07.01.2013 08:53 Uhr

Workshop: „Thüringen meets Malopolska“

Rede am Dienstag, 18. Mai 2010, 12:30 Uhr im Erfurt, Hotel Radisson
 
Leslaw Kucharczyk, Leiter der Handwerkskammer Krakau, und
Gäste aus Malopolska,
Thomas Malcherek,
Geschäftsführer Handwerkskammer Erfurt,
Gerald Grusser, Geschäftsführer IHK Erfurt
sehr geehrte Damen und Herren!
„Europa geht uns alle an.“ Selten war diese Feststellung so offensichtlich wie in den letzten zwei Wochen. Erst ging es um die Rettung Griechenlands, dann um den gesamten Euro-Raum. Die Europäische Union hat in höchster Not Handlungsfähigkeit bewiesen: Der am Wochenende beschlossene Rettungsschirm mit einem Volumen von insgesamt etwa 750 Mrd. Euro scheint zu greifen. Die Märkte beruhigen sich.
Europa geht uns alle an. Das gilt auch dann, wenn es nicht gerade um dramatische Rettungsaktionen in Brüssel geht. Unser Kontinent kennt vermutlich erstmals seit Menschengedenken keine Binnengrenzen mehr. Umso wichtiger ist es, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in Europa auch dessen bewusst werden. Und diese historische Chance nutzen, die sich nun auf allen Ebenen bietet – gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch!
Mein Dank gilt dem Europa-Service Büro für Mittelthüringen, das gemeinsam mit dem Netzwerk Europa-Service die Veranstaltung „Thüringen meets Malopolska“ vorbereitet hat. Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind „Chancengeber“. Sie tragen dazu bei, dass sich Menschen aus verschiedenen Regionen in Europa zusammenfinden und Kontakte knüpfen können.
Das Europa-Service-Büro ist ein wichtiges Instrument, um bestehende regionale Initiativen in der europäischen Zusammenarbeit zu bündeln. Die vier Service-Büros in Thüringen – in Erfurt, Gera, Suhl und Nordhausen – leisten gute Arbeit: hochwertige Beratung und Betreuung. Gemeinsam mit dem Europäischen Informationszentrum in der Staatskanzlei und weiteren Europa-Einrichtungen hat sich im Freistaat ein breites Netzwerk gebildet, das den Austausch von Bürgerinnen und Bürgern mit anderen Regionen in Europa ermöglicht. Hier wird die Vision eines sich vereinigenden Europas konkret, für die vor 60 Jahren Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi den Grundstein legten!


Beziehungen Thüringen – Malopolska

Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, eine Freundschaft zwischen den Völkern kann nur dann entstehen, wenn sich die Menschen auf allen Ebenen begegnen, wenn sie gemeinsame Projekte angehen, wenn sie gemeinsam Probleme lösen und Herausforderungen anpacken. Goethe hat einmal an Herder geschrieben: „Das sicherste Mittel ein freundschaftliches Verhältnis zu hegen und zu erhalten, finde ich darin, dass man sich wechselweise mitteile, was man tut.”.
Wir in Thüringen und Malopolska halten uns an den Rat Goethes. Ich erinnere zum Beispiel daran, dass wir im vergangenen Jahr in Krakau die zehnjährige Partnerschaft unserer Regionen gefeiert haben.[1]In dieser Dekade ist viel erreicht worden: Gegenseitige Stereotypen sind aufgebrochen, wir haben uns kennen und schätzen gelernt. Mehr noch, man kann sagen: Das Besondere an unserer Beziehung ist, dass das Besondere der Normalität gewichen ist.
Thüringen meets Malopolska
Ohne Zweifel: Die lebendige Ausgestaltung unserer Kontakte zu Malopolska und zu unseren anderen internationalen Partnern wäre ohne das Engagement der vielfältigen Akteure undenkbar: Organisationen in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport, Jugendaustausch und humanitärer Hilfe – Sie alle tragen zu einer engeren Bindung, zu einer stärkeren Verankerung Thüringens in Europa bei.
Veranstaltungen wie der heutige Workshop sind für eine lebendige Partnerschaft der Regionen unentbehrlich. Das Europa-Service Büro bietet eine Plattform zum Kennenlernen und Erfahrungsaustausch: zwischen Kammern und Verbänden, Unternehmen und beruflichen Bildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen aus Malopolska und Thüringen.
Ich begrüße, dass die Gruppe der Auszubildenden beim heutigen Treffen der Regionen eine besondere Priorität genießt. Es heißt, der Jugend gehört die Zukunft. Dem stimme ich zu. Aber richtig ist auch: Junge Menschen müssen die Chancen erkennen, die ihnen ihre berufliche Zukunft bietet. Dazu gehört die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes während der Ausbildung. Im Ausland gewinnen sie neue Kompetenzen: Sprachkenntnisse, interkulturelles Verständnis und soziale Sensibilität.
Unter deutschen Jugendlichen kann sich zwar jeder Vierte vorstellen, seinen Lebensmittelpunkt für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu verlegen, tatsächlich planen aber nur 2 Prozent der jungen Deutschen konkret einen Auslandsaufenthalt.[2]
Dabei gibt es viele Angebote – nicht nur für Studierende, sondern auch für Auszubildende. Ich nenne einige Beispiele:
-       „Let’s go“, ein dreiwöchiges Betriebspraktikum im Handwerk in Europa
-       „Mobinardo“, ein weiteres, vier- bis achtwöchiges Auslandspraktikum für Auszubildende
-       „Xchange“, ein vierwöchiges Praktikum in Italien, Österreich, Liechtenstein oder in der Schweiz
-       „INTEGRA“, ein Mobilitäts-Angebot für benachteiligte oder lernbehinderte Jugendliche in der Ausbildung
-       Daneben bieten das Deutsch-Französische und das Deutsch-Polnische Jugendwerk Praktika im jeweiligen Partnerland an.
 
Thüringen in Europa
Thüringens Rolle im Herzen Deutschlands und Europas war immer die eines Bindeglieds zwischen Ost und West sowie Nord und Süd. In der heutigen Zeit kommt der Pflege und dem Ausbau der Beziehungen zu unseren Nachbarn vor allem im Rahmen der fortschreitenden Integration eine überragende Bedeutung zu.
Ich glaube, dass der Wert unserer guten Beziehungen gerade zu den Staaten und Regionen des östlichen Mitteleuropa nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der ehemalige polnische Außenminister, Wladyslaw Bartoszewski, hat die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen auf den Punkt gebracht: „Da ist ein Wunder geschehen, das man [...] nicht für möglich gehalten hätte.”
 
Die Europäische Einigung in Frieden und Freiheit ist eine Erfolgsgeschichte. Man muss es sich immer wieder in Erinnerung rufen: Seit mehr als 60 Jahren werden Konflikte unter den Mitgliedstaaten der Europäischen Union friedlich gelöst. Das ist eine historische Leistung, die nach zwei verheerenden Kriegen im vergangenen Jahrhundert wohl niemand erwartet hatte. Für uns ist es inzwischen eine glückliche Selbstverständlichkeit geworden.
Als selbstverständlich nehmen wir auch den Wohlstand hin, der in Deutschland und in vielen Ländern Europas in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde. Ich bin überzeugt: An der positiven wirtschaftlichen Entwicklung hat gerade der europäische Einigungsprozess großen Anteil. Das gilt insbesondere für den Exportweltmeister Deutschland.
[evtl. Hinweis auf Griechenland-Hilfe; Zitat Robert Schuman: Europa entsteht durch die „Solidarität der Tat“]


Europa mitgestalten

Die Europäische Union ermöglicht den Regionen, an der Gestaltung Europas mitzuwirken. Europapolitik ist heute in vielen Bereichen europäische Innenpolitik. Deshalb denken wir in Thüringen dreifach – Erfurt, Berlin und Brüssel. Politische Entwicklungen, Initiativen und Beschlüsse auf bundes- und europapolitischer Ebene haben maßgeblichen Einfluss auf die Landespolitik und auf die Lebenswirklichkeit der Menschen. Ebenso wird jede Maßnahme der Landesregierung sowohl auf ihre landespolitische als auch auf ihre bundes- und europapolitische Dimension geprüft.
Wir wollen Thüringen im europäischen Mehr-Ebenen-System so positionieren, dass sich die Vorteile der europäischen Zusammenarbeit spürbar positiv für die Menschen in unserem Land auswirken.
Die europäische Integration erfordert von den Regionen ebenso wie von den Menschen, dass sie über den Tellerrand hinausblicken. Dazu gehört auch, sich mit europäischen Partnern abzustimmen und – dort, wo es sich lohnt – gemeinsam vorzugehen.
Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat es vor wenigen Wochen bei ihrer Rede im Sejmik von Krakau auf den Punkt gebracht: „Zwei Stimmen, die im Gleichklang singen, werden auch in Brüssel eher gehört als jede einzelne für sich allein.“ So können wir mehr erreichen: Wir werden dort, wo wir gemeinsame europapolitische Interessen haben, noch stärker zusammenarbeiten! Zum Beispiel im Ausschuss der Regionen. Wir sollten auch daran arbeiten, die Kontakte zwischen den EU-Parlamentariern unserer Regionen zu intensivieren.
Wir haben bereits in der Vergangenheit erfolgreich kooperiert, etwa bei EU-Projekten wie HERMES[3] und INTER GET UP[4]. Die EU schafft günstige Rahmenbedingungen: Sie fördert eine stärkere interregionale Zusammenarbeit – und wir wollen dieses Angebot nutzen. In der aktuellen Strukturfondsperiode 2007 bis 2013 stehen uns EU-Fördermittel[5] in Höhe von rund 28 Mio. Euro zur Verfügung. Bei der Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft ist eigens eine entsprechende Koordinierungsstelle eingerichtet worden. Das heißt: Thüringen ist gut aufgestellt, um bestehende Kooperationen zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen.
Die Thüringer Europa-Service Büros nutzen ebenfalls die Möglichkeiten dieser Förderung. Veranstaltungen wie der heutige Workshop tragen dazu bei, Unternehmen, Organisationen, Bildungseinrichtungen aus unterschiedlichen Regionen Europas zusammenzubringen.
Meine Damen und Herren,
ein Thüringer Minister sollte in einer Rede zumindest einmal Goethe oder Schiller zitieren. Ich habe mit Goethe begonnen. Erlauben Sie mir, dass ich zum Abschluss einen Ausspruch von Schiller umdichte. Schiller hat gesagt „Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.“ Ich sage mit Blick auf die Partnerschaft von Malopolska und Thüringen: „Wir können viel, weil wir zusammenstehen.“
Ich wünsche Ihnen für die weitere Tagung „Thüringen meets Malopolska“ interessante Erkenntnisse, gute Gespräche und zahlreiche neue Kontakte!


[1] Am 8./9. Juli 2009. Die Partnerschaft geht zurück auf die Gemeinsame Erklärung des Freistaates Thüringen und der Wojewodschaft Krakau über partnerschaftliche Beziehungen vom 4.12.1997 und die Erneuerung der Partnerschaftserklärung nach der polnischen Gebietsreform mit der Wojewodschaft Malopolska vom 8.7.1999.
[2] Quelle: EU-Nachrichten Nr. 24, 9. Juli 2009, S. 5.
[3] INTERREG III B – Kulturprojekt.
[4] INTERREG III C – KMU/Existenzgründerprojekt.
[5] Aus EFRE und ESF.