07.01.2013 11:21 Uhr

14. Erfurter Baugespräch der Landesbausparkasse Hessen-Thüringen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Thüringer Landtages,

ich freue mich, dass ich zum 14. Baugespräch über den demografischen Wandel und seine Folgen für die Bauwirtschaft und die Baupolitik eingeladen wurde. Ich freue mich, dass hier so viele Fachleute sitzen. Alles Fachleute, die sich über das Thema nachhaltiges und demografieorientiertes Bauen unterhalten können.

Sie haben vorhin appelliert, man muss sich frühzeitig für eine Immobilie entscheiden. Für viele ist ja die Entscheidung für eine Immobilie eine frühzeitige Entscheidung dafür, an einem bestimmten Ort wohnen zu bleiben. Ich glaube, dass wir ganz anders, als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, in Deutschland nach wie vor noch ein Szenario für die persönliche Lebensplanung haben. Dieses geht davon aus, man gründet eine Familie und baut ein Einfamilienhaus, je nach finanziellen Möglichkeiten. Ich habe natürlich auch sehr viel Sympathie für alternative Wohnformen, muss Ihnen aber auch ganz deutlich sagen: Ich persönlich glaube nicht unbedingt, dass das die Zukunft sein wird. Es wird sicher in Nischen eine Möglichkeit sein, die wir dann auch entsprechend unterstützen könnten. Aber ich glaube nicht, dass wir gut beraten wären, wenn wir die ganze Wohnungs- und Baupolitik daran neu ausrichten würden.

Für Ihr diesjähriges Baugespräch haben Sie ein ebenso interessantes wie aktuelles Thema gewählt: „Bau-Konzepte 60 plus – Altersgerechtes Bauen, Wohnen, Leben“.

Ich gehöre nicht zu all jenen, die beim Begriff „Demografischer Wandel“ die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und in die Schockstarre verfallen. Die Fakten sind klar: Zwischen den Jahren 1990 und 2008 hatten wir einen Bevölkerungsrückgang um rund 12 Prozent (bedingt durch natürliche und räumliche Bevölkerungsentwicklung). Jeder fünfte Einwohner in Thüringen ist heute älter als 65 Jahre. Bis 2020 erwartet uns eine Alterstruktur, in der die Zahl der über 65-Jährigen um 13,5 Prozent (Anteil an der Gesamtbevölkerung bei rund 36 Prozent) und der über 80-Jährigen um 64,9 Prozent ansteigen wird.

Das Problem ist allerdings, meine Damen und Herren, das ist nur die globale Sicht auf die Dinge. Darauf hatten Sie, Herr Steinhaus, auch bereits aufmerksam gemacht. Das Hauptproblem besteht darin, dass diese Entwicklung sich von Region zu Region und auch von Ort zu Ort durchaus unterscheidet. Das heißt, wir haben jetzt schon Kommunen, in denen 50 Prozent der Bevölkerung schon 55 Jahre alt sind, z. B. Zeulenroda-Triebes. Das heißt, das Problem steht nicht unmittelbar vor der Tür, sondern wir sind schon mittendrin.

Und das alles wissen wir auch nicht erst seit gestern. Es ist nichts Neues. Spätestens seit den 1970er Jahren steuern wir auf diese Entwicklung zu. Reagiert haben wir aber nicht darauf. Erst in den letzten Jahren wird der demografische Wandel mehr und mehr zum Schreckgespenst für die moderne westliche Gesellschaft heraufbeschworen.

Doch ist er das wirklich? Ist er etwas, vor was wir Angst haben müssen oder nicht einfach doch nur ein „Normalfall des Lebens“, eine für Gesellschaften zu allen Zeiten typische Veränderung…

Wir sollten aufhören, dunkle Schreckensszenarien mit einer Welt voller Greise und ohne Kinderlachen zu zeichnen. Wir sollten tatkräftig dazu übergehen, die Entwicklungslinien unserer Gesellschaft zu begreifen und zu handeln! Neue Rahmenbedingungen erfordern neue Handlungsmechanismen.

Es kann nur darum gehen, Probleme zu definieren - mit Weitblick - und als Gesellschaft darauf zu reagieren. Davon ist auch die Wohnungs- und Städtebaupolitik nicht ausgenommen, im Gegenteil.

Die strategischen Herausforderungen des demografischen Wandels für die Wohnungsbau- und Städtebaupolitik liegen auf der Hand. Wir haben vorhin schon die Zahlen gehört, wie viele Wohnungen bereits zurückgebaut wurden, in Thüringen sind 44.000 Wohnungen zurückgebaut wurden, wir hatten ursprünglich mal ein eigenes Landesprogramm, bevor die Bundesprogramme gekommen sind. 44.000 Wohnungen sind bereits zurückgebaut, aber wir haben noch ungefähr 33.000 Wohnungen, die wir noch zurückbauen müssen. Das heißt, all jene, die meinen, der Stadtumbau müsste ein Prozess sein, bei dem wir langsam zu Ende kommen, irren sich. Dass, was wir unter dem Schlagwort Rückbau zu verantworten haben, da sind wir gerade in der Hälfte und haben die Bergkuppe hinter uns. Wir müssen uns in den nächsten Jahren weiter darauf einstellen, abzureißen.

Und: zukunftsfähig umzubauen. Mehr ältere Menschen heißt auch mehr Bedarf an seniorengerechten Wohnungen und damit auch die wachsende Bedeutung der Älteren als wichtige Nachfragegruppe auf dem Wohnungsmarkt.

Denn, die meisten wollen so lange wie möglich selbst bestimmt und vor allem ganz normal, d.h. auch in Nachbarschaft von Jung und Alt, wohnen. Nach einer Studie des Bundesverbandes Freier Wohnungsunternehmen sind aber nur 1 Prozent des deutschen Wohnungsbestandes altengerecht. Das heißt, wir haben jede Menge zu tun – Neubau spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, der barrierefreie Umbau beim Wohnungsbestand ist sinnvoller.

Dass dieser Auswirkungen auf den Mietzins hat, steht außer Frage. Deshalb greifen wir den Wohnungsunternehmen und Investoren „unter die Arme“. Die Förderung altengerechter Miet- und Genossenschaftswohnungen in Thüringen läuft bislang über die Programme der sozialen Wohnraumförderung, hier haben generationsübergreifende Angebote Vorrang. Dabei konzentrieren wir uns auf Wohnprojekte in Innenstädten (Stadtumbau Innenstadt-Stabilisierungsprogramm) und innovative Wohnkonzepte (z.B. Mehrgenerationen-Wohnen) Nur drei Beispiele: ungenutzte Schulgebäude in Suhl und Gera, Industriebrache in Neustadt/Orla oder auch das Generationenwohnen in Arnstadt Ost. Herr Adolf kann dazu mit Sicherheit mehr berichten.

Es ist natürlich für die ganze Frage des Stadtumbaus aus meiner Sicht auch wichtig, dass wir, abgesehen von der Abwanderung und von der Alterung der Bevölkerung, eine Tendenz zu einer außerordentlich starken Binnenwanderung in Thüringen haben. Gerade jene, die für Baufinanzierer interessant sind, also die Altersgruppe zwischen 25 und 35 wandern momentan außerordentlich stark in die Städte ab. Das heißt, wir haben eine Landflucht hin zu den zentralen Orten. Und wir sind natürlich da vor die Herausforderung gestellt, das sinnvoll zu kanalisieren. Dazu gehören die Stadtumbauprogramme, bei denen es nicht nur um Abriss geht, sondern vor allen Dingen um Aufwertung. Dazu gehört auch die Innenstadtstabilisierung. Das heißt, unsere zentrale Aufgabe wird sein, die zentralen Orte in Thüringen zu stärken und den gesamten Stadtumbauprozess, der ohnehin ja kein Prozess ist, den wir irgendwann in den nächsten Jahren abschließen können, demografieorientiert weiterzuführen.

Ich glaube, eine der zentralen Herausforderungen beim demografischen Wandel ist, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken. Unsere zentrale Aufgabe ist, dass wir unsere Kommunen so attraktiv gestalten, dass junge und alte Menschen, also generationen-übergreifend, vernünftig zusammenleben können. Wir müssen ein Angebot schaffen, dass das soziale Leben in den Kommunen nicht einseitig von einer Generation dominiert wird. Das ist eine von den zentralen Herausforderungen, der wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen. Also: altersgerechtes Bauen über alle Generationen hinweg. Dazu gehört natürlich, dass die Barrierefreiheit eine ganz große Rolle spielen muss, zumal uns auch die Wohnqualität für junge Familien genauso angeht, nicht nur für ältere Menschen.

Ich denke, wir sind gut beraten, wenn wir das in den nächsten Jahren auch in Angriff nehmen. Insofern, meine sehr verehrten Damen und Herren, glaube ich, sollte man die Städtebaupolitik, die Stadtumbaupolitik und auch die Wohnungsbauförderung künftig ganz zentral darauf ausrichten, dass sie demografiegerecht ist. Sonst hieße das, das Geld gleich aus dem Fenster zu werfen.

Ich sage Ihnen auch ganz deutlich, dass wir uns nicht mehr alles leisten können, was wir uns früher noch wünschen und realisieren konnten. Wir müssen uns vor allem bei der öffentlichen Infrastruktur vielfach darauf einstellen, dass zum Beispiel Gemeinschaftshäuser oder andere Einrichtungen multifunktional sind, damit wir möglichst effizient mit dem wenigen Geld, das wir haben, möglichst viel erreichen. Dann sind wir auch in Thüringen gut aufgestellt und dann kann es auch gelingen, dass der demografische Wandel eben nicht nur als ein Schreckgespenst verteufelt wird, sondern wir ihn ordentlich bewältigen können. Vielen Dank.