zum Empfang der Landesregierung anlässlich der Hauptversammlung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) im Barocksaal der Thüringer Staatskanzlei
Es gilt das gesprochene Wort!
Dr. Johannes Gerster, Präsident Deutsch-Israelische Gesellschaft,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde Israels!
Herzlich willkommen in der Thüringer Staatskanzlei, der „guten Stube“ Thüringens! Der prachtvolle Barocksaal und die angrenzenden Räume sind der passende Ort für einen Empfang für die Delegierten und Gäste der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.
Hier gingen schon vor 200 Jahren besondere Menschen ein und aus: Goethe war ebenso zu Gast wie Herder oder Wieland. „Man fand hier oft regierende Fürsten, Minister, Generäle, Staatsdiener aller Kategorien, Gelehrte, Kaufleute und Handwerker bunt durcheinander gruppiert.“ So berichtete damals ein Zeitzeuge über die berühmten „Assembleen“, die der Kurmainzische Statthalter Freiherr von Dalberg in diesen Räumen abhielt.
Es ist ein Ort, an dem der anregende Gedankenaustausch, der Diskurs über Politik und Gesellschaft eine lange Tradition hat, auch und gerade zu Israel, ein faszinierendes und facettenreiches Land und – dies darf ich als Justizminister betonen – einziger veritabler Rechtsstaat in der Region des Nahen Ostens. Ich habe großen Respekt vor dem Obersten Gericht Israels und seinem menschenrechtlichen Ansatz.
So hat in diesem Saal im Jahre 2001 die 10-Jahres-Feier der Arbeitsgemeinschaft Erfurt der DIG stattgefunden, und die israelischen Botschafter waren und sind willkommene Gäste und Redner.
Gern habe ich die ehrenvolle Aufgabe übernommen, Sie heute im Namen der Thüringer Landesregierung zu begrüßen. Morgen wird auch Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im Rahmen der Hauptversammlung zu Ihnen sprechen, die selbst langjähriges Mitglied Ihrer Gesellschaft ist, wie übrigens auch mein Staatssekretär, Professor Dietmar Herz, der sogar für einige Zeit Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Erfurt der DIG war.
Das zeigt: Die Deutsch-Israelische Gesellschaft und deren Ziele, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, sind der Landesregierung ein wichtiges Anliegen.
Der Freistaat Thüringen unterhält seit 1991 enge Kontakte zu Israel – nach jahrzehntelanger staatlich verordneter Sprachlosigkeit. Es sind Beziehungen, die sich stetig entwickelt haben und an deren heutiger Bindungskraft insbesondere die Deutsch-Israelische Gesellschaft ihren Anteil hat. Immerhin wirken heute drei überaus aktive Arbeitsgemeinschaften in Thüringen, nämlich die Arbeitsgemeinschaften Erfurt, Weimar und neuerdings Nordhausen.
Ein Beispiel für die vielfältigen Thüringer Aktivitäten zu Israel und dem jüdischen Leben: Im November werden die 18. (!) Tage der jüdisch-israelischen Kultur – thüringenweit – stattfinden, dieses Jahr unter dem Motto: „Kulturen im Dialog: Israel & Europa“. Diesen so wichtigen Dialog unterstützt auch mein Haus. Wir fördern die Vortragsreise der Zeitzeugin Avital Ben-Chorin, die aus Jerusalem nach Erfurt, Weimar, Jena und Gera kommen wird.
Übrigens wird auch Avi Primor, der ja heute zu Ihrer Delegiertenversammlung den Eröffnungsvortrag gehalten hat, im Rahmen der Jüdisch-Israelischen Kulturtage im November erneut in Erfurt sein, um - hier im Barocksaal - sein neues Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld“ vorzustellen.
Thüringen und insbesondere Erfurt kann auf eine reiche jüdische Tradition verweisen: Denn die heutige Landeshauptstadt beherbergte bis zum verheerenden Pestpogrom von 1349 eine der größten jüdischen Gemeinden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Die Alte Synagoge Erfurt, die einige von Ihnen morgen früh kennenlernen werden, war einst das geistige und kulturelle Zentrum der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Nach mehrjähriger Sanierung ist in der ältesten, bis zum Dach erhaltenen Synagoge Mitteleuropas ein außergewöhnliches Museum zu besichtigen. Das Museum wurde vor fast genau einem Jahr [am 26. Oktober 2010] eröffnet und zeigt den berühmten „Erfurter Schatz“: 700 Gold- und Silbergegenstände, darunter der einzigartige und wunderschöne goldene Hochzeitsring aus dem frühen 14. Jahrhundert, und wertvolle Handschriften, die von der einst prosperierenden jüdischen Kultur in der mittelalterlichen Stadt zeugen.
Dieser Schatz erinnert zugleich an die wechselvolle Geschichte der Juden in Deutschland, die immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren: Die Kostbarkeiten gehörten vermutlich einem jüdischen Bankier und Händler, der sie vor dem verheerenden Pogrom in Sicherheit bringen wollte.
Seit einigen Jahren bemüht sich ein Kreis engagierter Erfurter Bürgerinnen und Bürger, dem ich selbst angehöre, darum, der deportierten und ermordeten Erfurter Juden in angemessener Weise zu gedenken. Dem Arbeitskreis Erfurter GeDenken 1933-1945 ist es gelungen, mit viel zivilgesellschaftlichem Engagement und der Unterstützung der Stadt Erfurt im letzten Jahr die ersten vier sogenannten DenkNadeln aufzustellen, unübersehbare Zeichen im öffentlichen Raum.
In diesem Jahr kommt am 9. November eine weitere DenkNadel hinzu, die in der Bahnhofstraße an den Erfurter Arzt Dr. Ehrlich erinnern wird.
Besonders erfreulich ist es, dass nach der Wende wieder ein reiches jüdisches Leben in Thüringen entstehen konnte, als immer selbstverständlicherer Teil unserer Kultur. Am 12. November werden wir die Amtseinführung des neuen Rabbiners der Jüdischen Landesgemeine Thüringen in der Neuen Synagoge Erfurt begehen können. Rabbiner Konstantin Pal wurde am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam ausgebildet, wo ja vor zwei Jahren die letzte Hauptversammlung der DIG stattgefunden hat.
Paul Spiegel hat einmal geschrieben: „Je mehr wir voneinander wissen, umso größer sind die Chancen auf ein friedliches, aber auch wechselseitig befruchtendes Miteinander. Zu jeder Zeit, in jedem Alter.“
Die DIG fördert den Austausch von Informationen, Meinungen und Standpunkten zu den deutsch-israelischen Beziehungen. Sie tritt ein gegen jede Form des Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Im Wissen um die Besonderheit der deutsch-israelischen Beziehungen fördern die Mitglieder der DIG das gegenseitige Vertrauen und Verständnis. Dafür gilt Ihnen mein herzlicher Dank!
Ein aktueller Aspekt kommt hinzu: Mit Besorgnis nehmen wir zur Kenntnis, dass die Versuche, das Existenzrecht Israels zu bestreiten, den Staat Israel zu delegitimieren, in den letzten Jahren zugenommen haben. Zugleich ziehen immer neue Bedrohungen herauf, wie die israelfeindliche Politik des Iran zeigt. Hier heißt es, aufrichtiger und verlässlicher Partner Israels zu sein. Auch hierfür gilt Ihnen mein besonderer Dank!
Ich wünsche der morgigen Hauptversammlung viel Erfolg, Ihnen allen einen angenehmen Aufenthalt in Erfurt und den deutsch-israelischen Beziehungen eine gute Zukunft!