am 18. September 2010, 16 Uhr im Augustinerkloster Erfurt
Sehr geehrte Frau Landesbischöfin Junkermann, sehr geehrte Frau Bischöfin Wartenberg-Potte, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Ökumenischen Friedensdekade von einst und heute, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich gestehe Ihnen gern, dass ich mich über die Einladung zu Ihrem Treffen anlässlich 30 Jahre Ökumenischer Friedensdekade hier in Erfurt sehr gefreut habe.
Es war im Mai diesen Jahres, als ich Gelegenheit hatte, gemeinsam mit dem Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste, mit Ihnen Herr Dr. Staffa, über das heutige Treffen zu sprechen. Spontan sprachen Sie die Einladung aus und ich freue mich, dass ich dieser Einladung heute Folge leisten kann. Ich freue mich vor allen Dingen deshalb, weil wir derzeit viele 20-Jahr-Feiern in Thüringen begehen. Das ist sicher Ausdruck eines umfassenden Neuanfangs im Jahr 1990 mit vielen Verbänden, Institutionen in der kommunalen Selbstverwaltung, in der Wirtschaft bis hin zur Wiedergründung des Freistaates Thüringen und auch die 20-Jahr-Feier der Deutschen Einheit. Die Ökumenische Friedensdekade kann hingegen auf nunmehr bereits 30 Jahre ihrer Geschichte blicken.
Seit 30 Jahren stehen Christinnen und Christen in der Ökumenischen Friedensdekade gegen Gewalt, Unrecht, Krieg und die damit einhergehenden Gefahren und Bedrohungen für Menschen und Völker in unserer Welt.
Unter Ihnen, die Sie in das geschichtsträchtige Augustinerkloster gekommen sind, sind nicht wenige, die damals dabei waren, als im Jahre 1980 die erste Friedensdekade vorbereitet und durchgeführt wurde. Ich studierte damals noch in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität Theologie und war ehrenamtlich in der Evangelischen Schülerarbeit tätig. Aus dieser Funktion heraus habe ich unmittelbar für Thüringen damals die erste Friedensdekade mit vorbereiten können. Ich erinnere mich noch gut daran, dass es damals zunächst die Vollversammlung des Ökumenischen Jugendrates Europa war, die zunächst einen Abrüstungstag angeregt hatte, wofür kirchlicherseits der Buß- und Bettag, der 19. November 1980, vorgeschlagen worden war. Das Datum 19. November hat für Erfurt noch einmal einen ganz besonderen Klang. Es ist der Tag der Heiligen Elisabeth, die zugleich Patronin des Bistums Erfurt ist – ein Tag, der von katholischen und evangelischen Christen, aber auch von Nichtchristen, begangen wird.
Hinter dem Vorschlag des Buß- und Bettages für diesen Abrüstungstag stand unter anderem die Überlegung, dass Abrüstung immer etwas mit Umkehr und Buße zu tun haben müsse, und dass dieser Bußtag ein Tag ist, der aller menschlichen Unzulänglichkeiten zum Trotz auf das geschichtsträchtige Wirken Gottes verweist. Darüber hinaus bestand eine ganz besondere Nähe zum „interkirchlichen Friedensrat“ in den Niederlanden, die bereits zuvor die Idee der Friedensdekade geboren hatten.
Für uns Christen in der DDR war damals gerade mit Blick auf die Aussagekraft des Buß- und Bettages allerdings ein besonders großer Bedarf. Denn: Wir hatten Angst. Wir hatten einfach Angst vor den angehäuften Waffenarsenalen, Angst vor einer zunehmenden Militarisierung, Angst, ja, Angst vor einer militärischen Blockkonfrontation, die im Ernstfall 3. Weltkrieg, nichts anderes als 3. Weltkrieg heißen konnte, atomare Waffen eingeschlossen. Dabei hatten wir die Absurditäten und Albernheiten im Blick, mit denen das SED-Regime uns Selbstschutz bzw. Verteidigungsformen für einen solchen Krieg beibringen wollte, auch dann, wenn man den Dienst in der NVA verweigerte und in so genannten Zivilverteidigungslagern war. Da spielte die oft zitierte „Aktentasche über dem Kopf“ eine Rolle, mit der man sich zu Boden werfen sollte und dann meinte, den schlimmsten Angriffen entgehen zu können. Das glaubte von uns niemand, aber je mehr ein solcher Ernstfall uns vor Augen geführt wurde, umso mehr hatten wir tatsächlich auch Angst. Und so griffen wir nach den biblischen Verheißungen, von denen „Schwerter zu Flugscharen“ wohl bis heute die stärkste Symbolkraft entwickelt hat.
Das Prophetenwort in Jesaja 2,4 und Micha 3,4 „Wir werden die Schwerter zu Flugscharen umschmieden“ war damals die zentrale Botschaft. Der damalige sächsische Landesjugendpfarrer Harald Brettschneider, ich freue mich sehr, dass er heute unter uns ist, entwickelte daraus das bekannte Signet, das zum Aufnäher, Lesezeichen, Kennzeichen von Leporellos und vieler Materialien wurde. Trotz aller religiösen Dimension, die unsere Sehnsüchte und Hoffnungen als junge Christen in der DDR hatten, waren wir aber doch auch von einer gewissen weltlichen Rationalität und Nüchternheit geprägt. „Der Friede erfordert unentwegten, zähen, dauernden Dienst, er verlangt Ausdauer, erlaubt keinen Zweifel.“ Diese klaren Worte des französischen Politikers Aristide Briand, gemeinsam mit Gustav Stresemann Friedensnobelpreisträger von 1926, die ich in späteren Jahren einmal las, geben ziemlich genau wieder, was auch die Verantwortlichen und Teilnehmer der Friedensdekade bewegte.
Wenn wir heute drei Jahrzehnte Zwischenbilanz ziehen, dann stellen wir fest: In Ost- und Westdeutschland wurde die Idee gleichzeitig im Jahr 1980 aufgenommen. Es gab auch eine deutsch-deutsche Arbeitsgruppe für Texte, die einen Bittgottesdienst für den Frieden am 9. November vorbereiteten.
Auch der 9. November ist ein Datum, das nicht erst seit dem Mauerfall 1989 in die deutsche Geschichte eingegangen ist, sondern vor allem für den Progrom an den Juden im Nationalsozialismus stand, aber auch davor schon deutsche Geschichte bewegt hat mit dem Hitler-Ludendorff Putsch von 1923 und der Erschießung von Robert Blum von 1848. Die deutsch-deutsche Arbeitsgruppe agierte im Übrigen auf der festen Basis der Vereinbarungen des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR mit der Evangelischen Kirche in Deutschland, wo es im § 4 Absatz 4 immer um die „besondere Gemeinschaft“ der Kirchen in beiden deutschen Staaten ging. Ich habe dies selbst in späteren Jahren dann intensiv als Mitglied der Kommission kirchlicher Jugendarbeit beim Bund Evangelischer Kirchen in der DDR gemeinsam mit der AEJ (Allgemeine Evangelische Jugendarbeit in Westdeutschland) erleben dürfen.
Zur Zwischenbilanz gehört aber auch, dass nicht nur die Kirchen in Ost und West intensiv zusammengearbeitet haben, sondern dass sie dies von Anfang an in einem guten ökumenischen Geist getan haben. Die Friedensdekaden haben die Gemeinschaft der Kirchen gefördert, den Zusammenhalt der Christinnen und Christen in Ost- und Westdeutschland verstärkt und das Friedensthema in ökumenischer Breite zu einem Schwerpunkt im Kirchenjahr gemacht.
Ideen und Beispiele zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind so schon frühzeitig im Rahmen der Friedensdekade vorbereitet und dann auch verbreitet worden. Die Friedensdekaden haben wesentlich zur Vertiefung des christlichen Friedenszeugnisses und zur Willensbildung in Kirchen und Gemeinden beigetragen.
Das betrifft die ganze Breite, und mehr noch die Konsequenz der in den Folgejahren angesprochenen Themen:
1981 – Gerechtigkeit, Abrüstung, Frieden
1982 – Angst, Vertrauen, Frieden
1983 – Frieden schaffen aus der Kraft der Schwachen
1984 – Leben gegen den Tod (hier waren noch einmal ganz besonders die Bedrohungen durch den NATO-Doppelbeschluss im Blickpunkt der Themenwahl)
1985 – Frieden wächst aus Gerechtigkeit
1986 – Frieden sei mit Euch
1987 – Miteinander leben
1988 – Frieden den Nahen und den Fernen
1989 – das Jahr, in dem dann im Herbst die friedliche Revolution folgte und am 9. November die Grenzen aufgingen und die Mauer fiel „Kain und Abel – und was es heißt ein Mensch zu sein“
In Friedensgebeten, Fastenaktionen für den Frieden und der Entwicklung eigenständiger Friedens-, Menschenrechts- und Ökologiegruppen spiegelten sich all diese Themen und Anliegen zunehmend wider.
Nicht nur vom Frieden reden, sondern für den Frieden beten, Frieden leben, den Frieden säen - das war und ist Zeugnis, für das so viele Initiatoren, Organisatoren und Teilnehmer der Friedensdekaden selbst eingestanden sind, und was schließlich 1989 die so entwaffnende Wirkung hatte: Ein bis an die Zähne bewaffnetes System stürzte ohne Schlagabtausch, ohne Waffengewalt in sich zusammen.
„Auf alles waren wir vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete“, so die Kapitulation des langjährigen SED-Oberen Horst Sindermann im Herbst 1989.
Heute, im 20. Jahr der Deutschen Einheit, sollten wir deshalb auch deutlich wahrnehmbar an eines erinnern: Nämlich an die Rolle der Kirchen bei der ersten friedlichen Revolution in der Geschichte. Mit Gebeten im Herzen, mit Friedensgebeten in den Kirchen und mit Kerzen in der Hand war es gewaltfrei möglich geworden, eine Diktatur zum Einsturz zu bringen.
„Keine Gewalt!“ – Dieser Ruf hatte eben eine eingeübte Vorlaufszeit von zehn Jahren!
„Es war ein Impuls für die Wende ohne Gewalt“, wie Harald Brettschneider es einmal formuliert hat.
Und natürlich verpflichtet diese Erfahrung, das biblische Zeugnis auch für heute, in unserer Welt mit all den Krisenherden, mit allen Ungerechtigkeiten, mit Gewalt und Krieg nicht minder.
Die Kirchen haben es sich nicht leicht gemacht mit ihrer friedensethischen Arbeit nach 1990, nach dem Wegfall der Blockkonfrontation. Es begann weder das Ende der Geschichte, wie manche 1989 schon vorschnell meinten, noch gingen die politischen Transformationen und Neuordnungen überall so gewaltfrei vonstatten wie im deutsch-deutschen Verhältnis. Das hat uns der Zerfall Jugoslawiens, der Balkan, schmerzlich gelehrt. Und auch ein Blick auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr von heute auf dem Balkan, in Afghanistan, im Libanon oder vor der Küste Somalias zeigt, dass es keine einfachen Lösungen gibt.
Viele Jahre haben wir bei den friedensethischen Denkschriften der EKD seit 1990, zuletzt „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“, in der Kammer für öffentliche Verantwortung, der ich selbst die ganzen Jahre über angehört habe, gerungen. Und auch Herr Pausch als langjähriger Geschäftsführer ist ja heute hier und kann dies sicher bestätigen.
Was wir aber sicher sagen können ist, dass kirchliches, dass christliches Friedenszeugnis immer ausgehend von der Friedensbotschaft Gottes sich direkt an den Menschen wendet - an Dich und mich. Ausgehend von dieser Friedensbotschaft Gottes liegt in der Stärkung der zivilgesellschaftlichen Kräfte in Konfliktsituationen ein unverzichtbarer Beitrag für gelingenden Frieden, für dauerhaften Frieden. Deswegen sind Friedensdienste so wichtig. Deswegen hat Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste bis heute eine so wertvolle, vermittelnde und versöhnende Rolle. Die Aktiven gerade der Friedensdienste von Aktion Sühnezeichen wissen, wie viele Jahre und Jahrzehnte Versöhnung und versöhnendes Handeln brauchen.
Deswegen ist es wichtig, an die Erfahrungen aus den Friedensdekaden von vor 1989 aber auch danach zu erinnern und sich immer wieder nach den eigenen Koordinaten zu befragen. Aus meiner Sicht sind es die Koordinaten für Frieden, für Gerechtigkeit, für Bewahrung der Schöpfung, wie wir sie dann auch im konziliaren Prozess miteinander verbunden haben, denn sie alle gehören zusammen, wenn wir über Frieden in unserer Gesellschaft und Frieden in der Welt nachdenken, beten und dafür eintreten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist gut, dass Sie alle zu dieser Jubiläumstagung hierher nach Erfurt gekommen sind. Erfurt ist die Stadt der Kirchentage und Wallfahrten, auch vor 1989. Unvergessen ist mir das Motto „Vertrauen wagen“ aus den Achtziger Jahren.
Vertrauen wagen, das ist auch heute im Einsatz für den Frieden ganz entscheidend. Es ist immer wieder an uns, den ersten Schritt zu gehen. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Ich wünsche Ihnen gute Gemeinschaft, viel Erfolg und Gottes Segen.