16.10.2013 10:24 Uhr

Natur und Landschaft - nachhaltig schützen und gestalten

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Betteleiche im Nationalpark Hainich

Biotopkartierungen liefern wichtige Grundlagen zur Abgrenzung schutzwürdiger Flächen, zu deren naturschutzfachlicher Bewertung und zur Ableitung von Zielen und Maßnahmen des Arten- und Biotopschutzes einschließlich von Vorschlägen für die Biotopverbundplanung sowie wichtige Informationen für die wissenschaftlichen Grundlagen des Landschaftsprogramms. Damit wird es auch möglich, Prioritäten und Schwerpunktgebiete für Maßnahmen der Landschaftspflege objektiv festzulegen. Auch für den Ausbau des Schutzgebietssystems, die Landschaftsplanung, die Beurteilung von Eingriffen in Natur und Landschaft und den Aufbau des Landschaftsinformationssystems werden wichtige Grundlagendaten bereitgestellt.

1993 konnte der erste Durchgang der Biotopkartierung in Thüringen erfolgreich beendet werden. 270 Kartierer führten unter Anleitung der TLU die Erfassungen in den 588 Messtischblatt-Quadranten Thüringens durch. Die Biotopkartierung wurde in der Übergangszeit vom Bayerischen Naturschutzfonds, dem Ministerium für Umwelt und Gesundheit Rheinland-Pfalz, der Stiftung Hessischer Naturschutz und der ehemaligen Bezirksverwaltungsbehörde Gera finanziell gefördert.
Nach dem Abschluss der Geländeerhebungen war Thüringen das erste neue Bundesland, das über Ergebnisse einer flächendeckenden Biotopkartierung (ca. 700.000 ha mit ca. 205.000 Einzelbiotopen) im Maßstab 1 : 25.000 verfügte. Das entspricht etwa 43 % der Landesfläche. Nur besiedelte Bereiche und intensiv genutzte Ackerflächen (zusammen 57 %) wurden nicht aufgenommen.
Beim ersten Durchgang der Biotopkartierung konnten auf Grund der Kürze der Bearbeitungszeit und der begrenzten finanziellen Mittel nicht alle gewünschten Informationen erhoben werden. Deshalb sollte die Biotoperfassung in weiteren fachspezifischen Formen fortgesetzt werden.

Eine besondere Kategorie von Biotopen sind Alleen und Solitärbäume (Abbildung 10). An vielen Orten Thüringens findet man schöne Alleen, imponierende Baumgruppen und hervorragende, oft uralte Einzelbäume.
In verschiedenen Ortschaften Thüringens wurden Baumkataster erstellt und flächendeckend Alleen, Solitärbäume und Baumgruppen erfasst. Insgesamt wurden in Thüringen 4.423 Alleen mit einer Gesamtlänge von etwa 850 km und 9.160 durch Wuchsform, Größe und Alter auffallende Solitärbäume und Baumgruppen aufgenommen. Darüber hinaus wurden durch Mitarbeiter der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald fast 1.000 Daten zu Alleen und Einzelbäumen gesammelt. Diese Inventarisierung und Katalogisierung, Vermessung, Bonitierung und Kartierung sowie die Erfassung historischer Informationen über Alleen und Einzelbäume erfolgten in Zusammenarbeit mit der TLU.

Der Freistaat Thüringen trägt - neben Sachsen-Anhalt - aus bundesweiter Sicht eine besondere Verantwortung bei Schutz, Pflege und Entwicklung von Binnensalzstellen. Dementsprechend wurden 1995 und 1996 systematisch floristisch-vegetationskundliche und faunistische Untersuchungen an Binnensalzstellen durchgeführt. Ziel war ein Schutzkonzept für diesen selten gewordenen Biotoptyp.
Einen Schwerpunkt stellten die naturnahen Binnensalzstellen dar, sie liegen dort, wo salzhaltiges Quell- und Druckwasser an die Oberfläche tritt. Thüringen verfügt noch über sieben Gebiete mit naturnahen Binnensalzstellen, die bedeutendsten liegen am Rande des Kyffhäusers. Aber auch die sekundären Binnensalzstellen im Umfeld der Kaliindustrie wurden einbezogen. Insgesamt ist es gelungen, eine vollständige Übersicht über die Verbreitung aller Binnensalzstellen und ihren aktuellen Zustand zu gewinnen. Für jede Einzelne wurden konkrete Schutz-, Pflege- und Entwicklungsvorschläge unterbreitet. Die Erhaltung der sekundären Binnensalzstellen im Umfeld der Kaliindustrie steht allerdings oft im Konflikt zu anderen Aspekten des Umweltschutzes wie des Gewässer- und Bodenschutzes, wodurch viele der künstlich entstandenen Binnensalzstellen wieder vergehen werden. Hier wurden Lösungswege für tragbare Kompromisse zwischen beiden Zielstellungen ausgearbeitet.

In enger Zusammenarbeit zwischen Naturschutz- und Forstverwaltung wurde 1993 mit dem gemeinsamen Projekt der Waldbiotopkartierung in Thüringen im Maßstab 1 : 10.000 begonnen. Ziele sind die flächendeckende Erfassung und Dokumentation der aktuellen Naturausstattung sowie die Beurteilung des forstlichen und naturschutzfachlichen Wertes aller Biotope in Waldgebieten. Bis Ende 2000 wurden rund 430.000 ha, etwa 80 % der Gesamtwaldfläche Thüringens, bearbeitet. Das Besondere an der thüringischen Methodik ist die Kombination des flächendeckenden und des selektiven Ansatzes der Biotopkartierung. Zu jeder Waldfläche wird ein Grunddatensatz erhoben. Für forstlich repräsentative Biotope und besonders schutzwürdige Biotope werden darüber hinaus Detailaufnahmen angefertigt. Als Kartierungshilfe wurden Color-Infrarot-Luftbilder im Maßstab 1 : 10.000 zur Verfügung gestellt. In erster Linie finden die Ergebnisse Eingang in die Bestandsaufnahme und waldbauliche Einzelplanung der Forsteinrichtung, in die Kartierung der Waldfunktionen sowie in die Arten- und Biotopschutzprogramme der Landkreise. In Wiederholungskartierungen können Entwicklungstendenzen aufgezeigt werden.

Viele Biotope im Ortsbereich prägen das Bild und die Struktur unserer Dörfer und Städte. Die vielfältigen Eingriffe in den Siedlungsräumen verändern ständig die dorfspezifische Biotopausstattung, die eine wichtige Grundlage für die Lebensqualität der Bewohner darstellt. Um die Entwicklung der Siedlungsstrukturen verfolgen und gezielten Einfluss darauf nehmen zu können, ist eine Inventarisierung erforderlich. Nach Probekartierungen und Methodenentwicklung in den Jahren 1993/1994 wurde von 1995 bis 1999 eine landesweite Dorfbiotopkartierung durchgeführt. Koordinator war die TLU, regional wurden die Arbeiten von den vier Staatlichen Umweltämtern fachlich begleitet. Ziel war die flächendeckende Analyse und Bewertung der dörflichen Biotopausstattung sowie der aktuellen Nutzung im Siedlungsraum. Zum Zeitpunkt der intensivsten Bearbeitung (1999) waren bis zu 364 Kartierer mit Geländeerkundungen beschäftigt. Bis Ende 1999 konnten über 2.300 Dörfer und Kleinstädte Thüringens bearbeitet werden (Abbildung 11). Die erarbeiteten Dokumente enthalten neben dem Textteil auch Fotos, Geländeprotokolle, Erfassungsbögen, eine Bestandskarte sowie eine Karte mit den vorgeschlagenen Maßnahmen. Die Ergebnisse finden Eingang vor allem in die Bauleitplanung sowie in Pflege- und Entwicklungskonzepte der Gemeinden. Darüber hinaus stellen die erhobenen Daten eine wichtige Grundlage für die Dorferneuerung, die agrarstrukturelle Entwicklungsplanung und die Flurbereinigung dar.

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Biotopkarte

Im Auftrag der TLU entstanden in den Jahren 1993 bis 1995 über 60.000 Luftbilder in den Qualitäten Color-Infrarot (CIR) und Normalfarben im Maßstab 1 : 10.000. Dabei ist es möglich, alle Bereiche Thüringens räumlich zu betrachten. Die CIR-Bilder sind auch in der Eingriffsbeurteilung oder in der Landschaftsplanung gut zu gebrauchen. In den Jahren 1994 bis 1997 führten drei Fachfirmen im Auftrag der TLU eine Biotoptypen- und Nutzungstypenkartierung mittels Interpretation der CIR-Luftbilder durch. Der CIR-Kartierschlüssel für Thüringen lehnt sich an eine deutschlandweite Systematik an. Die Ergebnisse wurden digitalisiert, sodass Thüringen heute über eine vollständige digitale Biotoptypen- und Nutzungstypenkartierung verfügt. Vergrößerungen dieser Kartierungsergebnisse auf den Maßstab 1 : 5.000 werden seit 1996 als Kartiervorlage bei der Offenlandkartierung eingesetzt. Die digitalen Daten sind wichtige Basisinformationen bei der Entwicklung des Arten- und Biotopschutzprogramms in Thüringen.

Die Beschreibung der einzelnen Biotoptypen konnte noch nicht ins Detail gehen, da die Interpretierbarkeit von Flächen anhand von Luftbildern bei einigen Biotoptypen naturgemäß an ihre Grenzen stößt (verschiedene Grünlandtypen, Waldränder, sehr kleinräumige Strukturen). Für den Naturschutz wichtige Biotopkomplexe wurden aber ausgegrenzt und die darin erkennbaren Strukturen über die Kodierung beschrieben. Die Luftbildinterpretation gibt also Räume vor, die durch die terrestrische Kartierung genauer zu erfassen sind. Hieraus ergibt sich eine wesentliche Arbeitsersparnis für die Offenland-Biotopkartierung. Die Kartieranleitung wurde
1995/1996 im Auftrag der TLU erstellt, 1996/1997 erprobt und weiter präzisiert. Schwerpunktmäßig werden besonders geschützte Biotoptypen sowie einige weitere besonders naturschutzrelevante Typen erfasst. - Die Offenland-Biotopkartierung läuft seit 1996; bislang wurden ca. 45 % der Fläche Thüringens bearbeitet und dabei 74.000 Biotope erfasst. Die Bearbeitung wird voraussichtlich 2006 abgeschlossen sein.

Übersicht über die Naturschutzgroßprojekte des Bundes in Thüringen
(Stand 12/2000)

  Kyffhäuser Orchideenregion Jena -Muschelkalkhänge im Mittleren Saaletal
Erhaltungs- bzw. Entwicklungsziele Gipskarstlandschaft mit kontinental geprägten Trockenbiotopen (Steppenheide-Komplexen), naturnahen Waldbeständen und hervorragendem Artenpotenzial Großflächige Trockenbiotope (submediterrane Xerothermrasen, wärmeliebende Säume, Trockengebüsche und -wälder) mit herausragendem Orchideenreichtum
Projektträger Kyffhäuserkreis (Zweckvereinbarung mit Kreis Nordhausen) Zweckverband(Stadt Jena, Saale-Holzland-Kreis, Stiftung Lebensraum)
Projektgröße 7.000 ha 13.500 ha
Kerngebiete 8 mit 2.650 ha 8 mit 3.740 ha
Projektbeginn 14.04.97 17.06.96
Laufzeit 10 Jahre 10 Jahre
Finanzvolumen 13,5 Mio. DM 20,2 Mio. DM
Finanzanteile    
Bund 75% 72,40%
Land 15% 22,10%
Träger 10% 5,50%

 

Seit Anfang 1994 verfügt Thüringen über eine landesweite Fachplanung des Arten- und Biotopschutzes: Das Grobkonzept eines Arten- und Biotopschutzprogramms (ABSP). Darin werden die Ziele des Naturschutzes generalisiert festgeschrieben. In das ABSP flossen vor allem die Ergebnisse der Biotopkartierung von 1990 bis 1993, des Artenerfassungsprogramms und der floristi-schen Kartierung sowie zusätzliche Informationen aus dem Schutzgebietsarchiv, der Literatur, aus Luftbildern und Spezialkarten ein. Besonders hinzuweisen ist auf die engagierte Mitwirkung von mehreren hundert ehrenamtlichen Naturschützern und Gebietskennern sowie von Vertretern der Naturschutzverbände und Mitgliedern des Fachbeirates für Arten- und Biotopschutz.
Das ABSP bietet insbesondere bei der Beurteilung von beabsichtigten Eingriffen in Natur und Landschaft wichtige Erstinformationen, welche die Arbeit der Naturschutzbehörden auf eine bessere fachliche Grundlage stellt und zur Beschleunigung von Stellungnahmen beiträgt.

Im "Förderprogramm zur Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" bietet das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit beachtliche finanzielle Hilfe an. Dabei werden Projekte gefördert, die sich hinsichtlich ihrer flächenmäßigen Größe, Komplexität, Naturausstattung, Besonderheiten und regionaltypischen Ausprägung deutlich von übrigen Schutzgebieten abheben. Gemeinsam mit dem Land und einem örtlich verantwortlichen Träger werden dringende Schutz-, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen durchgeführt. Von den derzeit 47 laufenden Projekten des Bundes befinden sich zwei in Thüringen (Tabelle 1). Damit bringt Thüringen bis 2006 vor allem Trockenbiotope der unterschiedlichsten Ausprägungen in das Programm ein. Die Finanzierung setzt sich aus Mitteln des Bundes, des Landes und des Projektträgers zusammen.

Der Artenschutz verfolgt das Ziel, die Vielfalt der Arten und ihre genetische Variabilität zu erhalten und zu entwickeln. Dies erfolgt durch den Schutz der Lebensstätten von Arten, durch Biotopschutzmaßnahmen, durch Förderung wildlebender Pflanzen- und Tierarten in allen Entwicklungsstadien und durch Regulierung des Handels mit wildlebenden Arten. Wichtige Hilfsmittel des Artenschutzes sind z. B. landesweite Artenerfassungsprogramme, Artenmonitoring, Rote Listen, Artenhilfsprogramme für besonders gefährdete Arten sowie das Arten- und Biotopschutzprogramm (ABSP).
Der Artenschutz im Freistaat Thüringen konzentrierte sich zunächst auf diejenigen Pflanzensippen und Tierarten, die hochgefährdet und als Zielarten für die Erhaltung der Lebensraumqualität geeignet sind. Parallel erfolgte der Schutz von Arten, die in Thüringen endemisch (weltweit nur hier vorkommend) sind, die deutschlandweit nur noch in Thüringen siedeln, die in Thüringen einen Verbreitungsschwerpunkt innerhalb Deutschlands besitzen, deren Arealgrenzen durch Thüringen verlaufen oder die in Thüringen bedeutende isolierte Einzelvorkommen besitzen. Der Freistaat war beim Aufbau des Schutzgebietsnetzes "NATURA 2000" gefordert, im Rahmen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) Schutzgebiete für die in Anhang II dieser Richtlinie aufgelisteten europaweit zu schützenden Arten auszuweisen. Dazu gehören 30 Pflanzen- und Tierarten, die auch in Thüringen siedeln.

Thüringen besitzt deutschlandweit eine besonders große Verantwortung für Arten und Artengemeinschaften, welche die Halbtrocken- und Trockenrasen bewohnen. Verbreitungsschwerpunkte dieser Biotope befinden sich in den Muschelkalk-Platten und -Bergländern, im Basaltkuppenland der Vorderrhön sowie in den Zechsteingürteln an Gebirgsrändern. Charakteristisch sind vor allem der Orchideenreichtum und die Vielfalt der wärmeliebenden Insektenarten, unter denen Heuschrecken und Schmetterlinge am auffälligsten sind.

Abb12 Auerhahn
Zur Erhaltung des in Thüringen vom Aussterben bedrohten Auerhuhns wird ein Artenhilfsprogramm umgesetzt

Seit 1990 laufen in Thüringen umfangreiche landesweite Artenerfassungs­programme für Pflanzen wie für Tiere. Die Daten werden in den Datenbanken FLOREIN (für Pflanzen) und THKART (für Tiere) bei der Thüringer Landesanstalt für Umwelt gespeichert. Im Rahmen der floristischen Kartierung koordiniert die TLU seit 1990 gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Herbarium Haussknecht, die Erfassung aller Farn- und Blütenpflanzen des Freistaates. Kartierungsgrundlage bildet jeweils 1/16 eines Messtischblatts (Viertelquadrant). In diesem Raster werden alle vorkommenden Farn- und Blütenpflanzen notiert. Ziele sind die Neubearbeitung einer "Flora von Thüringen" und die Erstellung eines Verbreitungsatlasses der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens als Grundlage für die Erarbeitung und Aktualisierung Roter Listen und für Maßnahmen des botanischen Artenschutzes. Durch die Mitwirkung von über 100 ehrenamtlichen, botanisch interessierten Mitarbeitern konnten die Geländeerfassungen für das Projekt Floristische Kartierung im Jahre 2000 abgeschlossen werden. Etwa 1,38 Millionen Fundortmeldungen aus Geländelisten sowie ca. 268.000 Einzelmeldungen mittels Meldekarte und aus publizierten Arbeiten liegen auf Datenträgern der TLU vor.
Gleichermaßen erfolgte die Artenerfassung für Tiere unter Mitwirkung zahlreicher ehrenamtlicher Spezialisten. Für die Erfassung von Vögeln, Reptilien und Amphibien, Libellen, Heuschrecken und Tagfaltern wurden durch die TLU spezielle Aufnahmelisten entwickelt, die die Arbeit vereinfachten. Bisher sind ca. 290.000 Angaben erfasst, darunter über 73.000 Nachweise von Vogelarten. Zu Amphibien-Vorkommen enthält die Datenbank THKART derzeit 24.800 Fundortangaben. Die Haupt-Artenliste umfasst über 10.000 in Thüringen vorkommende Arten. Die Programme werden kontinuierlich fortgesetzt.

Rote Listen enthalten die in einem bestimmten Gebiet in ihrem Bestand gefährdeten oder bereits ausgestorbenen Arten. Der Gefährdungsgrad kann dabei sehr unterschiedlich sein. In Auswertung der umfangreichen Kartierungen wurden Rote Listen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, Pflanzengesellschaften und Biotoptypen erarbeitet und in einem Sammelband veröffentlicht. Parallel zu den Roten Listen werden so genannte Checklisten geführt. Darin finden sich alle in Thüringen nachgewiesenen Arten mit Angaben, welche die Bestandsentwicklung für einen bestimmten Zeitabschnitt dokumentieren. Die kritische Überarbeitung der Listen gleicher Artengruppen und ihr Vergleich über lange Zeiträume können z. B. Rückgangs- bzw. Einwanderungsvorgänge einzelner Arten widerspiegeln. Zwischen 1983 und 2000 erschienen Checklisten zu 75 Tier- und vier Pflanzenartengruppen. 40 Rote Listen ausgewählter Pflanzen- und Pilzarten, Pflanzengesellschaften, Biotoptypen und Tierartengruppen wurden publiziert.

1995 wurde die TLU beauftragt, erste Entwürfe für Artenhilfsprogramme zu erarbeiten. Diese betreffen Arten, die hochgradig gefährdet sind und für deren Erhalt Thüringen eine besondere Verantwortung trägt. In den Artenhilfsprogrammen werden die historische und aktuelle Verbreitung der Art in Thüringen dargestellt und die wesentlichen Einzelvorkommen genau beschrieben. Es folgen jeweils Analysen zum Bestand, zum Lebensraum und zur Gefährdung der Populationen. In einem Maßnahmenkatalog werden die erforderlichen Schutzmaßnahmen festgelegt. Sie umfassen flächenscharfe Vorgaben für die Nutzung der Habitate, für Biotoppflege- und Gestaltungsmaßnahmen, für die Unterschutzstellung von Lebensräumen sowie zu Bestandsstützungs- und Wiederansiedlungsmaßnahmen. Die Grundlagenerhebungen und die konzeptionelle Vorbereitung der Maßnahmen werden in der Regel landesweit durch die TLU oder in ihrem Auftrag vorgenommen. Die Umsetzung durch die verschiedenen Naturschutzbehörden, die Schutzgebietsverwaltungen und die Landnutzer wird durch die Staatlichen Umweltämter koordiniert.

Für die Arten Auerhuhn (Abbildung 12), Haselhuhn, Steinkauz, Wildkatze, Kleine Hufeisennase, Bachmuschel und Panzer-Sommerwurz wurden in Thüringen bereits Artenhilfsprogramme erstellt. Sie befinden sich in der Umsetzung. Für den gefährdeten Feldhamster, die Gelbbauchunke sowie für die Libellenart Helm-Azurjungfer laufen vorbereitende Studien zum Bestand und zum Zustand der Lebensräume, für den Moorfrosch sind diese, zumindest in Ostthüringen, abgeschlossen. Für Vogelarten, die auf Grünland brüten, gibt es das Wiesenbrüterschutz-Programm.

Der Steinkauz zählt in Thüringen zu den akut vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Sein Brutbestand ist von etwa 30...35 Paaren im Jahr 1993 bis auf einen Rest von ca. zehn bis zwölf Brutpaaren zusammengeschmolzen. Das Artenhilfsprogramm legt seinen Schwerpunkt auf praktische Maßnahmen zur Biotopverbesserung und -pflege: Sachgerechte Pflege höhlenreicher Streuobstbestände und Kopfbäume, frühe Mahd bzw. extensive Beweidung von Grünland sowie regelmäßige Betreuung der angebrachten Niströhren und Gebäudebrutplätze. Neben dem Bestandsmonitoring erfolgte auch eine Bestandsstützung, da eine Einwanderung gebietsfremder Steinkäuze zur Auffüllung des isolierten Restbestandes unwahrscheinlich ist. So zogen im Jahr 1998 fünf Brutpaare dreizehn Jungkäuze erfolgreich auf.

Die Pflege und Entwicklung von Streuobstbeständen und extensiv genutztem Grünland verbessert auch den Lebensraum für eine Reihe anderer Vogelarten und zahlreicher Organismen, die aufgrund ihrer aktuellen Gefährdung in den Roten Listen Thüringens aufgeführt sind. Der Steinkauz stellt somit eine geeignete Zielart für ein effektives Biotopmanagement dar.

Die Artenhilfsprogramme für die vom Aussterben bedrohten Raufußhühnerarten Auer- und Haselhuhn werden laufend weitergeführt, nachdem in den vergangenen drei Jahren mit Finanzmitteln der EU in den Lebensräumen dieser Arten habitatverbessernde Maßnahmen realisiert worden sind. Das Wiederansiedlungsprojekt für das Haselhuhn ist auf das Forstamt Ilfeld beschränkt, wo 1998 21 Haselhühner in die vorbereiteten Eingewöhnungs-Volieren gebracht und später freigelassen wurden. Inzwischen gelangen zahlreiche Beobachtungen im Umfeld des Freilassungsortes, der unmittelbar an das niedersächsische Projektgebiet im Forstamt Walkenried angrenzt.
Die Bestandsstützungsmaßnahmen für das Auerhuhn wurden weiterhin auf das Thüringer Schiefergebirge und die Uhlstädter Heide konzentriert. Erstmalig wurde auch der Raum um Steinheid einbezogen, der sich durch besonders gut geeignete Lebensräume auszeichnet. Dort wurden 1998 30 und 1999 neun gezüchtete Auerhühner freigelassen. Auch lebensraumverbessernde Maßnahmen wurden weitergeführt. Dies betrifft vor allem die Ausgleichsflächen für die Bauvorhaben Pumpspeicherwerk Goldisthal und die Trinkwassertalsperre Leibis. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurden Ende Dezember 1999 erstmals 17 Auerhühner aus Wildfängen importiert, in vorbereitete Quarantäne-Volieren eingesetzt und nach Ablauf der Quarantäne ausgewildert.

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Moorfrosch

Im Rahmen der Vorbereitung eines Artenhilfsprogramms für die Wildkatze wurde die aktuelle Verbreitung der Art als Basis für das zu erstellende Schutzkonzept genutzt. Der bekannte Verbreitungsschwerpunkt in Nordthüringen mit Harz, Kyffhäuser, Eichsfeld, Werrabergland und Hainich (vor allem im Nationalpark) wurde bestätigt und mit neuen Nachweisen untermauert. Darüber hinaus wurden durch Markierung von Einzeltieren mit Mini-Sendern Ergebnisse zu Raumbedarf, Lebensraumnutzung und Siedlungsdichte erzielt, die eine wichtige Basis für Schutzmaßnahmen darstellen.

Der Moorfrosch kommt in Thüringen nur in wenigen Teichgebieten Ost- und Mittelthüringens in größerer Zahl vor. Nach Bestandserfassungen an den Laichgewässern in fünf Teichgebieten (1995, 1996) weisen die Ergebnisse in vier Untersuchungsgebieten auf relativ individuenreiche und auch stabile Moorfrosch-Populationen hin. Im Ergebnis der Erfassung wurde die Vergrößerung des NSG "Drebaer Teichgebiet" um weitere wertvolle Teich- und Wiesenflächen bereits realisiert.

Abb14 Kleine Hufeisennase
Kleine Hufeisennase

Die Kleine Hufeisennase ist gegenwärtig in Thüringen akut vom Aussterben bedroht. Ehrenamtlich arbeitende Quartierbetreuer trugen wesentlich zur Erforschung der Bestandssituation bei. Insbesondere die Interessengemeinschaft für Fledermausschutz und -forschung (IFT) führt seit 1994 ein Bestandsmonitoring durch. Die Anzahl der Wochenstuben beträgt zurzeit 18, der sonstigen Sommerquartiere 29, der Winterquartiere 68 und Funde außerhalb von Quartieren vier. Die Verbreitungsschwerpunkte liegen in den klimatisch begünstigten Lagen der Naturräume Ilm-Saale-Ohrdrufer Platte, Paulinzellaer Buntsandstein-Waldland, Saale-Sandstein-Platte, Saaleaue, Obere Saale, Werrabergland-Hörselberge und Zechsteingürtel Bad Liebenstein. Danach ist eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz dieser Art erforderlich. Dabei geht es in erster Linie um den Schutz sowohl der Winterquartiere wie Keller, Höhlen und Stollen als auch der Wochenstubenquartiere wie Dachböden und Scheunen. Eine Begleitung der Sanierungsmaßnahmen durch Fachleute und die Schaffung neuer Quartiermöglichkeiten bei Neubauten sollten in jeder Gemeinde- bzw. Stadtsatzung bei Vorkommen gebäudebewohnender Fledermausarten verankert werden.
Eine weitere wesentliche Aufgabe besteht in der Erhaltung und Pflege der nächtlichen Fluggebiete, der (Jagd-)Habitate. In der Nähe der Wochenstuben- bzw. Sommerquartiere müssen geeignete Strukturen zur nächtlichen Jagd für die sehr standorttreue Kleine Hufeisennase vorhanden sein. Das gilt ebenso für die Winterquartiere, die in den Übergangzeiten zur Winterschlafphase im Herbst und im Frühjahr nächtlich verlassen und wieder bezogen werden und auch als Sommerquartier dienen können. Bei der Dorfbiotopkartierung in den Ortschaften mit Vorkommen der Kleinen Hufeisennase wurden die unbedingt zu schützenden und zu erhaltenden Biotopstrukturen besonders gekennzeichnet. Eine Studie enthält Karten der betreffenden Ortschaften. Das Artenhilfsprogramm sieht als Konsequenz einen Verbund der Habitate im Sinne der FFH-Richtlinie vor. Durch den Biotopverbund profitieren auch andere Arten bzw. Artengruppen der Kulturlandschaft. Eine Ausweisung von Schutzzonen in Bereichen nachgewiesener Vorkommen ist anzustreben, sie sind in Landschafts- und Bauleitplanungen unbedingt einzubeziehen.

Zu den Wiesenbrütern gehören in Thüringen insbesondere Großer Brachvogel (nur Einzelvögel), Wachtelkönig, Bekassine, Kiebitz, Schafstelze, Grauammer, Braunkehlchen und Wiesenpieper. Weißstörche nutzen feuchte Wiesen als unverzichtbare Nahrungshabitate. Bereits vor einigen Jahren wurde begonnen, ein landesweites Kataster von Gebieten für den Schutz dieser stark gefährdeten Vogelarten zu erstellen. Das zentrale Flächenkataster stellt eine wichtige Grundlage für die Umsetzung der beiden Förderprogramme des Freistaates Thüringen dar. Die staatlichen Fördermittel sollen vorrangig in ausgewiesenen Wiesenbrütergebieten eingesetzt werden. Die Gesamtfläche der im Flächenkataster ausgewiesenen 111 Untersuchungsgebiete beträgt etwa 14.060 ha. Fast ein Viertel der Gebiete wurde als "sehr wertvoll" für den Wiesenbrüterschutz eingestuft. Die meisten dieser Gebiete befinden sich in Auenbereichen insbesondere der größeren Flüsse Werra, Unstrut und Helme. Aber auch der Thüringer Wald und das Thüringer Schiefergebirge weisen Wiesenbrütervorkommen von landesweiter Bedeutung auf. Für die wichtigsten Wiesenbrütergebiete wurden Nutzungs- und Pflegekonzeptionen erstellt. Langfristig soll mit Hilfe flächenscharfer Entwicklungskonzepte und verbesserter Förderrichtlinien die Akzeptanz extensiver Bewirtschaftungsformen in enger Zusammenarbeit mit den Flächennutzern erhöht und damit ein effektiverer Wiesenbrüterschutz erreicht werden. - Im Jahr 2000 wurde die Wiesenbrüterkartierung wiederholt, um die Effizienz der beiden Förderprogramme einschätzen zu können und das Flächenkataster zu aktualisieren.

Zu den Aufgaben des Naturschutzes gehört, dafür Sorge zu tragen, dass die Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft erhalten bleibt und insbesondere der Bestand bedrohter Pflanzen- und Tiergemeinschaften und ihrer Lebensräume nachhaltig gesichert wird. Ein unverzichtbares Mittel hierfür ist die Ausweisung von Naturschutzgebieten (NSG). Diese haben seit 1990 in Thüringen an Zahl und Fläche stark zugenommen. Waren es vor der Wende 154 NSG (Stand 31.12.1989) mit einer Gesamtfläche von 12.850 ha, stieg die Anzahl bis zum 09.02.1993 auf 366 NSG mit einer Fläche von etwa 67.000 ha- wenn auch zunächst nur durch einen vorläufigen, zeitlich begrenzten Schutzstatus: Einstweilige Sicherstellungen (insgesamt 194 NSG und 23 NSG-Erweiterungen auf 49.700 ha).

Abb15 Grenzstreifen
Das "Grüne Band" im ehemaligen Grenzstreifen

Im ehemaligen Grenzgebiet hatten sich Lebens- und Rückzugsräume für zahlreiche seltene und gefährdete Pflanzen- und Tierarten erhalten und entwickeln können. Nach der "Wende" war von einem "grünen Band" in der Mitte Europas die Rede. Der Freistaat Thüringen hat mit etwa 737 km Länge den weitaus größten Anteil aller Bundesländer an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Eine wichtige Aufgabe war, diese Landschaften und Lebensräume in geeigneter Weise und in erforderlichem Umfang auf Dauer zu bewahren, zumal der Druck auf Natur und Landschaft durch die verschiedensten Nutzungsformen und die Inanspruchnahme von Naturgütern drastisch zunahm. Wie eine Perlenkette zog sich nun eine ganze Reihe von neuen Naturschutzgebieten im Bereich des ehemaligen Grenzgebiets entlang (Abbildung 15).

Darüber hinaus wurden im Landesinneren Lücken beim Schutz von wertvollen und gefährdeten Lebensräumen und Landschaftselementen geschlossen, um Rückzugsräume für bedrohte Pflanzen- und Tierarten in ansonsten intensiv genutzten Gebieten zu erhalten. Die Ausweisung von Schutzgebieten spielte hierbei eine wichtige Rolle - neben den Naturschutzgebieten, auch von Landschaftsschutzgebieten (LSG), Naturparken und Biosphärenreservaten. Insbesondere war das System der Naturschutzgebiete Thüringens konsequent auszubauen und dabei vor allem hochgradig schutzwürdige und schutzbedürftige artenreiche Trockenrasen und Feuchtgebiete, alt- und totholzreiche Laubwälder sowie Gesteinsbiotope besonders zu berücksichtigen. Im Bereich von Truppenübungsplätzen, die zum Teil bereits kurz nach der Wende nicht mehr militärisch genutzt wurden, war ebenfalls ein außergewöhnlich hohes Naturschutzpotenzial vorhanden. Im Rahmen des Nationalparkprogramms der DDR wurden die beiden Biosphärenreservate "Vessertal - Thüringer Wald" und "Rhön" in ihrer heutigen Form ausgewiesen. Hier musste der Gedanke des Schutzes und einer nachhaltigen, naturverträglichen Nutzung der Landschaft entwickelt werden.

Für die mehr als 200 zwischen 1990 und 1994 einstweilig gesicherten NSG und NSG-Erweiterungen, zahlreiche LSG und die Naturparke war allerdings der vorläufige Schutzstatus spätestens 1997 ausgelaufen, ohne dass bis dahin eine endgültige Unterschutzstellung erfolgen konnte. Diese kann und wird nur schrittweise vollzogen werden. Seit dem In-Kraft-Treten des Thüringer Naturschutzgesetzes 1993 wurden durch das Thüringer Landesverwaltungsamt 75 NSG endgültig gesichert. Damit verfügt Thüringen heute über 238 NSG mit einer Fläche von 29.988 ha (Stand 31. Dezember 2000), das sind 1,8 % der Landesfläche. Die TLU begleitete den Prozess der Sicherung, Ausweisung und Betreuung von Schutzgebieten durch umfassende fachliche Beratung. Sie unterbreitete Gebietsvorschläge, ließ Schutzwürdigkeitsgutachten anfertigen, wertete diese aus und gab Empfehlungen für die Abgrenzung und Verordnungsinhalte sowie für Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen. Darüber hinaus entwickelte sie konzeptionelle Vorstellungen zum weiteren Auf- und Ausbau des landesweiten Schutzgebietssystems in Thüringen.

Ein Teil der neuen großflächigen, zunächst einstweilig gesicherten Naturschutzgebiete liegt im Bereich ehemaliger Truppen- und Standortübungsplätze. Wo nach Abzug der Panzer "Mondlandschaften" erwartet wurden, erstrecken sich vielfältig strukturierte Offenland-, Busch- und Waldflächen, die unterschiedlichsten Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bieten. Viele der Arten stehen auf der Thüringer Roten Liste und sind im Umfeld der ehemaligen Übungsplätze verschwunden. Die Übungsplätze blieben weitgehend verschont vom Einsatz von Düngemitteln und Herbiziden, der Entwässerung und Ausräumung der Landschaft und damit der Beseitigung von bestimmten Biotopen (z. B. von Tümpeln und Feldgehölzen). Manche Tiergruppen, z. B. Wiesenbrüter, zogen sich in diese relativ ungestörten Flächen zurück. In Kleingewässer, aus Fahrspuren und Sprengtrichtern entstanden, gab es für manche Amphibienarten die größten Vorkommen des Landes. Viele versumpfte Bereiche wurden vom Übungsbetrieb gemieden, nicht trockengelegt und sind noch immer Lebensraum feuchteliebender Arten. Pilze und Insekten, die totes Holz bewohnen, fanden günstige Lebensbedingungen in wenig genutzten Wäldern. Durch zusammenbrechende Bäume entstanden Lichtungen. Ein solches Mosaik unterschiedlicher Lebensräume ist den Verhältnissen einem Urwald ähnlich. Beispiele hierfür sind im heutigen Nationalpark Hainich und in der Hohen Schrecke zu finden. Insgesamt betrachtet liegt in den großen militärischen Liegenschaften ein großes Potenzial an naturschutzrelevanten Flächen. Deshalb wurden 1993 18 Flächen mit fast 18.000 ha als Naturschutzgebiete einstweilig sichergestellt. In der Folgezeit wurden diese durch die TLU einer intensiven naturschutzfachlichen Bestandsaufnahme und Prüfung unterzogen. Die Ergebnisse sollen in der endgültigen Ausweisung zumindest der ehemaligen, nicht mehr genutzten Plätze als Naturschutzgebiete (neben der Ausweisung des Nationalparks Hainich) ihren Niederschlag finden.

Eines der wichtigsten Anliegen eines zukunftsweisenden Naturschutzes in Mitteleuropa ist die Entwicklung von naturbelassenen Ökosystemen mit einer weitgehend unbeeinflussten Dynamik auf ausgewählten Flächen ohne jeden menschlichen Eingriff. Dies sind Totalreservate innerhalb von Naturschutzgebieten. Wie viel und welche Freiräume in Thüringen für eine solche natürliche Entwicklung in unserer relativ dicht besiedelten Kulturlandschaft bereit gestellt werden sollten, ist Inhalt eines von der TLU entwickelten Konzepts zur Schaffung eines Systems von Totalreservaten. Das Konzept sieht vor, alle typischen Waldökosysteme durch ein repräsentatives Netz von Totalreservaten in ausreichender Flächengröße und Anzahl zu erfassen. In diesen Gebieten soll die gesamte natürliche Entwicklungsdynamik zwischen Verjüngung und Zerfall, mit allen in einem "Urwald" zu erwartenden Ausprägungen, ermöglicht werden. Mindestens 70 repräsentative Totalreservate von jeweils etwa 100 ha und vier großflächige Totalreservate von mindestens 500, möglichst aber 1.000 ha und größer (im Nationalpark Hainich und in der Hohen Schrecke) sollen künftig möglichst alle Naturräume Thüringens mit ihrer Vielfalt an Waldökosystemen dokumentieren. Das Konzept bezieht die Naturwaldparzellen der Landesforstverwaltung als wesentlichen Teil mit ein. Der geschätzte Flächenbedarf liegt bei etwa 1 % der Landesfläche bzw. 3,2 % der Gesamtwaldfläche Thüringens. Erste Ergebnisse bei der Umsetzung dieses Konzeptes sind mit der Ausweisung der zwei Kernzonen im Nationalpark Hainich mit insgesamt etwa 2.100 ha und der Festlegung einer bewirtschaftungs- und pflegefreien Zone von 122 ha im Rahmen der endgültigen Ausweisung des NSG "Süd-West-Kyffhäuser" zu verzeichnen (zusammen mit den "Alt"-Totalreservaten beträgt die bewirtschaftungs- und pflegefreie Fläche i n Schutzgebieten gegenwärtig 3.277 ha, das sind 0,2 % der Landesfläche Thüringens). Weitere Projekte sind Totalreservate im Rahmen der Ausweisung weiterer NSG ("Hohe Schrecke", "Jägersruh" im Frankenwald, "Roßberg" in der Rhön, "Gleichberge" und "Straufhain" im Grabfeld), die Umsetzung der beiden Naturschutz-Großprojekte Kyffhäuser und Orchideenregion Jena sowie die Erweiterung der Kernzone im Biosphärenreservat "Vessertal - Thüringer Wald".

Abb16 Hainich

Der Freistaat Thüringen hat seit dem 31.12.1997 den 13. deutschen Nationalpark. Dies ist der erste Laubwald-Nationalpark Deutschlands, der den typischen Lebensraum Mitteleuropas, den sommergrünen, von der Rotbuche dominierten Laubmischwald, repräsentiert (Abbildung 16). Thüringen leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des heimischen Naturerbes und bekennt sich zur internationalen Verpflichtung Deutschlands zum Schutz und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in situ. Seine Ausweisung war ein naturschutzpolitischer Meilenstein.
Nach Prüfung von großen zusammenhängenden Laubwaldgebieten und unzerschnittenen Räumen in Thüringen wurde bereits 1993 von der TLU ein Erstentwurf mit Abgrenzungs- und Zonierungsvorschlägen an das TMLNU gegeben. In ständiger Zusammenarbeit mit diesem wurden Aufklärungs- und Fortbildungsveranstaltungen in der Region durchgeführt, die Erstellung von Landschaftsplänen und die Durchführung von Forschungsarbeiten veranlasst und betreut sowie eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Schließlich nahmen die Befürworter eines Nationalparks immer mehr zu, sodass der politische Wille mehrheitsfähig wurde und mit der konkreten Vorbereitung zur Ausweisung begonnen werden konnte.

Der Nationalpark ist in zwei Schutzzonen unterteilt. Die Zone I (Kernzone) umfasst gegenwärtig ca. 2.100 ha (28 % der Gesamtfläche). Hier bleibt die Natur sich selbst überlassen, ohne Holzeinschlag und ohne sonstige Nutzung. Die restliche Fläche gehört zur Zone II (Managementzone) mit stark reduziertem Holzeinschlag. Der Nationalparkverwaltung in Bad Langensalza ist ein Informationszentrum angeschlossen, das eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit zum Nationalpark leistet. Steigende Besucherzahlen und wachsende Bekanntheit lassen erkennen, dass hier der richtige Weg eingeschlagen wurde.

In den letzten Jahren hat eine besondere, umfangreiche Aufgabe die Gemüter aller Naturschützer und der Landnutzer erhitzt, die Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union (FFH-Richtlinie). Sie ist ein Kernstück des europäischen Naturschutzrechts mit dem Ziel, ein europaweites Netz besonderer Schutzgebiete mit der Bezeichnung NATURA 2000 zu errichten, das der Erhaltung schutzwürdiger Lebensräume sowie wild lebender Tier- und Pflanzenarten dient, die von gemeinschaftlichem Interesse sind.
Für Thüringen als dicht besiedeltes Land im Zentrum Europas ist unverzichtbar, sein reiches Naturerbe zu sichern und gleichzeitig den Aufbau seiner lebensnotwendigen Infrastruktur und die Entwicklung der Städte und Gemeinden erfolgreich fortsetzen zu können. Für Thüringen bestand also aus mehreren Gründen dringender Handlungsbedarf. Bei der Umsetzung der FFH-Richtlinie hat sich der Freistaat von drei Prinzipien leiten lassen:

  1. Es wurden - mit wenigen begründeten Ausnahmen - nur Gebiete gemeldet, bei denen die Konflikte zwischen Naturschutz und konkurrierenden Landnutzungen im Rahmen der Raumordnungsplanung im Vorfeld ausgeräumt worden waren.
  2. Es wurde festgelegt, dass sich der Vollzug der Regelungen der FFH-Richtlinie auf das unbedingt Notwendige beschränken und der Vollzug in einem FFH-Einführungserlass klar geregelt werden soll.
  3. Bei der Auswahl der Gebiete wurde auf umfassende Information der Betroffenen und auf maximale Transparenz des Auswahlprozesses gesetzt.

Dieses Vorgehen ist inzwischen in der bundesweiten Diskussion als der "Thüringer Weg der Umsetzung der FFH-Richtlinie" bekannt. Alle bereits in den Jahren 1994 und 1995 von den zuständigen Fachbehörden erarbeiteten fachlichen Informationen über mögliche FFH-Gebiete wurden in die regionale Raumordnungsplanung eingebracht und dort mit den anderen Nutzungsansprüchen abgeglichen. Die regionalen Planungsgemeinschaften entschieden schließlich im Rahmen ihrer Abwägung über Vorrang und Vorbehalt der verschiedenen Nutzungen. Mit dem Beschluss des Kabinetts zur Verbindlicherklärung der Regionalen Raumordnungspläne vom April 1999 fand dieses Verfahren seinen Abschluss. Für alle fachlichen Fragen im Zusammenhang mit der Auswahl der Gebiete entsprechend den Kriterien der FFH-Richtlinie war die TLU seit 1993 federführend.

Die TLU führt eine umfassende Schutzgebietsdokumentation. Die Laufendhaltung von Unterlagen und Daten für alle Schutzgebiete ist wichtige Voraussetzung für die Berücksichtigung der Schutzgebiete und der für sie geltenden Rechtsvorschriften bei Planungen der verschiedensten Bereiche. Kern ist das Zentralregister aller Schutzgebiete und -gegenstände des Freistaates Thüringen.
Die zentrale Schutzgebietsdokumentation wird ständig aktualisiert und ist damit ein wesentliches Arbeitsmittel für Behörden, Institutionen, Vereine und Verbände sowie für Planungsbüros. Sie gewährleistet die Bereitstellung von Umweltinformationen und steht als Informationsquelle für die Bevölkerung zur Verfügung.

Die Kulturlandschaften Thüringens sind geprägt von schutzwürdigen Lebensräumen, die ihren Wert der extensiven Nutzung und Pflege durch den Menschen verdanken:
Ein sehr wichtiges Förderprogramm zur Pflege der Landschaft ist das "Programm zur Förderung von umweltgerechter Landwirtschaft, Erhaltung der Kulturlandschaft, Naturschutz und Landschaftspflege in Thüringen", kurz KULAP genannt.
Die TLU hatte die Aufgabe, dieses Programm hinsichtlich der Erfüllung der naturschutzfachlichen Zielvorstellungen zu bewerten. Dabei stellte sich heraus, dass das KULAP überwiegend positiv auf Vegetation und ausgewählte Elemente der Fauna wirkt.

Mit dem 1992 aufgestellten "Programm zur Förderung von Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege" (Vertragsnaturschutz) wurde ein Instrument geschaffen, mit dem sowohl die Auflagen des Naturschutzes, als auch die Wirtschaftsinteressen der Pflegebetriebe in Übereinstimmung gebracht werden können. Der Vertragsnaturschutz förderte damit nicht nur die Pflege von insgesamt ca. 5.000 ha wertvoller Biotopflächen, sondern trug auch zur Einkommenssicherung von Landwirten und Pflegebetrieben im ländlichen Raum bei. Um eine Förderung nach dem "Gießkannenprinzip" zu vermeiden, erhielt die TLU die Aufgabe, Schwerpunkte für den Mitteleinsatz festzulegen. Grundlagen sind dabei die von der TLU koordinierte Biotopkartierung, die Kartierungen im Rahmen des Thüringer Artenerfassungsprogramms sowie von Planungsarbeiten und Schutzgebietsgutachten. Hinzu tritt die Definition der naturräumlichen Gliederung und der Formulierung von Leitbildern für die zukünftige Entwicklung der Naturräume. Der Erfolg des Naturschutzprogramms ist also abhängig von einer detaillierten Analyse des schutz- und entwicklungswürdigen Potenzials, und von einer praxistauglichen Umsetzung im Rahmen von standortgemäßen Konzeptionen.

Die Unstrut ist einer der am stärksten umgestalteten Flüsse Deutschlands: Fast durchgehend begradigt und in ein Hochwasserdoppelprofil gezwängt. Die breite Aue wird intensiv ackerbaulich genutzt. Sie hat in weiten Bereichen fast alles an standorttypischen Elementen wie Auwäldern, Feuchtwiesen, Kalkniedermooren, Kleingewässern und Röhrichtflächen eingebüßt und damit auch an ästhetischem Reiz verloren. Dennoch existieren an einzelnen Gewässerabschnitten der Unstrut und ihren Nebenbächen naturnahe Bereiche, die als Kristallisationspunkte für eine Wiederbelebung der Aue dienen könnten. Die TLU Jena wurde 1993 beauftragt, die Unstrut als Beispiel eines sehr stark anthropogen geprägten Gewässers in einer Landschaft mit intensiv betriebener Agrarproduktion auf Möglichkeiten einer naturnahen Umgestaltung zu untersuchen und eine Leitidee für die Revitalisierung zu entwickeln. Das Gesamtvorhaben wurde vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) durch ein Forschungsprojekt wissenschaftlich gestützt und begleitet.
Nach dem In-Kraft-Treten des Bundesnaturschutzgesetzes in den neuen Bundesländern wurden auch die Bestimmungen über die Landschaftsplanung und die Eingriffsregelung wirksam. Die TLU wurde mit verschiedenen Aufgaben der fachlichen Begleitung bei der Landschaftsplanung betraut.
Von der TLU waren zunächst ein Fachbeitrag zum Landschaftsprogramm und ein Beitrag zum Landesentwicklungsprogramm zu erarbeiten. Der bereits 1992 und 1993 ausgearbeitete Fachbeitrag enthält die wissenschaftlichen Grundlagen, die für die bevorstehende Ausarbeitung des Landschaftsprogramms notwendig sind. Er konkretisiert die Rahmenziele des Naturschutzes auf die Ebene des Landes, stellt die natürlichen Grundlagen dar und enthält Angaben zur Situation des Naturschutzes, zum Zustand der unbelebten Schutzgüter, zum Bestand an Pflanzen und Tieren, an Lebensräumen und Erholungsgebieten sowie von Schutzgebieten der unterschiedlichen Kategorien.

Der Erhaltung und Regenerierung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Umsetzung ökologischer Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege sowie dem Schutz von Natur und Landschaft ist nicht nur in geschützten Bereichen Rechnung zu tragen, sondern in der gesamten Kulturlandschaft. Diesem Anliegen widmen sich besonders die naturschutzfachlichen Leitbilder. Dazu wurden die Leitlinien für die einzelnen Landnutzungen formuliert, wie die Nutzung des Offenlandes (Hecken, Grünland usw.), der Wälder, der Gewässer, die Gestaltung von Ortschaften, die Gewinnung von Bodenschätzen, die Nutzung der Landschaft für Infrastruktureinrichtungen, durch Sport und Erholung, durch Jagd und Fischerei bis hin zur Errichtung von Windkraftanlagen. Auf der Basis der naturräumlichen Gliederung sind im ersten Ansatz die naturschutzfachlichen Leitbilder für alle 45 Naturraumeinheiten dargestellt. Sie enthalten eine Gesamtschau der Zielvorstellungen des Naturschutzes und der Landschaftspflege für den betreffenden Naturraum. Dieser Fachbeitrag zum Landschaftsprogramm ist auch Maßstab für die Beurteilung aller für die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege relevanten Planungsvorhaben einschließlich der Eingriffe in Natur und Landschaft. Wesentliche Inhalte der wissenschaftlichen Beiträge wurden in die Bestands- und Entwicklungskarten des Landesentwicklungsprogramms Thüringen übernommen. Im Jahre 2000 war die TLU an der Überarbeitung und Aktualisierung des Landschaftsprogramms beteiligt.

Für alle vier Regionen Thüringens wurden von 1993 bis 1994 Landschaftsrahmenpläne durch Planungsbüros erarbeitet. Sowohl die Auftragsvergabe als auch die methodische und fachliche Betreuung bei der Erarbeitung der Landschaftsrahmenpläne oblag der TLU. Der Zeitraum reichte jedoch für die Erarbeitung qualifizierter Pläne nicht aus. Deshalb wird von Grobkonzepten der Landschaftsrahmenpläne gesprochen. In ihnen konnten jedoch bereits erste landschaftsplanerische und naturschutzfachliche Zielaussagen formuliert werden, die nach Vorlage der Arbeiten in die Fachkapitel der Regionalen Raumordnungspläne integriert wurden.
Auch die Erarbeitung der Landschaftspläne wurde von der TLU methodisch und fachlich begleitet. Zuständig für die Erstellung von Landschaftsplänen sind die unteren Naturschutzbehörden. In den Landschaftsplänen werden die örtlichen Erfordernisse und Maßnahmen zur Verwirklichung der Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege dargestellt. Bis heute sind etwa 90 % der Fläche des Freistaates landschaftsplanerisch bearbeitet.
Das Luftbild ist ein modernes Dokumentations- und Arbeitsinstrument auch für den Naturschutz und die Landschaftspflege. Im Auftrag der TLU wurde in den Jahren 1993 und 1994 eine Befliegung des Freistaats durchgeführt und betreut. Im Doppelkammerflug entstanden Colorinfrarot-Dias (CIR) und Normalfarben-Luftbilddias in stereoskopisch auswertbarer Überlappung. Diese Luftbilder werden in erster Linie von der Naturschutzverwaltung Thüringens genutzt. Es besteht jedoch auch ein umfangreicher Ausleih- und Kopierdienst. Diesen nehmen in erster Linie Planungsbüros im Auftrag der Naturschutzbehörden, der Landwirtschaft und der Flurneuordnung wahr. Darüber hinaus werden die Luftbilder von Universitäten und Hochschulen zur wissenschaftlichen Analyse von Natur und Landschaft herangezogen. Allein im Jahr 2000 umfasste die Ausleihe etwa 4.500 Luftbilder.

Die Thüringer Naturschutzverwaltung muss die große, sehr heterogene Fülle der naturschutzfachlichen Daten sammeln, ordnen und bei Bedarf für die praktische Arbeit auf den Gebieten des Naturschutzes, der Landschaftspflege, der Landschaftsplanung und deren Teilbereiche bereitstellen. Seit 1991 ist im Bereich Naturschutz eine Vielzahl von Spezialkartierungen angelaufen, die mehr oder weniger vollständig digital erfasst werden. Die Kartierungen liefen bzw. laufen noch nebeneinander her, auf Grund fachlicher Erfordernisse weichen die Kartieranleitungen und damit die entstehenden digitalen Daten von einander ab. Die historische Entwicklung hat darüber hinaus zur Nutzung unterschiedlichster DV-Erfassungsprogramme geführt. Die Fülle dieser detaillierten Daten aus den Einzelerfassungen ist nur unter sehr hohem Aufwand oder mit inhaltlichen Einschränkungen zu recherchieren. Darüber hinaus hat sich Thüringen einer Vereinbarung über den Austausch von Daten über die Umwelt zwischen den Bundesländern und dem Bund angeschlossen, die regelmäßig standardisierte Datenlieferungen über alle Bereiche des Naturschutzes hinweg nach sich ziehen wird. Diese Vereinbarung ist ohne einheitlich organisierte Daten nur mit immensem Aufwand zu erfüllen.
Um die Datenverwaltung zu rationalisieren, arbeitet die TLU am Aufbau eines Landschaftsinformationssystems Thüringen (LINFOS). Es wird angestrebt, alle naturschutzfachlichen Daten in einer ORACLE-Datenbank zusammenzufassen. Auf dieser Datenbasis sollen Verfahren und Komponenten zur Konsistenzprüfung der Daten bei Übernahme in die ORACLE-Datenbank sowie zur sachdaten- und geometriedatenbezogenen Pflege und Recherche der Daten entwickelt werden. Bis 1997 konnten hierzu ein Konzept erarbeitet und bis Ende 2000 die ersten Daten aus PC-Eingabeprogrammen in ORACLE übernommen werden. Ziel ist die digitale Recherchierbarkeit und die Bereitstellung von naturschutzfachlichen Informationen über Natur und Landschaft für die Thüringer Naturschutzverwaltung und für externe Interessenten.

Der Verursacher eines Eingriffs in Natur und Landschaft ist gesetzlich verpflichtet, vermeidbare Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft zu unterlassen sowie unvermeidbare Beeinträchtigungen innerhalb einer bestimmten Frist durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege auszugleichen. Durch Ausgleichsmaßnahmen soll eine möglichst gleichartige Wiederherstellung von Natur und Landschaft in direkter Nähe zum Eingriff erreicht werden. Ist ein zu genehmigender Eingriff aber nicht ausgleichbar, so sind vom Verursacher Ersatzmaßnahmen zu verlangen, bei denen der räumliche und sachliche Bezug zum Eingriff gelockert ist. Soweit der Verursacher zur Ausführung dieser Maßnahmen nicht in der Lage ist, lässt die zuständige Naturschutzbehörde stattdessen Ersatzmaßnahmen auf Kosten des Verursachers durchführen. Wenn ein Eingriff nicht oder nicht vollständig ausgleichbar ist und auch Ersatzmaßnahmen nicht durchführbar sind, hat der Verursacher mit dem Beginn des Eingriffs eine Ausgleichsabgabe zu entrichten. Die Mittel der Ausgleichsabgabe können dann zur Verbesserung von Natur und Landschaft an anderer Stelle eingesetzt werden.

Zu den größten Bauvorhaben in Thüringen gehören die Errichtung des Pumpspeicherwerkes Goldisthal und der Trinkwassertalsperre Leibis. Die TLU hatte zu den Planfeststellungsverfahren umfangreiche fachliche Zuarbeit zu leisten. Dies betraf neben wasserwirtschaftlichen vor allem naturschutzfachliche Belange. Eingehenden Analysen zu Artenbeständen und Biotopausstattung folgten Einschätzungen ihrer zu erwartenden Beeinträchtigungen sowie Begutachtungen der von den Betreibern vorgesehenen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen. Dabei musste auf die Notwendigkeit der Entrichtung von Ausgleichsabgaben hingewiesen werden. Da seit 1990 eine Vielzahl von Eingriffen bzw. entsprechende Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen (Kompensationsmaßnahmen) genehmigt und ausgeführt wurden, ist eine landesweite Übersicht zwingend notwendig. Insbesondere sind Doppelungen von Flächen für Maßnahmen auszuschließen und ihre Herstellung und Entwicklung zu kontrollieren. Deshalb war durch die TLU ein digitales Eingriffs- und Kompensationsinformationssystem (EKIS) zur Unterstützung der Arbeit der Naturschutzverwaltungen zu erstellen. Mit dem Eingriffsregister sollen in der Naturschutzverwaltung die wichtigsten Informationen digital verwaltet werden. Zu den wesentlichen Informationen gehören: Die Art des Eingriffs, die gesetzliche Grundlage, Träger, Planer und Genehmigungsbehörde, die Größe und Lage von Eingriffsvorhaben und Kompensationsmaßnahmen, der Stand des Verfahrens, betroffene Flurstücke, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen, Termine, Notizen und Entwürfe von Stellungnahmen. EKIS Thüringen wurde im Frühjahr 1998 fertig gestellt und seit August 1998 von verschiedenen Thüringer Naturschutzbehörden angewendet. Dabei wurden bisher etwa 350 Vorgänge zu Großprojekten (Straßenbau, Bahntrassen u. a.) digital erfasst. Im Jahre 2000 wurde das Programm auf der Basis der Anwender-Erfahrungen verbessert und um ein Modul zur Digitalisierung von Flächen erweitert.

Abb17 Seebach
Staatliche Vogelschutzwarte Seebach

In Seebach (Unstrut-Hainich-Kreis) befindet sich in einer denkmalgeschützten Wasserburg die zur TLU gehörende Staatliche Vogelschutzwarte Seebach. Als "Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz" mit staatlicher Anerkennung besteht sie bereits seit 1908 und ist damit in ihrer Art die älteste Einrichtung Deutschlands. Sie wurde durch HANS FREIHERR VON BERLEPSCH, den Nestor des wissenschaftlichen Vogelschutzes in Deutschland, begründet. Heute ist sie als Vogelschutzwarte für die landesweite Koordinierung der wissenschaftlichen Vogelberingung und die fachliche Beratung auf dem Gebiet des Vogelschutzes und der angewandten Vogelkunde zuständig. Sie hat insbesondere folgende Aufgaben:

  • Auffang- und Pflegestation: In der Auffang- und Pflegestation werden kranke und verletzte Vögel in Pflege genommen mit dem Ziel, diese nach Genesung wieder auszuwildern. Dauerpfleglinge können in den Außenvolieren von Besuchern des Vogelschutzparks besichtigt werden.
  • Schutzzentrum: Die im Rahmen des Artenschutzvollzuges beschlagnahmten oder aus anderen Gründen eingezogenen Vögel werden im Schutzzentrum der Vogelschutzwarte untergebracht. Durch den komplexen Umbau eines vorhandenen Gebäudes können bis zu 65 Vögel art-, verhaltens- und tierschutzgerecht sowie vor Zugriffen Unberechtigter gesichert untergebracht werden. Künftig können auch bestimmte Reptilien- und Amphibienarten aufgenommen werden.
  • Wissenschaftliche Vogelberingung: Die wissenschaftliche Vogelberingung in Thüringen wird in Zusammenarbeit mit der Beringungszentrale Hiddensee koordiniert und betreut. Ihre Ergebnisse fließen in das Thüringer Artenerfassungsprogramm ein und können den Naturschutzbehörden für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus werden die Ergebnisse auch in europa-, bundes- bzw. landesweit laufende Forschungsprogramme eingebunden, z. B. bei internationalen Fragestellungen des Vogelzuges. Seit 1991 wurden in Thüringen rund 150.000 Vögel zu wissenschaftlichen Zwecken durch die aufopferungsvolle ehrenamtliche Tätigkeit von durchschnittlich etwa 60 aktiven Beringern beringt.
  • Erlebbarer Vogelschutz: Mit dem didaktischen Konzept "Erlebbarer Vogelschutz in Seebach" kann mehr "Naturerleben" geboten werden. Der Vogelschutzpark wie auch die alte Wasserburg selbst bieten dazu viele "Erlebnisorte des Vogelschutzes". Auf Workshops und während der Führungen können die Besucher mit allen Sinnen Vögel erleben, in Nester sehen und die verschiedenen Gesänge der Vögel wahrnehmen. Darüber hinaus werden fachlich geführte Exkursionen in die Umgebung angeboten. An speziellen Projekttagen werden Voraussetzungen geschaffen, dass Schulklassen auch bei ungünstiger Witterung unter Anleitung praktische Arbeiten wie den Bau von Nistkästen und Bruthilfen durchführen können. Feder- und Gewölleuntersuchungen sowie die Bestimmung von Vogeleiern gehören ebenso zum Angebot wie Vogelstimmenexkursionen. Des Weiteren stehen audiovisuelle Geräte und das Internet als moderne Medien der Vogelbeobachtung und -bestimmung zur Verfügung. Auf einem ökodidaktischen Lehrpfad durch den Vogelschutzpark werden das Vogelleben an sieben Stellwänden und zwei Nistkasten-Präsentationswänden erläutert und praktische Hinweise für den Arten- und Biotopschutz gegeben. Für das vorhandene Angebot sowie die Bereitstellung neuer Schlaf- und Lebensstätten für Fledermäuse erhielt die Vogelschutzwarte die Plakette "Fledermausfreundlich" überreicht.

In den Jahren 1991 bis 2000 hatten Vogelschutzwarte und -park insgesamt 16.388 Besucher. Sowohl die planmäßigen Veranstaltungen als auch Konzerte und andere kulturelle Höhepunkte des Unstrut-Hainich-Kreises haben wesentlich zum Bekanntheitsgrad unserer Seebacher Einrichtung beigetragen.