Christine Lieberknecht
Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen
Rede
Wartburg-College
29. Mai 2011, 13.00 Uhr
Präsident Colson,
Mitglieder der Fakultät,
Mitglieder des Board,
Damen und Herren Professoren,
Graduierte und Studierende
Gäste, Freunde und Förderer des Wartburg College
1. Dank für Ehrendoktorwürde
An erster Stelle steht mein herzlicher Dank für die ehrenvolle Verleihung der Ehrendoktorwürde der Rechtswissenschaften durch das Wartburg-College. Ich halte es mit Johann Wolfgang von Goethe: „Höchst anmutig sei das Danken!“. Ich bin tief beeindruckt von der feierlichen Zeremonie in altehrwürdiger Tradition mit der Pracht akademischer Roben.
Das Wartburg-College steht in enger Verbindung zur Lutherischen Kirche.
Dass ich Ihre ehrenvolle hohe Auszeichnung mitten in der Reformations-Dekade erhalten darf, dies betrachte ich als ganz besondere Ehre. Ihre einst von deutschen Immigranten gegründete Universität verbindet die Werte der deutschen Kultur mit den amerikanischen Idealen.
Ich bin mir der Ehre, aber zugleich der Verantwortung bewusst, die mit Ihrer Auszeichnung verbunden ist. Was uns – Ihr geschätztes College und mich – verbindet, das ist die Gemeinsamkeit der Werte.
Als ehemalige Pastorin bin ich der evangelisch-lutherischen Kirche aus voller Überzeugung verbunden. Mein persönliches und politisches Leben habe ich in den Dienst vor Gott und den Menschen gestellt, in den Dienst der Freiheit, der Menschenwürde, der Demokratie und des freiheitlichen Rechtsstaates.
2. Dank an USA für Wiedervereinigung
Und genau für diese Werte habe ich mich in der friedlichen Revolution 1989 aus voller Überzeugung eingesetzt. Mit Gebeten im Herzen und Kerzen in der Hand haben wir eine kommunistische Diktatur hinweg gefegt. Vor allem die Kirchen waren es, die den Menschen damals Zuflucht, Mut, Kraft und Unterstützung gewährt haben. Wir haben die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands, wir haben Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zurück gewonnen. Dies war die erste friedliche Revolution der Geschichte, ohne Blutvergießen, ohne Gewalt.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben Deutschland auf seinem Weg in die Freiheit immer wieder unterstützt. Das gilt für die Nachkriegszeit im westlichen Teil Deutschlands. Und dies gilt für die Phase der Wiedervereinigung für beide Teile meines Vaterlandes. 1989 fiel der Eiserne Vorhang, der Europa geteilt hatte. Und am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, die unser Volk für vier Jahrzehnte getrennt hatte.
Wir Deutsche haben den USA für die Wiedergewinnung der Einheit unseres Vaterlandes in Frieden und Freiheit viel zu verdanken.
Heute stellen sich Europäer und Amerikaner gemeinsam den neuen Herausforderungen und treten der Gefahr des Internationalen Terrorismus geschlossen entgegen.
Das, was Europäer und Amerikaner zusammenhält, ist die gemeinsame Wertebasis. Das gemeinsame Bild vom Menschen in seiner unverletzlichen, unveräußerlichen Würde, das gemeinsame Verständnis von Freiheit in Verantwortung. Dafür treten wir gemeinsam vor allem in der Wertegemeinschaft des Nordatlantischen Bündnisses ein.
Ich freue mich ganz besonders, dass diese große Partnerschaft auch auf regionaler und lokaler Ebene intensiv gepflegt wird. Die Städtepartnerschaft zwischen Eisenach und Waverly, die Partnerschaft mit dem Wartburg-College ist dafür ein ganz hervorragendes Beispiel. Gern nutze ich die Gelegenheit, Danke zu sagen. Herzlichen Dank allen, die sich hier engagieren!
3. Die Kraft der Freiheit
Wer, wie ich, in einem kommunistischen System aufgewachsen ist, wer gerade deshalb die Sehnsucht nach Freiheit immer im Herzen getragen hat, für den heißt über Freiheit zu sprechen immer auch, die Unfreiheit mit zu denken. Vor dem Hintergrund von Unfreiheit und Despotie wird Freiheit erst zu der Sehnsucht, zu dem Ort des Menschen, an dem nichts Geringeres entfaltet wird als seine Würde. Würde also ist der unveräußerliche Kern dessen, was für uns Freiheit bedeutet.
Und das heisst, dass es keine freien Verhältnisse geben kann
ohne den verbrieften Würdestatus des Einzelnen, des Individuums. Wo auch immer. Die große Philosophin Hannah Arendt
[1], die aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertrieben wurde und in der USA Zuflucht fand, hat den wunderbaren Satz geprägt, der auch für mein politisches Handeln
Maxime ist:
„Der Sinn von Politik ist Freiheit.“Aus der Sicht des Existenzialismus hat
Albert Camus[2], Literatur-Nobelpreisträger, mitten im Zweiten Weltkrieg in einem Essay
das Absurd-Ausweglose menschlicher Existenz unter den Bedingungen der Welt, die eben nicht das Paradies ist,
beschrieben. Unter Bedingungen, an denen sich der Mensch immer wieder zurückgeworfen sieht in würdelose, weil unfreie Zustände. Der Held seines mythischen Dramas ist ein Mensch, der sein Schicksal angenommen hat.
Camus sagt, dass
der Fels, der immer wieder herunterrolle, „
seine Sache“ sei. Weil
er vor der scheinbar sinnlosen Aufgabe nicht kapituliert, sondern in der jeweils
winzigen Sekunde, da er sich
entscheidet, den herab gerollten Stein ein weiteres Mal aufzuheben und unter Mühsal und Qualen den Berg wieder heraufzutragen, die
wunderbare Sekunde der Freiheit entsteht, der Souveränität, der Nicht-Kapitulation. Und dies sei der „Augenblick, in dem der Mensch sich wieder seinem Leben“ zuwende, und damit, können wir hinzufügen:
seiner Würde. Eben deshalb aber, so Camus müssten wir uns
„Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“.
[3] Denn der „Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“.
[4]
Kein Zweifel, dies ist eine philosophische Antwort auf das Problem, und zwar keine christliche. Aber der Widerstandsgestus, der darin steckt, sich nicht abzufinden mit dem scheinbar oder tatsächlich Unvermeidlichen, nicht die Unterwerfung zu lieben, sondern unter ihrer Bedingung der Freiheit und damit der Würde einen Ort zu schaffen – und sei es nur im eigenen Herzen –, das kommt denn doch christlich konnotierter Sinn-Gewissheit unter äußerst sinnwidrigen Umständen ziemlich nahe auch wenn Camus auf Distanz zum Christentum gegangen war.
Dennoch belegt dieser Essay die Stärke des Freiheits-Postulats und seiner Kraft, selbst dann noch wirksam zu sein, wenn das christliche Hoffnungs-Prinzip, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr greift.
Die Glücksfähigkeit des Menschen und damit seine Fähigkeit, Freiheit und Würde zu leben, ist eben nicht abhängig vom Sättigungsgrad mit materiellen Dingen und Status-Positionen, sondern Konsequenz einer Anlage in ihm, die älter ist als jede Reflexion darüber. Sie ist ein ihm von Natur aus geschenktes Potential, dem in der Entwicklung des europäischen Naturrechtsdenkens seit Beginn der Neuzeit immer entschiedener Ausdruck verliehen worden ist.
Dabei wird die Wahrung dieses Naturrechts nicht abhängig gemacht von der unterschiedlichen Ausstattung der Individuen mit Stärke und Geist, mit Talenten, aber auch mit Fehlbarkeiten und Schwächen.
An exakt diesem Punkt jedoch hat es im europäischen Denken des achtzehnten Jahrhunderts einen Abspaltungsprozess gegeben, der sich mit dem Begriff der „Aufklärung“ verbindet und der dem Menschen in Natur und Geschichte einen Autonomie-Status zubilligte, der ihn zum Herrn der Schöpfung und damit aller seiner eigenen Lebensumstände machen sollte. Der ihn aber vom Schöpfer selbst, von Gott und seiner Normativität, freisetzte oder emanzipierte, wie es seitdem heißt, und besonders in der Spielart jener „Aufklärungs“-Linie, die sich in den Varianten des Marxismus manifestiert und die keineswegs mit dem Untergang der totalitären kommunistischen Systeme im Jahre 1989/90 ihren Anspruch aufgegeben hat, der Menschheit zu einem weiteren endgültigen Glückszustand zu verhelfen.
Der aber in der Logik des Marxismus immer nur zu einem gesellschaftlichen Ort werden kann, in dem man zu seinem Glück, das die politische Führung definiert - notfalls auch gezwungen werden kann.
Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte dieses verhängnisvollen Irrwegs auszubreiten, der in der Konsequenz zu jenen Schreckensregimen geführt hat, die wir im 20. Jahrhundert erlebt haben.
Der amerikanische politische Philosoph und Präsidentenberater Walter Lippmann
[5] hat den totalitären Führern beider Diktaturen des 20. Jahrhunderts
in ihrer ideologischen Verblendung wahnhafte Selbsterhöhung vorgeworfen. Sie fühlten und gebärdeten sich
allmächtig und mit ihrem absoluten Machtanspruch quasi Gott gleich. Lippmann scheut sich nicht, in ihnen „das absolute Böse“ zu sehen, „denen die Traditionen der Civilitas gegenüberstehen“.
Es versteht sich von selbst, dass der christliche Freiheits-begriff damit nicht nur unvereinbar ist, er ist diametral dazu entgegengesetzt. Der christliche Freiheits-Begriff ist zum einen tief verankert in jener fundamentalen Würde-Norm aus der Apostelgeschichte 5,29: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Dies beschreibt ja kein, wie so oft behauptet, sklavisches Abhängigkeitsverhältnis, sondern im Gegenteil exakt jene Freiheits- und Bindungs-Dialektik, die zu der berühmten Luther-Formel geführt hat, derzufolge der Christ im selben Moment „ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ ist sowie „ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“.
Moderner gesprochen, mit den Worten des katholischen Philosophen
Romano Guardini: „Die Beziehung auf den Lebendigen Gott gibt der Existenz einen beständig wirksamen Stützpunkt, von dem aus sie sich selbst über sich hinausheben kann.“ Denn, so Guardini weiter: „Die Freiheit des Menschen ....verwirklicht sich grundlegend
vor Gott, so dass der Gehorsam gegen Ihn nicht Unterwürfigkeit gegen die überlegene Macht,
sondern Tun des einfachhin Rechten bedeutet.“
[6]
Eben diesem „Tun des einfachhin Rechten“ gerecht zu werden, zeigt uns ein Gedicht, des deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der 1945 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. In der Gefängniszelle schrieb dieser evangelische Theologe, der Gott mehr gehorchte als dem Tyrannen Hitler: „Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, / nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, / nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. /
Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.“
4. Reformationsdekade - Luthers Freiheit des Christenmenschen
Als Pfarrerskind, als Pastorentochter und als Pastorin habe ich gerade auch in der DDR etwas erfahren von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Der Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan im Glauben. Und ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan in der Liebe, also in der Nächstenliebe.
Das, was für Paulus sein Bekehrungserlebnis vor Damaskus war, das ist für den Reformator Martin Luther seine reformatorische Erkenntnis gewesen. Er hat nachgedacht, wie komme ich zu einem gnädigen Gott. Und im langen Ringen, im langen Nachdenken ist er zu der frohen und fröhlichen Erkenntnis gekommen, dass diese Freiheit im Glauben die Voraussetzung für alle äußere Freiheit unseres Tuns und Lassens ist.
Er hat nicht nur in Wittenberg nachgedacht, sondern er hat zuvor nachgedacht als Mönch im Augustinerkloster Erfurt. Er hat nachgedacht als Junker Jörg auf der Wartburg in Eisenach.
An diesen weit über Glaubensfragen hinausreichenden Gedanken Luthers wird seine weltgeschichtliche, geistesgeschichtliche und kulturhistorische Bedeutung ersichtlich. Seine Erkenntnisse wirken bis heute fort. Dies gilt für Christen wie für Nichtchristen gleichermaßen.
Meine Damen und Herren,
im Heimatland Luthers, aus dem ich komme, wollen wir mit Verantwortung übernehmen für die Botschaften, die Wertebotschaften, die von der Lutherdekade und vom Jubiläumsjahr 2017 in die Welt hinaus gehen sollen.
Denn: Mitteldeutschland, vor allem Thüringen ist Lutherland,wie auch das heutige Sachsen-Anhalt mit Wittenberg und Eisleben. Bei uns in Thüringen hatte der Reformator Martin Luther seine biographischen Wurzeln, seine Eltern und Vorfahren stammen aus Möhra und Eisenach.
In Thüringen hat Luther seine entscheidenden Prägungen erfahren, in der Eisenacher Pfarrschule, an der Erfurter Universität, als Mönch im Erfurter Augustinerkloster, einem Geburtsort der reformatorischen Erkenntnis. Und auf der Wartburg hat er als Junker Jörg mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche die Grundlage für die einheitliche deutsche Schriftsprache geschaffen.
Für uns verbindet sich damit ein geistiges und kulturelles Erbe von Weltrang. Und dieses Erbe wollen wir gerade während der Lutherdekade bis zum 500. Reformationsjubiläum 2017 auf der Grundlage eines zeitgemäßen, differenzierten Lutherbildes, das weit über dessen religionsgeschichtliche Dimension hinausreicht, pflegen.
Für den Freistaat Thüringen geht es in der Lutherdekade deshalb nicht um einen nostalgischen Blick zurück. Wir sind vielmehr vor dem Hintergrund unserer authentischen Gedächtnis-Orte und archivalischen Perlen der Reformation herausgefordert, Thüringen als Lutherland zu entdecken und zu entwickeln.
Die Wartburg – Namensgeberin Ihres College –
ist mit jährlich rund 400.000 Besuchern die weltweit meistbesuchte und beeindruckendste Lutherstätte.
Meine Damen und Herren, heute geht an alle Lehrenden und Studierenden, an alle Freunde und Förderer des Wartburg-College meine herzliche Einladung, die Orte der Reformation in Deutschland, vor allem den Freistaat Thüringen und Sachsen-Anhalt, in der Reformationsdekade und im Jubiläumsjahr 2017 zu besuchen.
Mit dieser Einladung, mit meinem Glückwunsch an die erfolgreichen Absolventen, die heute ihre Zeugnisse erhalten haben und mit meinen guten Wünschen für das Wartburg-College bedanke ich mich nochmals für die große Ehre, die mir heute zuteil wird.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft, den Graduierten ein erfülltes und erfolgreiches Leben und hoffe, Sie alle in Thüringen wiederzusehen. Gott segne Sie.
[1] Hannah Arendt, in: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, herausgeg. Von Ursula Ludz, München 1993, S. 28
[2] Albert Camus,
Der Mythos des Sisyphos, 6. Auflage, Reinbeck 2004, S. 159f.
[5] Walter Lippmann, Philosophia Publica, Vom Geist des guten Staatswesens, München 1957
[6] Romano Guardini,
Freiheit Gnade Schicksal, Drei Kapitel zur Deutung des Daseins, München 1948, S. 99 ff