Jodprophylaxe

 

Information der Bevölkerung über ein Konzept zur Verwendung / Verteilung von Jodtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei einem kerntechnischen Unfall
 
Inhalt
1             Allgemeines / Einleitung
1.1          Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade
1.2          Planung von Katastrophenschutzmaßnahmen im Umfeld von Kernkraftwerken in Deutschland
1.3          Für Thüringen relevante Kernkraftwerksstandorte und Planungsgebiete
1.4          Prognose und Entscheidungsfindung
 
2             Verteilung der Jodtabletten im Ereignisfall im Freistaat Thüringen
 
3             Literatur und weiterführende Quellen
 
4             Ansprechpartner
 
 
 
1          Allgemeines / Einleitung
 
Deutsche Kernkraftwerke (KKW) verfügen über Sicherheitseinrichtungen sowie vorgeplante Maßnahmen, die das Eintreten eines kerntechnischen Unfalls mit relevanten radiologischen Auswirkungen in der Umgebung praktisch ausschließen sollen. Zu einem solchen Ereignisablauf könnte es nur dann kommen, wenn die vorhandenen, mehrfach gestaffelten Sicherheitsmaßnahmen nicht greifen sollten und die zusätzlichen Maßnahmen zur Verhinderung schwerer Kernschäden und zur Eindämmung ihrer radiologischen Folgen nicht erfolgreich wären [1].
 
Obwohl solche Ereignisabläufe für Deutschland als höchst unwahrscheinlich gelten, müssen dennoch Vorsorgemaßnahmen im Katastrophenschutz und zur Strahlenschutzvorsorge konzipiert werden.
 
Grundlage von Maßnahmen des Katastrophenschutzes sind die entsprechenden Gesetze der Länder, die Planung und Durchführung derartiger Maßnahmen erfolgt in Anlehnung an die "Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" [2]. Der Vollzug des Strahlenschutzvorsorgegesetzes wird durch die Länder in Bundesauftragsverwaltung durchgeführt, soweit nicht, z.B. im Bereich großräumiger Überwachung der Umweltradioaktivität (Bundeswasserstraßen) bundeseigene Behörden tätig werden [1].

 

1.1       Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade
 
Bei einem Reaktorunfall kann neben anderen Substanzen auch radioaktives Jod freigesetzt und über ein großes Gebiet verbreitet werden. Durch die rechtzeitige Einnahme von hochdosierten Jodtabletten kann die Aufnahme des Radiojods in die Schilddrüse mit seiner schädlichen Wirkung verhindert werden.
 
Die Verteilung von Jodtabletten in der Bevölkerung bei kerntechnischen Unfällen war in Deutschland in der Vergangenheit nur innerhalb einer 25 km-Zone um die Kernkraftwerke vorgesehen. Für diese Bereiche verfügen die Betreiberländer von Kernkraftwerken seit längerem über geeignete Organisationssysteme. Die Auswertung des Unfalls in Tschernobyl hat jedoch gezeigt, dass die unfallbedingte Aufnahme radioaktiven Jods auch im Fernbereich eines Kernkraftwerks zu einer erhöhten Häufigkeit bösartiger Schilddrüsenerkrankungen führen kann. Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse hat die Deutsche Strahlenschutzkommission empfohlen, auch im 25 bis 100 km-Fernbereich die Einnahme von Jodtabletten bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre und Schwangeren bei entsprechenden Unfallsituationen zu veranlassen. Dieser Vorschlag wurde in die "Rahmenempfehlung für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“ übernommen und von der Innenministerkonferenz bestätigt [2].
 
Die Thüringer Landesregierung hat deshalb ein Konzept erarbeitet, das im Ereignisfall insbesondere die Alarmierung und Information der Bevölkerung sowie die Logistik für die Verteilung von Jodtabletten enthält. Hierbei ist für Thüringen die Verteilung von Kaliumjodidtabletten an Personen bis zum 18. Lebensjahr und Schwangere für den Entfernungsbereich 25 bis 100 km vom Unfallort vorgesehen. Die Kaliumjodidtabletten werden in Verantwortung des Bundesumweltministeriums zentral gelagert und im Ereignisfall in die betroffenen Gebiete transportiert.
 
Kriterium für die Entscheidung zur Einnahme der Jodtabletten ist die Überschreitung einer Schilddrüsenorgandosis durch das inhalierte Radiojod von 50 mSv.
Die Bevölkerung wird im Ereignisfall über Presse, Funk und Fernsehen über die Gefahrenlage, Schutzmöglichkeiten und die Ausgabemodalitäten der Tabletten und deren Einnahme informiert.
Ärzte, Apotheker und das öffentliche Gesundheitswesen sind im Ereignisfall Ansprechpartner bei Fragen zur Einnahme der Jodtabletten. Im Bedarfsfall ist eine medizinische Versorgung über die regulären Strukturen des Gesundheitswesens gegeben.
 
Die Jodtabletten sollten von der betroffenen Altersgruppe möglichst unmittelbar vor der Aufnahme des radioaktiven Jods aus der kontaminierten Wolke eingenommen werden, zumindest sollte die Aufnahme des Radiojods weniger als zwei Stunden zurück liegen.
 
Die Kaliumjodidtabletten mit 65 mg oder 130 mg Kaliumjodid sind nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel und können auch zur Eigenvorsorge von jedermann in Apotheken gekauft und zu Hause gelagert werden. Die Einnahme soll jedoch generell nur nach Aufforderung durch die Behörden erfolgen.
 
Im Freistaat Thüringen werden keine Kernkraftwerke (KKW) betrieben, so dass keine Thüringer Gebiete im Nahbereich eines KKW bis 25 km liegen. Lediglich im Fernbereich bis 100 km kann der Freistaat Thüringen durch einen Unfall in einem Kernkraftwerk eines benachbarten Bundeslandes betroffen sein.
 
Für Personen über 18 Jahre ist eine Verabreichung dieser Jodtabletten nicht vorgesehen, da für Personen von 18 bis 45 Jahre der Eingreifrichtwert bei einer Schilddrüsendosis von 250 mSv liegt. Nach Einschätzung der Deutschen Strahlenschutzkommission wird dieser Wert im 25 bis 100 km-Fernbereich, d. h. auf Thüringer Gebiet, voraussichtlich nicht erreicht werden. Personen über 45 Jahre wird die Einnahme von Jodtabletten generell nicht empfohlen, da das Risiko von Nebenwirkungen durch die Jodtabletteneinnahme größer als der Schutz vor möglichen Strahlenschäden ist.


[1] Für "Jod" wird heutzutage vielfach die aktuelle wissenschaftliche Schreibweise "Iod" verwendet.

 

 1.2       Planung von Katastrophenschutzmaßnahmen im Umfeld von Kernkraftwerken in Deutschland

Die Planung der erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei einem kerntechnischen Unfall erfolgt in Thüringen nach bundesweit geltenden Rahmenempfehlungen und Konzepten [2, 3].
 
Hierfür wird die Umgebung der Kernkraftwerke (KKW) bis zu einer Entfernung von 100 km in 12 Sektoren zu je 30° und so genannte Zonen im Nah- und Fernbereich eingeteilt. Dabei ist der Nahbereich der 25-km-Umkreis des KKW, während der Fernbereich als ein Kreisring mit einem Radius von 25 bis 100 km um das KKW beschrieben werden kann. Auf diese Weise können schnell und einheitlich notwendige Handlungen und Anweisungen regional zugeordnet werden.
Während im Nahbereich der Kernkraftwerke (bis 25 km Entfernung – s.o.) eine Vielzahl von Maßnahmen notwendig werden kann, konzentriert man sich auf Grund der geringen Auswirkungen im Fernbereich (25 bis 100 km – s.o.) vor allem auf die Verteilung von Jodtabletten an Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und Schwangere.

 

1.3      Für Thüringen relevante Kernkraftwerksstandorte und Planungsgebiete

Obwohl im Freistaat Thüringen selbst keine Kernkraftwerke betrieben werden, liegen Teile von Thüringen im Fernbereich von Kernkraftwerken. In diesen Bereichen muss im Ereignisfall eine Verteilung von Jodtabletten nach einem bundesweit geltenden Konzept erfolgen.
Im Einzelnen handelt es sich dabei um die folgenden Kernkraftwerke [4]:
 
  • Kernkraftwerk Grohnde (Niedersachsen)
Betreiber:             Gemeinschaftskernkraftwerk Grohnde GmbH & Co. oHG
Gesellschafter:      E.ON Kernkraft, Stadtwerke Bielefeld
Reaktortyp:           Druckwasserreaktor
Nettoleistung:        1.360 MW
Inbetriebnahme:    1985
 
  • Kernkraftwerk Grafenrheinfeld (Bayern)
Betreiber:              E.ON Kernkraft
Eigentümer:           E.ON Kernkraft
Reaktortyp:            Druckwasserreaktor
Nettoleistung:         1.275 MW
Inbetriebnahme:     1981
 
 
Im Fernbereich des Kernkraftwerkes Grohnde liegen in den Sektoren 5 und 6 Teile der Landkreise Eichsfeld und Nordhausen.
Im Fernbereich des Kernkraftwerkes Grafenrheinfeld liegen in den Sektoren 1 bis 3 die Landkreise Sonneberg, Hildburghausen, Schmalkalden-Meiningen und die kreisfreie Stadt Suhl sowie Teile der Landkreise Saalfeld-Rudolstadt, Gotha, Ilm-Kreis und des Wartburgkreises.
 
Die nebenstehenden Abbildungen zeigen die Sektoreneinteilungen im Fernbereich des Kernkraftwerkes Grohnde bzw. des Kernkraftwerkes Grafenrheinfeld.

 

 
1.4      Prognose und Entscheidungsfindung
 
Kernkraftwerke in Deutschland unterliegen einem stringenten Sicherheitssystem technischer und rechtlicher Vorgaben. Insofern sind Störungen und Unfälle selten und werden durch sicherheitstechnische Maßnahmen wirksam bekämpft.
Kommt es dennoch zu einem kerntechnischen Unfall mit einer Freisetzung von Radioaktivität, sind zeitnahe Entscheidungen und Handlungen notwendig. Damit engt sich der Zeitraum, der den radiologischen Fachberatern aus dem Geschäftsbereich des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz für Prognosen und Lageeinschätzungen zur Verfügung steht, dramatisch ein.
Durch die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie wurden deshalb die technischen Voraussetzungen geschaffen, unmittelbar auf das Prognosesystem RODOS*) des Bundes und der Betreiberländer zuzugreifen, damit auch für den Freistaat Thüringen die schnellst mögliche Einleitung der erforderlichen Maßnahmen gewährleistet ist.
 

*)Prognosen zur Notwendigkeit der Einleitung von Maßnahmen nach kerntechnischen Unfallereignissen werden mit dem „Realtime Online Decision Support System for nuclear emergency management“ (Programmsystem RODOS) erstellt

 

 

2          Verteilung der Jodtabletten im Ereignisfall im Freistaat Thüringen
 
Für die betroffenen Gebiete hält der Bund in 8 zentralen Lagern (ZL) die erforderlichen Jodtabletten bereit.
 
Im Falle eines Unfalls fordert der Freistaat Thüringen die notwendigen Tabletten an. Diese werden durch den Bund von den zentralen Lagern an festgelegte Hauptanlieferungspunkte (HAP) nach Thüringen gebracht. Im Freistaat Thüringen sind dafür im Süden vier Hauptanlieferungspunkte (Bad Salzungen, Suhl, Hildburghausen, Sonneberg) und im Norden ein Hauptanlieferungspunkt (Wintzingerode, Stadt Leinefelde-Worbis) vorgesehen.
 
Von diesen Hauptanlieferungspunkten aus verteilen die Bundesländer in eigener Zuständigkeit die Tabletten ggf. über weitere Zwischenstationen (Lokale Anlieferungspunkte LAP) an so genannte Ausgabestellen (Ast), die in allen betroffenen Gemeinden in Thüringen inzwischen festgelegt worden sind. In Thüringen erfolgt der Transport überwiegend durch die Feuerwehren und Einheiten des Katastrophenschutzes.

Die Ausgabestellen dienen der direkten Tablettenausgabe an die Bevölkerung. Sie sind i. d. R. zu Fuß innerhalb von 30 Minuten erreichbar und in allgemein bekannten Objekten (Schulen, Wahllokale, o. ä.) untergebracht. Von dort kann die betroffene Bevölkerung (Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren und Schwangere) zeitnah mit Jodtabletten versorgt werden.

Ob Ihre Gemeinde im Planungsgebiet gelegen ist und wo sich die für Sie zuständige Ausgabestelle befindet, erfahren Sie durch Ihre Gemeindeverwaltung. Diese wird im Falle eines Unfalles auch die Ausgabestelle einrichten und parallel zu den Informationen über Presse, Rundfunk und Fernsehen die Einwohner zur Abholung aufrufen.

An dieser Stelle wird darauf hingewiesen, dass die Aufforderung zur Abholung der Tabletten keinesfalls als gleichzeitige Aufforderung zur Einnahme zu verstehen ist. Letzteres erfolgt in jedem Fall gesondert, da eine optimale Wirkung der Tabletten nur bei Einnahme zum richtigen Zeitpunkt erreicht werden kann.

 

3          Literatur und weiterführende Quellen
 
[1]        Radiologische Grundlagen für Entscheidungen über Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei unfallbedingten Freisetzungen von Radionukliden, Empfehlungen der Strahlenschutzkommission (Stand: 2008)
 
[2]        Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen (Stand: 2008)
           
[3]        Konzept der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Verteilung von Kaliumjodidtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei kerntechnischen Unfällen" (12. Mai 2004)
 
[4]        http://www.eon-kernkraft.com/index.php (Stand: 13.10.2008)
 
[5]        Internet-Seiten der Strahlenschutzkommission
            http://www.ssk.de und http://www.jodblockade.de

 

4          Ansprechpartner
Maßnahmeplanung und Logistik  Thüringer Innenministerium, Referat 45
 Medizinische Fragestellungen  Thüringer Ministerium für Soziales Familie und Gesundheit, Referat 41; Gesundheitspolitik, Pharmaziewesen
 Radiologische Fachberatung
und Entscheidungsfindung
 Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz Referat 48; Bergbau, Strahlenschutz
 

 

Weiterführende Informationen

Sektoreneinteilung
Sektoreneinteilung um ein KKW
Grohnde_Sektoreneinteilung
KKW Grohnde Sektorenmodell
Grafenrheinfeld_Sektoreneinteilung
KKW Grafenrheinfeld Sektorenmodell
Jodtabletten Gebiete Rodos Ntrans Quer1
Maßnahmegebiet "Einnahme von Jodtabletten für Kleinkinder" - Beispiel
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Verteilprinzip für Jodtabletten

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