30.11.2018
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Medieninformation

Enthüllt! – Die Gesichtsrekonstruktionen des „Herrn von Boilstädt“

In einer Pressekonferenz konnte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie heute in Weimar verschiedene zeichnerische sowie eine plastische Gesichtsrekonstruktion des sog. „Herrn von Boilstädt“ vorstellen, eines Thüringer Kriegers, der 600 n. Chr. in der Nähe des heutigen Gotha mit reicher Grabausstattung beigesetzt wurde.
 

Die Bodendenkmalpflege in Thüringen
Dr. Babette Winter
Staatssekretärin für Kultur und Europa


Die Bodendenkmalpflege des Freistaates ist durch das Thüringer Denkmalschutzgesetz geregelt. Die Bodendenkmalpflege erstellt Gutachten und führt bodendenkmalpflegerische Maßnahmen, insbesondere Ausgrabungen im Freistaat durch, um damit unser aller kulturelles Erbe zu sichern und zu bewahren.

Für einen möglichst großen Erkenntnisgewinn aus dem archäologischen Kulturgut ist eine umfassende, interdisziplinäre Forschung nötig. Diese kann zum Teil durch die unterschiedlichen am TLDA beschäftigten Fachkräfte geleistet werden, zum anderen ist die gute Vernetzung mit anderen Forschungseinrichtungen ausschlaggebend. Dies zeigt sich auch heute bei der Gesichtsrekonstruktion des „Herrn von Boilstädt“ und den unterschiedlichen daran beteiligten Experten.

Die Beigaben des „Herrn von Boilstädt“ belegen seine Beziehungen zu fernen Teilen Europas, die uns im Europäischen Kulturerbejahr 2018 die engen Verbindungen innerhalb Europas vor Augen führen, die auch schon in vergangenen Jahrhunderten bestanden.
 

Zur Erforschung der Boilstädter Befunde
PD Dr. habil. Sven Ostritz
Landesarchäologe, Präsident TLDA


2013 stieß das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) bei Untersuchungen im Vorfeld des Neubaus der Ortsumfahrung Gotha-Sundhausen auf gleich zwei vollständig erhaltene, reich ausgestattete Kriegerbestattungen aus dem Frühmittelalter (um 600 n. Chr.), die in Holzkammern beigesetzt waren. Eine herausragende Entdeckung, denn entsprechende Gräber sind sonst meist nur beraubt und unvollständig erhalten. Der eine Krieger erhielt den populären Namen „Herr von Boilstädt“.

Der „Herr von Boilstädt“ wird seitdem umfassend wissenschaftlich untersucht. Seine Beigaben – allen voran eine byzantinische Öllampe und eine weströmische Goldmünze – wurden erforscht und in den kulturhistorischen Hintergrund eingebettet, seine Grabkammer rekonstruiert und auch die Überreste des Toten selber eingehend untersucht.

Die aktuellen Gesichtsrekonstruktionen stellen dabei nur ein Zwischenergebnis dar. Weitere Forschungen, z. B. Isotopenbestimmungen, folgen. Ab Frühjahr 2019 sollen die Funde aus Boilstädt zusammen mit den Gesichtsrekonstruktionen Aufnahme in die Dauerausstellung des Museums für Ur- und Frühgeschichte finden – und damit auch von allen interessierten Besuchern zu besichtigen sein.
 

Zur Anthropologie des „Herrn von Boilstädt“
Dr. Jan Nováček
Anthropologe, TLDA, Weimar


Das Skelett gehörte einem Mann, der in seinen frühen Dreißigern, höchstens um die Mitte dreißig, verstorben ist. Mit seinen mindestens ca. 177 bis möglicherweise 185 cm Körperhöhe, einem athletischem Körperbau mit breiten Schultern und kräftigen Muskeln war er unter seinen Mitmenschen sicherlich eine imposante Erscheinung. Das Muskeltraining war vielseitig, keine der Muskelgruppen sticht durch besondere Ausprägung hervor, lediglich die Muskeln, die fürs Lenken eines Pferdes vonnöten sind, waren überdurchschnittlich ausgeprägt, der Mann war also ein geübter Reiter. Im Laufe seines Lebens hat er sich eine Nasenbeinfraktur zugezogen, die aber fachmännisch gerichtet wurde und somit im Gesicht des Mannes kaum sichtbar war. Der Zustand der Schädeloberfläche lässt eine Kopfschwartenentzündung vermuten, die sich häufig bei Menschen entwickelt, die eine luftundurchlässige Kopfbedeckung tragen (z. B. Helme). Die Zähne des Mannes waren, für mittelalterliche Verhältnisse, in einem guten Zustand und lassen gute Ernährung vermuten. Zur Todesursache des Mannes lassen sich keine zuverlässigen Schlüsse ziehen.
 

Molekulargenetische Untersuchungen an den Boilstädter Kriegerbestattungen
Dipl.-Biol. Janine Mazanec und Dr. Susanne Hummel
Historische Anthropologie und Humanökologie, Universität Göttingen


Die molekulargenetischen Analysen an den Bestattungen der beiden Krieger von Boilstädt sollten klären, ob die beiden Männer miteinander verwandt waren. Hierfür wurde die DNA aus Zahnwurzeln extrahiert und die genetischen Fingerabdrücke, die mütterlichen sowie die väterlichen Familienlinien analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass keine biologische Verwandtschaft zwischen den beiden Männern bestand. Aus der Analyse der väterlichen Abstammung ließ sich jedoch feststellen, dass der Ursprung der Familienlinie des „Herrn von Boilstedt“ im östlichen Europa liegt, der des zweiten Kriegers dagegen im westlichen Europa.  Im Weiteren wurden genetisch Marker analysiert, die Augen- und Haarfarben codieren. Danach war der Herr von Boilstädt blond und blauäugig, der zweite Krieger dunkelhaarig mit grünbraunen Augen. Diese Erkenntnisse zum sog. Phänotyp flossen in die Gesichtsrekonstruktion des Herrn von Boilstädt ein.


Zeichnerische Gesichtsrekonstruktion des „Herrn von Boilstädt“
Dipl.-Ing. (FH) Steffi Burrath, Sachverständige
Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt, Magdeburg


Die zeichnerische Rekonstruktion wurde anhand der beim FBI verwendeten Methode durchgeführt. Zu diesem Zweck wurden zuerst Weichteilmarken auf den 3D-Ausdruck des Originalschädels geklebt. Sie zeigen, wie dick jeweils das Gewebe zwischen Schädelknochen und Hautoberfläche ist.

Der so präparierte Schädel wird fotografiert und ein maßstabsgerechter Ausdruck dieses Fotos gefertigt. Die Ausdrucke der Frontal- und Profilansicht werden mit Transpa­rent­papier überdeckt und darauf mittels Bleistiftzeichnung nach den Vorgaben der Schädelform das Gesicht rekonstruiert. Muskelansätze am Knochen und andere Merkmale zeigen deutlich die Proportionen, die das Gesicht des unbekannten Toten einmal hatte.

Was am Schädel nicht abzulesen ist, sind die Informationen zu Haaren oder Augenbrauen. Gleiches gilt für Mimik, Krankheits- oder Altersmerkmale des Gesichtes. Hier bleibt Raum für Spekulation und künstlerische Freiheit.

Daraus ergibt sich, dass die Gesichtsproportionen der beiden Rekonstruktionsmethoden des „Herrn von Boilstädt“ zwar deckungsgleich, trotzdem aber Unterschiede im Gesichtsausdruck und der Haartracht vorhanden sind.
 

Plastische Gesichtsrekonstruktion des „Herrn von Boilstädt“
Kristina Scheelen M. A. und Michael Brandt
Institut für Anatomie und Embryologie, Universitätsmedizin Göttingen


Für die plastische Gesichtsweichteilrekonstruktion des „Herrn von Boilstädt“ wurden zunächst Weichteilmarker auf einen 3D-Druck des Schädels aufgebracht. Diese geben die durchschnittliche Weichgewebsstärke von Männern seiner Altersklasse wieder, wie sie im Rahmen forensischer Studien ermittelt wurde.

Mit Ölton werden die Gesichtsmuskeln auf den Schädel modelliert. Dabei orientieren sich deren Stärke und Verlauf an den vorhandenen, knöchernen Muskelansatz- und Ursprungsmarken. Darauf wird das Gesicht des „Herrn von Boilstädt“ endgültig modelliert. Dabei geben die zuvor aufgebrachten Weichteilmarker und Muskeln die Kontur des Gesichts wieder. Anhand der Knochen lassen sich die Form und Größe von Augen, Nase und Mund gut erkennen. Auch die Position der Ohren wird vom Knochen vorgegeben, nicht aber deren genaue Form.

Die fertige Öltonbüste wird mit Gips abgegossen. Mit Hilfe der Gipsform kann dann ein Abguss aus Silikonkautschuk erstellt werden. Dieser wird in mehreren Schritten koloriert, um die menschliche Haut möglichst echt wiederzugeben.

Kopf- und Barthaare sowie Brauen und Wimpern werden einzeln in die Silikonkautschukbüste gewebt und Glasaugen, wie sie sonst für menschliche Augenprothesen Verwendung finden, in die Augenhöhlen eingesetzt. Deren Farbe wurde zuvor über die DNA des Mannes ermittelt. Die Haar- und Barttracht wurde in Absprache mit den Archäologen des TLDA ausgewählt. Mit einem gepflegten Vollbart und langem, offenem Haar entspricht sie der Art und Weise, wie höhergestellten Persönlichkeiten seiner Zeit z. B. auf Münzfunden oft dargestellt sind.

 

Die Gesichtsrekonstruktionen des "Herrn von Boilstädt"


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Enthüllung Büste Boilstädt H Arnold Tlda
Enthüllung der Büste durch Staatssekretärin Dr. Winter und Landesarchäologe Dr. Ostritz am 30.11.2018 (Foto. H. Arnold, TLDA, Weimar)

Logo-oscar-tv Transp Ein Gesicht für den Herrn von Boilstädt
Bericht des Regionalsenders Oscar am Freitag TV

Weitere Informationen zum „Herrn von Boilstädt“
und die archäologische Ausgrabung zur Ortsumfahrung Gotha-Sundhausen finden Sie hier.

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