Thüringer Staatskanzlei

07.01.2013 08:58 Uhr

Evangelische Medientage

Rede
Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen

Christine Lieberknecht

Evangelische Medientage
Der Glaube an die Allmacht der Medien
Zwischen Lutherbibel und Laptop
 
10. März 2010, 18.30 Uhr
Hotel am Schlosspark Gotha
 
 
 
Frau Landesbischöfin Junkermann
Herr Riewe, Vorsitzender Evangelischer Medienverband in Deutschland
Herr Tremel, Geschäftsführer
Sehr geehrte Verleger, Chefredakteure, Redakteure
Damen und Herren
 
„Gemeinsam ankommen“ – unter diesem Motto diskutieren Sie, die Medienexperten des Evangelischen Medienverbands in Deutschland,
hier im historischen Gotha – da wo einst Ernst der Fromme 1642 die erste deutsche Schulpflicht eingeführt hatte – hier in der Stadt des Perthes-Verlages über mediale Zukunftsfragen wie crossmediale Strategien, über das Internetportal evangelisch.de, über das Leseverhalten der Bevölkerung und über Kooperationen zwischen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern.
 
„Gemeinsam mehr erreichen“ – dies ist der Leitspruch meiner Regierungserklärung vom 19, November 2009. Er ist nicht nur der Großen Koalition in Thüringen geschuldet. Dieses Motto setzt nicht nur auf Synergieeffekte. Es steht auch als Zeichen eines neuen Politikstils. Und es verlangt nach einer inhaltlichen Zieldefinition.
 
 
Mein politisches Credo lautet:
  • Politik mit meinem ethisch-moralischen Anspruch zu betreiben,
  • den Mut aufzubringen, den Menschen die Wahrheit zu sagen,
  • Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit zur Basis politischen Handelns zu machen,
  • und unseren kulturellen Reichtum in Thüringen zur Lösung unserer Zukunftsfragen zu nutzen. Der Geist ist unsere Macht, unsere Zukunftsmacht. Innovationen, die das Denken verändern, sind die wichtigsten.
Das, meine Damen und Herrn, sind die Leitlinien meiner Politik.
 
Und genau hier sehe ich die Brücke zu Ihren Medientagen. Nutzen wir auch in Medienfragen die Kraft innovativen Denkens. Und legen wir auch hier moralische und nicht nur technische Maßstäbe an.
 
Für mein Grußwort habe ich mir eine metaphorisch-ironische Überschrift gewählt:
Der ‚Glaube’ an die Allmacht der Medien – zwischen Lutherbibel und Laptop“ . Homiletik darüber, wie dieser ‚Glaube’ zustande kommt oder darüber, ob es neben der göttlichen eine weitere Allmacht geben könne, will ich hier allerdings beiseite lassen.
 
Die Alliteration Lutherbibel bis Laptop erinnert an den Paradigmenwechsel, der sich von Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche, also vom Beginn der deutschen Schriftsprache, bis hin zum www-Zeitalter vollzogen hat.
 
Gewiss, Tontafeln und Ton-Rollzylinder mit eingravierter Schrift gab es in Babylon schon im 2. Jahrtausend vor Christus. Bei den Römern auch Druckstempel aus Ton und Metall.
 
Den eigentlichen Durchbruch zum Buchdruck schuf erst Johann Gensfleisch aus Mainz, besser bekannt unter dem Namen „Gutenberg“, mit seiner Erfindung der Druckerpresse. Das Entscheidende an Gutenbergs Idee waren die beweglichen Lettern, aus denen der Druckstock zusammengesetzt wurde.
 
Deutschland gilt übrigens nicht nur als das Ursprungsland der Buchdruckerkunst. Hier steht auch die Wiege der Zeitung: mit zwei kompletten Zeitungsjahrgängen, dem Aviso aus Wolfenbüttel und der Straßburger Relation von 1605.
 
Der Buchdruck hat die Kommunikation revolutioniert. Er hat mit der Möglichkeit zur massenhaften Verbreitung das Tor zur Moderne aufgestoßen. Das Blei in den Setzkästen hat die Welt stärker verändert als das Blei in den Gewehrläufen.
 
Paradigmenwechsel: elektronische Textkommunikation
 
Heute, 500 Jahre nach Gutenberg, stehen wir inmitten  eines Paradigmenwechsels: die elektronische Textkommunikation, die Digitalisierung hat den Abschied vom Blei eingeläutet. Ganz in der Nähe von hier, an der TU Ilmenau lehrt übrigens der Miterfinder des mp3-Formats, Prof. Brandenburg. Er hat einen digitalen Quantensprung mit ähnlichen Auswirkungen wie damals die Buchdruckerkunst mit initiiert.
 
Doch der Einzug der elektronischen Medien  bedeutet noch lange nicht das Ende der Ära Gutenberg, noch lange nicht die papierlose Gesellschaft, noch lange nicht das Ende der Printmedien.
Die Realität hat den amerikanischen Medienforscher McLuhan mit seiner 1962 propagierten These von der „Gutenberg-Galaxis“ – einem Abgesang auf die Printmedien – widerlegt.
 
Gedruckte Medien haben sich heute mit Hilfe technischer Innovation an fundamentale Veränderungen der Kommunikationslandschaft angepasst. Die Elektronik hat Einzug in die Drucktechnik gehalten. Und nicht nur das: Sie ist auch bei den Inhalten angekommen. Sie diskutieren hier bei den Evangelischen Medientagen auch über das E-Book.
 
Und damit hat die Drucktechnik die technische Schwelle zu anderen Massenmedien überschritten, ohne für die Leser die Besonderheiten der individuellen, völlig disponiblen Nutzung aufzugeben.
Medien ergänzen also einander, aber sie verdrängen einander nicht.
Wir haben es also mit Komplementärkonkurrenz, nicht mit Substitionskonkurrenz zu tun.
Allerdings verschieben sich die Nutzergewohnheiten und Nutzerpräferenzen.
 
Die Chance der Druckmedien liegt daher in der Kooperation, nicht in der Konfrontation zu den elektronischen Medien. Das spiegelt sich auch in Ihrem Tagungsprogramm wider: crossmediale Strategien, Internetportal, Printmedien, Vernetzung Print- und elektronische Medien.
 
Aktuell wird dies an der Diskussion über die so genannten „Tagesschau apps“ relevant.
 
Meine Damen und Herren,
Das gedruckte Wort ist unersetzbar. Hier stehen wir Christen in Verantwortung. Denn gerade das Christentum und Judentum haben ganz maßgeblich dazu beigetragen, dass Schreiben und Lesen zu zentralen Kulturtechniken wurden. Und gerade die Evangelische Kirche ist eine Schriftreligion, eine Kirche des Wortes.
 
Anfang Februar konnte der Evangelische Pressedienst mit der Bundeskanzlerin als Festrednerin sein 100-jähriges Jubiläum feiern.
Die epd-medien gelten im Medienreferat unserer Staatskanzlei als „Bibel der Branche“.
 
Es ist erfreulich, dass in den neuen Ländern seit der Wiedervereinigung auch die Kirchen in Freiheit und Eigenverantwortung offene Medienarbeit betreiben können. Die Menschen brauchen bei der heutigen Informationsflut geistige und geistliche Orientierung als Halt gebende Geländer.
 
Vergessen wir bitte 20 Jahre nach der Wiedervereinigung eines nicht: es war der Mut der Menschen auf den Straßen und in den Kirchen, es waren aber auch die Medien in der demokratischen Welt, die der friedlichen Revolution, der Idee der Freiheit und der Menschenrechte zum Durchbruch verholfen haben.
Pressefreiheit, Informations- und Meinungsfreiheit sind nicht nur für Information und Kommunikation wichtig. Sie sind keine Ware wie andere Güter. Freie Medien sind ein besonderes Kulturgut, ein unverzichtbares Element unserer freiheitlichen Gesellschaft.
 
Demokratie braucht die freie, unabhängige Presse, die informiert, kommentiert und kontrolliert. Doch: Meinungs- und Pressefreiheit, sie sind nicht schrankenlos gültig. Sie treten vor der Achtung, vor der Menschenwürde des einzelnen zurück. Wir alle haben noch die Medienresonanz vom Fehltritt und Rücktritt der hoch geschätzten Bischöfin Käßmann in Erinnerung. Hier zeigt sich die gesamte Bandbreite: vom voyeuristischen Sensationsjournalismus bis hin zu respektablen Kommentaren.
 
Mediokratie: Medien – die vierte Gewalt?
 
Die „Allmacht“ der Medien, falls sie denn überhaupt existiert und nicht nur herbeigeredet wird – von unserer Verfassung (mit dem Art. 55 GG) ist sie zumindest nicht gewollt.
Den Anstoß zu dieser weit verbreiteten Ansicht von der Übermacht der Medien gab Sigmund Freud mit seinem Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur“ (1929). Für ihn waren die technischen Medien Erweiterungen der natürlichen Organe des Menschen, die zu einer enormen Überlegenheit führen, aber auch eine Kehrseite hatten. Der „Prothesengott“ Mensch sei damit nicht nur Herr der Technik, sondern zugleich auch Opfer.
 
Herbert Marshall McLuhan nahm ab den sechziger Jahren in seinen Werken „Understanding media“, in „Die Gutenberg-Galaxis“ und in The Global Village diese Ideen auf. Seine zentrale These „Das Medium ist die Botschaft“ (the medium ist the message) sollte verdeutlichen: Medieninhalte werden im Sinne der Technik so stark ge- und verformt, dass am Ende das Medium wichtiger sei als der Inhalt selbst.
 
Also: Übermacht des Mediums gegenüber den von ihm transportierten Inhalten. Der Gegenentwurf zur Vorstellung einer neutralen Technik, deren Deutung und Steuerung der Gesellschaft obliegt.
Eines ist besonders für Bücherfreunde merkwürdig: dass McLuhan seine Prognose vom Ende des Printzeitalters ausgerechnet in seinen Bestseller-Büchern weltweit verbreitete.
 
Das digitale Zeitalter
 
Im heutigen digitalen Zeitalter ist die von McLuhan angestoßene Debatte um die Wechselwirkung zwischen Technik und Kultur wieder neu entflammt.
Unverkennbar ist, dass im digitalen Zeitalter technische Strukturen die publizistische Arbeit enorm beeinflussen, etwa im Online-Journalismus. Aber auch die interaktive Mediennutzung, auch die Mediensucht lassen sich mit Denkansätzen von McLuhan erklären.
 
Mit dem Computer hat die Kommunikationskultur eine neue Qualität erlangt. Solange der Computer als eine andere Form des Buchdrucks genutzt wird, sind wir in der Moderne angesiedelt. Aber mit Multimedia, aktuell mit der Web.2.0-Technologie, mittlerweile fast schon in Version 3.0, mit der jeder, der vernetzt ist, die Medieninhalte selbst mit bestimmen und (mit user generated content) selbst gestalten kann, stehen wir an der Schwelle eines neuen Paradigmenwechsels, einer neuen Medienrevolution.
 
Multimedia mit der Konvergenz verschiedener Informations- und Kommunikationstechniken, mit der Integration von Sprache, Text, Video, Audio, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik und Computertechnik hat die menschliche und mediale Kommunikation grundlegend verändert.
 
Mit Multimedia wird die klassische Trennung von Massenkommunikation und Individualkommunikation aufgehoben.
Dies birgt ungeheuere Chancen, aber auch nie gekannte Risiken der Abhängigkeit, der Versklavung in sich.
 
Wandel der Mediennutzung
 
Wir registrieren einen fundamentalen Wandel der Mediennutzung. Digitale und interaktive elektronische Kommunikationskanäle drängen Printmedien immer mehr in den Hintergrund. In der jungen Generation ist das Internet zum Leitmedium geworden.
Und auch Sie laden sicherlich ab und zu aus you tube Beiträge herunter oder twittern vielleicht gerade meine message an die web-community nach draußen.
 
Auch wenn das haptische und visuelle Erlebnis der Printmedien als „Unique-Selling-Point“ – trotz E-Book – bestehen bleibt, so bedienen sich die Rezipienten lieber schnellerer und echtzeitaktuellerer Kommunikationsmöglichkeiten, wie z.B. World Wide Web, Twittern, Blogs und der Web 2.0-Technologie. Die digitale Informationsverbreitung ermöglicht individuelle Selbstbestimmung und Selbstselektion: eine Entwicklung in Richtung user generated content.
 
Der Rezipient wird autarker und anspruchsvoller – aber auch manipulierbarer. Er bestimmt, zu welchem Zeitpunkt er welche Informationen abruft und aus welchen Informationsquellen er sich bedient. Er konsumiert immer schneller neue digitale und interaktive Angebote. Also: der Nutzer nimmt selbst die Selektion vor, er erwartet keine Präsentation. Die Frage ist aber: ist er zur Selektion fähig? Hat er noch den Überblick, das nötige Maß an Orientierung in der Informations- und Datenflut?
Und hat er noch die Kontrolle darüber, was ihm von Dritten im Netz angeboten wird?
 
Der Trend läuft heute in Richtung On Demand Programme, also Angebote, die individuell und auf Abruf angefordert werden können und vom Anbieter zeitnah oder in Echtzeit erfüllt werden.
 
Beispiele dafür sind Book-on-demand. Hier liegt eine Druckvorlage nur in digitaler Form vor. Druckerzeugnisse werden erst unmittelbar nach Bestellung produziert. Inzwischen gibt es auch E-Books-on demand als kostenpflichtigen Dokumentationslieferdienst im Rahmen des EU-Projektes Digitisations-on-demand.
 
Audio-on-Demand, Video-on demand und Software-on-demand machen den Mediennutzer zum eigenen Programmdirektor.
 
Experten prognostizieren On-demand-Produkten in nächster Zukunft enorme Zuwachsraten. Vor allem die Vernetzung der Inhalte lässt auch eine Steigerung der Cross-Media-Effekte durch zunehmende On-demand-Angebote erwarten.
 
Wir leben also in einer neuen Medienwelt. Die neuen Medien sind digital, interaktiv und rechnergestützt. Also Medien, die Daten in digitaler Form übermitteln, komprimieren oder auf Daten in digitaler Form zugreifen. Dies gilt für e-Mail, für das World Wide Web, für DVD, CD-ROM, MP3, für 3-D-Techniken, Internetdienste und Netzpublikationen.
Individuen und Gruppen sind vernetzt in Chatrooms, Foren, in Social Networks, wo sie interaktiv kommunizieren.
 
Informationen können in News-Feeds, in kurzen Internachrichten, mit kurzem Textanriss und Links zur Originalseite, in Newsletters von Zielgruppen abgerufen werden. Das Tageszeitungsangebot im Internet oder Zeitschriftenangebote wie Spiegel-online ermöglichen es, die Nachricht von morgen schon heute zu lesen.
 
Wäre ich noch Pfarrerin, so käme ich – wer weiß – gar in Versuchung, meine Sonntagspredigt am Vortag ins Netz einzustellen?
 
Das Zusammenwachsen der Kommunikationsformen Sprache, Text, Video, Audio, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik und Computertechnik ist kennzeichnend für diese neue Informations- und Medienwelt.
Informationsflut – Orientierung
 
Hier ist nicht der Raum, die bekannte Q-Debatte, die Diskussion über Quote oder Qualität zu führen.
Eines ist unbestritten: Information ist heute zum wichtigsten Rohstoff geworden, zum prägenden Faktor des wirtschaftlichen, sozialen, politischen, religiösen und privaten Lebens.
 
Der total vernetzte und ständig erreichbare Mensch von heute läuft Gefahr, der Droge Information zu verfallen. Der Zukunftsforscher Alvin Toffler hat schon 1970 vor Informationsüberflutung gewarnt. Heute sind wir overnewsed und underinformed. Massenmedien finden Medienmassen.
 
Die weltweit mehr als eine Milliarde E-Mail-Nutzer verschicken täglich etwa 171 Milliarden Mails, davon sind aber Dreiviertel Spams[1].
 
Rene Descartes „ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum) müsste in der modernen Medienwelt lauten: ich maile, also bin ich. Oder „ich twittere und habe Freunde im facebook“, also bin ich in. Miriam Meckel beschreibt dieses Phänomen in ihrem lesenswerten Buch „Das Glück der Unerreichbarkeit“ treffend so: „Aufmerksamkeit ist die neue Währung unserer Zeit“. Übrigens: Das Nachfolgebuch von Frau Prof. Meckel – immerhin Kommunikations-Professorin in St. Gallen – hat die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen medialen burn-out-Syndrom
zum Thema.
 
 
Ihnen, den Experten der Evangelischen Medienarbeit, kommt hier vielleicht der irische Theologe und Aufklärungsphilosoph George Berkley in den Sinn, der vor rund 250 Jahren die These formuliert hat: „esse est percipi“, zu deutsch „Sein heißt wahrgenommen zu werden“. Und er kannte damals nur den Buchdruck! Keine Datenhighways, keine elektronisch total global vernetzte Welt.
 
Und weil ich gerade einen Theologen zitiert habe, sei ein Sprung in die Neuzeit zur Frage neue Medien und Moral gestattet. Eine Befragung von Führungskräften in Deutschland brachte ans Licht, dass Manager mit dem Alibi „mobile Kommunikationstechnik“ gerne lügen.
 
Wahrheitskiller Nr. eins ist SMS: 81 Prozent gaben an, sehr oft die Unwahrheit zu simsen. Platz Zwei der Lügen-Skala nimmt die e-Mail ein. Akku leer, Probleme mit dem Server, kein Handy-Empfang, Funkloch, das sind die gängigsten Ausreden. Überprüfen kann dies nämlich niemand.
 
Nun, das sind gewiss noch die geringsten moralischen Medien-Bedenken!
 
Aber: brauchen wir denn nicht alle öfter mal ein Funkloch? Müssen wir wirklich immer und überall erreichbar sein? Können wir uns den Luxus nicht mehr gönnen, Zeit zu haben, für uns selber, für einen anderen da zu sein?
 
In der Tat: Kommunikation braucht Qualität. Und Qualität braucht Zeit! Nur so entgehen wir der Kommunikationsfalle.
 
Wir können aber nicht einfach die Augen verschließen vor der neuen Medienwelt. Im Gegenteil: Jeder Bürger, die Politik, die Kirchen, die Verbände der Gesellschaft – alle sind aufgerufen, die Medienwelt von heute verantwortlich mit zu gestalten.
 
Es geht heute nicht mehr um die weitere Aufrüstung der Computer, sondern um die Aufrüstung des Menschen.
Ihr jubelt über die Macht der Presse- graut euch nie vor ihrer Tyrannei?“ – fragt kritisch Marie von Ebner-Eschenbach.
 
Der Kontrollverlust über die Informationen, so haben Experten[2] nachgewiesen, war eine der Hauptursachen der Finanzwirtschaftskrise, an deren Folgen wir alle noch leiden. Die Menschen hatten den Überblick verloren. Und das bei einem archaischen, geradezu biblischen Handelsgut: dem Handel mit „Häusern“. 
 
Es ist ein Alarmzeichen, wenn laut einer neueren Bertelsmann-Studie 70 Prozent der Befragten Zweifel an der Demokratie und an der Sozialen Marktwirtschaft hegen.
 
Im Medienbereich werden für uns alle die Effekte der Globalisierung am deutlichsten sichtbar. In den vergangenen Jahren ist die Zahl von Medienveranstaltern, Anbieternetzwerken und medialen Produkten geradezu explodiert – vor allem im Online-Bereich. Immer mehr Informationen strömen in immer größer werdender Geschwindigkeit auf jeden von uns ein. Online-Journalisten sind so etwas wie die Sekundenzeiger der Weltgeschichte.
Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Geschwindigkeit unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Eines der zentralen und wichtigsten Elemente bei der Herstellung, Verbreitung und Vermarktung von Medien wird künftig die  Glaubwürdigkeit von Informationen sein. Diese zu überprüfen, wird, anders als bisher und bei klassischen Medien wie Zeitung, Hörfunk und Fernsehen, immer schwieriger werden.
Einer unserer wichtigsten medienpolitischen Schwerpunkte wird ein medienpädagogischer sein. Der mündige, aufgeklärte und kompetente Umgang jedes Einzelnen mit modernen Medien wird immer wichtiger. Darum bleibt die differenzierte Medienerziehung der Kinder und Jugendlichen eine unserer wichtigsten Bildungsaufgaben in Thüringen.
Der Medienkritiker Neill Postmann befürchtete schon vor Jahren: „Wir amüsieren uns zu Tode“. Heute riskieren wir ein Weiteres: Wir informieren uns zu Tode, wir zappen, wir simsen, wir twittern, wir mailen, wir hängen am Handy.
Medienkompetenz hat eine technische, aber auch eine inhaltliche Komponente. So manchen Eltern sollte man sagen: Die höchste Form von Medienkompetenz ist das Drücken der Ausschalttaste.
Thüringen ist Kindermedienland. Daher spüren wir gerade für die Medienkompetenz, für die Medienpädagogik und für den Jugendmedienschutz eine besondere Verantwortung.
Medienwirtschaftlich wird Thüringen vor allem dort Chancen erschließen, wo im Wettbewerb des Marktes Kompetenzen und Kapazitäten gebündelt werden können und die Medienindustrie durch ein wertschöpfendes Umfeld ergänzt werden kann.
In der Medienpolitik dürfen wir nicht nur technische, sondern wir müssen auch moralische Maßstäbe im Sinne einer ethischen Fundierung anlegen.
Politik und Medien
Zum Abschluss einige Bemerkungen zum Verhältnis Politik und Medien. Wie die Politik so haben in den letzten Wochen auch die beiden großen Kirchen in Deutschland erfahren, wie stark die Presse ihre Kritikfunktion, ihr Wächteramt wahrnimmt. Dies ist Ausdruck einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Und dies entspricht dem Selbstverständnis der Presse als unabhängige und gleichberechtigte Macht in Staat und Gesellschaft.
Das Bundesverfassungsgericht hat vielfach – vor allem im Fernsehurteil von 1961 – die besondere Stellung der Meinungsfreiheit als konstituierendes Merkmal der freiheitlich-demokratischen Staatsordnung betont. Und es hat der Presse ihre institutionelle Eigenständigkeit gegenüber dem Staat attestiert, die freie Presse als eine Institution der Gesellschaft charakterisiert und den Staat dazu verpflichtet, dieser Freiheit Rechnung zu tragen.
Ich sehe das Verhältnis Medien-Politik nicht als ein agonistisches an. Und ich glaube auch nicht an die Instrumentalisierungsthese (wer wen?). Ich gehe von einer Schicksalsgemeinschaft, ja von einer Verantwortungsgemeinschaft von Politik und Medien aus.
Die Politik braucht die Medien. Sie bilden die Brücke zum Bürger. Der Bürger nimmt Politik meist medial wahr. Die Medien wiederum sind sich dessen bewusst, dass veröffentlichte Meinung von heute rasch zur öffentlichen Meinung von morgen wird. Sie als Medienexperten erinnern sich noch an Noelle-Neumanns Theorie der – der angeblich die Wahl entscheidenden – Schweigespirale. Der Kernsatz der Schweigespirale: nichts ist so erfolgreich wie die Suggestion des Erfolgs. Das Medium schafft damit angeblich die Wirklichkeit, die abzubilden es vorgibt.
Und Sie kennen die Agenda-Buliding-Funktion der Medien, die eine Folge der Agenda-Setting-These ist. In der Tat: Medien haben Einfluss auf den Bürger, Einfluss auf den Wähler.
Dies heißt aber noch lange nicht, dass die Politik der Mediatisierung unterliegt und sich so ihrer Eigengesetzlichkeit beraubt. Der Medienwissenschaftler Hans Matthias Kepplinger hat herausgefunden, dass die „instrumentelle Aktualisierung“ den Journalisten so etwas wie Sanktionspotenzial verschafft.
Medien sind nicht nur Informanten, nicht nur Beobachter. Sie sind auch Akteure des gesellschaftlichen und politischen Geschehens. Sie sind Sprachrohr, Gestalter, Medium und Motor der öffentlichen Meinung. Keine Frage: Medien produzieren Mainstream. Medien sind heute die einflussreichste Instanz der Realitätsdeutung. Und sie schaffen dadurch Realität.
Dies darf aber nicht heißen: Medien werden politischer. Und Politik wird medialer.
Wir alle haben noch den schrecklichen Satz, das legendäre Bekenntnis des Medienkanzlers Gerhard Schröder im Ohr, zum Regieren brauche er nur BILD, BamS (Bild am Sonntag) und Glotze. Ich meine, es gehört schon etwas mehr dazu: Verstand, Herz und Charakter. Auch ein Stück Leidenschaft und Leidensfähigkeit. Politik total medial – nein danke!
Der amerikanische Medienkritiker Neill Postman hat vor Jahren schon den Begriff „Infotainement“ geprägt. Heute sind diese Mischformate aus Information selbst in den Nachrichtensendungen von RTL bis zu den Tagesthemen und zum heute-Journal längst Wirklichkeit geworden. Fragt sich nur, ob die Nachrichten dadurch besser geworden sind oder nur etwas unterhaltsamer. Infotainement der Nachrichtensparte sollte bitte nicht als Entertainisierung in die Politik überschwappen!
Ich meine: Medien haben eine dienende Funktion: für den Menschen und die öffentliche Kommunikation, indem sie zur Information, zur Orientierung und zur demokratischen Willensbildung beitragen.
Wir diskutieren heute sehr breit über Medientechnik, aber viel zu wenig über Medienethik.
Und dabei zwingt uns die moderne Technik geradezu, auch die Gretchenfrage nach Ethik und Moral zu stellen. Wir brauchen – den online-Jounalismus vor Augen – eine neue Ethik der öffentlichen Kommunikation.
Web 2.0-Inhalte lassen sich in der Metapher darstellen: vom Flaschenhals zum Aufmerksamkeitsmanagement. Anders als in Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ bilden Journalisten als Schleusenwärter nicht mehr nur funktional jenen Flaschenhals, durch den Öffentlichkeit gestaltet wird. Sie betreiben jetzt nur noch Aufmerksamkeitsmanagement, das Transparenz in die interessengeleiteten Medienangebote in Web 2.0 bringt. Die aber muss Folgen haben für eine Ethik der öffentlichen Kommunikation.
In den USA gehört Medienethik zum festen Bestandteil der Journalisten-ausbildung. Wir haben in Deutschland den Presserat mit seinem Pressekodex.
Hans Jonas Prinzip Verantwortung – ein Schlüsselbegriff der Epoche –  muss auch für die Medien gelten. Der entfesselte Prometheus ruft förmlich nach einer Ethik.
Wir müssen:
·        medienpolitisch verantwortlich handeln, mit Rahmenbedingungen für die Medienordnung, für den Jugendschutz
·        Wir müssen medienpädagogisch verantwortlich handeln.
Wir als Christen haben uns eine medienpolitische Leitlinie, eine Leitplanke geschaffen: mit der gemeinsamen Erklärung der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland „Chancen und Risiken der Mediengesellschaft“ (aus dem Jahr 1997). Diese ist unverändert aktuell.
Messen wir also Medien daran, ob sie den Menschen dienen, die Lebensmöglichkeiten entfalten und das Zusammenleben der Menschen fördern.
Wir als Christen haben dabei einen Vorteil: unser christliches Menschenbild, die Orientierung der Medienethik an der Würde und Personalität des Menschen, die mit dem Postulat der Freiheit, der Selbstbestimmung und der Verantwortung unauflöslich verbunden sind.
Entwickeln wir eine zeitgemäße Ethik für die technologische Zivilisation!
Ihnen weiterhin viel Freude, viel Erfolg und Gottes Segen bei Ihrer für die Menschen und unsere Welt so wertvollen publizistischen Arbeit. Gehet hin und schreibet, sendet, mailt! Und tut weiterhin Gutes! Und zwar im Sinne von Soren Kierkegaard:

„Das Gute ist dadurch, dass ich es will, und sonst ist es gar nicht. Es ist der Ausdruck der Freiheit“.



Zit nach Miriam Meckel, das Glück der Unerreichbarkeit, München 2009, S.34
[2] Siehe Frank Schirrmacher, Payback, München 2009, S. 58