Erwachsenenbildung in Thüringen - Aufgaben und Inhalte

Inhalt

  1. Rechtsgrundlagen
  2. Aufgaben und Inhalte
  3. Bildungsprämie
  4. Alphabetisierungsmaßnahmen
  5. Inklusive Erwachsenenbildung

1. Rechtsgrundlagen in der Erwachsenenbildung

 Thüringer Erwachsenenbildungsgesetz

Informationen zu den vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport im Rahmen der Evaluation und Förderfähigkeit von Einrichtungen der Erwachsenenbildung anerkannten Qualitätsmanagementverfahren
(Stand: Januar 2017)


2. Aufgaben und Inhalte

Eine Frau steht auf einenm Tisch und befestigt ein Plakat an der Wand.

Die grundlegenden Ziele und Aufgaben der Erwachsenenbildung werden durch das Thüringer Erwachsenenbildungsgesetz geregelt.

§ 1 ThürEBG
Ziele der Erwachsenenbildung

Die Erwachsenenbildung ist ein eigenständiger, gleichberechtigter Teil des Bildungswesens, steht allen offen und dient der Verwirklichung des Rechts auf Bildung. Sie verfolgt folgende Ziele:

  1. Sie soll die Selbstständigkeit des Urteils fördern, zur geistigen Auseinandersetzung anregen, Aspekte der Bildung für nachhaltige Entwicklung berücksichtigen und bei der Bewältigung von Lebensaufgaben Orientierung geben.
     
  2. Sie soll die Bereitschaft des Einzelnen zu lebensbegleitendem Lernen fördern, zur Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit beitragen sowie gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
     
  3. Die Erwachsenenbildung bietet Gelegenheit, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten durch freiwillige Wiederaufnahme organisierten Lernens zu erwerben oder zu vermehren. Sie umfasst alle Formen der Fortsetzung, Ergänzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens außer den Bildungsgängen des Schulwesens, der Hochschulen, der Berufsausbildungen, der innerbetrieblichen Weiterbildung sowie der Weiterbildungseinrichtungen des öffentlichen Dienstes und von Umschulungen.
     
  4. Als eigenständige Säule des Bildungswesens stärkt die Erwachsenenbildung die integrativen Kräfte der Gesellschaft. Auf allen Gebieten berücksichtigt die Erwachsenenbildung die Gleichbehandlung, insbesondere unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Lebensumständen sowie weltanschaulicher oder religiöser Überzeugung.


§ 2 ThürEBG
Aufgaben der Erwachsenenbildung

Die Erwachsenenbildung dient der allgemeinen, politischen, kulturellen und beruflichen Bildung. Der Inhalt der Erwachsenenbildung bestimmt sich nach den Bildungsbedürfnissen, die ihrerseits dem beständigen Wandel unterliegen und ist daher nicht abschließend bestimmbar. Insbesondere hat die Erwachsenenbildung folgende Aufgaben:

  1. In der allgemeinen Erwachsenenbildung werden vorhandene Kompetenzen vertieft und ergänzt beziehungsweise neue Kompetenzen, einschließlich des Nachholens von Schulabschlüssen, erworben und generationenübergreifendes Verständnis auch in der reflektierenden Auseinandersetzung mit den Erziehungs- und Bildungsaufgaben gestärkt. Dabei soll auf besondere gesellschaftliche Herausforderungen wie den demografischen Wandel geantwortet und besondere Zielgruppen unterstützt werden. Gegenstände der Auseinandersetzung können dabei unter anderem soziale, gesundheitliche, sprachliche, wirtschaftliche und ökologische Fragen sein.
     
  2. Die kulturelle, künstlerische und religiöse Erwachsenenbildung befähigt zur Auseinandersetzung mit der eigenen und mit anderen Kulturen, trägt zur Identitätsfindung bei und stärkt die ästhetische Urteilsfähigkeit.
     
  3. Die politische Erwachsenenbildung befördert die Fähigkeit und Bereitschaft zur Beurteilung politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge und befähigt hierdurch zur besseren Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten sowie zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden.
     
  4. In der beruflichen Erwachsenenbildung werden die allgemeinen beruflichen Kompetenzen und Fertigkeiten erhalten und ausgebaut, einschließlich des Erwerbs neuer zusätzlicher Qualifikationen.

Den Inhalt der Erwachsenenbildung im Übrigen bestimmen die Bildungsbedürfnisse der Erwachsenen.
 
Erwachsenenbildung in Thüringen dient als vierte Säule des Bildungssystems zugleich der Umsetzung lebensbegleitenden Lernens, welches sich an den konkreten Bedürfnissen der Lernenden orientiert.
In Thüringen sind 23 Volkshochschulen, drei Heimvolkshochschulen und 12 freie Träger nach dem Thüringer Erwachsenenbildungsgesetz anerkannt und erhalten entsprechend ihrer Leistungen Fördermittel aus dem Thüringer Landeshaushalt.
 


3. Bildungsprämie

Die Bildungsprämie wurde von der Bundesregierung eingerichtet, um die Bereitschaft jedes Einzelnen zu unterstützen, sich an persönlicher beruflicher Weiterbildung zu beteiligen. Weiterbildung wird als Investition in die individuelle "Beschäftigungsbiographie" verstanden. Dabei sollen durch finanzielle Anreize mehr Menschen zur Teilnahme an Weiterbildung motiviert und befähigt werden.
Das Programm wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds kofinanziert.

Eine Bildungsprämie – Zwei Komponenten
Die Bildungsprämie besteht aus zwei Komponenten:

  • Einen Prämiengutschein in Höhe von max. 500 Euro können alle Erwerbstätigen erhalten, deren zu versteuerndes Jahreseinkommen laut Einkommensteuerbescheid und vermindert um etwaige Kinderfreibeträge 20.000 Euro bei Alleinstehenden (bzw. 40.000 Euro bei gemeinsam Veranlagten) nicht übersteigt.
  • Mit dem "Weiterbildungssparen" wird im Vermögensbildungsgesetz (VermBG) zur Finanzierung von Weiterbildung eine Entnahme aus den angesparten Guthaben erlaubt, auch wenn die Sperrfrist noch nicht abgelaufen ist. Die Vorteile des Weiterbildungssparens können all diejenigen in Anspruch nehmen, die über ein mit Arbeitnehmer-Sparzulage gefördertes Ansparguthaben verfügen. Dies gilt unabhängig vom derzeitigen Einkommen.
     

Den Prämiengutschein können Weiterbildungsinteressierte für Maßnahmen wie Lehrgänge, Prüfungen oder Zertifikate benutzen, die der individuellen beruflichen Weiterbildung dienen. Für nahezu jeden beruflichen Bedarf gibt es passende Kurse
oder Seminare.

Das Weiterbildungssparen kann ergänzend zum Prämiengutschein hinzukommen. Die beiden Komponenten können also zusammen genutzt und in Anspruch genommen werden. Weiterbildungsinteressenten mit angespartem Guthaben nach dem Vermögensbildungsgesetz (VermBG) können den verbleibenden finanziellen Eigenanteil einer Bildungsmaßnahme vor Ablauf der üblichen Sperrfrist entnehmen. Hierzu hat der Gesetzgeber das VermBG den Anforderungen angepasst und so den weiterbildungsbereiten Menschen mehr Flexibilität ermöglicht.
(Quelle: www.bildungspraemie.info/de/201.php)

Bezieher höherer Einkommen können sich über den Thüringer Bildungsscheck unter www.gfaw-thueringen.de informieren.

Die Prämiengutscheine und Spargutscheine können seit Anfang 2012 in ausgewählten Beratungsstellen beantragt werden.
Weitere Informationen unter: www.bildungspraemie.info
Dort sind auch alle Beratungsstellen mit den Ansprechpartnern aufgelistet.
Die kostenlose Hotline-Nummer der Bildungsprämie lautet: 0800 2623 000.


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4. Alphabetisierungsmaßnahmen

Mit der Novellierung des Thüringer Erwachsenenbildungsgesetzes (ThürEBG) vom 30. November 2010 ist in § 13 ThürEBG eine Regelung zur Grundversorgung in Bezug auf Alphabetisierungsmaßnahmen in Thüringen aufgenommen worden. Seit dem Jahr 2010 werden durch den Freistaat Thüringen zusätzliche Haushaltsmittel für Alphabetisierungsmaßnahmen im Haushaltsplan eingestellt. Seit 2012 gibt es einen eigenen Haushaltstitel für Alphabetisierung im Haushaltsplan.

Den Großteil des Zuschusses erhält der Thüringer Volkshochschulverband e.V. (TVV), der die Mittel an die Volkshochschulen auszahlt. Sie stellen sicher, dass im Rahmen der Grundversorgung in jeder kreisfreien Stadt und jedem Landkreis Angebote zur Alphabetisierung und Grundbildung vorhanden sind. Auch Zugewanderte und Flüchtlinge haben Zugang zu den durch den Freistaat geförderten Alphabetisierungskursen, wenn sie nicht an anderen Förderprogrammen wie „Start Deutsch“ und an Alpha-Integrationskursen des BAMF teilnehmen können und bereits Deutsch sprechen.

Mit den finanziellen Mitteln wurden seit 2010 an allen 23 Volkshochschulen (VHS) in Thüringen „VHS Lernzentren Lesen und Schreiben“ eingerichtet. Die Kommunen sind als Träger der VHS mit einem kommunalen Anteil beteiligt, z. B. durch die Bereitstellung von Unterrichtsräumen. Die Fördermittel für Alphabetisierung werden in den VHS Lernzentren im Einzelnen für Honorare der Kursleitenden, für deren Fortbildung, für Öffentlichkeitsarbeit, für die Bereitstellung von Lehr- und Lernmittel und für die Koordinierung der Angebote eingesetzt.

Mit der Novellierung des Thüringer Erwachsenenbildungsgesetzes (ThürEBG) vom 14. Dezember 2016 ist in § 14 ThürEBG eine erweiterte Regelung zur Förderung von  Alphabetisierungsmaßnahmen in Thüringen aufgenommen worden. Damit haben nun auch neben den 23 Volkshochschulen die anerkannten freien Träger der Erwachsenenbildung einen Auftrag für Alphabetisierungsarbeit erhalten. Sie erhalten einen Anteil der Förderung durch das Land. Ziel ist es, flankierend zu bereits bestehenden Projekten und Strukturen Projekte anzusiedeln, die eine hohe Multiplikation und Wirkung erwarten lassen. Aktuell werden folgende Ansätze verfolgt:

  • Sensibilisierung in der Arbeitswelt/ Nutzung des Zugangs zur Arbeitswelt
  • Alphabetisierung von zugewanderten Frauen
  • Alphabetisierung von Menschen mit Behinderung

Die Vernetzung der verschiedenen Ansätze erfolgt über die Landesorganisation der freien Träger (LOFT).

Alle anerkannten Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die Alphabetisierungsmaßnahmen anbieten, stimmen sich regelmäßig, mindestens aber einmal jährlich, im Rahmen des Thüringer Bündnisses für Alphabetisierung und Grundbildung über ihr Angebot zur Alphabetisierung in Thüringen ab.

Das Thüringer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung wurde anlässlich des Weltalpha-Tages im September 2012 durch die Initiatoren TMBJS (vormals TMBWK) und TVV e.V. ausgerufen. Jede einzelne Person und jede Organisation, die sich für die Ziele des Bündnisses einsetzen möchte, kann Mitglied werden. Die Mitgliedschaft ist kostenfrei.Partnerinnen und Partner im Bündnis sind unter anderem die Volkshochschulen, weitere Einrichtungen der Erwachsenenbildung, Jobcenter, Arbeitsagenturen, Bibliotheken, Industrie- und Handelskammer. Die Bündnispartner leisten durch ihr Netzwerk einen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration und Teilhabe für von funktionalem Analphabetismus betroffene Menschen. Die Netzwerktreffen finden zwei Mal jährlich statt. Ziel dieser Treffen ist es, durch Erfahrungsaustausch neue Ressourcen für eine bedarfsgerechte Alphabetisierung und Grundbildung zu erschließen.

Drei Thüringer Einrichtungen haben im Rahmen des durch das BMBF neu aufgelegten Förderschwerpunktes „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ ab 2012 Projekte durchgeführt.

  • Alpha-Quali: Qualifizierung berufspädagogischen Personals zur lebenslagenorientierten, inklusiven Alphabetisierung junger Erwachsener, Laufzeit bis 31.08.2014
  • ProJob: Arbeitsplatzbezogene Grundbildung in Südthüringer Unternehmen, Laufzeit bis 31.08.2015
  • NOthA: Netzwerk Ostthüringen für Alphabetisierung, Laufzeit bis 30.09.2015

Die 2016 eingeleitete Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung verfolgt das Ziel, den funktionalen Analphabetismus bei Erwachsenen zu verringern und das Grundbildungsniveau zu erhöhen.

In der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung setzt der TVV e.V. das Projekt AlphaKommunal Transfer um.

Der TVV e.V. arbeitet als landesweite Koordinationsstelle für Alphabetisierung und Grundbildung im Freistaat. Er initiiert und koordiniert den Ausbau von Alphabetisierungsmaßnahmen, vernetzt Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Verbände, organisiert Fortbildungen und führt Fachveranstaltungen durch. Alle zwei Jahre führt der TVV e.V. die Fachtagung „Alphabetisierung und Grundbildung in der Praxis“ durch. Der TVV e.V. arbeitet mit den vom BMBF geförderten Projekten zusammen. Er ist Ansprechpartner für das BMBF im Rahmen der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung.

Koordinationsstelle Alphabetisierung und Grundbildung
Ansprechpartnerin: Angelika Mede
Thüringer Volkshochschulverband e.V.
Saalbahnhofstraße 27
07743 Jena

Tel.: 03641 5342312
angelika.mede{at}vhs-th{punkt}de
www.vhs-th.de/themen/grundbildung


Zweite Bundesfachkonferenz Grundbildung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) im Augustinerkloster zu Erfurt

Die zweite Bundesfachkonferenz Grundbildung des DVV fand vom 05. bis 06.09.2017 unter dem Leitthema „Grundbildungsketten realisieren“ statt.

Die Staatssekretärin Gabi Ohler des TMBJS erinnerte bei ihrer Eröffnungsrede daran, welchen bedeutungsvollen Ort das Augustinerkloster für die deutsche Schriftsprache darstellt, begann doch Martin Luther dort sein Wirken. Sylvia Kränke, Leiterin des Thüringer Volkshochschulverbandes e.V. (TVV) stellte in ihrer Begrüßung die besondere Bedeutung der Volkshochschulen für die Grundbildungsarbeit heraus.

Dokumentation zur zweiten Bundesfachkonferenz Grundbildung


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5. Inklusive Erwachsenenbildung

Eine Frau steht vor einem Plakat mit vielen Notizen und erklärt etwas

Der zwischen den Parteien DIE LINKE, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN beschlossene Koalitionsvertrag vom 20. November 2014 sieht vor, gemeinsam mit den öffentlichen und freien Trägern ein Maßnahmenkonzept zur Steigerung der Inanspruchnahme von Angeboten der Erwachsenenbildung von Menschen mit Behinderung zu entwickeln und schrittweise umzusetzen.

Die Träger der anerkannten Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Thüringen haben sich im Vergleich zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) für eine weitere Auslegung des Begriffs Inklusion in Anlehnung an die Definition von Monika Kil ausgesprochen.

Die Definition lautet: „Allen Menschen – unabhängig von Geschlecht, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, besonderen Lebensbedürfnissen, sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen - sollen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln.“

Eine durch das Landeskuratorium für Erwachsenenbildung beauftragte Arbeitsgruppe hat gemeinsam mit dem zuständigen Fachreferat des TMBJS Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung erarbeitet.

Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung

Unter dem Begriff Inklusion hat die UN-Behindertenrechtskonvention eine gesellschaftliche und politische Bewusstseinsänderung zum Thema Menschenrechte in Gang gesetzt. Zunehmend greift die Erkenntnis um sich, dass die Forderung nach Teilhabe nicht nur alle Lebensbereiche umfasst, sondern eine konkrete Umsetzung auch zu gesamtgesellschaftlicher Bereicherung führt.

„Bildung für alle“, „Entfaltung individueller Potenziale“ oder „Vielfalt des Lernens“ sind wesentliche Anliegen der Konvention und decken sich mit traditionellen Werten der Erwachsenenbildung. Es liegt daher nahe, ausgehend von den teilnehmerorientierten Möglichkeiten der Erwachsenenbildung konkrete Ziele zu formulieren, welche die Zugänglichkeit der lebensbegleitenden Bildungsangebote in den Blick nehmen.

Daneben gilt es, auch die bewusstseinsbildende Dimension des Inklusionsgedankens aufzugreifen und die Etablierung inklusiver Sichtweisen und Haltungen voranzutreiben. Aus der Perspektive der Bildungsträger ergeben sich hierfür Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der eigenen Institution, aber auch die Chance, darüber hinaus wirksam zu werden.

Innerhalb der eigenen Strukturen wird Inklusion zum selbstverständlichen Bestandteil der Organisationskultur und erweitert die „sozialen Kompetenzen“ des gesamten Unternehmens. Ein universelles Veranstaltungsmanagement berücksichtigt Inklusionsgesichtspunkte nicht nur bei Ausschreibung und Dokumentation, sondern auch bei  Strategie und Planung.

Nach außen wirkt inklusive Erwachsenenbildung zum einen durch Angebote, die das Thema Inklusion direkt inhaltlich aufgreifen und somit Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Prozesse nehmen. Zum anderen entfalten inklusive Bildungsträger eine Außenwirkung, indem sie mit der Ausrichtung an Leitlinien wie vorurteilsfreie Begegnung, Austausch und Diversität beispielgebend für andere gesellschaftliche Bereiche sein können.

Die im Folgenden formulierten Leitlinien orientieren sich an den verschiedenen Aspekten der Barrierefreiheit. Dabei muss jedoch im Blick behalten werden, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche und politische Aufgabe darstellt.

Daher stellen die angeführten Leitlinien in der Summe nicht nur eine Herausforderung für die Träger der Erwachsenenbildung dar, sondern letztlich auch für die Entscheidungsträger auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen im privaten und öffentlichen Sektor. Die Leitlinien stecken den Rahmen eines Entwicklungsprozesses ab, der Schritt für Schritt umzusetzen ist.

Die Erwachsenenbildung wird ihren Teil dazu beitragen, dass Inklusion in Haltung, Denken und Handeln den ihr innewohnenden gesellschaftlichen Mehrwert entfaltet.

1. Leitlinie: Querschnittsthema

Die inklusive Bildung ist ein wichtiges Querschnittsthema in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Die Idee der Inklusion ist handlungsleitend für den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden in allen Bereichen und ist im Qualitätsmanagement verankert.
  • Es erfolgt eine Einbindung der Mitarbeitenden mit verschiedensten Beeinträchtigungen durch regelmäßige Austauschforen zu Fragen der Inklusion (Einzelfallentscheidungen, Fallbeispiele).
  • Die Lehr-/Lernbedingungen tragen der Vielfalt der am Lehr-/Lernprozess Beteiligten
  • Die Mitarbeitenden setzen sich mit den individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Ursachen von Exklusion auseinander und entwickeln, ggf. in Kooperation mit Dritten Inklusionsmaßnahmen für ihre Einrichtung bzw. das System der Erwachsenenbildung insgesamt.

2. Leitlinie: Mitarbeitende (Hauptamtliche, Frei- und nebenberufliche, Ehrenamtliche, pädagogisches, technisches und Verwaltungspersonal)

Die Mitarbeitenden bilden sich kontinuierlich zu den verschiedenen Aspekten der Inklusionsthematik weiter, reflektieren ihr eigenes Verhalten im Umgang mit einer inklusiven Bildungsarbeit und leisten ihren Beitrag dazu, den Gedanken der Inklusion im institutionellen Handeln ihrer Einrichtung mit Leben zu erfüllen.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Die Mitarbeitenden nehmen die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse der Lernenden und den damit verbundenen Unterstützungsbedarf wahr.
  • Die Mitarbeitenden sind in der Lage, auf besondere Anforderungen von Lernenden adäquat zu reagieren, indem sie selbst Hilfs- und/oder Unterstützungsangebote offerieren bzw. an Personen verweisen, die den Lernenden weiterhelfen können.
  • Die Mitarbeitenden arbeiten kontinuierlich an ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen, z. B. durch Weiterbildung und Fortbildung.
  • Die Mitarbeitenden reflektieren regelmäßig in dafür vorgesehen Formaten über ihre eigenen Erfahrungen mit inklusiven Lehr- und Lernangeboten und tauschen sich zu anderen Themen der Inklusion in ihrer Einrichtung aus.
  • Die Mitarbeitenden nutzen die Ergebnisse der Evaluation der Bildungsangebote und die Erkenntnisse aus den Rückmeldungen von Lehr- und Lernenden zur kontinuierlichen Optimierung der Schlüsselprozesse der Bildungsarbeit hinsichtlich der Umsetzung des Inklusionsziels.
  • Eine Abstimmung zwischen den verschiedenen Gruppen der Beschäftigten und Lernenden mit und ohne Beeinträchtigung bzgl. Planung, Gestaltung, Organisation, Durchführung und Evaluation der Bildungsangebote findet statt.

3. Leitlinie: Gestaltung des Bildungsangebotes

Das Bildungsangebot ist inklusiv gestaltet.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Neben der Bedarfsermittlung der Bildungsinhalte werden auch Rahmenbedingungen wie Zugang, Formate, Bildungsorte berücksichtigt.
  • Die Möglichkeiten des Lernens am anderen Ort werden für inklusive Lernangebote genutzt.
  • An geeigneter Stelle des Bildungsangebotes der Einrichtung ist beschrieben, dass Menschen mit Beeinträchtigungen, Migranten u.a. willkommen sind (ggf. mit Begleitperson).
  • Alle Texte sind in verständlicher Sprache formuliert bzw. bei Bedarf in Leichter Sprache.
  • Die Texte berücksichtigen angemessene Schriftgrößen/Schriftarten, Kontrastdruck, (einheitliche) Piktogramme, etc.
  • Mit den Anmeldeformalitäten wird ein Unterstützungsbedarf der Teilnehmenden erfragt.
  • Die Einrichtung beschreibt die vorhandenen Unterstützungsangebote (z. B. Assistenz, Hilfsmittel, Lernmaterialien in einfacher Sprache,…).
  • Das Bildungsangebot beschreibt Lernvoraussetzungen, ggf. mögliche Einschränkungen/Begrenzungen.
  • Für das Bildungsangebot gibt es verschiedene Darstellungsmöglichkeiten (Kursprogramm, Internet, Flyer,…). Alle orientieren sich an einer inklusiven Gestaltung.

4. Leitlinie: Partizipation

Die Lehrenden und (potenziell) Lernenden sowie andere Experten mit einer Beeinträchtigung sind bei der inklusiven Gestaltung des Lehr- und Lernprozesses beteiligt.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Den Bedürfnissen der Menschen mit Beeinträchtigungen wird mit Offenheit begegnet. Konkrete Bedarfsfälle werden genutzt, um Perspektivwechsel herbeizuführen und weitere Angebote zu entwickeln.
  • Menschen mit Beeinträchtigungen werden als Bereicherung im Team wahrgenommen und wertgeschätzt.
  • Lernende und Lehrende mit Beeinträchtigungen werden mit ihrem Expertenwissen für die Entwicklung inklusiver Bildungsangebote wertgeschätzt.
  • Es findet ein Austausch von Beispielen guter Praxis statt. Die Erkenntnisse und Erfahrungen, das positive Erleben für Lernende und Beschäftigte werden miteinander geteilt und weiter gegeben.
  • Menschen mit Beeinträchtigungen werden bei der selbstbestimmten Auswahl von Bildungsangeboten und deren Nutzung unterstützt.
  • Es werden Kooperationen mit Trägern auf dem Gebiet der Inklusion, z. B. Lebenshilfe, Behindertenbeirat, Behindertenbeauftragte, Selbsthilfegruppen gestaltet.
  • Im Rahmen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Kräften werden diese für inklusiv gestaltete Bildungsangebote sensibilisiert. Dazu werden Kontakte zu Multiplikatoren und Schlüsselpersonen aufgebaut.

5. Leitlinie: Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit der Erwachsenenbildungseinrichtungen orientiert sich am Bedarf aller Menschen und trägt ihrer Vielfalt Rechnung.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Es werden zielgruppenorientierte passgenaue Angebote unterbreitet und die  Rahmenbedingungen bezüglich der Barrierefreiheit mit dem Ziel der Ermutigung zur Teilnahme benannt.
  • Die Internetseite/Werbematerialien/Formulare/Ausschreibungen sind barrierefrei. 
  • Die Texte werden möglichst kurzgehalten und enthalten entsprechend der Zielgruppe angemessene Textformulierungen.
  • Die möglichen Unterstützungen sind im ausgeschriebenen Bildungsangebot sichtbar.
  • Es erfolgt eine Sensibilisierung der Gesellschaft für Fragen der Inklusion durch Veranstaltungen zum Thema Inklusion und die Bildung von Netzwerken.

6. Leitlinie: Gebäude/Räumlichkeiten/Ausstattung

Die Zugänge zur Einrichtung, deren Räumlichkeiten sowie die Ausstattung sind an den Anforderungen der Menschen mit Beeinträchtigungen/Unterstützungsbedarf ausgerichtet.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Die Wegbeschreibung zur Einrichtung ist in einfacher Sprache mit grafischen Hilfsmitteln wie Karte/Skizze und Foto vom Gebäude erstellt.
  • Die Einrichtung informiert im Bildungsangebot über die baulichen Gegebenheiten (z.B. Lift, Behindertenparkplätze,…).
  • Die Einrichtung berücksichtigt bei Beschilderungen den Inklusionsgedanken (Kontraste, große Schrift, Hindernisse kennzeichnen,…).
  • Investitionen und Überlegungen zur Anmietung von Räumen berücksichtigen die Aspekte der Barrierefreiheit.

7. Leitlinie: Notwendige Unterstützung

Die Einrichtungen werden bei der Umsetzung von inklusiven Bildungsangeboten durch die Bereitstellung von Ressourcen und geeigneter Infrastruktur unterstützt.

Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Es werden zusätzliche öffentliche Mittel für eine inklusive Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt.
  • Es ist ein Projektfonds für Träger und Einrichtungen zur Realisierung von Projekten, z.B. zur Entwicklung innovativer Bildungsangebote, Weiterbildung der Mitarbeitenden, bauliche Maßnahmen etc. vorhanden.
  • Es wird eine Servicestelle für sämtliche Einrichtungen der Erwachsenenbildung zur Unterstützung übergreifender Aufgaben einer inklusiven Erwachsenenbildung eingerichtet.
  • Es werden ausreichende Ressourcen zur Evaluation der Umsetzung der inklusiven Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt.

DOWNLOAD: Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung

 


Fachgespräch „Inklusive Erwachsenbildung“ 2017

Am 20. September 2017 fand in Erfurt ein Fachgespräch „Inklusive Erwachsenbildung“ statt.

Das Fachgespräch wurde durch die durch das Landeskuratorium für Erwachsenenbildung beauftragte Arbeitsgruppe „Inklusive Erwachsenenbildung“ unter Federführung des zuständigen Fachreferates 28 „Lernmittel, Erwachsenenbildung, Bildungsfreistellung“ des Thüringer Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS) initiiert.

Das Ziel war die Einbindung von politischen Entscheidungsträgern bei der weiteren Umsetzung einer inklusiven Erwachsenenbildung. Als Grundlage dienten die vom Landeskuratorium für Erwachsenenbildung im Juni 2017 verabschiedeten Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung mit den zur Umsetzung empfohlenen Maßnahmen.

Der Einladung der Staatssekretärin Ohler an alle Bildungspolitischen Sprecher der im Landtag vertretenen Fraktionen waren Frau Rothe-Beinlich, Mitglied des Thüringer Landtages (MdL) und Bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/die Grünen, sowie Herr Christian Schaft, Mitglied des Thüringer Landtages (MdL) und Wissenschafts- und Hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion die LINKE, gefolgt.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter ging in seinem Grußwort auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) im Bereich Bildung in Thüringen und die dabei noch bestehenden Hürden ein. Er dankte allen, die an der Erarbeitung der Leitlinien und der zur Umsetzung empfohlenen Maßnahmen beteiligt waren. Als nächsten notwendigen Schritt nannte er die Berücksichtigung von Maßnahmen der Erwachsenenbildung bei der Fortschreibung des Thüringer Maßnahmenplans zur Umsetzung der UN-BRK, damit mehr Menschen mit Beeinträchtigung die Angebote der Erwachsenenbildung nutzen als bisher.

Im Fachgespräch zeichnete sich ab, dass die Leitlinien eine gute Orientierung bieten, um eine eigene Trägerstrategie zur Umsetzung zu entwickeln. Dabei müssen sich die Träger vorerst auf die kostenneutralen Möglichkeiten zur Umsetzung beschränken. Weil dies nicht ausreichend sein kann, wurde an die politischen Entscheidungsträger appelliert, sich für eine Aufnahme der Maßnahmen der Erwachsenenbildung in den fortgeschriebenen Maßnahmenplan zur Umsetzung der UN-BRK einzusetzen.


Fachtagung für Inklusive Erwachsenenbildung 2016

Am 15. September 2016 fand in Erfurt die Fachtagung für Inklusive Erwachsenenbildung statt. Vertreter von anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtungen kamen zusammen, um auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung zu Möglichkeiten, Bedingungen und Umsetzung einer inklusiven Erwachsenenbildung in Thüringen die nächsten Schritte zu diskutieren, wie Inklusion als Entwicklungshorizont begriffen und ausgestaltet werden kann. Eingeladen waren nicht nur die Leitungen der anerkannten Erwachsenenbildungseinrichtungen, sondern auch Vertreterinnen und Vertreter der Fachbereichsleitungen, der Verwaltung sowie der Kursleitungen und betroffene Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer.

Veranstalter der Fachtagung, die in Fortsetzung einer im Juli 2015 durchgeführten Informationsveranstaltung durchgeführt wurde, war das Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport in Kooperation mit dem Thüringer Volkshochschulverband e.V. (TVV) und der Landesorganisation der freien Träger in der Erwachsenenbildung (LOFT).

Thüringens damalige Bildungsministerin Frau Dr. Birgit Klaubert richtete in der Fachtagung ein Grußwort an den Teilnehmerkreis. Vorab betonte sie: „Unser Ziel ist eine deutliche Zunahme der Erwachsenenbildungsangebote für Menschen mit Behinderung. Den Weg zu diesem Ziel wollen wir gemeinsam mit den Experten aus der alltäglichen Arbeit diskutieren. Damit sammeln wir wertvolle Impulse für den nächsten Schritt: Die Entwicklung von Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung. Wie in der Schule gilt auch in der Erwachsenenbildung, dass Inklusion nicht im Hauruckverfahren umzusetzen ist. Es geht um einen langfristigen Prozess, den wir kontinuierlich verfolgen.“

Ein Schwerpunkt der Fachtagung war die Präsentation der jetzt abgeschlossenen empirischen Untersuchung im Auftrag des Thüringer Volkshochschulverbandes e.V. (TVV) und der Landesorganisation der freien Träger in der Erwachsenenbildung (LOFT) durch Prof. Dr. phil. Schäfer und Prof. Dr. rer. soc. Lakemann, Ernst-Abbe-Hochschule Jena, welche sich auf die Zielgruppe der Menschen mit Behinderung konzentriert hat.

Alle Teilnehmer/-innen der Fachtagung nutzten aktiv die Möglichkeit, zu den folgenden fünf ausgewählten Themen an den Thementischen des World Cafés zu diskutieren und ihre Erfahrungen, Wünsche sowie Gedanken auf den dafür vorgesehenen beschreibbaren „Tischdecken“ festzuhalten:

  • Inklusionsgerechte Strukturen der Weiterbildungseinrichtungen in Thüringen schaffen.
  • Ein inklusionsorientiertes Bewusstsein bei Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Kursleitungen fördern.
  • Das Kursprogramm und die Kurse inklusionsgerecht gestalten.
  • Inklusion benötigt Partizipation.
  • Öffentlichkeitsarbeit:

Dadurch entstanden vielfältige Synergie-Effekte zwischen den Thementischen bei gleichzeitiger Ergebnissicherung.

Abschließend konnte ein positives Echo des Teilnehmerkreises in Bezug auf den Erfolg der Fachtagung festgestellt werden.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Inklusive Erwachsenenbildung“ werden in ihren weiteren Sitzungen die Ergebnisse der Fachtagung auswerten und die Grundsätze der Leitlinien besprechen.

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