„Stottert der deutsch-französische Motor?“ – Mit dieser Frage setzte sich am 21. Mai 2013 der renommierte Politologe Alfred Grosser in einem Vortrag in der Thüringer Staatskanzlei auseinander. Anlass war der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrages, den der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, und der französische Präsident Charles de Gaulle, am 22. Januar 1963 in Paris unterzeichnet hatten. Die drei wichtigsten Ziele der Vereinbarung waren die Aussöhnung der in Jahrhunderte langer "Erbfeindschaft" verbundenen Staaten, die Begründung einer echten Freundschaft zwischen den beiden Völkern, insbesondere der Jugend, und die Förderung des Aufbaus eines einigen Europas. Aus erbitterten Kriegsgegnern sollten Partner werden - 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges war das für viele eine Sensation.
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- Alfred Grosser; Foto: TSK
Alfred Grosser, der die unmittelbaren Nachkriegsjahre mit den Worten „1945 kein Feind außer Deutschland. 1958 kein Freund außer Deutschland“ bilanziert hatte, schlug in seiner „Predigt“ (Grosser) einen weiten Bogen: Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, über das Ende des zweiten Weltkrieges, die Nachkriegsjahre und die Ära der Annäherung und Aussöhnung beleuchtete er das wechselhafte Verhältnis beider Staaten und Völker bis in die heutige Zeit.
Der Podcast von der Veranstaltung auf Youtube:
www.youtube.com/FreistaatThueringen/
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Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht nannte Alfred Grosser in ihrer Einführung einen „wortgewaltigen Wissenschaftler, Kommentator der Weltgeschichte, einen scharfen Analytiker, Vordenker und Nachdenker, den ‚Altmeister der historisch-politischen Aufklärung’ (FAZ)“. Und sie stellte seine „bewegte und bewegende Vita“ vor:
„1933 mit ihren Eltern nach Frankreich emigriert, wurden Sie 1937 französischer Staatsbürger. Als Politikwissenschaftler lehrten Sie in Paris.
Sie sind mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet worden, etwa mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und auch mit dem Abraham-Geiger-Preis für Ihre Verdienste um das Judentum.
Sie selbst haben sich als ‚atheistischen Humanisten’ bezeichnet. Sie haben Ihr Weltbild kürzlich in einem Pressegespräch (mit der TAZ) mit gerade mal vier Worten pointiert auf den Punkt gebracht: Wann immer Sie Persönliches mit dem Weltgeschehen verbinden, wenn Sie kritisch die Zeitläufe kommentieren, so schwingt stets Ihr unerschütterliches humanistisches Credo mit.
Wenn Sie als Redner, als Autor die Provokation, die Ironie, die Kritik als geistige Waffe einsetzen, wenn Sie Fragen stellen, und mitunter dem Zuhörer oder Leser die Antwort darauf selbst überlassen, dann gründet Ihr Wort auf einem ethischen Impetus für gesellschaftliches oder politisches Handeln.
Ihnen, dem engagierten Humanisten gelten Werte wie Freiheit, Toleranz und Offenheit, aber gleichzeitig auch Verantwortung als die höchsten. Sie schreiben nun schon seit sechs Jahrzehnten vor allem über Frankreich und Deutschland. Sie suchen nach den Gemeinsamkeiten und Sie gewichten - etwa in Ihrem Buch ‚Wie anders ist Frankreich?’ - die charakteristischen Unterschiede, die differierenden Nuancen zwischen beiden Nachbar- und Partnerländern.
Heute sind wir – Deutschland und Frankreich – Partner und Freunde auf Augenhöhe. Bis heute ist die deutsch-französische Freundschaft der Motor Europas. Und dies soll und muss auch in Zukunft so bleiben!“