Zeitzeugenprojekt zur Aufarbeitung der SED Diktatur

Gedenkstätte Andreasstraße 2
Wandtafeln in der Gedenkstätte Andreasstraße - Erfurt

 

„Meine Frau und ich, wir denken noch gerne an die interessante Veranstaltung in Meiningen zurück. Ihre Studentinnen und Studenten waren sehr interessiert und aufgeschlossen. (…) Es ist unser Herzensanliegen, dabei mitzuhelfen, unseren mit vielen Mängel behafteten, aber dennoch großartigen demokratischen Staat zu erhalten und gegen die populistischen Angriffe von links- und rechtsaußen zu verteidigen. Deshalb sind wir sehr dankbar dafür, dass Sie uns die Möglichkeit gaben, mit Ihnen und Ihren Studenten zu sprechen.“

N. Sommer (Zeitzeuge, Stasi-Opfer in den 50er Jahren)

 

 

Buchcover2

Stasi-Zeitzeugenprojekt am Fachbereich

Kooperationsprojekt

Der Fachbereich Polizei führt seit 2011 in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit allen Studiengängen Zeitzeugenprojekte durch. Außerdem sind die Stiftung Ettersberg und die Außenstelle Erfurt des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik bei der Durchführung des Projekts eingebunden.

Gegenstand dieses Projekts ist die Verfolgung von Regimegegnern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR und das Kommissariat K 1 der Kriminalpolizei der Deutschen Volkspolizei. Es besteht aus dem Studium von Stasi-Akten (Dokumentenanalyse) und Zeitzeugengesprächen mit Opfern der Stasi.

Didaktischer Ansatz – Warum Zeitzeugenprojekt?

Eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Demokratie- und Diktaturgeschichte im 20. Jahrhundert und der Funktion der Polizei im Nationalsozialismus und in der DDR sollte aus folgenden Gründen Bestandteil des Studiums zum gehobenen Polizeivollzugsdienst sein:

  • Polizisten sollten in Grundzügen über die historische Entwicklung der gesellschaftlichen Institution, die sie repräsentieren, Bescheid wissen;
  • sie sollten wissen, in welchem Maße die Polizei von totalitären Regimen in Deutschland im 20. Jahrhundert missbraucht wurde und sich missbrauchen ließ;
  • sie sollten sich bewusst machen, welche Gefahren des Missbrauchs in der ihnen vom Staat gegebenen Macht über ihre Mitbürger liegen.

Die Beschäftigung mit den Unterlagen der Stasi bietet dabei den Vorteil, dass die Studierenden in der Regel über ihre Eltern und Großeltern einen familiengeschichtlichen, lebenspraktischen Bezug zur DDR-Diktatur haben und dass man das Studium von Stasiakten mit einem Zeitzeugengespräch mit Opfern der Stasi kombinieren kann.

Wie läuft ein Zeitzeugenprojekt ab?

Der Ablauf des Projekts ist so gestaltet, dass wir den Studierenden zunächst den Auftrag erteilen, sich in ihrem familiären Umfeld darüber kundig zu machen, wie ihre Eltern und Großeltern oder Tanten und Onkel die DDR erlebt haben und wie diese die DDR heute einschätzen. Das Zusammentragen dieser Berichte ist eine erste, lebenspraktisch fundierte Positionierung zum Thema Diktatur. Als nächstes beschäftigen sich die Studierenden mit Kopien von Stasiakten zu einer oder zwei konkreten Personen, nämlich den Zeitzeugen, mit denen sie später ein Gespräch zu deren Erfahrungen in der DDR und mit der Stasi führen werden. In der Auseinandersetzung mit den Stasiakten setzen sich die Studierenden mit der Sprache der Stasi und deren Vorgehen im Einzelfall auseinander. Die Studierenden lernen dabei an einem Einzelfall die Arbeitsweise einer Geheimpolizei in einem totalitären Staat kennen. Zugleich können sie an der Sprache der Stasi deutlich erkennen, worin sich deren Vorgehen und vor allem ihr Menschenbild von dem einer modernen Polizei im demokratischen Rechtsstaat unterscheiden. Nachdem sich die Studierenden mit den Akten ein Bild von dem in Frage stehenden Geschehen gemacht haben, findet im Rahmen einer Exkursion nach Erfurt eine in der Regel zweistündige Diskussion mit den Zeitzeugen statt. Das Zeitzeugengespräch wird von einem Besuch der Stasi-Unterlagenbehörde auf dem Erfurter Petersberg und der Gedenkstätte Andreasstraße begleitet. In der Unterlagenbehörde können die Studierenden die Originalakten zum verhandelten Sachverhalt einsehen und sie werden über die Arbeit der Behörde informiert. In der Gedenkstätte Andreasstraße besichtigen sie die Zellen der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt und die dazugehörige Ausstellung zur Diktaturgeschichte. Insbesondere die sinnliche Erfahrung der erhaltenen Stasiakten, ihr optischer, olfaktorischer und haptischer Eindruck ist eine wichtige Ergänzung zur gedanklichen Arbeit mit ihren Inhalten. Dasselbe gilt für die Besichtigung des authentisch rekonstruierten Gefangenentrakts in der Gedenkstätte Andreasstraße. Abgeschlossen wird das Zeitzeugengespräch von einer zweistündigen Nachbetrachtung, in der die Studierenden ihre Erfahrung im Zeitzeugengespräch nochmals reflektieren können.

Kommunikationsdynamik und polizeiliche Praxis

Über die kritische Beschäftigung mit staatlicher Repression hinaus hat sich gezeigt, dass die Zeitzeugengespräche auch für die Reflexion polizeilicher Interaktion mit dem Bürger von Bedeutung sind. Denn die Polizeibeamten werden dabei mit einer Gesprächsdynamik konfrontiert, die der Gesprächsdynamik vieler ihrer Einsätze ähnelt:

  • Vermeintlich harmlose Fragen erweisen sich als Auslöser impulsiver Reaktionen; 
  • auf emotionale Äußerungen ihnen fremder Personen, wie z.B. Tränenausbrüche, müssen sie reagieren;
  • sie müssen in sensibler Weise kritische Frage stellen, die ihnen genauso unangenehm sind wie ihrem Gegenüber.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es sich sowohl bei den Zeitzeugengesprächen als auch bei typischen, konfliktträchtigen, polizeilichen Interaktionen um Interaktionen unter Fremden handelt, die aufgrund der in ihnen verhandelten Gegenstände häufig Nähe-Distanz-Probleme aufwerfen und daher von den Polizeibeamten Fingerspitzengefühl und klare und zugleich sensible Abgrenzungsmechanismen verlangen. Die Zeitzeugengespräche entsprechen also einer realen Gesprächspraxis, die der polizeilichen Praxis im hohen Maße ähnlich ist, so dass sich für die Polizeibeamten die Möglichkeit bietet, entlastet von den Zwängen ihres Berufsalltags in einer krisenhaften Gesprächspraxis zu interagieren und im Nachgang darüber zu reflektieren.

Geplante Zeitzeugengespräche

Die nächsten im Modulhandbuch vorgesehenen Zeitzeugengespräche finden im November und Dezember 2017 statt.

 

Literaturhinweise


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Bildstrecke zur Aufarbeitung der SED Diktatur


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Weiterführende Dokumente

Die widersprüchliche Einheit von affirmativem und kritischem Diskurs als Grundlage sozialwissenschaftlicher Lehre im Studium zum gehobenen Polizeivollzugsdienst (201.5 kB)
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

Flyer - Angebot des Landesbeauftragten (661.2 kB)
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (432.4 kB)
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

Empfehlungen der Historiker-Kommission (43.8 kB)
PDF-Dokument ist nicht barrierefrei.

 

Weiterführende Links

Stiftung Ettersberg

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – Außenstelle Erfurt

Thla-Thüringen

Thla-Thüringen - Zeitzeugenarbeit


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Logo FH

Zeitzeugengespräch mit Ralf Weber

Die Teilnehmer des Wahlpflichtmoduls „Grundlagen ethischen Handelns“ im 31. Studiengang konnten dieses Jahr an einem Zeitzeugenprojekt teilnehmen, in dem die Heimerziehung und der Jugendstrafvollzug der DDR Thema waren.

Ralf Weber wurde mit sechs Jahren in ein Kinderheim in der Nähe von Magdeburg eingewiesen und verbrachte mehr oder weniger die kompletten folgenden zwanzig Lebensjahre in verschiedenen Heimen und Jugenderziehungs- und Strafvollzugseinrichtungen der DDR. Er berichtet in erschütternder Ausführlichkeit von einem menschenverachtenden System der Persönlichkeitszerstörung:

„Als ich mit 26 Jahren aus der Militärhaftanstalt Schwedt entlassen worden war, war ich komplett gesellschaftsuntauglich. Ich hatte nur gelernt, schneller zu sein als der Andere, um einen Angriff abzuwehren. Ich hatte als Kind nur drei Dinge begriffen: Erwachsene schlagen, Erwachsene lügen und Erwachsene stehlen.“

Auch seine Schilderungen, wie er danach versuchte, sein Leben zu meistern, sind von erschütternder Eindringlichkeit.

Herr Weber setzt sich heute für die Interessen der ehemaligen Heimkinder der DDR ein und hat in diesem Zusammenhang bereits zwei wegweisende Verfassungsgerichtsurteile erstritten.

Wir bedanken uns bei Herrn Weber und bei Herrn Dr. Wanitschke, Mitarbeiter politische Bildung beim Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, für ihr Engagement, um diesen unvergesslichen Nachmittag ermöglicht zu haben.

 

A. Müller-Tucholski

Dozent Fachgruppe Führungs- und Sozialwissenschaften

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