12.02.2014 11:13 Uhr

Fließgewässerstruktur

GW-Struktur

Die Gewässerstrukturkartierung beschreibt die Struktur und damit die Naturnähe bzw. die ökologische Funktionsfähigkeit eines Fließgewässers. Neben der biologischen und chemischen Gewässergüte, die der Ermittlung der Wasserqualität dienen, hat insbesondere die Struktur eines Gewässers entscheidenden Einfluss darauf, ob sich für den jeweiligen Gewässerabschnitt eine typische Lebensgemeinschaft ausbilden kann.
Die ökologische Funktionsfähigkeit von Fließgewässern ist, abgesehen von stofflichen Belastungen in hohem Maße von einer intakten und natürlichen Gewässerstruktur abhängig. Diese spiegelt sich in der Regel auch in einer ungestörten Abfluss- und Feststofftransportdynamik wider. Darüber hinaus sind Gewässerstruktur und Lebensraumqualität der Gewässer eng miteinander verknüpft. Ziel der Strukturkartierung in Thüringen ist die objektive, nachvollziehbare Einschätzung der ökologischen Funktionsfähigkeit der wichtigsten Fließgewässer anhand von definierten Strukturparametern, die die gewässermorphologischen Eigenarten und Prozesse direkt oder indirekt beschreiben.
Der Maßstab der Beurteilung der Gewässerstruktur ist der potentiell natürliche Zustand (Leitbild) des betrachteten Gewässers. Unter diesem potentiell natürlichen Zustand ist die Ausprägung eines Gewässers in seinem naturräumlichen Kontext (Gewässertyp, Gewässerlandschaft, Abflussdynamik, potentielle Besiedelung) zu verstehen.

Für die Bewertung der Kenngröße Gewässerbettdynamik werden die Parameter

  • Linienführung
  • Uferverbau
  • Querbauwerke
  • Abflussregelung
  • und Uferbewuchs

erfasst.

Zur Beurteilung der Auendynamik werden erhoben:

  • Hochwasserschutzbauwerke
  • Ausuferungsvermögen
  • Auenutzung
  • Ausprägung von Uferstreifen.

Die Gesamtbewertung basiert somit auf insgesamt neun Einzelkomponenten, die hierarchisch gegliedert sind. So werden zum Beispiel die Linienführung und das Strukturbildungsvermögen (ergibt sich aus dem Uferverbau, den Querbauwerken und der Abflussregelung) stärker gewichtet als das Vorhandensein eines leitbildkonformen Uferbewuchses, der für die Gewässerentwicklung eine eher geringe Rolle spielt.
Zusätzlich gilt für die Gesamtbeurteilung das Minimumprinzip, wonach die schlechte Bewertung eines Parameters nicht durch die gute Bewertung eines anderen kompensiert werden kann. Wenn wesentliche Anforderungen an die Gewässerbettdynamik unterschritten werden, kann dies beispielsweise nicht durch eine hohe Qualität der Aue ausgeglichen werden.

Bewertungsschema Gewässerstruktur
Bewertungsschema

Insgesamt werden sieben Zustandsklassen unterschieden. Die Zustandsklasse 1 entspricht einem unveränderten, potentiell natürlichen Zustand, bei der Zustandsklasse 7 ist dieser vollständig verändert.

Apfelstädt
Apfelstädt
Schmalkalde
Schmalkalde

Um gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerstruktur ergreifen zu können, ist es, ähnlich wie bei der biologischen Gewässergüte, auch hier wichtig, zunächst einen Überblick über die derzeitige Situation der Fließgewässer zu erlangen sowie Defizite in der ökologischen Funktionsfähigkeit benennen zu können. Aus diesem Grund wurde auf der 108. Sitzung der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) im Februar 1997 beschlossen, eine Gewässerstrukturkarte für die Bundesrepublik Deutschland herauszugeben. Die Gewässerstrukturkarte für den Freistaat Thüringen von 2001 ist ein Beitrag zu diesem bundesweiten Projekt.
Durch die Fortschreibung der Gewässerstrukturkarte in den Folgejahren ist es überdies möglich, den Erfolg durchgeführter Maßnahmen zu belegen. Es wird erwartet, dass sich durch gezielte Maßnahmen ähnliche Erfolge einstellen können wie dies bei der biologischen Gewässergüte zu verfolgen ist.
Bisher kartierte Fließgewässer
Für die Erstellung der Karte von 2001 wurde in den Jahren 1997 bis 2000 für insgesamt 31 Fließgewässer nach dem Übersichtsverfahren (LAWA 1999) die Gewässerstruktur kartiert. Dies entspricht einer Fließgewässerlänge von rund 1.500 km. Bei den ausgewählten Gewässern handelt es sich fast ausschließlich um die größeren Fließgewässer (u. a. alle Gewässer 1. Ordnung), die auch im Gewässergüteatlas der Bundesrepublik Deutschland - Gewässerstruktur in der Bundesrepublik Deutschland 2001 - (LAWA) dargestellt sind. Sie spiegeln damit auch die Vielfalt der Thüringer Gewässer wider, die das Spektrum von A wie Apfelstädt bis Z wie Zorge abdecken und von der Pleiße und Wyhra im Osten bis zur Werra und Ulster im Westen sowie von Eller und Zorge im Norden bis Steinach und Itz im Süden reicht.
Die ausgewählten Fließgewässer sind im Einzelnen:
Apfelstädt, Eller, Felda, Gera, Göltzsch, Hahle, Hasel, Helbe, Helme, Hörsel/Leina, Ilm, Itz, Leine, Nesse, Orla, Pleiße, Rohne, Saale, Schleuse, Schmalkalde, Schwarza, Steinach, Ulster, Unstrut, Weida, Weiße Elster, Werra, Wilde Gera, Wipper, Wyhra, Zahme Gera und die Zorge. Die Ergebnisse sind in Nr. 56 der Schriftenreihe der TLUG veröffentlicht.
Im Zuge der Fortschreibung der Gewässerstrukturkartierung wurde in den Jahren 2003 bis 2004 an weiteren 22 Fließgewässern mit einer Lauflänge von insgesamt rund 560 km die Gewässerstruktur nach dem Übersichtsverfahren ermittelt.