Quellstube, Abort und Stadtgraben – Die archäologischen Untersuchungen am Rathaus von Themar, Lkr. Hildburghausen

Zwischen November 2016 und Mai 2017 führte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) eine Rettungsgrabung im Hof des 1710 errichteten Rathauses in Themar durch. Die Untersuchungen erfolgten im Auftrag der Stadtverwaltung. Neben einzelnen Funden und Befunden, die eine urgeschichtliche Besiedlung (8.–1. Jh. v. Chr.) auf einer hochwassergeschützten Schwemmterrasse der Werra belegen, wurden zahlreiche Befunde aus einem 700-jährigen Zeitraum vom hohen Mittelalter bis zum 19. Jh. freigelegt. Dazu zählen ein Stadtgraben, eine gefasste Quellstube, eine gut erhaltene Holzwasserleitung, ein aus Sandsteinplatten bestehender Kanal, verschiedene Straßenpflaster, ein gemauerter Aborterker und eine Fasslatrine.

Ein mit Flechtwerkbündeln (Faschinen) befestigter, zeitweilig wasserführender Graben war zusammen mit einem Zaun Bestandteil einer älteren Stadtbefestigung. Die Zaun- und Flechtwerkreste hatten sich unter Abschluss von Sauerstoff im feuchten Untergrund hervorragend erhalten. In die Verfüllung des Grabens eingelagerte Keramik datiert dessen Aufgabe in das 13. Jh., die Anlage könnte bereits im 12. Jh. erfolgt sein. Im 14. Jh. kam es zum Bau einer Quellstube, die aufgrund häufiger Verlandung dreimal umgebaut worden war und der Versorgung des renaissancezeitlichen Rathauses mit Trinkwasser diente. Verschiedene Pflasterungen belegen eine ältere Straßenverbindung von einem Werraübergang zum Marktplatz. Unmittelbar an der südöstlichen Ecke des Rathauses und an die Außenwand angesetzt fand sich ein gemauerter Abort mit einem Abflusskanal. Der Schacht erbrachte eine reichhaltige archäologische Verfüllung. Aborte, Latrinen und Brunnen dienten nach der Aufgabe ihrer primären Funktion regelhaft in Zweitverwendung zur Entsorgung anfallenden Abfalls wie schadhaft gewordenem Hausrat. Jünger als der Abort ist eine Fasslatrine aus dem 19. Jh.

Zu den 9000 geborgenen Fundobjekten zählen Keramik, Tierknochen, Ofenkacheln, ein Steilkamm, eine Gürtelschnalle, Spinnwirtel und Murmeln, Gläser, Tintenfässer, Werkzeuge, Schlacken und Leder. Von besonderer Bedeutung sind Abfälle und Reste eines Knochenschnitzers, die anzeigen, dass in Themar am Übergang zur frühen Neuzeit Knöpfe oder Paternosterperlen hergestellt wurden. Möglicherweise geschah dies im Nebenerwerb. Auf den gehobenen sozialen Stand der Nutzer der Abortanlage weisen Bruchstücke eines Kuttrolfs, d. h. einer gläsernen Schenk- oder Trinkflasche, zahlreiche tönerne Tabakpfeifen sowie Arnstädter Fayencen. Dieses hochwertige, blau bemalte Tischgeschirr ahmte das luxuriöse und teure fernöstliche Porzellan nach und wurde seit dem 16. Jh. in europäischen Manufakturen gefertigt. Die überregional bedeutende Produktion in Arnstadt setzte im zweiten Viertel des 17. Jh. ein. Ein Export erfolgte bis nach West- und Norddeutschland. Archäologische Untersuchungen haben mittlerweile in den Städten südlich des Rennsteigs die Zahl der Nachweise deutlich erhöht, so dass Südthüringen als Absatzgebiet der Arnstädter Fayencemanufaktur zunehmend stärker hervortritt.

Die Ergebnisse der Rettungsgrabung erweitern unsere Kenntnis über Siedlungsaktivitäten im heutigen Stadtgebiet bereits in urgeschichtlicher Zeit sowie über eine frühe Befestigung der Ansiedlung im hohen Mittelalter. Nicht zuletzt erlaubt das umfangreiche, überwiegend aus den Entsorgungseinrichtungen geborgene Fundmaterial einen unmittelbaren Einblick in das Alltagsleben der Bewohner Themars vom hohen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. 
 

Dr. Mathias Seidel,
Gebietsreferent Südthüringen, TLDA, Römhild

Tel.: 0361 / 57 3222 011
mathias.seidel{at}tlda.thueringen{punkt}de

 

Themar Quellstube Holzwasserleitung
Die gefasste Quellstube mit erhaltene Holzwasserleitung (Foto: TLDA, Römhild)
Themar Aborterker
Blick in den gemauerter Aborterker (Foto: TLDA, Römhild)

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