten Aufgabenbereiche und Behandlungsprozesse legen einen Standard fest. Sie stellen sicher, was der Sozialdienst jeder Anstalt mindestens zu einer bestimmten Arbeitsauf-gabe leistet. Sie lassen aber auch Spielraum für weitergehende Festlegungen in den einzelnen Anstalten und individuelle Arbeitsweisen der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters im Sozialdienst. Im Zuge der Beschreibung der verschiedenen Aufgabenbereiche wurden erprobte und bewährte Vorgehensweisen standardisiert.

Die Standards berücksichtigen, dass auch Soziale Arbeit im Vollzug eine adressatenorientierte Dienstleistung ist, die sich in der Beschreibung der Behandlungsprozesse und Aufgabenbereiche sowie in der Strukturqualität wiederfindet. Inhaftierte, Anstaltsleitungen, andere Mitarbeiter_innen der Justizvollzugseinrichtungen, Gerichte, Staatsanwaltschaften, das für den Justizvollzug zuständige Ministerium, Städte, Gemeinden und Kreise, Rentenversicherung, Krankenversicherungen und schlussendlich die Gesellschaft sind Adressaten Sozialer Arbeit im Justizvollzug resp. ist die Wiedereingliederung entlassener Strafgefangener eine gesellschaftliche Aufgabe. Mitarbeiter der Vollzugsanstalten, Gerichte, Staatsanwaltschaften und das für den Justizvollzug zuständige Ministerium sind u. a. die Adressaten Sozialer Arbeit im Justizvollzug.

Zusammengefasst gründen die professionellen Interventionen sozialpädagogischen Handelns auf vier Phasen bzw. Prozessen:

  1. Diagnose und ressourcenorientierte Bedarfsanalyse,
  2. daraus abgeleitete (Hilfe-)Planung und Vereinbarung der Handlungsschritte, einschließlich Motivationsarbeit,
  3. eigenverantwortliche Umsetzung der geplanten Handlungsschritte bzw. die Weitervermittlung an andere Professionen sowie die Kooperation mit diesen,
  4. Kontrolle und Bewertung der Wirkung der angewandten Interventionen.

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