zur Aufführung des Stückes "Zeig den Faust" von Gefangenen der Theatergruppe der Justizvollzugsanstalt Hohenleuben im Theater Waidspeicher in Erfurt
Es gilt das gesprochene Wort
Allgemeine Begrüßungsformel
Herr Staatssekretär,
Vertreter der Vollzugsanstalten und der Personalräte
Vertreter des Rundfunks und der Presse,
mein hochverehrtes Publikum,
Ich begrüße Sie herzlich zu der Aufführung des Theaterstückes „Zeig den Faust“ hier im Theater Waidspeicher in unserer Landeshauptstadt Erfurt.
Wie Sie sicher den Einladungen, Aushängen und Presseberichten entnommen haben, ist dies heute keine ganz gewöhnliche Theateraufführung. Eine solche Vorstellung beginnt ja normaler Weise nicht mit einer einleitenden Rede eines Ministers und wird auch nicht aus Sicherheitsgründen von Vollzugsbediensteten begleitet. Und schließlich werden am Ende des Theaterstücks – so hoffe ich doch – alle Schauspieler die Heimfahrt in die Justizvollzugsanstalt im ostthüringischen Hohenleuben antreten.
Heute kommt ein Theaterstück zur Aufführung, das Vollzugsbedienstete und Inhaftierte der JVA Hohenleuben mit großem Engagement selbst erarbeitet haben und das bereits in Hohenleuben und Greiz mit beeindruckendem Erfolg aufgeführt wurde.
Es freut mich sehr, dass es nun gelungen ist, eine Aufführung dieses Stückes im Waidspeicher-Theater zu organisieren, zumal es damit möglich wird, zum einen den Schauspielern die Arbeit in einem echten Theater zu ermöglichen und zum anderen einer breiten Öffentlichkeit die Themen des Strafvollzugs vorzustellen und näherzubringen.
Der Justizvollzug gerät immer wieder schnell in die Schlagzeilen, wenn über sog. besondere Vorkommnisse berichtet wird. Gemeint sind damit häufig Vorfälle, die zumindest aus der Sicht der Justiz nicht so erfreulich sind, wie z.B. die Flucht eines Gefangenen aus einer Justizvollzugsanstalt.
Heute möchte ich Ihnen gerne besondere Vorkommnisse ganz anderer Art vorstellen, nämlich Projekte mit Inhaftierten aus Thüringen, die sowohl den Gefangenen selbst als auch der Justiz und der Öffentlichkeit große Freude bereiten. Ich wusste noch gar nicht, dass im Thüringer Justizvollzug so viele bisher unentdeckte – mitunter sehr junge – Talente schlummern.
Mit dieser Aufführung werden sich Ihnen unsere Schauspieler aus Hohenleuben vorstellen. Die Besetzung unseres Ensembles ändert sich des Öfteren, aber nicht, wie Sie jetzt vielleicht denken, weil die Mitwirkenden keine Lust mehr hätten. Nein, ich sage ganz deutlich, das hat einen erfreulichen Grund. Einige unserer Schauspieler, die an der Premiere beteiligt waren, sind zwischenzeitlich schon entlassen worden. Ich würde mir wünschen in ein Leben, dass Ihnen eine gute Perspektive bietet. Wir sagen unseren Gefangenen bewusst nie „Auf Wiedersehen“ sondern „Leben Sie wohl“, weil wir hoffen, dass sie nicht in den Justizvollzug zurückkehren müssen.
Nun zum Thema des Stückes – der Titel verrät es – es ist der Faust.
Der Inhalt des Faust, Sie alle wissen es, ist das verzweifelte Streben nach Glück und Erfolg.
Mit allen Mitteln!!
Goethes Faust ist sogar bereit, sich dem Teufel zu verschreiben, um mit dessen Hilfe seine Ziele zu erreichen.
Wenn man sich aber den Inhalt dieses berühmtesten aller deutschen Dramen vor Augen hält, dann ist klar:
Dieses Drama bietet sich als Thema für den Strafvollzug geradezu an.
Denn selbstverständlich strebt jede/r von uns nach Glück und Erfolg. Ähnlich wie Goethes Faust sind aber manche nicht bereit oder sehen sich nicht in der Lage, ihre Ziele nur auf legalen Wegen zu verfolgen. Sie sind vielmehr gewillt, auch andere Mittel zu Hilfe zu nehmen, werden straffällig und in vielen Fällen schließlich inhaftiert.
Wo aber in Goethes Tragödie das Gretchen im Kerker auf göttliche Erlösung hoffen darf, beginnt in unseren Justizvollzugsanstalten die Arbeit mit dem Gefangenen, und zwar mit einem ehrgeizigen Anspruch:
Nach dem zentralen Ziel des bereits 1977 in Kraft getretenen und noch gültigen Strafvollzugsgesetzes „soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“.
Damit wird deutlich, dass es nicht Ziel des Vollzuges ist, dass der Gefangene – neben der Dauer seiner Freiheitsstrafe – auch noch durch die Vollzugsgestaltung „bestraft“ wird. Es genügt auch nicht, den Schlüssel umzudrehen und den Gefangenen somit bis zum Ende seiner Haftzeit von der Allgemeinheit fernzuhalten.
Nein, der Vollzug soll vielmehr und gerade dazu genutzt werden, den Gefangenen für ein verantwortungsvolles Leben ohne Straftaten zu befähigen, das heißt ihn, wo es nötig ist, zu therapieren und zu qualifizieren, um ihm eine Rückkehr in die Gesellschaft und in eine bürgerliche Existenz zu ermöglichen.
Dies kann auf verschiedene Weise gelingen.
Ich darf an dieser Stelle nochmals auf das Faust´sche Motiv der Ziele und der zur Ereichung eingesetzten Mittel eingehen. Dieses Motiv entspricht übrigens exakt der berühmten Theorie Robert Mertons, nach der Kriminalität aus der Kluft zwischen angestrebten Zielen und zur Verfügung stehenden Mitteln entsteht.
Einem Gefangenen kann beispielsweise im Rahmen von Gesprächskreisen und Bildungsangeboten beigebracht werden, sich solche Ziele zu setzen, die er erfolgreich – und legal –erreichen kann. Und durch eine berufliche Aus- oder Weiterbildung wird er in die Lage versetzt, eine angemessene Beschäftigung zu finden und damit seine Existenzgrundlage zu sichern.
Meine Damen und Herren,
wie Sie vielleicht wissen, ist Thüringen federführend an einer Arbeitsgruppe beteiligt, in der Vertreter aus 12 Bundesländern den Entwurf eines Muster-Landesstrafvollzugsgesetzes erarbeiten. Thüringen hat und wird sich im Rahmen dieser Arbeitsgruppe dafür einsetzen, dass nicht die Frage der Sicherheit – zugegebenermaßen ein wichtiger Aspekt im Strafvollzug – auf eine höhere Stufe als das Resozialisierungsziel gehoben wird.
Denn davon bin ich fest überzeugt: Es ist der beste Schutz der Bevölkerung vor weiteren Straftaten, wenn wir Strafgefangene in die Lage versetzen, künftig ohne Straftaten ein erfolgreiches und, ja, auch ein glückliches Leben zu führen.
Hier stelle ich die Frage:
Ist uns ein resozialisierter und beruflich gut qualifizierter Ex-Gefangener als Nachbar lieber als ein Gefangener, der seine Zeit im Gefängnis im Wortsinne „abgesessen“ und an keiner Behandlungsmaßnahme teilgenommen hat?
Die Antwort auf diese Frage – so bin ich überzeugt – wird auch die heutige Vorstellung Ihnen geben.
Um das hohe Ziel einer erfolgreichen Resozialisierung zu erreichen, unternimmt der Thüringer Strafvollzug vielfältige Anstrengungen:
Sei es in Form von Sportgruppen unter dem Titel „Anstoß für ein neues Leben“ unter Anleitung des ihnen sicher bekannten ehemaligen DDR-Auswahlspielers Rüdiger Schnuphase, sei es in Theater- und Musikgruppen, wie wir sie gleich erleben werden.
Hinzu kommen die zahlreichen beruflichen Aus- und Weiterbildungsprogramme, mit denen Thüringen bundesweit eine Spitzenstellung einnimmt.
Besonders betonen möchte ich an dieser Stelle, dass all diese Angebote nur aufgrund des außerordentlichen Engagements unserer Vollzugsbediensteten ermöglicht wurden. Das wird sich auch heute bei dieser Aufführung wieder zeigen.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit den anwesenden Mitarbeitern der Zweiganstalt Weimar danken, die den sicheren Ablauf der Veranstaltung gewährleisten. Danken möchte ich auch den Organisatoren des heutigen Nachmittags, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Waidspeichertheaters mit ihrer Intendantin Sibylle Tröster und meinem eigenen Haus, welches die Idee hatte, mit dem Gefangenentheater nach draußen zu gehen.
Mein ganz besonderer Dank gilt aber Frau Hartmann, die als Leiterin der Theatergruppe der JVA Hohenleuben über ein Jahr hinweg mit wöchentlich jeweils zwei Proben das heutige Programm gemeinsam mit den Gefangenen eingeübt und diese Aufführung erst möglich gemacht hat.
Noch kurz ein organisatorischer Hinweis:
Nach der Vorstellung wird es eine kurze Pause von 10 Minuten geben und anschließend hier im Raum ein Zuschauergespräch. Ich lade Sie herzlich ein, mit den Schauspielern, der Regisseurin und mir ins Gespräch zu kommen
Meine Damen und Herren, Sie sind hierher gekommen, um ein interessantes und nicht alltägliches Schauspiel zu erleben.
Daher spanne ich Sie nun nicht mehr länger auf die Folter und wünsche Ihnen gute Unterhaltung und den Schauspielern hinter dem Vorhang von Herzen ein großes toi toi toi.