Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski Präsidentin des Thüringer Landtags Begrüßung anlässlich der Ausstellungseröffnung "Die geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933 - 1945" am 13.04.2005 im Thüringer Landtag
Meine Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Dr. Post,
liebe Gäste,
zur Ausstellungseröffnung "Die geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933 bis 1945" begrüße ich Sie sehr herzlich, auch im Namen der Landeszentrale für politische Bildung. Deren Leiter, Herrn Franz-Josef Schlichting, heiße ich ebenfalls ganz herzlich willkommen.
Mit der Ausstellung über die Gestapo in Thüringen gedenkt der Thüringer Landtag der 60. Wiederkehr des Kriegsendes von 1945, dem in diesen Tagen viele bedeutungsvolle Veranstaltungen gewidmet sind. In diesem Zusammenhang will diese Ausstellung einen Beitrag zur Aufarbeitung der Hitler-Diktatur leisten: Sie geht der Frage nach dem staatlich organisierten Terror durch die Gestapo und seinen Auswirkungen in Thüringen nach.
Mein besonderer Gruß gilt an diesem Tag Karl Jüttner, der als junger Mann Häftling der Gestapo im Weimarer Marstall war. Ich danke Ihnen, dass Sie heute bei uns sind und diese Eröffnung als Zeit- und Augenzeuge bereichern.
Meine Damen und Herren,
Franz Kafkas berühmte Erzählung "Der Prozess" beginnt mit folgenden Worten:
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
Wie jenem Josef K. ergeht es vielen anderen literarischen Gestalten bei Kafka. Sie alle bewohnen eine Welt, in der die humanen Werte und die Unverletzlichkeit der Menschenwürde ihre Gültigkeit eingebüßt haben.
Die Achtung vor dem Staat und dessen Institutionen ist abhanden gekommen, weil sie unberechenbar sind. Gesetze sind unverständlich und geheim.
Berufung ist in diesem System nicht vorgesehen; das Entkommen aus ihm ebenso wenig. Nur eines steht unverrückbar fest: "Die Schuld ist immer zweifellos". So sagt es der Offizier in Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" über den Sträfling.
Franz Kafka hat mit seinen Werken die Ordnung des nationalsozialistischen Terrors literarisch bis ins Einzelne antizipiert.
So wie in Kafkas Universum konnten Menschen während der Hitler-Diktatur ohne Gerichtsurteil und mit Billigung des Staates (innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager) systematisch ermordet werden.
Für die Entfesselung dieses unermesslichen Terrors durch die Gestapo bedurfte es - entgegen manch landläufiger Meinung - keiner überdimensionierten Sicherheitsapparate. Jüngere Studien weisen im Gegenteil nach: Die Gestapo, der treibende Kern des vielgestaltigen Unterdrückungs- und Gewaltsystems der Nationalsozialisten, war eine bürokratische Organisation mit zahlenmäßig recht geringem Personal.
Ihre terroristische Reichweite erlangte die Gestapo nur dank der massiven Unterstützung durch weite Teile der Bevölkerung. Ohne die Kooperation, die Kollaboration und Denunziation der Deutschen wäre die totale, lückenlose Überwachung unmöglich gewesen. Die wenigsten Bürgerinnen und Bürger setzten dieser Enthemmung persönlichen Widerstand entgegen. Die Masse der Deutschen machte willig mit.
Der totalitären Überwachung und Verfolgung im Inneren Deutschlands korrespondierte die Entfesselung unmenschlichen Terrors gegen die Zivilbevölkerung durch die Gestapo in den besetzten Gebieten.
Dieser Terror gegen Juden, Polen und Russen gewann mit jedem Kriegstag an Radikalität und Dynamik: Er mündete schließlich im Genozid.
Historiker erklären jene ungeheuerliche Radikalisierung der Gestapo in Osteuropa durch das Zusammenfallen der zentralen Feindbilder der Nationalsozialisten: Judentum und Kommunismus. Diese Feindbilder überlagerten, durchdrangen und verstärkten sich in der Weise, dass es im besetzten Polen überall zu Massakern kam. In Russland artete es förmlich zu einem Wettlauf um die höchsten Vernichtungsquoten aus.
Solche Gräueltaten haben unser Bild von der Gestapo geprägt. Noch heute sehen wir die Täter klischeehaft als Schlägertypen und Ober-Nazis in schwarzen Ledermänteln.
Jüngste Forschungsergebnisse zeigen jedoch ein anderes Bild: Die Mehrheit der Gestapo-Angehörigen, also die mittlere und untere Ebene, rekrutierte sich aus Kriminalbeamten, die bereits zur Zeit der Weimarer Republik ihren Dienst taten. Auch die Leiter der Staatspolizeistellen waren keine emporgekommenen Parteigenossen, sondern überwiegend junge Juristen, also akademisch gebildete Männer.
Diese Erkenntnis ist erschreckend und muss uns sehr nachdenklich stimmen. Sie ist um so erschreckender, als sich nur vereinzelt innerer Widerstand finden lässt gegen das, was diese Beamten als ihre Aufgabe ansahen. Alle befolgten sie die eingeschlagene Linie "entgrenzter" Gewaltanwendung mit bürokratischer Effizienz.
Die nicht hinterfragte Übernahme inhumaner Doktrinen durch jene Beamte bleibt uns Nachgeborenen zweifelhaft, ja sogar rätselhaft. Die persönliche Verantwortung der Schreibtischtäter für das Geschehene, für die unbarmherzige Verfolgung der Gegner des Nazi-Regimes, für die Deportation der Juden, für die Massaker im Osten steht außer Zweifel.
Wir schulden den Opfern des Gestapo-Terrors lückenlose Aufarbeitung.
Diese Ausstellung will hierfür einen Beitrag leisten, indem sie die Tätigkeit der Gestapo in Thüringen nachzeichnet. Herr Dr. Post vom Thüringischen Hauptstaatsarchiv in Weimar wird uns darüber gleich genauer informieren.
Als Präsidentin des Thüringer Landtags sei mir noch ein Hinweis gestattet. Die Geschichte der Hitler-Diktatur ist, obwohl seit 60 Jahren vergangen, noch immer gegenwärtig. Geschichte lässt sich nicht abstreifen; sie verwäscht sich auch durch den Lauf der Zeit nicht.
Und so ist es an dieser Stelle meine schmerzliche Pflicht, daran zu erinnern, dass die Gestapo einst in einem Gebäude untergebracht war, das heute zum Thüringer Landtag gehört: Die Staatspolizeistelle Erfurt belegte die zwei unteren Etagen im Südflügel des heutigen Fraktionsgebäudes. Für sie gab es einen separaten Eingang und mittels Gitter waren deren Diensträume von den anderen Ämtern im Haus abgegrenzt. Im Keller richtete die Gestapo mit drei Haftzellen ein eigenes Gefängnis ein.
Seit 1941 war die Erfurter Gestapo der Gestapo-Leitstelle in Weimar unterstellt. Aus Platzgründen wurde das Weimarer Referat für Kirchenfragen und Juden nach Erfurt verlagert.
Mit Entsetzen nehmen wir zur Kenntnis, dass die Deportation der Thüringer Juden von dem Gebäude an der heutigen Arnstädter Straße aus geplant und betrieben wurde. Ebenfalls mit Entsetzen müssen wir feststellen, dass mehrere Beamte der Erfurter Dienststelle an der Verfolgung und Erschießung der jüdischen Bevölkerung in Riga und Minsk beteiligt waren. In dieser Stunde gedenken wir jener Opfer mit Trauer und Demut.
So vereint dieses hohe Haus, das Thüringer Parlament, unter seinem Dach zwei konträre Facetten deutscher Geschichte: die parlamentarische Demokratie und die Terror gestützte Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten.
Aus diesem Erbe erwächst uns die Pflicht, das Beste wie das Schlechteste deutschen Geistes in unserer Erinnerung zu bewahren. Beides als Mahnung daran, wozu Menschen fähig sein können.
Vor diesem Hintergrund sind wir dazu aufgerufen, allen Angriffen auf die Menschenwürde, allen Regungen von Fremdenhass konsequent und entschieden entgegen zu treten. Das verlangt nicht nur unsere Werteordnung von uns, sondern dazu fordert uns auch die Verfassung ausdrücklich auf.
Gerade unsere Geschichte macht uns immer wieder bewusst: Der Konsens aller demokratischen Kräfte in unserem Land, auf dem die Verfassung beruht, ist nicht naturgegeben. Er ist nicht ein für allemal gesichert. Dieser Konsens muss immer wieder erarbeitet werden - mit Herz und Verstand. Was den meisten von uns selbstverständlich erscheint, muss immer wieder neu begründet, benannt und vor allem im Alltag Wirklichkeit werden.
Deshalb muss heute zu unserem Alltag die aktive intellektuelle Auseinandersetzung mit all jenen gehören, die diesen Grundkonsens der demokratischen Gesellschaft verleugnen.
Die Aggressivität und das antidemokratische Gedankengut, das Parteien wie die NPD lauthals verkünden, sind für mich bedrückend und beschämend zugleich. Mit ihnen muss sich unsere demokratische Gesellschaft intensiver als bisher beschäftigen. Denn Ignoranz und Intoleranz lassen sich nicht gesetzlich verbieten, sondern nur intellektuell bekämpfen. Hier müssen wir unsere Emotionen, unseren Geist, unsere Kraft als Demokraten einbringen.
Die Ausstellung "Die geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933 bis 1945" kann in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag leisten.
Sie klärt auf, erläutert und ermöglicht einen unverstellten Zugang zur jüngeren Geschichte unseres Landes.
Sie zeigt, die Topographie des Terrors lässt sich eben im alltäglichen Leben unserer Heimat finden. Gerade deshalb wünsche ich der Ausstellung große Resonanz bei den jungen Menschen in unserem Land.
Ich danke Herrn Dr. Post, seinen Mitarbeitern vom Hauptstaatsarchiv Weimar sowie der Landeszentrale für Politische Bildung für diese außerordentliche Ausstellung.
Für die musikalische Umrahmung dieser Veranstaltung danke ich den beiden Erfurter Musikschülern Maria Hüttig und Stefan Pohl.
Mögen dieser Ausstellung viele interessierte Besucher beschieden sein, mögen viele wissbegierige junge Menschen den Weg in den Landtag finden.
Ich wünsche der Ausstellung eine große Resonanz und uns eine gute Auseinandersetzung mit der Thüringer Geschichte.
http://www.thueringen.de/tlt/aktuell/reden/16426/
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