Rede der Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen Christine Lieberknecht anlässlich
der Ausstellungseröffnung „Anne-Frank – eine Geschichte für heute“ am 16. August 2010 in der Staatlichen Regelschule „J.H. Pestalozzi“, Apolda
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler!
Ein kleines Tagebuch eines jungen Mädchens hat – im wahren Sinne des Wortes – Geschichte geschrieben.
Das „Tagebuch der Anne Frank“ – es gehört heute zur Weltliteratur. Übersetzt in 55 Sprachen und weltweit vielfach verfilmt, wurde es 2009 von der UNESCO in die Liste des Weltdokumenterbes aufgenommen. Es ist von höchster literarischer Qualität. Und es hat historische Bedeutung erlangt.
Mit diesem Dokument ist Anne Frank zur Symbolfigur für alle Opfer des Holocaustgeworden. Hier vertraute sie der Nachwelt all ihr Ängste, ihre Gefühle, ihre Hoffnungen, ihre Träume, ihren Glauben an Gott während ihres zweijährigen Verstecks vor den Nationalsozialisten an. Ihr Tagebuch war ihre wichtigste Begleitung in der schweren Zeit ihrer Isolation, die mit Verrat, Verhaftung und schließlich mit dem tragischen Tod im Vernichtungslager Bergen-Belsen endete, wenige Tage, bevor die britischen Truppen am 15. April 1945 dieses Lager befreien konnten. Die Nazis konnten Anne Frank zwar das Leben nehmen, aber nicht ihre Stimme. Diese literarische Stimme eines jungen Mädchens spricht für über sechs Millionen Opfer, für alle Zeiten.
Nelson Mandela, der mutige Bekämpfer der Apartheid, bekannte in seiner Dankesrede für eine hohe Auszeichnung der Anne Frank Foundation, er habe im Gefängnis auf Robben Island Anne Franks Tagebuch gelesen und „daraus viel Mut gewonnen“. Viel Mut, viel Zivilcourage, den Neonazis von heute, den Rechtsextremisten und ideologischen Fanatikern die Stirn zu zeigen, genau das ist es, was wir heute, gerade in der jungen Generation wieder brauchen. Wie aktuell dieses Thema ist, zeigen ja auch die Zerstörungsversuche am Plakat für diese Ausstellung. Eine solche Untat können wir nur ganz entschieden verurteilen.
Darum ist diese Internationale Wanderausstellung, die bereits einige Millionen Menschen auf der ganzen Welt ergriffen hat, so wichtig. Und darum ist es besonders wichtig, dass diese Ausstellung des Anne Frank Hauses Amsterdam vor allem in Schulen gezeigt wird.
Wir wollen unsere Jugend im Geiste der Menschenrechte, der Demokratie, im Geiste der Toleranz, der Völkerverständigung, des Friedens und der Weltoffenheit erziehen. Und da haben Diktaturen gleich welcher Couleur, da haben Fanatismus und Rassismus nichts zu suchen. In diesem Engagement setzen wir auf breiten Konsens.
Das „Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit“der Thüringer Landesregierung wird derzeit intensiv beraten. Wir setzen dabei auf den breiten gesellschaftlichen Konsens aller Demokraten. Wir wollen alle Akteure vor Ort in den Kommunen einbeziehen: die Parteien, Gewerkschaften, die Jugendverbände, die Kirchen.
Und im Herbst wird die Innenministerkonferenz über den Vorschlag unseres Innenministers Prof. Huber beraten, der NPD die Parteienfinanzierung zu entziehen. Stehen wir Demokraten also überall zusammen, um den braunen Sumpf der Intoleranz, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassenwahns auszutrocknen. Aber: Die Ewiggestrigen scheuen auch die neuen Medien nicht. Gerade in diesen Tagen hat uns in Thüringen der kriminelle und abscheulicheHacker-Angriff auf das Internetportal der Gedenkstätte Buchenwald diesen Ungeist wieder vor Augen geführt. Er zeigt: Es gibt diejenigen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben. Sie bedienen sich modernster Technik, sie sind längst nicht mehr an den Springerstiefeln und Kahlköpfen zu erkennen. Sie kaufen Immobilien, sie unterwandern die Sportvereine, sie veranstalten Rockkonzerte, sie verteilen vor Schulen rassistische CDs. Diesem Treiben müssen wir mit den gebotenen Mitteln des Rechtsstaats deutlich Einhalt gebieten. Unsere Gesellschaft wird jedem, der solche Verstöße gegen die Menschenwürde, der solchen Tabubruch begeht, klar machen: das lassen wir nicht zu! Es gilt das Prinzip der wehrhaften Demokratie: keine Freiheit den Feinden der Freiheit.
Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, diese Ausstellung fordert alle Besucher heraus, über die Zeit zwischen gestern und heute, über Diktatur, Intoleranz und Menschenrechtsverletzung nachzudenken.
Ich wünsche mir, dass vor allem viele Jugendliche,viele Schülerinnen und Schüler diese Ausstellung besuchen. Die Veranstalter hatten hier eine gute Idee: Unter dem Motto „Jugendliche begleiten Jugendliche“ werden Schülerinnen und Schüler vor Ort von Mitarbeitern des Anne Frank Zentrums Berlin zu Ausstellungsbegleitern ausgebildet. Diese sollen gleichaltrige Schüler- und Jugendgruppen die Ausstellung nahebringen. Damit gestalten sie das Projekt aktiv mit und sind mitverantwortlich für den Erfolg dieser Ausstellung. Ich hoffe, dass so diese Ausstellung zum Magneten für die Jugend wird.
So wird die tragische Geschichte der Anne Frank – getreu dem Motto der Ausstellung – zu einer lehrreichen Geschichte von heute.
Die Erinnerung an das Geschehene lebendig zu halten und daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen, das ist eines der Ziele dieser so wertvollen und bedeutsamen Ausstellung. Nur die Sensibilisierung für das, was aus Unrecht entstehen kann, ist Garant dafür, dass sich eine Geschichte wie die der Anne Frank nicht wiederholen wird.
Dazu müssen alle Demokraten ihren Beitrag leisten, jeder an seinem Ort. „Was kann ich tun? Wie kann ich mitmischen“ – das war das Motto einer Expertenrunde, die Anfang Juni in der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar beim Sommercamp gegen Rassismus des Anne-Frank-Zentrums diskutiert hat.
Mit dabei beim dortigen Zeitzeugengespräch war der Cousin von Anne Frank, Buddy Elias, Präsident des Anne-Frank-Fonds in Basel. Ich hatte das Glück und die Ehre, ihn in Weimar kennenzulernen. Herr Heppener war dabei. Diese Begegnung war sehr eindrucksvoll.
Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler! Ich danke allen, die zum Erfolg dieser Ausstellung beitragen: Ihnen, Herr Heppener als Direktor des Anne Frank Zentrums Berlin und Veranstalter dieser Ausstellung, den zahlreichen Unterstützern, Förderern und Sponsoren, den Schulen und den jugendlichen Ausstellungsbegleitern.
Und was kann man dieser Ausstellung wünschen? Selbstverständlich zahlreiche Besucher bis zum 10. September, vor allem aber viele jugendliche Besucher, die nachdenklich werden. Lassen Sie mich schließen mit einem Wort von Marie von Ebner-Eschenbach:
„Die Geschichte hat Helden und Werkzeuge und macht beide unsterblich“.
Das junge Mädchen Anne Frank, sie ist zur stillen Heldin geworden: mit Stift und Papier in der Hand, mit Lebensmut im Herzen. Sie ist Vorbild für uns alle!
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