Thüringer Staatskanzlei

07.01.2013 08:53 Uhr

Literaturpreis

Abschrift KAS Literaturpreis
 
Christine Lieberknecht
 
Sehr geehrter Herr Vorsitzender, lieber Herr Professor Vogel,
sehr geehrter Präsident des Deutschen Bundestages, Herr Professor Lammert,
und mit Ihnen alle Parlamentarier Europas, des Bundes und der deutschen Länder,
sehr geehrte Frau Professor Lermen und
sehr geehrter Herr Professor Schröder und
vor allen Dingen sehr verehrter Herr Tellkamp,
 
2009 ist ein gutes Jahr für deutschsprachige Gegenwartsliteratur: Nobelpreis für Herta Müller, Deutscher Buchpreis für die aus Thüringen stammende Kathrin Schmidt. Und heute eben der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für Uwe Tellkamp.
Als Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen fühle ich Freude und Stolz, dass Sie, hochverehrter Herr Tellkamp, diese hohe Auszeichnung hier in Weimar entgegen nehmen. Wir hätten auch auf den „Weißen Hirsch“ gehen können. Aber hier in Weimar ist Literatur bestens aufgehoben, von der Konrad-Adenauer-Stiftung seit vielen Jahren sehr bewusst würdig präsentiert und so auch der Welt als Lesestoff anempfohlen.
Es gibt eine großartige Reverenz an den Herbst 1989: „Freiheit schöner Götterfunken“ – mit dieser Text-Metamorphose führte Leonard Bernstein wenige Tage nach der Maueröffnung Beethovens 9. Symphonie im Schauspielhaus Berlin auf.
Freiheit und Freude verschmolzen zur Einheit.
Das Finale der Beethoven-Symphonie erweckt Assoziationen zu Tellkamps „Ouvertüre“: Opulent im Umfang, gravitätisch im Stil, grandios in der Sprache, pathetisch-poetisch. So manch einer wünschte sich wohl einen bequemeren Zugang zum Turm.
Aber bequem wäre fürwahr unpassend. Denn Ihr Roman, lieber Herr Tellkamp, erzählt vom Überleben bürgerlicher Werte in einer Gesellschaft, die sich in ideologischer Isolierhaft befindet. Das Bürgertum ist zu DDR-Zeiten nur in Nischen erhalten geblieben. Es hielt sich versteckt vor den penetranten Parteiideologen der SED. Aber es achtete auch darauf, dass es nicht in Bedeutungslosigkeit versank.
Das Bürgertum bekannte sich zu seiner Bürgerlichkeit. Leise – und doch bestimmt. Wissend um die Gefahr des eigenen Untergangs. Beseelt vom unbedingten Willen, Werte zu bewahren wie:
  • den Glauben an das Gute,
  • Verweigerung, wenn es an die moralische Substanz geht,
  • der nächsten Generation bürgerliche Bildung zu ermöglichen.
Der Roman Der Turm leistet heute das, was ich in Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethe als „die Forderung des Tages“ hervorheben möchte:
Die Deutschen sind aufgerufen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Jeder auf seine Weise, möglichst ehrlich und unverfälscht und mit spärlichem Einsatz des erhobenen pädagogischen Zeigefingers. Eine schwierige Aufgabe – gewiss. Wir alle sind befangen durch das, was wir jeweils gelernt, gelehrt und auch erlebt haben.
Tellkamp gelingt das hingegen meisterhaft: Er macht den Lesern bewusst, was ihnen möglicherweise zuvor nicht so bewusst war. Und das ohne Belehrung, ohne Agitation, ohne den missionarisch-utopisch anmutenden Ehrgeiz, die Welt durch Schreiben verändern zu wollen.
Allein: Durch Lesen, durch die anspruchsvollste und wertvollste Kulturtechnik zum Denken, zum Nachdenken anzuregen, damit ist schon viel gewonnen. Und Uwe Tellkamp mag sich hierfür in der Rolle des Aufklärers sehen. Oder in der Rolle des Erklärers mit Blick auf diejenigen, die die DDR-Misere von außen mehr oder weniger kopfschüttelnd wahrgenommen haben, aber auch mit Blick auf diejenigen, die Leib und Leben eingesetzt haben, um die Zustände zu ändern und um die Verhältnisse zum Besseren zu wenden.
Man kann diesen Roman zugleich als Komposition aus vielen Themen und Ereignissen betrachten, die sich auf den mehr oder weniger sichtbaren Verfall des Regimes beziehen. Um ihn nicht unverdientermaßen lediglich als „Aufarbeitung der Vergangenheit“ zu diagnostizieren, halte ich es für wichtig, zwei Fragen zu stellen.
Zum einen: Welche und wieviel DDR-gezeugte kulturelle Einstellungen sind in den Köpfen der ehemaligen DDR-Bürger auch heute lebendig?
So war zum Beispiel schon in der DDR – wenigstens theoretisch – die immer wieder aufkommende, von Partei und Regierung heftig beklagte Tendenz zur Gleichmacherei verpönt. Heute fordern viele von uns weiterhin Gleichheit ein. Gemeint ist nicht die Gleichheit vor Gott oder vor dem Gesetz.
Kapitalismuskritik zum Beispiel, einst beliebtes SED-Parteischulthema, wird heute gern bemüht, um aufsteigenden Neid zu artikulieren oder Gerechtigkeit einzufordern.
Das alles liegt glücklicherweise heute ja auch im Bereich freiheitlichen Denkens und Handelns.
Zum anderen: Was bedeutet Der Turm für den noch immer währenden Prozess auf dem Weg zur inneren Einheit? Der „Weiße Hirsch“ als Villenviertel auf den Dresdner Elbhöhen, gerahmt von der Dresdner Heide und talwärts von lieblich gewundenen Flussauen, dem Verfall beinahe lustvoll preisgegeben, ist ja als Symbol zu verstehen. Als Symbol für abgeschiedene und vergessene Bürgerlichkeit.
Der „Weiße Hirsch“ beherbergte zwischen 1955 und 1990 ein – man höre und staune – privates Forschungsinstitut, ein Unikat unter DDR-Verhältnissen. Und Besuchermagnet – jedenfalls bis zum eisernen Zaun des Anwesens. „Der Weiße Hirsch“ hatte einen Hauch von Exklusivität.
Aber jenseits des Ardenneschen Dunstkreises war der „Weiße Hirsch“ in bürgerliche Spinnnetze gehüllt: ein Relikt des 19. Jahrhunderts im Dornröschenschlaf, durch das die Dresdner sonntags wie Museumsbesucher schlenderten. Und nicht nur die Dresdner. Ich gestehe: Auch ich gönnte mir als Jugendliche hin und wieder, dank eines Onkels, der als Geistlicher im katholischen Oratorium auf dem „Weißen Hirsch“ zu Hause war, dieses Erlebnis.
Ein kollektives Selbstbewusstsein schien längst verdorrt. Eine kulturelle Integration in das DDR-System unvorstellbar.
Ein Symbol also, das auch genauso gut auf Teile Weimars zwischen 1949 und 1989 angewandt werden kann.
Und natürlich kommt uns hier Goethes „Turmgesellschaft“ aus Wilhelm Meisters Lehrjahre in den Sinn. Goethes „Turmgesellschaft“ ist eine geheime Gesellschaft. Sie widmet sich Fragen der Bildung und Lebensführung. Allerdings ganz ohne Einfluss von außen.
Vielleicht finden Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, den Vergleich von Goethes Weimar mit Tellkamps Dresden ja unpassend. Gleichwohl betrachten beide die Überlebensfähigkeit des Bürgerlichen, die Frage nach der Kontinuität bürgerlicher Werte und die Frage, welche bürgerlichen Werte heute zur Identifikation mit der Gesellschaft führen.
Womit wir wieder bei der Faszination des fast Tausend Seiten-Opus sind: Im Blick zurück öffnet Uwe Tellkamp Blicke in die Gegenrichtung.
Und noch ein Spagat: der Spagat zwischen Wahrheitsanspruch und opportunistischer Lüge. Er misslingt. Die Träume der Turmbewohner, sie platzen. Realitätsverlust – er schreitet voran. Die Zeit von „Atlantis“ ist zerronnen. Die „Papierrepublik“ untergegangen.
Das Brandenburger Tor ist offen.
Und dies, meine sehr verehrten Damen und Herren, genau seit 20 Jahren.
Bewahren wir uns also ein Bewusstsein dafür, nach Jahrzehnten der Diktatur in einer Epoche der Freiheit, der Demokratie und Menschenrechte leben zu dürfen. Bewahren wir uns den Blick für das Menschengemäße.
Wehren wir uns gegen die allzu bequeme Verklärung der DDR! Zerreißen wir den Schleier des Vergessens, der sich wie Mehltau nur zu gern über die Jahre des geteilten Deutschland legt.
Wer weiß, wie es gewesen ist, der findet auch den Weg zu dem, wie es sein soll!
Hier, in Weimar, wo das kulturelle Herz Deutschlands schlägt, darf ich ein weiteres hinzufügen: Pflegen wir Kunst und Kultur! Unser kultureller Reichtum, gerade in Thüringen, ist das wertvollste Potenzial. Geistige Impulse, Kreativität und Schöpfergeist erwachsen aus Kunst und Kultur von Weltrang.
Uwe Tellkamp hat es geschafft, uns die Grenzen einer auf Diktatur gerichteten Macht und das Leben in einem solchen Gebilde vor Augen zu führen. Dafür sei ihm gedankt.