Thüringer Staatskanzlei

07.01.2013 08:38 Uhr

Point-Alpha-Rede von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt erhielt am 17. Juni für seine Verdienste um die europäische und deutsche Einigung den Point-Alpha-Preis. Das Kuratorium Deutsche Einheit würdigte damit Schmidts Standhaftigkeit bei der Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses und sein Engagement für das Zustandekommen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) im Jahr 1975 in Helsinki. Durch die KSZE-Verhandlungen konnten den damaligen Ländern des Ostblocks humanitäre Zugeständnisse abgerungen werden. Zu den bisherigen Preisträgern gehören der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), Michail Gorbatschow, George Bush senior, Vaclav Havel und die Bürgerbewegung der DDR.

Begrüßungsrede der Präsidentin des Kuratoriums Deutsche Einheit, Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht MdL, anlässlich der Verleihung des Point-Alpha-Preises für Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit an Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt am Donnerstag, 17. Juni 2010, 11:00 Uhr, im US Camp der Gedenkstätte Point Alpha

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Helmut Schmidt,
sehr geehrte Kollegen, Herr Hahn und Herr Matschie,
sehr geehrte Mitglieder der Parlamente, des Thüringer Landtages, des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlamentes,

sehr geehrter Herr Dr. Hamberger,
sehr geehrter Herr Prof. Schröder,
sehr geehrte und liebe amerikanische Gäste hier am Point Alpha, Herr General Bellini und Herr Generalkonsul Alford,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich heiße Sie alle im Namen des Kuratoriums Deutsche Einheit am Point Alpha herzlich willkommen und freue mich, Ihnen in diesem Jahr zugleich auch die Grüße der Landesregierung des Freistaates Thüringen überbringen zu können.

Mein besonderer Gruß gilt am heutigen Tage Ihnen, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt und all denen, die gerade diese Preisverleihung an Sie zum Anlass genommen haben, hierher zum Point Alpha zu kommen.

Dies schließt insbesondere Sie, lieber Herr Professor Schröder mit ein. Ich freue mich sehr und danke Ihnen, dass Sie als Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Nationalstiftung meiner Bitte gefolgt sind, am heutigen Tag die Laudatio auf unseren Preisträger zu halten. Hierauf freue ich mich und hierfür danke ich Ihnen schon jetzt.

Bevor ich als Präsidentin des Kuratoriums Deutsche Einheit kurze Ausführungen mache zu den Beweggründen, die uns heute zusammengeführt haben, liegt es mir am Herzen, zwei, drei weitere Dankesworte auszusprechen:

Ich danke dem Wehrbereichsmusikcorps 3, das uns hier so gut eingestimmt hat und weitere Stücke spielen wird. Wenn ich es richtig sehe, hat die Bundeswehr Ihnen, sehr verehrter Herr Bundeskanzler Schmidt zu Ehren zweimal einen Zapfenstreich gegeben. So viel wird das heute nicht sein, aber das Spiel des Wehrbereichsmusikcorps soll auch eine angemessene Ehrenbezeugung für einen ehemaligen Bundesminister der Verteidigung und einen ehemaligen Bundeskanzler sein. Dafür herzlichen Dank!

Und ich danke der Point-Alpha-Stiftung für die Vorbereitung dieser Veranstaltung und für die Arbeit, den Beschluss des Kuratoriums Deutsche Einheit zu dieser Preisverleihung verwirklichen zu können.

Das Kuratorium und die Stiftung Point Alpha sind dabei auf Unterstützung angewiesen und wir erhalten diese Unterstützung immer wieder neu. Auch dafür sehr herzlichen Dank an alle Unterstützer, an alle Begleiter, an alle Sponsoren dieser Veranstaltung!

Meine Damen und Herren,
wir erinnern in diesem Doppeljahr 2009/2010 an das Jahr der Friedlichen Revolution 1989 und an die deutsche Wiedervereinigung vor zwanzig Jahren. Sie wurde erst möglich und erlangte Wirklichkeit als Ergebnis dieses Revolutionsjahres. Aber auch in einem solchen Jahr der Erinnerung ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, was alles – teilweise lange vorher – notwendig war, dass dieses Jahr 1990 zum glücklichsten Jahr unseres Volkes im 20. Jahrhundert werden konnte.

Dies wird neben dem 65. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten deutlich durch weitere „runde“ Jahrestage bedeutender Ereignisse, die wir im Rückblick auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts als historisch einordnen können und müssen.

  • Ich erinnere an den Besuch Willy Brandts in Erfurt am 19. März 1970, also vor vierzig Jahren.
  • Ich erinnere an den 35. Jahrestag der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki am 1. August 1975, also vor 35 Jahren.

    Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt, haben gemeinsam mit Ihrem Freund, dem Historiker Fritz Stern, in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Unser Jahrhundert“. Auf den ersten Blick klingt dieser Titel recht einfach, man möchte sagen fast schon schlicht! Wie tiefgründig ist er aber, wenn wir auf dieses Jahrhundert schauen. Es war kein friedliches Jahrhundert, in Deutschland, Europa und weiten Teilen der Welt war es geprägt von Gewalt, Krieg und Diktatur.
     
  • Als sie zu Weihnachten 1918 geboren wurden, war der Erste Weltkrieg gerade sechs Wochen beendet und hatte der Kaiser eben diese sechs Wochen abgedankt. Die Republik war noch ohne Parlament; dass sie einmal die Weimarer Republik heißen würde, konnten Ihre Eltern in Hamburg nicht ahnen.
  • Eigentlich hatten Sie Ihre Wehrpflicht bereits erfüllt, hätten Ihr Studium beginnen können, als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann. So konnten Sie Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre erst mit 31 Jahren beenden. Wären Sie bei Kriegsende statt in britische in sowjetische Kriegsgefangenenschaft geraten, wären Sie unter Umständen mit anderen Jahrgangsgefährten erst im Alter von 36 oder 37 Jahren freigekommen.
  • So wurden Sie bereits mit 34 Jahren Bundestagsabgeordneter, später legendärer Hamburger Innensenator, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Verteidigungsminister, Wirtschafts- und Finanzminister, und 1974 bis 1982 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

    Dass unser Land am Ende dieses Jahrhunderts in Freiheit und Frieden eins sein würde, schien lange Zeit schwer vorstellbar:

    Jahrzehntelang haben wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der festen Überzeugung gelebt, dass der antagonistische Widerspruch zwischen zwei gegensätzlichen Gesellschafts- und Herrschaftssystemen zu unseren Lebzeiten nach menschlichem Ermessen kaum mehr zu überwinden sein wird.

    Ihr Einsatz, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt, die Politik ihrer Regierung und auch der Regierungen unserer Verbündeten in der NATO sicherten die Freiheit und den Frieden hier am Eisernen Vorhang, den Frieden in Europa und in der Welt – und das taten sie gegen alle Proteste, gegen erhebliche Proteste! Und ich gestehe, auch ich habe damals den NATO-Doppelbeschluss aus der Perspektive der Friedensbewegung in der DDR, an der auch ich  beteiligt war, kritisch gesehen, aber wir haben gelernt, wie die Historie genau diesem Beschluss recht gegeben hat.

    Eine solche Politik erforderte Mut. Sie erwies sich vor der Geschichte als klug und weitsichtig.

    Meine Damen und Herren,
    Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt steht in einer Reihe von Point-Alpha-Preis-Trägern, die ich hier gerne wegen ihrer besonderen Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit noch einmal nennen möchte. Die ehemaligen Staatspräsidenten George Bush, Michail Gorbatschow und Vaclav Havel, Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl und heute vor einem Jahr die Bürgerbewegung der DDR.

    Alle diese Persönlichkeiten und die großartigen Menschen, die sich hinter dem letztjährigen Preisträger verbergen, eint die moralische Stärke, die Geradlinigkeit und der persönliche Mut, auch Konflikte auszuhalten und einen entschieden begonnenen Weg erhobenen Hauptes zu Ende zu gehen.

    Dies ist im Übrigen auch eine hervorstechende Eigenschaft, die die großen und bedeutenden Kanzler der Bundesrepublik seit ihrer Gründung auszeichnet: Sie alle haben dieses Stehvermögen auch bei Gegenwind, bei steiferer Brise besessen.
     
  • Bei allem Konflikt und aller Unterschiedlichkeit, die Sie von Ihrem Nachfolger trennt, haben Sie, sehr verehrter Bundeskanzler Schmidt, einmal unserem ersten Preisträger bescheinigt, dass er zur „Chance, die deutschen Nachkriegsstaaten zu vereinigen, ...seinen Teil beigetragen, die Chance genutzt [hat]. Durch dieses Ereignis wurde er plötzlich eine ganz große Figur.“
     
  • Über Ihren Anteil, Herr Schmidt, an seinem Verdienst sagt unser erster Preisträger Helmut Kohl. „Die Entscheidung aller Entscheidungen auf dem Weg zur deutschen Einheit war der NATO-Doppelbeschluss, den mein Vorgänger Helmut Schmidt … auf den Weg brachte … . So überzeugt ich von der Richtigkeit der Entscheidung bis heute bin, so persönlich schwierig war sie damals. ... Ich bin zutiefst überzeugt, dass ohne den NATO Doppelbeschluss 1989 nicht die Mauer gefallen wäre und wir 1990 nicht die Wiedervereinigung erreicht hätten. Die Welt hätte eine ganz andere Entwicklung genommen“, so die Einschätzung von Helmut Kohl.

In der Tat geht der NATO-Doppelbeschluss letztlich auf Ihre Initiative und Anregung zurück, Herr Bundeskanzler Schmidt. Und es entspricht Ihrem Charakter und Ihrer Haltung im politischen Handeln, dass Sie sich mit diesem für richtig erkannten Beschluss nicht dem Druck einer gegenteiligen öffentlichen Meinung gebeugt haben. Ja, Sie waren bereit, hierfür das Ende Ihrer politischen Laufbahn in Kauf zu nehmen. Eine Einstellung, die Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schmidt, bei aller Unterschiedlichkeit in vielen politischen Positionen, mit Ihrem Nachfolger gemeinsam auszeichnet.

Damit hier nicht der Eindruck entsteht, es sei außenpolitisch die Weitsicht und Konsequenz des NATO-Doppelbeschlusses alleine, der Ihre Kanzlerschaft auszeichnet. Ich erinnere gerne auch noch einmal an den Abschluss der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die KSZE.

Die Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki vor 35 Jahren war ein Meilenstein auf dem Weg zur Überwindung des Eisernen Vorhangs.

Auch auf unserer Seite hatten die Menschen mit dem unterzeichneten Korb 3 einen Schlüssel in der Hand. Helsinki 75 machte die Charta 77 möglich, ermutigte die Polen 1979, die Friedens- und die Umweltgruppen in den 80er Jahren in nahezu allen Ländern Osteuropas und die Demonstranten in Leipzig, Berlin, Rostock und Erfurt 1989.

Dass ich mit Ihnen zusammen einmal an gerade diesem Ort stehen und Ihnen auch persönlich für all das danken könnte, hätte ich mir jahrzehntenlang niemals träumen lassen.

Das Kuratorium Deutsche Einheit hat sich aus tiefer Überzeugung und in Dankbarkeit nach den Regeln unserer Satzung einstimmig für diese Preisverleihung an Sie entschieden.

Ich freue mich und danke noch einmal, dass Sie, sehr verehrter Herr Professor Schröder, nun die Laudatio auf Helmut Schmidt sprechen werden. Ihnen allen einen guten weiteren Verlauf dieser Veranstaltung. Ihnen noch einmal herzlichen Dank, Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt.