Thüringer Staatspreis 1996
"Zeige mir wie Du baust, dann sage ich Dir wer du bist".
Wer nach dieser Maxime einmal durch Thüringen reist, der wird viele altehrwürdige Bauten vorfinden. Es gibt sie noch, die Gründerzeitvillen und Wohnhäuser, die Schlösser und Burgen, die Ausdruck einer geschichtsträchtigen und eigenständigen Architektur sind. Beispiele des alten, kreativen Thüringen.
Leider haben vierzig Jahre sozialistische Einheitsarchitektur und die ideologische Verunglimpfung andersartiger Baustile einen kaum wieder zu behebenden Verfall zahlreicher Objekte herbeigeführt. Der Verfall ging dabei einher mit dem Auf- und Ausbau einer monotonen, penetranten sozialistischen Baukultur in den Städten und Dörfern Thüringens. Dieser „Spiegel des Lebens und der Zeit“ legt Zeugnis ab für ein geschichtsloses Denken und ein gesichtsloses Gestalten. Die monotone Plattenbauweise mißachtete die Bedürfnisse der Menschen ebenso wie die gewachsenen städtebaulichen Strukturen. Ein Erbe, das die neuen Länder zukünftig noch vor einige soziale Probleme stellen wird.
Sie zeigt aber auch, wie groß der Einfluß der Architektur auf die Lebensqualität und letztlich auch auf das Lebensgefühl ist. Heute haben die Architekten in Thüringen wieder die Möglichkeit, zwischen Tradition und Moderne, zwischen technischer Präzision und Kreativität bauliche Lösungen zu entwickeln, die den Menschen und seine Entwicklung in den Mittelpunkt stellen.
Diese Entwicklung soll der erstmals ausgelobte „Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau“ unterstützen. Er soll Anerkennung sein und zugleich ein Beispiel geben für die weitere bauliche Entwicklung im Freistaat. Er soll aber auch die Öffentlichkeit mit den Gestaltungsmöglichkeiten der heutigen Architektur vertraut machen und sie somit für die neu entstehende Baukultur im grünen Herzen Deutschlands sensibilisieren.
Das Finanzministerium ist sowohl für den Staatlichen Hochbau als auch für die Finanzen des Freistaates zuständig. Und so sehe ich in dem Siegermodell gleich in zweifacher Hinsicht einen Spiegel unserer Zeit. Zum einen ist hier ein bauliches Ensemble entstanden, das Alt und Neu harmonisch miteinander verbindet, gleichwohl auch zu intensiver Auseinandersetzung reizt. Auf der anderen Seite ist es auch ein Musterbeispiel für eine gelungene Zusammenarbeit von privatem Investor und öffentlicher Hand. Hier wird auf eindrucksvolle Weise belegt, daß öffentliche Verantwortung und privates Engagement fruchtbar zusammenwirken können. Ein gutes Beispiel für das neue, moderne Thüringen.
Nach intensiver Diskussion der in der engeren Wahl verbleibenden Arbeiten wurde von dem Preisgericht einstimmig die Vergabe des „Thüringer Staatspreises für Architektur und Städtebau“ an das
Architekturbüro: Thomas van den Valentyn, Mohamed Oreyzi, Köln
Bauherr: Deutsche Bank AG, Frankfurt
für den Neubau des Musikgymnasiums Schloß Belvedere in Weimar vergeben.