zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 29. Todestages von Heinz-Josef Große in der Gedenkstätte Grenzmuseum "Schifflersgrund"
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Landrat, lieber Herr Reuß,
sehr geehrter Herr Ruske, liebe Vereinsmitglieder des Arbeitskreises Grenzinformation,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich möchte mich zu Beginn für die Gelegenheit bedanken, dass ich stellvertretend für die Thüringer Landesregierung an der heutigen Gedenkveranstaltung teilnehmen darf und mir die Gelegenheit für einen kurzen Redebeitrag eingeräumt wurde.
Verehrte Anwesende,
wir haben uns heute hier versammelt, um dem tödlichen Fluchtversuch von Heinz-Josef Große vor genau 29 Jahren – am 29. März 1982 – zu gedenken. Wir tun dies zu einem ganz besonderen Zeitpunkt, wurde doch vor nunmehr 50 Jahren mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen.
Die deutsch-deutsche Grenze – die Berliner Mauer zumal – war über 40 Jahre ein Instrument der unmenschlichen Teilung. Allein an der hessisch-thüringischen Grenze verloren 26 Menschen ihr Leben, weil sie ihrem Drang nach Freiheit folgten.
Die deutsche Teilung hat viel Leid gebracht und viele persönliche Schicksale berührt. Sie ist gottlob nur als Episode in die Geschichtsbücher eingegangen.
Der uneingeschränkte Herrschaftsanspruch der SED hat es nicht vermocht, die Deutschen in Ost und West einander nachhaltig zu entfremden, um so dem proklamierten sozialistischen Staat auf deutschem Boden die nötige Legitimation in der eigenen Bevölkerung zu verschaffen.
Insbesondere die jungen Generationen, die in der DDR aufgewachsen und in Kindergärten, Schulen und Universitäten zu vermeintlichen sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden sollten, kündigten der SED die Gefolgschaft, als die historische Gelegenheit dazu bestand.
Dass die emotionalen Bindungen zwischen den Deutschen in Ost und West trotz Mauer, Stacheldraht und Indoktrination erhalten blieben, davon zeugten die Ereignisse rund um die friedliche Revolution des Jahres 1989.
Die Wucht und Entschlossenheit, mit der sich der Wille des Volkes nach Freiheit und Einheit damals Bahn brach, mit der die jahrzehntelange SED-Herrschaft binnen Wochen hinweg gefegt wurde, beeindruckt und berührt uns noch heute.
Heinz-Josef Große konnte diese Sternstunde der deutschen Geschichte leider nicht mehr miterleben. Er musste seinen Freiheitsdurst im Alter von 34 Jahren mit dem Leben bezahlen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wenn es überhaupt eines Beweises für den zynischen und menschenverachtenden Euphemismus des sogenannten „antifaschistischen Schutzwalles“ bedurfte, dann wurde er doch spätestens durch die Toten an der innerdeutschen Grenze erbracht.
Das Schicksal von Heinz-Josef Große demonstriert exemplarisch, dass es der SED gerade nicht darum ging, die selbsterdachte sozialistische Menschengemeinschaft vor äußeren Feinden zu schützen.
Das Grenzregime war vielmehr ein Eingeständnis der eigenen Schwäche, der Unzulänglichkeiten und des Misstrauens, das sich gegen die eigene Bevölkerung richtete. Als ob Mauer, Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen nicht genügten, wurde auch das Strafrecht für politische Zwecke instrumentalisiert.
Bereits vor dem Mauerbau wurde durch das Strafrechtsänderungsgesetz von 1957 das Verleiten zum Verlassen der DDR mit Zuchthausstrafe geahndet.
Auf diesem Passus baute dann auch das ostdeutsche Strafgesetzbuch vom Januar 1968 auf, das Menschenhandel bzw. staatsfeindlichen Menschenhandel verbot.
§ 213 Absatz 2 stellte den ungesetzlichen Grenzübertritt der DDR-Bürger unter Strafe. Wobei nicht erst der unternommene Fluchtversuch, sondern bereits dessen Vorbereitung strafbar war.
Damit korrespondierte die Strafbewährung der sogenannten ungesetzlichen Verbindungsaufnahme nach § 219 des DDR-Strafgesetzbuches, die eine Weitergabe von Schriften, Manuskripten oder anderen Materialien sowie von Informationen ins Ausland verbot, die den Interessen der DDR, genauer der Staatspartei SED schadeten.
Bereits Artikel 4 des Strafgesetzbuches öffnete politischen Willkürmaßnahmen Tür und Tor, indem als allgemeiner Rahmen vorbehalten wurde, dass die Würde des Menschen, dessen Freiheiten und Rechte unter dem „Schutz“ der Strafgesetze des sozialistischen Staates stünden.
D.h. die individuelle Freiheit ließ sich je nach politischen Opportunitätserwägungen und Gutdünken der Herrschenden einschränken.
Es wundert daher nicht, dass vergleichweise wenige den Weg des aktiven Widerstands wählten oder das persönliche Risiko eines Fluchtversuches auf sich nahmen. Der überwiegende Teil der DDR-Bevölkerung beugte sich dem Repressionsapparat, zumal familiäre Schicksale von einem solchen Verhalten abhingen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Flora und Fauna haben sich den Raum, der noch vor etwa 20 Jahren die Deutschen in Ost und West voneinander trennte, langsam zurückerobert. Entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ist ein grünes Band erblüht. Nach dem Rückbau der Grenzanlagen deutet heutzutage an vielen Stellen kaum noch etwas darauf hin, dass hier Menschen unter Einsatz ihres Lebens versuchten die eigene Heimat zu verlassen.
Damit aber die vielen persönlichen Schicksale, die mit der deutschen Teilung verbunden sind, auch im kollektiven Gedächtnis der nachfolgenden Generationen nicht verblassen – buchstäblich kein Gras darüber wächst –, muss Erinnerungsarbeit an authentischen Orten, in den zahlreichen Grenzmuseen geleistet werden.
Ich möchte es nicht versäumen all jenen Dank zu sagen, die ihren Anteil an der Erinnerungsarbeit tragen. Sie alle leisten einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen und gegen die Verklärung der DDR-Geschichte.
Dass die ausgeprägte Gedenkstättenlandschaft in Thüringen auf ein breites Interesse – auch bei Schulklassen – stößt, davon zeugen die Besucherzahlen. Das Grenzlandmuseum Mödlareuth verzeichnete im vergangenen Jahr bspw. einen Besucherrekord von etwa 82.000 Gästen.
Der Umstand belegt, dass die deutsche Teilungsgeschichte viele Menschen nach wie vor berührt. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, muss diese Geschichte insbesondere Schulklassen auch weiterhin in altersgerechter und pädagogisch ansprechender Weise vermittelt werden.
Es genügt also nicht, allein die Authentizität des Ortes sprechen und wirken zu lassen. Die besondere Geschichte des Ortes muss vielmehr in den Gesamtkontext der DDR-Geschichte eingeordnet, mit der Alltagsgeschichte in der DDR verknüpft werden. Nur in dieser Verbindung wird die unmenschliche Geschichte des Grenzregimes letztendlich verständlich und fassbar.
Ich wünsche Ihnen – liebe Vereinsmitglieder des Arbeitskreises Grenzinformation – viel Erfolg bei Ihrer zukünftigen Arbeit im Grenzmuseum Schifflersgrund.
Bewahren Sie den Opfern des unmenschlichen Grenzregimes ein ehrendes Gedenken. Halten Sie die Erinnerung an die vielen individuellen Schicksale wach.
Vermitteln Sie damit vor allem, dass es nichts Selbstverständliches ist, in Freiheit leben zu können, sondern dass Freiheit das höchste Gut ist, das es stets gegen Angriffe zu verteidigen gilt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!