Grußwort der Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen Christine Lieberknecht
„Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“
Donnerstag, 27. Januar 2010, 17.00 Uhr, Erinnerungsort Topf&Söhne, Sorbenweg 7, Erfurt
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[Anrede,]
Wir befinden uns hier in einem schlicht gehaltenen Raum. In einem schlichten Gebäude, dem ehemaligen Verwaltungssitz der Firma Topf&Söhne. In einem schlichten Industriegebiet. Orte, die überall zu finden sind. Hier produzierten Topf&Söhne ab 1889 Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen. Tatsächlich war Topf&Söhne lange Zeit ein normales, mittelständisches Unternehmen – wie Tausende andere auch im Deutschland jener Zeit.
Und doch ist alles anders: Hier verbindet sich ein Stück deutscher Industriegeschichte mit dem Massenmord an Millionen Juden, Polen, Sinti und Roma und sowjetischen Kriegsgefangenen. Zwei Stockwerke über uns, wo sich heute die Ausstellungsräume befinden, haben die „Techniker des Todes“ im Auftrag der SS Verbrennungsöfen für die Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz und Dachau geplant. Hier wurden Entlüftungsanlagen für die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau entwickelt – den Geschäftspartnern in jedem Brief versichernd, „stets gern für Sie beschäftigt“
[1] zu sein.
Es ist auch der Forschungsarbeit von Dr. Annegret Schüle, der Leiterin des Erinnerungsortes, zu verdanken, dass heute zweifelsfrei feststeht: Die Beteiligten wussten, was in den Lagern geschah. Sie wussten, wofür die Anlagen benötigt wurden. Und dennoch halfen sie bereitwillig mit: Der Oberingenieur Kurt Prüfer besuchte wie andere Mitarbeiter auch mehrfach die Konzentrationslager. Prüfer wusste, was in der Ferne geschah, wenn er von seinem Zeichentisch aus dem Fenster sah. Er blickte direkt in Richtung Ettersberg.
Die Singularität der NS-Verbrechen steht im krassen Gegensatz zum Umgang der Mittäter aus Erfurt mit ihnen: Sie reduzierten den Massenmord zu einem „Geschäftsvorgang“, zu einer „technischen Aufgabe“, der mit dem „entsprechenden Produkt“ begegnet werden kann.
Eine antidemokratische Grundschwingung, offener Rassismus und Antisemitismus, schleichende Verrohung und schließlich die Legitimierung des Verbrechens durch den Staat: Das war die üble Saat, die vielerorts aufging. Die Saat, die Moral und Mitmenschlichkeit verdrängte – auch hier. So konnte in Buchenwald, in Auschwitz und in den anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern das „Unmögliche möglich“
[2] werden.
Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ist der Tag der Erinnerung. Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, wir sind es den Überlebenden und ihren Kindern, wir sind es allen unseren Kindern schuldig, dass wir diese schmerzliche Erinnerung wach halten.
Denn Schuld – das zeigt gerade auch der Erinnerungsort „Topf&Söhne“ – haben nicht allein jene auf sich geladen, die das Morden angeordnet und mit eigener Hand ausgeführt haben. Schuld – eine moralische Schuld – hat auch, wer nicht mehr nach den Konsequenzen seines Handelns fragt. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Denn Primo Levi hat recht: „Es ist geschehen, und folglich kann es weiterhin geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben. Es kann geschehen, überall.“
Wir dürfen nicht vergessen. Die Erinnerung an den Holocaust beinhaltet die Verpflichtung, die Gedenkstätten des Terrors als Zeugnis für die Nachwelt und als Mahnung für die Zukunft zu erhalten. Das gilt auch für „Orte der Täter“, wie das Verwaltungsgebäude von Topf&Söhne. Lernorte, die dazu beitragen, eine „Vorstellung des Unfassbaren in unseren Köpfen entstehen zu lassen.“
[3] Orte, die zu verhindern helfen, dass es wieder geschehen kann.
[1] So die Grußformel auf der Geschäftspost des Unternehmens.
[3] So Paul Spiegel anlässlich der zentralen Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager.