Grabungsabschluss Weiße Gasse, Erfurt

Im Juli 2017 konnten die Grabungen des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) an der Weißen Gasse abgeschlossen werden. Mit 1642 Befunden auf rund 2400 m² ist es die Grabung mit der bislang größten Befunddichte in Erfurt überhaupt. Die Fundbearbeitung ist noch nicht beendet; schon jetzt sind aber über 5000 Inventarnummern vergeben, darunter verbergen sich z. T. mehrere Hundert Einzelobjekte. Unter der Vielzahl von Befunden und Funden seien hier nur einige besondere herausgegriffen.


Grubenhäuser

Unter den 22 Grubenhäusern fällt eines durch seine annähernd runde Form auf. Sein Durchmesser betrug zwischen 3,85 m und 4,00 m. Mehrere Pfosten gehörten zur Dachkonstruktion bzw. einer Binnenstruktur. Die Aufgabe des Grubenhauses erfolgte am Ende der Latènezeit bzw. am Beginn der römischen Kaiserzeit (Lt D2b/Eggers B1a, ca. 20  v. bis 20 n. Chr.). Bemerkenswert unter den Funden ist ein vollständiger Knochenwürfel. Es handelt sich um einen Stabwürfel mit leicht konkaven Seiten und abgerundeten Enden. Die Länge beträgt 5,4 cm, die Breite in der Mitte 0,6 cm und an den Enden 0,5 cm. Die eingebohrten Augen weisen die Zahlen eins, drei, sechs und vier auf. Die kleinen Zahlen sind mittig angebracht, die beiden größeren aufgeteilt auf die Enden des Würfels. Die nächste Parallele für den Würfel findet sich in Elxleben im Ilmkreis. Europaweit gibt es nur wenige Vergleichsbeispiele, davon stammen insgesamt nur drei aus Siedlungsbefunden.


Kleinkindbestattung

Mit der Befundnummer 1482 wurde eine ovale und nur noch sehr flache Grube erfasst, an deren Nordostseite ganz am Rand die Bestattung eines nur wenige Monate alten Kindes lag. Im Wesentlichen war der Oberkörper bis zum Becken erhalten, der noch erkennen ließ, dass der Körper in gestreckter Rückenlage gebettet worden war. Der Kopf lag im Süden, die Ausrichtung des Körpers erfolgte nicht ganz exakt nach Norden. Die Grube enthielt nur wenige kleine und kaum aussagekräftige Scherben, allerdings auch eine Fibel, die als römische Soldatenfibel anzusprechen ist. Es ist eine Kniefibel mit Spiralhülse, datierend zwischen der zweiten Hälfte des 2. und der ersten Hälfte des 3. Jh. Bemerkenswerterweise waren diese Fibeln im freien Germanien nicht üblich, sondern blieben auf das Umfeld des östlichen Limes beschränkt.


Spiegelrahmen

Aus einer Grube des 12. Jh. in der Nähe des großen romanischen Kellers wurden über 700 Knochen mit z. T. ungewöhnlichen Bearbeitungsspuren geborgen: Aus Rinderschädeln wurden zunächst rechteckige oder quadratische Knochenplättchen ausgesägt, denen dann eine ovale oder runde Fläche ausgefräst wurde, gefolgt von einer zinnenartigen Verzierung der Rahmen. Da kein komplettes Rähmchen in die Grube gelangte, können die Maße nur näherungsweise ermittelt werden. Bei den ovalen Stücken sind die Höhen etwa 5,5 cm bei einer Breite von ca. 4 cm. Bei den runden Stücken liegen die Durchmesser bei 4,3–4,6 cm.

Es handelt sich um den ersten Nachweis einer Taschenspiegelproduktion bzw. einer Werkstatt für die zugehörigen Rahmen. Da Glas im 12. Jh. noch ein seltener Werkstoff war, ist dieser erste Nachweis umso bedeutsamer. In Erfurt wurden Glasfunde seit dem 12. Jh. in den letzten Jahren vermehrt geborgen.
 

Einzelfunde

Leider nur als Detektorfunde konnten zwei Fibeln geborgen werden, die nicht nur zeitlich äußerst interessant sind: Bei der ersten handelt es sich um eine Armbrustfibel des 5. Jh. vom Typ Viminacium. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt im Limesumfeld im Bereich der Provinzen Dakien und Pannonien, auf dem heutigen Balkangebiet. Das spätrömische Umfeld hat bei der Entwicklung dieses Fibeltyps vermutlich eine entscheidende Rolle gespielt. Ungewöhnlich ist jedoch das Material der Fibel, die sonst zumeist aus Eisen hergestellt wurden: Das bestens erhaltene Exemplar ist aus Bronze gefertigt.

Eine zweite Fibel verweist in die Frühzeit der Stadt Erfurt: Auch sie ist sehr gut erhalten, die Rückseite weist sogar noch Stoffreste auf. Die gleicharmige kreuzförmige Fibel ist knapp 4 cm groß und ebenfalls aus Bronze. Die Kreuzarme verbreitern sich zu den Enden und weisen an den Ecken Rundel auf, die Oberfläche ist kerbschnittartig verziert. Eine genaue Datierung ist nicht möglich, Vergleichsstücke werden zwischen dem 7. und 9. Jh. eingeordnet. Sie finden sich vor allem im Gebiet des heutigen Niedersachsens und am Rhein, also erheblich weiter im Westen und Norden gelegen.
 

Dr. Karin Sczech
Gebietsreferentin Erfurt, TLDA, Weimar

Tel.: 0361 / 57 3223 342
karin.sczech{at}tlda.thueringen{punkt}de

 

Weiße Gasse Stabwürfel
Stabwürfel aus der Verfüllung des latènezeitlichen Hauses (Foto: TLDA, Weimar)
Weiße Gasse Spiegelrahmen
Die Knochenabfälle stammen von der Herstellung von Spiegelrahmen (Foto: TLDA, Weimar)
Weiße Gasse Viminacium
Die Armbrustfibel vom Typ Viminacium (5. Jh.; Foto. TLDA, Weimar)
Weiße Gasse Kreuzfibel
Kreuzförmige Fibel mit Kerbschnittverzierung (7.–9. Jh.; Foto: TLDA, Weimar)

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