Stadtarchäologie am Marktplatz in Meiningen

Der Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses im Westen des Meininger Marktplatzes machte archäologische Untersuchungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) notwendig. Erfasst wurden die Fundamente eines giebelständigen, teilunterkellerten Steingebäudes aus dem späten Mittelalter, das in die Parzelle eingerückt war und von der Schlundgasse erschlossen wurde.

Trotz schwieriger Ausgrabungsbedingungen konnte der flachgedeckte, aus Muschelkalksteinen errichtete Keller vollständig erfasst und zahlreiches Fundmaterial geborgen werden. Aus den Innenmaßen von 4,30 m in der Länge und 2,95 m in der Breite ergibt sich eine Grundfläche von 13 m². Der Keller war aus unterschiedlich großen, lagenhaft geschichteten Muschelkalkbruchsteinen errichtet worden. Über die Beobachtung, dass es sich im unteren Teil um Quadermauerwerk handelt, wohingegen im oberen Teil Bruchsteine verwendet wurden, deutet sich baugeschichtlich eine Zweiphasigkeit an. Eine Mehrphasigkeit des gesamten Bauensembles legen auch nachträglich eingezogene, stumpf angesetzte Mauern auf Höhe des Erdgeschosses nahe, die keine Verzahnung mit dem älteren Mauerwerk aufweisen und eine Umnutzung des Gebäudes erkennen lassen. Die Stärke der ausgebrochenen Mauern betrug bis zu 0,45 m, die erhaltene Höhe lag bei bis zu 1,65 m. Zwei in situ, d. h. in originaler Fundlage, angetroffene Balken waren über gegenüberliegende Aussparungen im Mauerwerk verankert, die als Widerlager dienten. Die Balken dienten als Unterzüge eines über dem Keller verlegten, hölzernen Dielenbodens. Dieser war zusammen mit Brettern und Balken in den Keller eingebrochen. Ein Teil der Holzfunde könnte mit einer ebenerdigen Konstruktion in Verbindung stehen, die der Kloake zuzuweisen ist.

Der untere Teil der Verfüllung bestand aus sandig-kiesigem Werraschotter, der kaum Fundeinschlüsse enthielt. Das mächtige Schichtpaket darüber lässt erkennen, dass der Keller nach Aufgabe seiner ursprünglichen Funktion zur Bevorratung als Kloake weitergenutzt wurde. Dies erwies sich zusammen mit dem Umstand, dass die unteren Teile der Kellerverfüllung im Grundwasserniveau liegen, als Glücksfall für die Archäologen, da sich zahlreiche organische Objekte unter Luftabschluss über die Jahrhunderte hervorragend erhalten haben. Dazu zählen neben Holz, Bast, Leder, Reisig und verschiedenen Textilien botanische Makroreste wie Kirsch- oder Pflaumenkerne, Nüsse sowie Getreide. Diese erlauben zusammen mit zahlreichen Tierknochen Einblicke in die Ernährungsgewohnheiten der spätmittelalterlichen Bewohner des Meininger Marktplatzes.

Zahlreiche qualitätsvolle Glasgefäße bezeugen ein gehobenes soziales Niveau der Anlieger. Hinzu treten Keramik-, darunter einzelne Miniaturgefäße, Werkzeuge zur Holz- und Lederbearbeitung, ein Fingerring aus Buntmetall sowie unglasierte Ofenkacheln. Zu den Lederobjekten zählen mehrere vollständig erhaltene Schuhe samt Schnallen sowie ein Gürtel. Die Untersuchungen erbrachten mit verschiedenen Hornzapfen sowie abgesägten, geschliffenen oder verzierten Objekten aus Knochen- und Geweih auch eindeutige materielle Belege einer knochen- und geweihverarbeitenden Werkstatt, vielleicht eines Kammmachers oder Paternosterers. Es handelt sich um den erstmaligen archäologischen Nachweis in Meiningen. Zusammen mit einzelnen Werkzeugen lassen sich am Meininger Marktplatz im Verlauf des späten Mittelalters und zu Beginn der frühen Neuzeit verschiedenste Handwerkszweige wie Gürtler, Schuhmacher oder Knochenschnitzer nachweisen. Die Handwerker werden ihre vor Ort hergestellten Produkte auf dem Marktplatz angeboten haben. Ob dies in Verkaufsräumen in den vorderen Teilen der Wohnhäuser oder an Verkaufsständen oder Buden an Marktagen geschah, bleibt offen.

Die geborgenen Fundobjekte lassen sich in die Zeit vom späten 14. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts datieren. Der Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert ergibt sich aus dem Umstand, dass Teile der Einrichtung aus dem Erdgeschoss nach dem Einbrechen des Dielenbodens in den Keller gerutscht sind sowie aus dessen sekundärer Nutzung als Kloake, in die immer wieder neben Fäkalien Abfälle und schadhafte Gegenstände gelangten.

 

Dr. Mathias Seidel
Gebietsreferent Südthüringen, TLDA, Römhild
Tel.: 0361 / 3222 011
mathias.seidel{at}tlda.thueringen{punkt}de

 

Meiningen Der Keller Während Der Ausgrabung Klein M Seidel Tlda
Der Meininger Keller während der Ausgrabung (Foto: M. Seidel, TLDA)
Meiningen In Den Kellerwänden Verankerte Dielenunterzüge _im Zentrum Der Verfüllung Vollständiges Gefäß M Seidel Tlda
In den Kellerwänden verankerte Dielenunterzüge, im Zentrum der Verfüllung vollständiges Gefäß (Foto: D. Labitzke, TLDA)
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Auswahl aus dem Bestand der geborgenen Gefäßkeramik und Ofenkacheln (M. Leipold, TLDA)

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