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Ilka Drewke, Schulleiterin
Schule muss sich an individuellen Lernbedürfnissen orientieren
Ilka Drewke, Schulleiterin der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar, über ihre Vorstellungen von Gemeinschaftsschule.
Wovon wir uns verabschiedet haben
Es ist Januar. Zum Schullaufbahngespräch in der Klassenstufe 4 sitzen am Tisch: ein neunoder zehnjähriges Kind, dessen Eltern und die Lehrerin. Beraten wird über die Zukunft des Kindes. Fragen, die gestellt und beantwortet werden, sind: Was ist der beste Weg fürs Kind? Hat es die Noten, die es braucht, um auf die Schule gehen zu können, die sich die Eltern wünschen? Kann die Grundschule eine Empfehlung geben oder muss das Kind zum Probeunterricht? Regelschule oder Gymnasium?
Bisher wurde jeder Lernfortschritt des Kindes gewürdigt, individuelle Ziele gesetzt, das Kind auf seinem persönlichen Lernweg bestärkt. Dies möchte man auch jetzt nicht aus dem Blick verlieren, aber die individuellen Fortschritte geben keine Antwort auf die entscheidenden Fragen. Ausschlaggebend sind nur die sachliche Bezugsnorm und die Noten in den Kernfächern. Oft wird am Ende eine Empfehlung gegeben: Du gehst aufs Gymnasium! Du gehst auf die Regelschule!
Offen bleibt die Frage, ob die Entwicklung eines Kindes zu diesem Zeitpunkt bereits abzusehen ist und welche Folgen diese wichtige Entscheidung für Eltern und Kinder hat. Fest steht, der Schullaufbahnwunsch beeinflusst entscheidend das Lernen in den Klassenstufen 3 und 4, das soziale Zusammenleben spätestens ab dem zweiten Halbjahr der Klassenstufe 4. Leistungen in den Hauptfächern werden in den Vordergrund gerückt. Im schlimmsten Fall spielen besondere Interessen und Begabungen nur noch eine untergeordnete Rolle.
Am Ende der Klassenstufe 4 verlassen die Schüler ihre Grundschule. In der neuen Schule beweisen sie, dass sie sich an andere Unterrichtskonzepte und Schulstrukturen anpassen können. Sie überwinden Startschwierigkeiten in einzelnen Sachkompetenzbereichen und bringen viel Zeit und Energie auf, sich in einem neuen sozialen Umfeld zu positionieren. Die Grundschulpädagogen können die weitere Entwicklung ihrer Kinder nicht verfolgen und erhalten damit auch keine Rückmeldung zu ihrer Arbeit.
Was wir gewonnen haben
Länger gemeinsam Lernen nach dem Jenaplan ist das erklärte Ziel von Schülern, Eltern und Pädagogen unserer Schule. Deshalb wurde die Schule zur Gemeinschaftsschule. Unsere Schüler lernen gemeinsam – ohne vorzeitige Entscheidungen die Schullaufbahn betreffend. Sie lernen nicht für Fächer, sondern erkunden ihre individuellen Interessen und Begabungen, loten ihre Fähigkeiten aus und erweitern ihre Kenntnisse. Für das engagierte Pädagogenteam ist die Heterogenität einer Gruppe Chance und Basis für ihre Arbeit.
Unser inklusives pädagogisches Konzept fördert jedes Kind individuell, baut es an seinen Stärken auf und holt es da ab, wo es steht. Die Lehrer kennen das Kind, dokumentieren kontinuierlich die Lernentwicklung und erziehen es zu selbstverantwortlichem Lernen und sozialer Kompetenz. Dabei arbeiten sie eng mit den Eltern zusammen. Für Eltern steht die individuelle Förderung ihres Kindes im Mittelpunkt. Jedes Kind wird bis zum bestmöglichen Schulabschluss begleitet. Es gibt keine „Neustarts“ innerhalb einer Schullaufbahn und damit auch keine Brüche.
Woran wir arbeiten
Wie schaffen wir es, jedem Kind gerecht zu werden? Welche Strukturen brauchen wir, um Lehren und Lernen zu individualisieren? Wie gehen wir mit dem scheinbaren Gegensatz zwischen individualisiertem Lernen und standardorientierter Leistungsmessung um? Wie verstehen Lehrer ihre Rolle, und entspricht diese dem offenen Unterrichtskonzept?
Die Beantwortung dieser Fragen ist ein langwieriger, von allen Beteiligten gestalteter Prozess und wird von vielfältigen Faktoren beeinflusst. Allein das Stellen dieser Fragen bedeutet Entwicklung, ist die Voraussetzung für das Gelingen unserer Schule und macht sie zu dem, was ich mir wünsche: Eine Schule, die sich am Kind und seinen individuellen Lernbedürfnissen orientiert und allen gleiche Chancen bietet.