Starkregen in Thüringen - Beschreibung, Analyse und Einordnung

Die Sommer 2015 und  2016 waren in Deutschland durch heftige Unwetter gekennzeichnet, bei denen Starkregen mit großen Niederschlagsmengen in kürzester Zeit zu teilweise katastrophalen Überschwemmungen mit hohen Schäden führte. Besonders betroffen waren Baden-Württemberg und Bayern, aber auch in Thüringen traten einzelne Ereignisse auf, die erhebliche Schäden verursachten. Auf den folgenden Seiten soll eine Beschreibung, Analyse und Einordnung dieser Ereignisse aus meteorologischer, hydrologischer sowie bodenkundlicher Perspektive erfolgen. Am Ende werden dann noch Hinweise zur besseren Vorbereitung und zum Eigenschutz vor solchen Ereignissen gegeben. 

Wie, wann und wo entsteht Starkregen?

Nach der Definition des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist ein Starkregen ein Niederschlagsereignis, bei dem innerhalb kurzer Zeit, d. h. innerhalb einiger Minuten bis zu wenigen Stunden, große Niederschlagsmengen fallen. Für seine Wetterwarnungen teilt der DWD [1] Starkregenereignisse in zwei Stufen ein:

  1. Warnung vor markantem Wetter bei Regenmengen mit mehr als 10 mm (1 mm = 1 Liter pro m²) in einer Stunde oder mehr als 20 mm in sechs Stunden .
  2. Warnung vor Unwetter bei Regenmengen mit mehr als 25 mm in einer Stunde oder mehr als 35 mm in sechs Stunden .

Wolken
Starkregenereignisse entstehen  meist aus konvektiven Wolken- und Niederschlagsbildungsprozessen. Unter Konvektion - oder genauer gesagt Feuchtkonvektion - versteht man in der Meteorologie zum Aufsteigen gezwungene Luftpakete. Die Hebung der Luftpakete wird z. B. durch starke Sonneneinstrahlung, Hebung an Gebirgshindernissen, Kaltfronten von Tiefdruckgebieten oder bodennah zusammenströmende Luftmassen hervorgerufen. Durch den Aufstieg kühlen sich die Luftpakete ab und es kommt zur Wolkenbildung. Durch die freiwerdende Kondensationswärme steigen die Luftpakete von alleine weiter auf und es bilden sich hohe Quellwolken. Hält das vertikale Wolkenwachstum über mehrere Kilometer an, so entstehen die typischen Gewitterwolken (Cumulonimbus), die mit Starkregen, Hagel, lokalen Sturmböen und Blitzschlag einhergehen. Konvektiver Niederschlag ist meist sehr intensiv und oft nur von kurzer Dauer von wenigen Minuten bis hin zu einigen Stunden. Das Gegenstück zum konvektiven Niederschlag stellt stratiformer Niederschlag dar, der im Volksmund auch oft als „Landregen“ bezeichnet wird. Stratiformer Niederschlag kann über mehrere Stunden bis sogar Tage hinweg anhalten und ist von meist geringer Intensität, liefert aber wegen der längeren  Andauer auch erheblich Niederschlagsmengen. Für die Wetterwarnungen „markantes Wetter“ oder „Unwetter“ sind oftmals konvektive Niederschläge oder konvektive-durchsetzte Niederschläge (d. h. „Landregen“ mit eingelagerten Schauern) verantwortlich. Stratiformer Niederschlag spielt bezüglich einstündigen Starkregens nur eine untergeordnete Rolle und wird erst über mindestens 6 Stunden relevant.

Konvektive Starkregenereignisse sind oft räumlich deutlich begrenzt und meist nur von kurzer Dauer. Hierdurch können sie meist nicht vollumfänglich an Wetterstationen gemessen werden, da das Stationsmessnetz nicht dicht genug ist. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts ermöglicht der Niederschlagsradarverbund des DWD eine flächendeckende Niederschlagserfassung. Allerdings kann mit dem Radar nur die Niederschlagsintensität, nicht aber die absolute Niederschlagsmenge  erfasst werden. Hierzu muss eine Aneichung des Radarsignals mit Aufzeichnungen von Messstationen am Boden erfolgen. Dies ist insbesondere bei kleinräumigen, konvektiven Ereignissen mit einiger Unsicherheit behaftet [2].

Die flächenhafte Auswertung von Starkniederschlägen mit einer Regenmenge von mindestens 10 mm innerhalb einer  Stunde für den Zeitraum von 2005 – 2015 für Thüringen ist in  Abbildung 1 dargestellt. 

Abb 01
Abbildung 1: Mittlere jährliche Anzahl von Starkniederschlägen im Sommer mit mehr als 10 mm pro Stunde (Quelle TLUG).

 


Grundlage der Auswertung ist das Niederschlagsradarprodukt RW‑RADOLAN (www.dwd.de/DE/leistungen/radolan/radolan) des Deutschen Wetterdienstes. Die Abbildung zeigt eine gewisse Häufung von Ereignissen im Thüringer Wald (Landkreis Sonneberg) sowie in den Bereichen östlich der Saale. Generell ist aber zu erkennen, dass Starkniederschläge überall auftreten können und dass sie mit einem bis zu vier oder fünf Ereignissen pro Jahr eher selten sind.

Der Vergleich der Anzahl von Starkniederschlägen im Sommer 2016 mit dem langjährigen Mittel aus Abbildung 3 ist in Abbildung 4 dargestellt.

Abb 02
Abbildung 2: Abweichung der Anzahl von Starkniederschlägen im Sommer 2016 vom langjährigen Mittel

In weiten Teilen des Landes traten im Sommer 2016 eher weniger Starkniederschläge auf als im langjährigen Mittel (blaue und grüne Bereiche). Nur der Landkreis Schmalkalden-Meiningen, einige Gemeinden nördlich von Weimar sowie kleinere Bereiche, vorwiegend im Nordwesten Thüringens waren 2016 deutlich häufiger von Starkregenereignissen betroffen.

Welche Auswirkungen können Starkregenereignisse haben?

Die Auswirkungen von Starkregenereignissen hängen deutlich von der Geländebeschaffenheit, der Landbedeckung sowie den vorherrschenden hydro-meteorologischen Bedingungen ab. Generell besteht die Gefahr darin, dass aufgrund der großen Regenmengen, die in kurzer Zeit fallen, nur ein geringer Teil des Niederschlages in den Boden einsickern kann. Der Überschuss fließt sturzflutartig an der Oberfläche ab und führt dort zu typischen Schadensbildern wie z. B. Bodenabtrag (Erosion), Abrissen von Ufern und Geländekanten oder Unterspülungen. Als kritisch sind dabei intensiv genutzte Ackerflächen, die aufgrund fehlender oder nicht ausreichender Vegetationsbedeckung zu Verschlämmung neigen und versiegelte Flächen in urbanen Gebieten einzustufen. Innerhalb von Ortslagen kann es vorkommen, dass die Kanalisation nicht in der Lage ist, die Wassermassen aufzunehmen, wodurch sich Straßen und Gehwege in kurzer Zeit in reißende Flüsse verwandeln können und Wasser in Keller und Häuser eindringen kann.

Gelangt das Wasser schließlich in Bäche und Flüsse kann es dort zu sehr plötzlichen Anstiegen der Wasserführung führen. Hiervon sind vor allem kleinere Gewässer betroffen. In größeren Flüssen hat ein Sturzflutereignis meist nur geringe Bedeutung, da es lokal sehr begrenzt ist.

Neben diesen direkten Schäden aus Überschwemmungen können sekundäre Schäden auftreten. Diese entstehen dadurch, dass oft erhebliche Schlammmassen mit dem Wasser transportiert werden, die sich bei reduzierten Fließgeschwindigkeiten absetzen und beim Austrocknen stark verhärten. Weiter kann die Überlastung von Kanalisationen und Kläranlagen zum Rückstau und Austritt von Abwässern führen. Bei Überschwemmungen im urbanen Raum kann es zum Austritt von umwelt- oder gesundheitsgefährdenden Stoffen aus Industrie, Gewerbe oder Privathaushalten kommen.

Problematisch bei Sturzfluten, die sich aus Starkregenereignissen ergeben, ist dass sie häufig sehr plötzlich und überraschend auftreten. Eine Warnung vor solchen Ereignissen kann, aufgrund bisher fehlender verlässlicher Vorhersagedaten, räumlich und zeitlich nur sehr unscharf erfolgen.

Starkregenereignisse in Thüringen

In Thüringen sind immer wieder durch Starkregen ausgelöste Sturzfluten aufgetreten, wie Berichte aus den letzten 200 Jahren zeigen. Als aktuelle Beispiele können die Starkregenereignisse in Ilmenau vom 29. Mai 2016 und in Rustenfelde vom 16./17. August 2015 genannt werden. Unvergessen bleibt das dramatische Sturzflutereignis, das sich im Mai 1950 in Bruchstedt ereignete.

Ilmenau Mai 2016

Am Nachmittag des 29. Mai 2016 zog eine Gewitterfront mit Starkregen und Hagel über Ilmenau und verursachte überflutete Straßen und Plätze, vollgelaufene Keller und die/eine Unterspülung eines Bahndamms, die schließlich zu einer Sperrung der Bahnstrecke führte.

Feuerwehrleute pumpen Wasser aus dem neu gebauten "Peterhof" in Ilmenau
Abbildung 3: Feuerwehrleute pumpen Wasser aus dem neu gebauten "Peterhof" in Ilmenau. Foto: Michael Reichel/dpa

Überschwemmte Straßen in Ilmenau
Abbildung 4: Überschwemmte Straßen in Ilmenau. Foto: Arne Martius / TA

Die  Niederschlagsmenge im Stadtgebiet von Ilmenau betrug 60 bis 70 mm, die innerhalb von etwa drei Stunden als Hagel und Regen fiel. Die Auswertungen des Radardatenproduktes des DWD zeigten, dass der Schwerpunkt des Starkregens südlich im Einzugsgebiet des Stützerbachs lag. Hier wurden Niederschlagssummen um 100 mm ermittelt.

Lokal führte das Starkregenereignis zu einem starken Anstieg des durch Ilmenau fließenden Rottenbach, der dann die Ilmenauer Teiche speist, die schließlich durch das Ereignis überliefen. Aus den Teichen musste am folgenden Montag dann Wasser abgelassen werden, um die aufgeweichten Dämme zu entlasten. Die Ilm als größeres Gewässer zeigte ebenfalls eine sehr rasche Reaktion auf das Starkregenereignis. Der Durchfluss am Pegel stieg innerhalb kürzester Zeit von 1 auf 28 m³/s und ging dann auch wieder sehr rasch auf Werte unter 10 m³/s zurück (Abbildung 7). Der Scheitelwert weist nach der hydrologischen Statistik in etwa eine Wiederkehrwahrscheinlichkeit von 20 - 25 Jahren auf.Abfluss der Ilm am Pegel Ilmenau
Abbildung 5: Abfluss der Ilm am Pegel Ilmenau (Quelle: TLUG)

​Neben Ilmenau waren aber auch die Stadt Weimar sowie Gemeinden im Landkreis Gotha betroffen. Auch hier musste die Feuerwehr ausrücken, da vollgelaufene Keller und überschwemmte Straßen gemeldet wurden.

Potenzielle Erosionsgefährdung und Leitlinien des Oberflächenabflusses im Raum Ilmenau
Abbildung 6: Potenzielle Erosionsgefährdung und Leitlinien des Oberflächenabflusses im Raum Ilmenau (Quelle: TLUG)

In den Teileinzugsgebieten der Ilm im Bereich von Ilmenau gibt es nur untergeordnet landwirtschaftlich genutzte Flächen. Prägend hingegen sind Siedlungs- und Waldflächen. Treten Starkregenereignisse auf, kommt der  Bodenerosion nur eine lokal begrenzte Bedeutung zu (Abbildung 6). Gewichtiger hingegen ist im Hinblick auf drohende Schadensfälle durch Überflutungen die Steuerung des Oberflächenabflusses durch vorhandene Abflussbahnen (Tiefenlinien) und Muldenbereiche (Konvergenzbereiche). Die hohen Mengen von Niederschlagswasser am 29.05.2016 überforderte selbst in der Waldregion sehr schnell das Wasseraufnahmevermögen der Böden. Es sammelte sich in den Abflussbahnen und strömte konzentriert in tiefere Regionen in Richtung des nächsten Gewässers. Als Beispiel hierfür kann das Tal des Gabelbachs angeführt werden (Abbildung 6). Im nördlichen Teil von Ilmenau sammelten sich Wassermassen auf einer Ackerfläche und strömten über Abflussbahnen in Richtung des Wohngebietes Pörlitzer Höhe (Abbildung 6).​

Abb 07 1
Abb 07 2
Stadtnahes Gabelbach-Einzugsgebiet; Pfeil: Blickrichtung der Aufnahme rechts. Situation oberhalb der Tennisplätze ein Tag nach dem Unwetter (Quelle: Thüringer Allgemeine)

Abbildung 7: Situation im Einzugsgebiet des Gabelbachs (s. Box 1, Abbildung 6)

 


Abb 08 1



Abb 08 2
Wohngebiet Pörlitzer Höhe: Ackerfläche mit hoher potenzieller Erosionsgefährdung und modellierten Abflussbahnen, die auf Gebäude ausgerichtet sind. Pfeil: Blickrichtung der Aufnahme rechts.

Situation am 29.05.2016 (Quelle: https://twitter.com/ JuliaDressler2/status/736961902862045184)

Abbildung 8: Situation im Einzugsgebiet des Gabelbachs (s. Box 2, Abbildung 6)

 

Auf zwei hoch erosionsgefährdeten Ackerflächen, die sich links und rechts der L 3051 östlich von Ilmenau zwischen Grenzhammer und Langewiesen befinden,  fielen die starken Niederschläge am 29.05. und auch am 05.06.2016 auf eine ungeschützte Bodenoberfläche, da hier erst kurz zuvor Mais ausgesät  worden war. Große Mengen von Bodenmaterial wurden mit dem oberflächlich abfließenden Regenwasser auf die Straße L 3051 und den Kreisverkehr zur L 1140 verfrachtet (Abbildung 9).

Abb 09 1
Abb 09 2
Abb 09 3
Ackerland-Feldblöcke mit hoher potenzieller Erosionsgefährdung und Maisanbau. Pfeile: Blickrichtung der Aufnahmen rechts. Spuren des Bodenabtrags auf dem Maisschlag und im Bereich des Kreisverkehrs L 3051 / L 1140 (Quelle: R. Hirte/TLL, 26.06.2016)

Abbildung 9: Situation am Ostrand von Ilmenau (s. Box 3, Abbildung 6)

Rustenfelde August 2015

In der Nacht vom 16. auf den 17. August 2015 kam es zu heftigen Gewittern im Thüringer Nordwesten, die mit starken Niederschlägen einhergingen. Örtliche Aufzeichnungen an einem nicht amtlichen Niederschlagsmessgerät des lokalen Abwasser Zweckverbandes zeigten eine Niederschlagssumme von 180 mm. Deutlich niedrigere aber immer noch sehr hohe Werte ergab eine nachträglich beim Deutschen Wetterdienst in Auftrag gegebene Analyse. Der DWD bestimmte Niederschlagssummen von etwa 70 mm in sechs Stunden. Diese Werte stimmen auch gut mit einer zuvor durchgeführten Auswertung des Radolan Produktes des DWD überein. Hierbei wurden Werte von 72 mm in sechs und 82 mm in 12 Stunden ermittelt.

Durch den Starkniederschlag entstand nördlich der Ortslage Rustenfelde eine Sturzflut im Rustebach, die im Ort durch Wasser und mittransportierten Schlamm schwere Verwüstungen anrichtete. Dort mussten 15 Personen in der Nacht aus ihren Häusern evakuiert werden. Auch die nahegelegen A38 war teilweise unpassierbar, da Teile der Böschung auf die Straße gerutscht waren. Besonders tragisch war der Tod eines Feuerwehrmannes, der während des Einsatzes ums Leben kam.

Rustenfelde in der Nacht vom 15. auf den 16. August 2015
Abbildung 10: Rustenfelde in der Nacht vom 15. auf den 16. August 2015 (Quelle: TA)

Rustenfelde am 16. August 2015
Abbildung 11: Rustenfelde am 16. August 2015 (Quelle: P. Nolte, Thüringer Storm Chaser)

Rustenfelde am 16. August 2015
Abbildung 12: Rustenfelde am 16. August 2015 (Quelle: P. Nolte, Thüringer Storm Chaser)

Rustenfelde im August 2015 - Aufräumen nach der Sturzflut
Abbildung 13: Rustenfelde im August 2015 - Aufräumen nach der Sturzflut (Quelle: TA)

Abfluss der Leine am Pegel Ahrenshausen
Abbildung 14: Abfluss der Leine am Pegel Ahrenshausen (Quelle: TLUG)

 

Das Ereignis wurde hydrologisch in der Leine, in die der Rustebach mündet, am Pegel Ahrenshausen aufgezeichnet. Hier kam es zu einem sprunghaften Abflussanstieg von nahe 0 zu etwa 74 m³/s innerhalb von etwa zwei Stunden. Es folgte ein ebenfalls abrupter, leicht verzögerter Rückgang. Am 17.08. gegen 9 Uhr lag der Abfluss nur noch bei etwa 5 m³/s (Abbildung 14). Die statistische Einordnung des Abflussscheitels ergab eine Wiederkehrwahrscheinlichkeit von etwas unterhalb von 50 Jahren. Seit Pegelaufzeichnung war der gemessene Wert der zweithöchste seit 1960.

Potenzielle Erosionsgefährdung im Einzugsgebiet des Rustebaches
Abbildung 15: Potenzielle Erosionsgefährdung im Einzugsgebiet des Rustebaches (Quelle: TLUG)

 

Die Teileinzugsgebiete von Rustebach und Pfützenbach oberhalb von Rustenfelde zeichnen sich durch intensive landwirtschaftliche Nutzung aus. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit und der kleingliedrigen Oberflächengestaltung mit Bereichen starker Hangneigung weisen die Ackerflächen ein sehr hohes Erosionsgefährdungspotenzial auf. Eingeschränkt wird dieses durch schonende Bodenbearbeitung und den Anbau von Kulturen, die durch relativ dichten Bewuchs die Bodenoberfläche vor direktem Aufprall von Niederschlagswasser schützen. Im Betrachtungszeitraum wurde Raps und Getreide (vorwiegend Winterungen) auf 80 % der Fläche und Mais sowie Hackfrüchte nur auf 2 % angebaut. Der Rest der landwirtschaftlich genutzten Fläche zeichnet sich durch extensive Bewirtschaftung aus (Grünland, Ackerfutter etc.). Somit waren die erosionsgefährdeten Ackerflächen bis kurz vor dem Unwetter hinreichenden geschützt. Problematisch erwies es sich, dass der Starkregen vom 06.08.2015 in der Erntephase niederging und somit bei vielen Feldern die schützende Vegetationsdecke fehlte. Es trat sehr schnell eine Verschlämmung der Bodenoberfläche auf, was ein Versickern des Niederschlagswassers verhinderte. Das oberflächlich abfließende Wasser konzentrierte sich in Abfluss- (Tiefenlinien) und Muldenbereichen (Konvergenz-) und wurde rasch den Gewässern zugeführt.

Leitlinien des Oberflächenabflusses im Einzugsgebiet des Rustebachs
Abbildung 16: Leitlinien des Oberflächenabflusses im Einzugsgebiet des Rustebachs (Quelle: TLUG)

 

Abb 17 14 1
Abb 17 14 2
Südöstlichen Ortsrand von Freienhagen mit modellierten Bereichen des Oberflächenabflusses auf der Ackerfläche; Pfeil: Blickrichtung der Aufnahme rechts. Spuren von Wassererosion am Tag nach dem Unwetter, 17.08.2015 (Quelle: P. Nolte, Thüringer Storm Chaser)

Abbildung 17: Modellierter Oberflächenabfluss und reale Situation im nördlichen Teil des Rustebach-Einzugsgebietes , Ortslage Freienhagen. 

Bruchstedt Sommer 1950

Ein schon etwas weiter zurückliegendes aber sehr dramatisches Ereignis war die Sturzflut in Bruchstedt in der Nacht des 23. Mai 1950. An diesem sehr heißen Tag zogen gegen Abend Gewitterwolken auf, die sich dann über mehrere Stunden mit Hagel und Starkniederschlägen auf die Heiliger Höhen und den Fernebach ergossen. In der Folge entstand eine Sturzflut im Fernebach, der dadurch in der Ortslage Bruchstedt um beinahe vier Meter anstieg. Durch die Flutwelle wurden zahlreiche Gebäude beschädigt oder zerstört, der Großteil des Viehbestandes getötet und die Ernte vernichtet. Durch die Sturzflut verloren auch acht Personen ihr Leben.

Bruchstedt nach der Katastrophe
Abbildung 18: Bruchstedt nach der Katastrophe (Quelle: TA)

Bei der aktuellen Betrachtung des Fernebach-Einzugsgebietes oberhalb von Bruchstedt zeigt sich, dass zwei Drittel der Fläche ackerbaulich genutzt werden. Aufgrund der Bodenverhältnisse – tonige und schluffige Bodenarten - und der Oberflächengestaltung – z. T. Areale mit großer Hangneigung – weisen diese Ackerflächen ein hohes Erosionsgefährdungspotenzial auf (Abbildung 19). Durch schonende Bodenbearbeitung und Anbau von Kulturen mit relativ dichtem Bewuchs kann die Erosionsgefahr reduziert werden. Dies trifft auf die aktuelle Situation zu, da vorwiegend Getreide und Raps angebaut werden. Oberflächenabfluss und damit auch Bodenerosion fördernde Reihenkulturen, insbesondere Mais, treten hier nur untergeordnet auf.

Das Einzugsgebiet des Fernebachs zeichnet sich auch durch ein ausgeprägtes Netz von Leitlinien des Oberflächenabflusses aus (Abbildung 20). Zahlreiche Abflussbahnen (Tiefenlinien) und Muldenbereiche (Konvergenzbereiche) können im Falle eines hohen Niederschlagsangebotes dafür sorgen, dass die Wassermassen sehr schnell in Richtung Vorfluter weitergeleitet werden. Um die Ortslage vor einer ähnlichen Katastrophe wie 1950 zu schützen, wurde im Oberlauf des Fernebachs ein Hochwasserrückhaltebecken gebaut, das auch für Bewässerungszwecke genutzt wird.

Potenzielle Erosionsgefährdung im Einzugsgebiet des Fernebachs
Abbildung 19: Potenzielle Erosionsgefährdung im Einzugsgebiet des Fernebachs (Quelle: TLUG)

Leitlinien des Oberflächenabflusses im Einzugsgebiet des Fernebachs
Abbildung 20: Leitlinien des Oberflächenabflusses im Einzugsgebiet des Fernebachs (Quelle: TLUG)

Wie kann man sich gegen Starkregen und dessen Folgen schützen?

Der genaue Zeitpunkt und Ort des Auftretens von Starkniederschlägen lässt sich nur sehr begrenzt vorhersagen. Der Deutsche Wetterdienst veröffentlich jedoch Warnungen von Gewittern und Starkregen auf seiner Webpage (www.dwd.de). Zusätzlich bietet der DWD auch eine App für mobile Endgeräte an (http://www.dwd.de/DE/leistungen/warnwetterapp/warnwetterapp.html), mit der man sich eigene Informationen und Warnungen konfigurieren kann. Die aktuellen Wetterwarnungen werden auch gemeinsam mit Hochwasserwarnungen und Informationen auf der Homepage der Hochwassernachrichtenzentrale Thüringen (www.tlug-jena.de/hw) veröffentlicht.

Da Starkregen und Sturzfluten grundsätzlich jederzeit und überall in Thüringen auftreten können, ist die Eigenvorsorge umso wichtiger. Hierzu gibt es im Internet vielfältige Informationen. Besonders ausführlich behandelt der Leitfaden „Kommunales Starkregenrisikomanagement in Baden-Württemberg“ die Thematik. Dieser steht kostenlos zum Download zur Verfügung (http://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/261161/; Stand: 14.02.2017) und enthält hilfreiche Tipps und Hinweise zur Eigenvorsorge.

[1] DWD Wetterlexikon (www.dwd.de/DE/service/lexikon/)

[2] Lang, P. (1997): Niederschlagsquantifizierung auf der Basis von Radardaten. Promet, Jg. 26, S. 22-31

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