07.01.2013 11:22 Uhr

Ringvorlesung zur Landespolitik in Thüringen

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind. Herzlich willkommen! Und weil das Jahr noch sehr jung ist, wünsche ich Ihnen natürlich auch allen ein gutes und gesundes neues Jahr!

Ich möchte heute nicht, wie angekündigt, allein über das Thema Verkehrspolitik reden, sondern ich werde dem demografischen Wandel einen wesentlichen Teil meiner Ausführungen widmen. Denn ich glaube, dass er eine der übergreifenden Herausforderungen ist, vor der wir als Ministerium für Bau, Landesentwicklung und Verkehr und als gesamte Landesregierung in den nächsten Jahren stehen.

Doch zunächst einmal zu den Aufgaben des Thüringer Ministeriums für Bau, Landesentwicklung und Verkehr. Ich verstehe mein Haus als das Infrastrukturministerium. In meinem Ministerium sind zurzeit rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. In den nachgeordneten Behörden, d. h. im Landesamt für Vermessung und Geoinformation und im Landesamt für Bau und Verkehr sind dann noch mal rund 2.500 Beschäftigte. Nein, wir sind keine aufgeblähte Personalblase. Wussten Sie eigentlich, dass die Thüringer Straßenbauverwaltung bundesweit diejenige mit dem wenigsten Personal ist? Das erklärt natürlich nicht die zahlreichen Schneeverwehungen und glatten Straßen in den letzten Wochen…

Nun aber zu den Aufgaben des Hauses. Dazu gehören: Städte- und Wohnungsbau, Raumordnung und Landesplanung, die Bauordnung, der Staatliche Hochbau, die Geoinformation und das Vermessungswesen, die Verkehrsinfrastruktur und last but not least: die strategische Landesentwicklung, d.h., der demografische und ökologische Wandel, die Strukturentwicklung und Innovation

Also eine Riesenaufgabe, wie Sie sich vorstellen können. Diese Aufgaben kosten alle eine ganze Menge Geld: rund 1 Mrd. Euro im Jahre 2010. Davon floss der größte Anteil, also rund die Hälfte in den Verkehrsbereich. Dass auch wir in den nächsten Jahren Einschränkungen hinnehmen müssen, steht außer Frage. Sie alle kennen die aktuellen Diskussionen um die Konsolidierung des Landeshaushaltes. Der Thüringer Landeshaushalt wird im Jahr 2020 nur noch ein Volumen von rund 6,2 Milliarden Euro haben, so schätzt das ifo-Institut Dresden. Die Gründe dafür sind ganz kurz und einfach skizziert: Erstens: der Wegfall der Bundeszuschüsse. Bis 2019 müssen wir deren kontinuierlichen Abbau verkraften, von 2010 noch 1,2 Mrd. Euro dann 2020 auf 0 Mrd. Euro. Zweitens: die EU-Fördermittel werden eher abnehmen als zunehmen. Wir gehen momentan davon aus, dass wir im Jahr 2020, unter allen Vorzeichen der Unklarheit, vielleicht noch maximal 200 Mio. Euro aus europäischen Mitteln bekommen werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 waren es 645 Millionen Euro. Drittens werden die Mittel aus dem Länderfinanzausgleich sinken, denn diese sind an die Zahl der Einwohner gekoppelt.

Wenn wir also über Thüringen 2020 sprechen, dann sprechen wir über weniger Geld und weniger Menschen. Doch, was heißt das? Zunächst einmal die gute Nachricht: Uns geht es nicht allein so. Der demografische Wandel ist kein Alleinstellungsmerkmal für Thüringen. Er ist ein Problem der westlichen Welt, ein gesamtdeutsches Phänomen, das da heißt: Wir werden weniger ….
Ich erzähle Ihnen nichts von Geburtenraten und Abwanderung. Das kennen Sie alles. Nur ein paar nackte Zahlen: 1990 hatte Thüringen 2,6 Millionen Einwohner, 2010 waren es 2,25 Millionen Thüringerinnen und Thüringer, 2020 werden es nach heutigen Prognosen rund 2 Millionen Menschen sein. Von 1990 bis 2020 sinkt die Einwohnerzahl Thüringen um rund 20 Prozent!
…und wir werden älter. D. h., jeder fünfte Einwohner in Thüringen ist heute älter als 65 Jahre, das sind 20 Prozent der Thüringer Bevölkerung und das wird sich in den nächsten Jahren noch weiter steigern. Der Anteil der Jugendlichen wird sinken, der Anteil der Älteren wird steigen. 1990 war jeder Fünfte unter 15 Jahre alt und jeder Zehnte über 65, im Jahr 2020 wird jeder Zehnte unter 15 sein und jeder Dritte über 65. Nur zum Vergleich: In Afghanistan, wo unser Verteidigungsminister vor kurzem die deutschen Truppen besucht hat, stellt sich die Altersstruktur ein kleinwenig anders dar. 44 Prozent der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, zwischen 15 und 65 sind 53 Prozent der Bevölkerung und 2,4 Prozent der Menschen sind über 65 Jahre alt.

Wir werden weniger und wir werden älter. Dieser Prozess vollzieht sich aber sowohl zeitlich als auch regional höchst unterschiedlich. Ich will Ihnen das im Folgenden anhand der Entwicklung der Bevölkerungszahl in Thüringer Gemeinden im Zeitraum zwischen 1990 und 2009 verdeutlichen: Im Kyffhäuserkreis haben wir einen Rückgang der Bevölkerung um rund 20 Prozent. In Weimar dagegen ist die Einwohnerzahl stabil bzw. leicht ansteigend. Der Rückgang der Bevölkerung verläuft in den Landkreisen seit 2000, also seit 10 Jahren, deutlich schneller als in den Stadtkreisen und gegenüber dem Thüringer Durchschnitt. Das macht eines deutlich: Anders als in den neunziger Jahren haben wir keine Flucht mehr von der Stadt auf das Land, sondern eine umgekehrte Entwicklung. Wir haben jetzt eine Landflucht.

Der Vergleich der Thüringer Städte sieht ähnlich aus: Zum Beispiel Jena und Suhl. Jena hatte 1990 rund 102.000 Einwohner, 2020 sollen es laut Prognose 104.000 sein. Die Alterstruktur stellt sich in zehn Jahren wie folgt dar: In der Altersgruppe 0 bis 15 rund 15 Prozent, zwischen 15 und 65 rund 60 Prozent und ein Viertel der Jenenser wird dann über 65 Jahre alt sein. Suhl hat eine ganz andere Entwicklung. Die Einwohnerzahl lag 1990 bei rund 55.000 Menschen. Bis zum Jahr 2020 werden für Suhl nur noch rund 30.000 Einwohner prognostiziert. Die 0 bis 15-jährigen werden dann rund 8 Prozent der Bevölkerung ausmachen, d. h. Fragen der Schulnetzplanung werden dann nicht mehr so eine ganz hohe politische Brisanz haben.

Was ich an dieser Stelle deutlich machen möchte, ist, dass diese Entwicklung kein unabwendbares Dogma ist. Es kann durchaus gelingen, dass auch Suhl zur „Boomtown“ wird, wenn man das richtige Konzept findet. Jetzt sage ich aber nicht, dass ich das richtige hätte. Ich sage einfach nur, wir müssen uns zunächst einmal mit der Situation auseinandersetzen. Der demografische Wandel braucht Gestaltung!

Ich glaube, dass es dafür wichtig ist, Leitlinien zu benennen, die Grundlage für Diskussionen, Planungen und dann auch Handlungen sein können.

1. Der demografische Wandel geht alle an! Jetzt werden Sie sicherlich sagen, das fängt ja schon schön an, wenn er gleich im ersten Punkt die Verantwortung auf Andere verschiebt. Aber natürlich ist es völlig illusorisch zu glauben, dass ein Ministerium diese Aufgabe allein bewältigen könnte. Hier sind ALLE gefragt, die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft.

2. Es gibt wenig Erfahrung mit Schrumpfung und kein Patentrezept. Das heißt nichts anderes, als dass pauschale Aussagen so gut wie überhaupt nicht möglich sind. Während Sie in einer Stadt Wachstum haben, kann es in der anderen Stadt zu Schrumpfungsprozessen kommen. Die Beispiele Jena und Rudolstadt. In Jena herrscht eine akute Wohnungsnot, weil hier auf dem Wohnungsmarkt nur noch eine Fluktuationsreserve von einem Prozent vorhanden ist, drei Prozent wären normal. In Rudolstadt haben wir ungefähr einen Leerstand von rund 10-12 Prozent. Rudolstadt ist jetzt nicht weit weg, aber Sie sehen, dass wir hier völlig unterschiedliche Ansätze verfolgen müssen. Dann kommt noch hinzu, dass unsere Erfahrung eher die ist, dass wir bislang mit Wachstumsszenarien konfrontiert waren. Wachstum ist relativ einfach. Es erfolgt radial nach außen. Eine Stadt wächst nach außen. Schrumpfung hingegen erfolgt eher in einer Art Perforationsprozess. Die Städte werden löchrig wie ein Schweizer Käse und das an völlig unterschiedlichen Stellen, einmal in der Innenstadt, einmal im Außenbereich. Sie können diese Entwicklung nicht vorhersehen.

3. Der demografische Wandel ist kein unumstößlicher Prozess. Zahlen und Prognosen sind sehr schön, aber weil sie auf die Zukunft ausgerichtet sind, sind sie natürlich auch immer extrem unsicher. Wir haben keine Ahnung, wie die Lebensplanung unserer Kinder und Kindeskinder aussieht. So kann es sein, dass die Familien in zehn Jahren 4-5 Kinder haben und nicht nur 1,5, wie heute die Statistiken ausweisen.

4. Die Zukunft bringt einen Wettbewerb der Regionen, der durch Infrastrukturangebote entschieden wird. Ich glaube, dass es extrem wichtig ist, auch in einem Land, in dem man die Kleinstaaterei quasi erfunden hat, der ein oder andere Kommunalpolitiker deutlich über den Tellerrand, über seine eigene Gemeindegebietsgrenze hinausschaut. Ein Beispiel: Wenn das Nachbardorf schon ein großes Dorfgemeinschaftshaus hat, braucht man fünf Kilometer weiter kein zweites.

5. Das Zentrale-Orte-Konzept zur Daseinsgrundversorgung im ländlichen Raum wird an Bedeutung gewinnen. Das heißt, hier muss es uns in Zukunft einfach gelingen, ein Stück von unserer Anspruchsmentalität aufzugeben. Das will ich aber im Folgenden etwas stärker vertiefen.

6. Versorgung mit Infrastruktureinrichtungen. Wir müssen uns von unserem Vollversorgungsanspruch lösen. Das heißt natürlich auch, dass liebgewonnene Standards aufgegeben werden müssen. Wir brauchen innovative Lösungsansätze bei der Versorgung mit Infrastruktur. Einige Beispiele: Eine dezentrale Abwasserver- und -entsorgung. Man sollte sich einmal fragen, ob sich die vor 20 Jahren geplante und gebaute zentrale Kläranlage rentiert, wenn die Dörfer, die hier angeschlossen werden sollten, nur noch die Hälfte der Einwohner haben. Vielleicht machen dezentrale Anlagen an manchen Orten mehr Sinn. Mobile Infrastrukturen, ob der rollende Supermarkt oder der rollende Landarzt sind natürlich noch mal ganz andere Punkte. Ich glaube, hier haben wir eine ganze Reihe von Innovationspotenzial, auch für die Privatwirtschaft. Und schließlich nützt die schönste Kita gar nichts, wenn keine Kinder da sind.

7. Die Förderpolitik ist neu auszugestalten. Wir müssen davon ausgehen, wenn wir weniger Geld haben und weniger Menschen, dann können wir auch nur weniger Fördermittel ausreichen. D. h., wir müssen uns von der starken Fördermittelmentalität verabschieden. Wir müssen die Mittel, die wir haben, gezielter und nachhaltiger einsetzen. Wir müssen unsere Fördermittel stärker flexibilisieren. D. h. nicht, wir haben keine Zielrichtung mehr. Mehr Flexibilität bedeutet, bedarfsorientierter zu fördern.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie sehen, wir haben eine große Aufgabe vor uns. Ich will dazu nur einige Projekte nennen, die wir in meinem Haus verfolgen. Das ist zum einen die Schaffung einer „Serviceagentur demografischer Wandel“, ein Informations-, Beratungs- und Kompetenzzentrum für ehren- und hauptamtliche kommunale Mandatsträger und Entscheidungsträger mit dem Ziel zu „informieren, koordinieren und agieren“.
Zum anderen haben wir das Programm „Genial zentral“. Hiermit rücken wir, um sich dem Bild der Schweizer Käse zu bedienen, den Löchern innerhalb der Städte zu Leibe, in dem wir versuchen, innerstädtische Brachflächen zu revitalisieren. Momentan beteiligen sich an diesem Programm 43 Kommunen mit rund 80 Projekten.
Darüber hinaus arbeiten wir an einem Demografiebericht, der innerhalb der einzelnen Politikfelder deutlich machen soll, welche Auswirkungen der demografische Wandel hat. Und wir planen eine Internationale Bauausstellung, die sich ganz intensiv mit dem Thema Demografie auseinandersetzen wird.

Doch nicht nur eine unserer Abteilungen beschäftigt sich mit dem demografischen Wandel. In einem Infrastrukturministerium sind fast alle Geschäftsbereiche damit befasst, sogar die Zentralabteilung, die die Auswirkungen bei der Personalpolitik deutlich zu spüren bekommt…

Doch nun zu einem weiteren wichtigen und großen Aufgabenbereich meines Hauses – der Landesplanung. Landesplanung unter den Herausforderungen des demografischen Wandels ist eine Herkulesaufgabe, noch dazu, weil Thüringen ein ländlich geprägtes, kleinteiliges Land ist. Doch was ist Landesplanung?
Landesplanung heißt zunächst, dass wir an den Raum und seine Ressourcen ganz unterschiedliche und vielfältige Nutzungsansprüche haben. Wir haben zum einen Straßen, wir haben Siedlungen, wir haben Energieleitungen, wir haben land- und forstwirtschaftliche Nutzungen, auch die Ausweisung von Standorten für Industrie, Freizeit- und Infrastruktur, hinzu kommt natürlich noch Umwelt- und Naturschutz. Diese verschiedensten Nutzungsinteressen versuchen wir mit der Landesplanung zu steuern. Die Aufgaben der Landesplanung sind wie folgt: Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft an den Raum mit seinen ökologischen Leistungen in Einklang bringen und dauerhaft bewahren,
gleichwertige Lebensverhältnisse/Daseinsvorsorge in allen Teilen Thüringens herstellen und sichern und neu: Alle Planungen und Entwicklungen durch die „demografische Brille“ betrachten. Nun wissen Sie, was der Blick durch die demografische Brille bedeutet: Weniger Menschen!
Also ist es die Aufgabe der Landesplaner, für deutlich weniger Menschen, mit deutlich weniger Geld im Landeshaushalt, zu gewährleisten, dass die Thüringer von Suhl bis Nordhausen, von Altenburg bis Heiligenstadt in gleichwertigen Lebensverhältnissen leben können. Um diese Überlegungen anzustellen, bedienen wir uns des Zentralen-Orte-Systems, d.h. einer Unterteilung in Oberzentren, Mittelzentren und Grundzentren mit den jeweils dafür spezifischen Funktionen. Kurz erklärt, ein Oberzentrum ist die „Deluxevariante“, z.B. Jena. Hochschule, City mit Warenhäusern und Großunternehmen. Oberzentren sollten innerhalb einer Stunde erreichbar sein. Ein Mittelzentrum ist dann die mittelgroße Stadt, ausgestattet mit Gymnasium, kommunalen Gewerbegebieten, Fachärzten, Beispiel Apolda. Diese sollten für jeden Bürger in maximal 30 Minuten erreichbar sein. Und dann haben wir noch die Grundzentren. Das sind kleine Städte mit Grundschule, Einzelhandelsbetrieben und Allgemeinärzten, die innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein müssen. Zum Beispiel: Kölleda.

In Thüringen gibt es drei Oberzentren, auf die ich gar nicht näher eingehen möchte. Die Mittelzentren, 32 an der Zahl, sind, für Thüringen typisch, relativ gleich verteilt über das ganze Land. Fast jeder Thüringer Bürger kann also sein nächstes Mittelzentrum in rund 30 Minuten erreichen. Ich glaube, dass wir deswegen bei dem Zentralen-Orte-System eine Straffung vornehmen müssen. Wir sollten – durch die demografische Brille betrachtet – wichtige Daseinsvorsorgefunktionen in den Mittelzentren konzentrieren und auf einige Grundzentren, jetzt 129 an der Zahl, verzichten. Der Grund ist ganz einfach: Wir brauchen nicht überall Alles und können es uns auch nicht mehr leisten. Daseinsvorsorge zu sichern, heißt nicht, dass jede Stadt eine Grundschule oder ein Freibad braucht. Die vorhandenen Grundschulen und Freibäder müssen nur für alle Menschen gut erreichbar sein.

Mobil sein zu können, ist auch Aufgabe der Daseinsvorsorge. Die Frage für die Zukunft ist nur, was brauchen wir und was können wir uns leisten? Ich will Ihnen das ganz kurz skizzieren.

Aber vorher einen Blick zurück: 1990 hatten wir rund 250 Kilometer Autobahnen, fast 2000 Kilometer Bundesstraßen und rund 6.000 Kilometer Landesstraßen, wovon wahrscheinlich rund ein Viertel die Bezeichnung „Straße“ nicht ganz verdient hat. D.h., wirtschaftliche Entwicklung war eigentlich nur an diesen Achsen möglich. Im Jahr 2020 werden wir die Autobahnkilometer auf 530 verdoppelt haben. Die Bundes- und Landesstraßen werden insgesamt weniger, aber deutlich leistungsfähiger.

D.h., bis 2020 werden fast alle Landesteile in maximal 30 Minuten eine Autobahn erreichen können. Damit hat Thüringen, auch unter der Brille des demografischen Wandels betrachtet, einen ganz extremen Standortvorteil mit erheblichen wirtschaftlichen und logistischen Chancen. Die Kosten dafür beliefen sich zwischen 1991 und 2009 auf 10,8 Milliarden Euro. Was ist noch zu tun? Zunächst einmal die Fertigstellung des Autobahnnetzes bis 2015, dann die Fertigstellung wichtiger Ortsumgehungen.

Und das Verkehrsaufkommen wird steigen. Bis 2025 ist davon auszugehen, dass wir rund 20 Prozent mehr Personenverkehr haben werden. Dagegen wird es im Bereich des öffentlichen Verkehrs einen Rückgang von rund 16 Prozent geben. Das liegt vor allem daran, dass wir mit weniger Schülern auch weniger Schülertransporte haben. Wenn wir von 20 Prozent mehr Verkehrsaufkommen im Individualverkehr reden, dann reden wir im Bereich des Güterverkehrs bis 2025 von einer 70 bis 80-prozentigen Steigerung im Vergleich zu heute.

Das steigende Verkehrsaufkommen hat zur Folge, dass wir eine veränderte Verkehrsbedeutung vieler Straßen haben. Ein Beispiel: 1990 fuhren auf der A 9 zwischen Dittersdorf und Schleiz stündlich 30.000 Fahrzeuge. 2015 werden es fast doppelt so viele Fahrzeuge sein. Thüringen liegt zentral in Deutschland, d.h. wir werden natürlich als Transitstandort eine relativ große Rolle spielen.

Und um dem einen oder anderen Märchen zu begegnen: Wir können den Güterverkehr nicht komplett auf die Schiene verlagern: Wenn wir nur 10 Prozent dieser Steigerung auf die Schiene verlagern, würde dies für das Güterverkehrsaufkommen auf der Schiene eine Verdopplung bedeuten. Unsere Trassen geben es im Moment schon nicht her, bis auf die eine oder andere Nebenstrecke, das tatsächlich über die Schiene abzuarbeiten.

Wir haben eine etwas paradoxe Entwicklung: steigende Verkehrsströme, obwohl wir weniger Menschen werden. Das verändert natürlich auch das gesamte Straßennetz. D.h., der Verkehr verlagert sich aus der Fläche und konzentriert sich auf Autobahnen, Zubringer und wichtige Bundes- und Landesstraßen. Unsere Hauptaufgabe in dieser Legislaturperiode wird es demnach sein, das Autobahnnetz fertig zu stellen und den Bedarfsplan für die Landesstraßen zu erstellen.

Wir müssen dafür sorgen, dass alle Landesteile erreichbar sind. Und insofern haben wir mit der Aufgabe der Verkehrsplanung eine Aufgabe, die für die Zukunft dieses Landes entscheidend ist.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schienenverkehr. Nehmen Sie allein die Reisezeiten. 2018 werden 80 Prozent Deutschlands von Thüringen aus innerhalb von vier Stunden erreichbar sein. Dies gilt natürlich auch umgekehrt. Wir haben mit dem ICE-Bahnhof in Erfurt dann einen Knoten ins deutsche ICE-Netz, mit Erreichbarkeitszeiten, die kaum eine andere deutsche Stadt aufweist. Das ist ein Vorzug, den wir uns stärker bewusst machen sollten, unbestritten aller Diskussionen um Weimar und Jena.

Aber auch hier gilt steigendes Verkehrsaufkommen auf den Haupttrassen und fehlende Verkehre in der Fläche. Auf kleine Nebenstrecken werden wir daher in Zukunft verzichten müssen und diese dann durch Busverkehr ersetzen. Zur Veranschaulichung: Seit 1990 wurden rund 460 Streckenkilometer abbestellt. Ganz vereinfacht: 1990 hielt die Bahn noch an fast jedem „Misthaufen“. Jetzt hält sie dort, wo auch wirklich Passagiere zusteigen. Die Bahn muss dort fahren, wo auch jemand einsteigt und nicht dort, wo wir sie gerne hätten.

Ich will dies an einem Beispiel deutlich machen. Wir hatten kürzlich ein Bürgeranliegen, ein Schreiben von vier oder fünf Familien aus einem Dorf in Thüringen. Die Familien hatten festgestellt, dass die Bushaltestelle geschlossen worden sei. Sie können sich denken, dass ich als Verkehrsminister zwar nicht zuständig bin, weil der Landkreis zuständig ist, aber vielleicht kann man hier helfen. Auf unsere Nachfrage in dem zuständigen Landkreis wurde uns mitgeteilt, die Bushaltestelle wurde bereits vor 5 Jahren geschlossen, weil kein Mensch mitgefahren ist. Den Familien war es bloß nicht aufgefallen, weil sie wahrscheinlich den Bus in der Regel nicht nutzen.

Und nur noch eines: 1996 fuhren die Bahn in Thüringen 17,8 Millionen Fahrplankilometer, 2010 sind es 21,6 Millionen Fahrplankilometer. Obwohl wir Strecken abbestellt haben, fährt die Bahn in Thüringen mehr. Die Gründe sind bessere Technik, regelmäßigeren Verkehre mit dichter vertakteten Zügen.

Und um jetzt nicht in den Ruf zu kommen, ich würde nur das Loblied auf Erfurt singen, damit die Studenten dann in Erfurt studieren und Jena außen vor lassen, nun etwas zur Erreichbarkeit von Jena.

Auch wenn die Verkehrsprojekte „Deutsche Einheit 8.1 und 8.2“ fertig gestellt sind, werden sich die Zeiten für Jena deutlich verbessern, allerdings verbunden mit Umstiegen. Sie wollen jetzt natürlich wissen, wie es mit dem ICE-Halt aussieht. Man muss dazu wissen: Der Fernverkehr der Deutschen Bahn, wie auch der Fernverkehr anderer Bahnen, die als Wettbewerber in Deutschland tätig sind, erfolgt eigenwirtschaftlich. D.h., das Angebot unterliegt allein wirtschaftlichen Grundsätzen des Anbieters. Für mich besteht nur die Möglichkeit, an die Bahn zu appellieren, dass Jena ein Fernverkehrshalt bleibt. Die Bahn hat auch schon zugesagt, dies mindestens in Tagesrandlagen zu tun. Alles Weitere hängt von der Nachfrage ab.

Und die Frage, die Sie an den Landesverkehrsminister berechtigter Weise richten können, ist die: Was tust Du denn jetzt für uns? Unsere Aufgabe ist es dann, den Nachverkehr zu ordnen, d.h. wir sorgen dafür, dass wir mit Nahverkehrszügen eine hohe Vertaktung anbieten. Sie müssten dann zwar umsteigen, aber dafür kommen Sie zu günstigeren Zeiten als heute von Jena nach Berlin, Frankfurt oder wohin auch immer.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

jetzt bin ich am Ende meines Vortrages: Lassen Sie mich aber noch einen kurzen Ausblick für 2011 geben: Ich glaube, eine ganz wichtige Aufgabe wird in Zukunft sein, dass der demografische Wandel und all seine Folgen natürlich in den Köpfen ankommen müssen. Dazu sollten wir auch den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden und Neues zu wagen, dies gilt für alle Politikbereiche. Der demografische Wandel braucht ein neues Denken!

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