Volkhard Knigge, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, würdigte Hessels Einsatz für die Menschenrechte und sein vielseitiges Engagement als Weltbürger und Diplomat. „Alles öffentliche Engagement Stéphane Hessel diente, so darf man im Blick auf sein Leben sagen, der Förderung der Entwicklung der hellen Seiten des Menschen. Wobei er unter Förderung der hellen Seiten nichts weniger verstand als moralisierende Appelle an das Gute im Menschen. Vielmehr ging es ihm um die Bewahrung und Stärkung politischer, sozialer und kultureller Verhältnisse im Kleinen wie im Großen, die der Fähigkeit zum Guten im Menschen zuarbeiteten, in dem sie Freiheit und Mündigkeit, politische und gesellschaftliche Partizipation sowie die Bereitschaft zur eingreifenden Anteilnahme an der Not und Entwürdigung des Anderen fördern“, so Knigge in seiner Ansprache während der Gedenkstunde.
Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf reiste in Absprache mit dem Kulturausschuss der Stadt Weimar zu der Gedenkstunde nach Paris. „Die Verleihung des Thüringer Verdienstordens durch die Ministerpräsidentin entspricht den außergewöhnlichen Verdiensten Stéphane Hessels um eine menschliche Welt, eine gerechtere globale Ordnung und um ein starkes und einiges Europa. Das Wirken Stéphane Hessels reicht weit über Weimar hinaus, greift über den Freistaat und Deutschland in eine europäische Dimension“, so Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf.
Stéphane Hessel (* 20. Oktober1917 in Berlin) ist ein französisch-deutscher ehemaliger Résistance-Kämpfer, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, Diplomat und Lyriker.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Hessel zunächst von den deutschen Truppen festgenommen, ihm gelang aber die Flucht nach London. Nachdem sich Hessel im Mai 1941 der französischen Résistance angeschlossen hatte, wurde er im Juli 1944 von der Gestapo in Frankreich verhaftet, gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald, später nach Dora, wo u. a. Wernher von Braun seine Raketen von KZ-Häftlingen bauen ließ, deportiert. Am 6. April 1945 gelang ihm die Flucht aus dem Zug auf dem Weg nach Bergen-Belsen.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Hessel 1946 Büroleiter des Vize-UN-Generalsekretärs Henri Laugier und 1948 Sekretär der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission, die mit der Erarbeitung der Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen beauftragt wurde. Anschließend bereiste er im Auftrag der UNO und des französischen Außenministeriums die Welt, trieb die Entkolonialisierung voran und vermittelte in Konflikten. Entwicklungshilfe, Demokratie und Menschenrechte gehören zu den Themen, die Hessel besonders am Herzen liegen und für die er bis heute kämpft.
In seinem Buch Empört Euch! aus dem Jahr 2010, das im Januar 2011 bereits mehr als eine Million Mal (in 35 Sprachen) gedruckt wurde, spricht er sich für die Wiederbelebung der Werte der Résistance aus. Er kritisiert im Buch außerdem den Finanzkapitalismus, die Behandlung von Minderheiten wie den Roma oder sogenannten illegalen Einwanderern, plädiert für Gewaltlosigkeit und sieht eine Lösung des Konflikts im Nahen Osten als elementar an für die Befriedung weiterer Konflikte. 2011 und 2012 folgten die Veröffentlichungen "Engagiert euch!" und "Wege der Hoffnung".
Die Protestbewegung in Spanien vom Mai 2011 auf dem Platz Puerta del Sol und anderen Plätzen in Spanien, sowie die griechischen, französischen und portugiesischen Ausläufer der Bewegung berufen sich auf das Werk von Stéphane Hessel.
Für sein Lebenswerk erhielt Stéphane Hessel bereits zahlreiche Ehrungen und Preise. So wurde er u. a. zum „Ambassadeur de France“ ernannt, erhielt den Bilbao-Preis für Menschenrechte der UNESCO und den Eugen-Kogon-Preis der Stadt Königstein. Am 29. August 2009 wurde Stéphane Hessel mit dem Adam-Mickiewicz-Preis des Weimarer Dreiecks geehrt.
Auszüge aus der Rede
[…] „So habe ich Stéphane Hessel über viele Jahre erleben dürfen, habe ihn kennen und schätzen gelernt.
Ihn, den von den Nationalsozialisten zum Tode Verurteilten, und Überlebenden, den Zugewandten, hellwachen und aufmerksamen Weltbürger Stéphane Hessel.
Und nie hatte ich bei diesem bewegten Leben das Gefühl von Vergangenheit.
Nein, mit Stéphane Hessel war stets ein ganzes Jahrhundert und ein ganzer Kontinent – präsent, höchst präsent in einer, d. h. seiner Person.
„Jude durch meinen Vater, preußischer Protestant durch meine Mutter, Franzose durch mich selbst“ so hat sich Stéphane Hessel selbst charakterisiert.
Er ging in den Widerstand, wurde in Buchenwald inhaftiert und überlebte, später war er als Diplomat tätig. Bei der Gründung der UNO, auf schwierigem Posten in Afrika, als Streiter für Menschenrechte.
Hessels Vater Franz war ein Schriftsteller aus München und liebte Paris.
Unweigerlich denke ich bei solchen Biographien über Möglichkeiten und Entwicklungen nach, die durch den Nationalsozialismus schier unterbrochen, abgeschnitten und zerstört worden sind.
Immer wieder tausendfach, millionenfach in Deutschland, in ganz Europa.
Bei Stéphane Hessel aber ging es dabei immer um Zukunft. Davon zeugt auch dieses kleine Heft, in dem Stéphane Hessel bekennt: - Meine Lebensmaxime könnte so aussehen:
„Jeder Mensch auf dieser kleinen Erdkugel hat dasselbe Recht glücklich zu sein, friedlich zu leben und seine Mitmenschen zu respektieren. Diese Chance möchte ich mit anderen teilen.
Als Franzose gewordener Deutscher liegt mir vor allem daran, dass Europa in diesem Jahrhundert einen gemeinsamen ausschlaggebenden Einfluss ausüben kann zum Aufbau einer gerechteren Welt“ –
Das war im März 2001 in Komsdorf. An anderer Stelle sagt er kurz zusammengefasst: „Ich habe den Glauben an die Menschheit immer gehabt und werde ihn immer haben.“
Es ist diese Welt – und dem Menschen – Zugewandtheit, es ist sein strahlender Optimismus bei aller Finsternis die er durchleben und durchleiden musste, die ihn zu einem Streiter für die Menschheit, für eine gute, lebenswerte Zukunft für alle Menschen haben werden lassen.
Dabei gilt: Ein Mensch, der wie Stéphane Hessel an der UN-Charta der Menschenrechte mitgewirkt und sie unterzeichnet hat, ist überall in der Welt Zuhause und überall auf der Welt – an jedem Ort – ein Ehrenbürger!
Und es war am gleichen Ort, als sich schon in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts „Paris mit Kreisau in Kromsdorf“ traf, mit Freya von Moltke und ihrer Schwägerin und großartigen Pianistin Veronika Jochum von Moltke, mit Ewa Unger – Vorsitzende der Stiftung Kreisau – und dem kunstsinnigen Fritz Hellersberg und Stéphane Hessel, der die ganze Breite deutscher Dichtkunst von Goethe über Hölderlin, bis zu Rainer Maria Rilke wunderbar zu rezitieren wusste. Das war „Weimarer Dreieck“ im besten Sinne.
Das Weimarer Dreieck aus Frankreich, Polen und Deutschland – hier erfüllte sich wie von selbst mit Leben, was sich Jahre zuvor am 28. August 1991, dem Geburtstag von Goethe, die drei Außenminister – Dumas, Skubiszewski und Genscher in Weimar erdacht hatten – erdacht nach der Erfahrung der schrecklichen Katastrophen und Feindschaften des 20. Jahrhunderts, denen erst die Teilung Europas und mit den Revolutionen von 1989/1990 dann die Einheit folgte, in Frieden und Freiheit.
Für all diese Erfahrungen stand Stéphane Hessel mit seiner ganzen Persönlichkeit. Er warb für Versöhnung, für Wachsamkeit, für das aktive sich Einmischen in das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben.
Auch 50 Jahre Élysée-Vertrag, die Jugendwerke unserer Länder – das deutsch-französisches Jugendwerk, das deutsch-polnische Jugendwerk – ungezählte Partnerschaften zwischen Schulen, Hochschulen, Städten und Gemeinden, Verbänden und Organisationen, auch unsere Thüringer Regionalpartnerschaft zur Picardie – sie alle brauchen diese Ankerpunkte – brauchen Menschen wie Stéphane Hessel.
Auch wenn Stéphane Hessel den heutigen Tag nicht mehr persönlich erleben kann, sind wir umso mehr aufgefordert, von seinem Wirken, seinen Botschaften, seiner Ausstrahlung, von unseren oft so beglückenden Begegnungen mit ihm, aber auch der Entschiedenheit seines Vermächtnisses in „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ weiterzuerzählen und unser eigenes Handeln immer wieder daran zu prüfen.
Denn von einem bin ich überzeugt, - auch in der nunmehr schon begonnenen 2. Dekade des 21. Jahrhunderts – gilt: Nie wird das zurückliegende kurze 20. Jahrhundert zu Ende gehen. Unserer Thüringer Delegation, die zum heutigen Gedenktag gekommen ist, stehen die Bilder von der Schlacht an der Somme, die wir gestern in Péronne gesehen haben, vor unserem geistigen Auge. Dazu gehören unter anderem die erschütternden Zeugnisse des Thüringer Künstlers Otto Dix, der die Grauen des 1. Weltkrieges vor fast 100 Jahren eindringlich festgehalten hat. Seinen Darstellungen des millionenfachen Leidens und Todes ist in Péronne ein ganzer Raum gewidmet.
Deswegen sage ich: Dieses 20. Jahrhundert wird nicht vergehen – NIE. Es wird nicht zu Ende gehen für uns.
Es wird auch nicht zu Ende gehen für eine kommende Generation, die ihre Eltern und Großeltern immer wieder neu befragen wird nach Familiengeschichte, Herkunft, Brüchen – auf der Suche nach eigener Identität.
Es wird auch nicht zu Ende gehen unter der Wucht der globalen Egalisierungs- und Nivellierungsmaschinerie des neuen 21. Jahrhunderts.
Das Gegenteil wird der Fall sein. Viele werden eher noch genauer fragen nach dem, was war. Sie werden präziser wissen wollen, wo kommen wir her und was hat unsere Geschichte geprägt?
Deswegen tut Vergewisserung not – Vergewisserung am autenthischen Ort.
- Vergewisserung durch die Glaubwürdigkeit des gelebten Lebens
- Vergewisserung durch die Botschaft die bleibt – im Kleinen wie im Großen.
Es ist die Charta der Menschenrechte. Es ist diese Empörung von 1948, die das ganze Leben von Stéphane Hessel durch getragen hat bis zu den beiden letzten Bücklein „Empört Euch“ und „Engagiert Euch“.
Und irgendwie ist es auch dieser 4. April 1945. Dieser Tag, über den Stéphane Hessel in seiner Autobiographie „Der Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet: „Die Nacht nimmt mich freundlich auf. Wieder einmal bin ich frei …“ Es ist das Datum seiner Flucht aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Die mit seiner Flucht 1945 errungene Freiheit sollte endgültig sein. Heute vor 68 Jahen.
Es hat mich tief berührt, dass Stéphane Hessel am 20. Februar 2013, wenige Tage vor seinem Tod, meiner Bitte gefolgt ist, den Verdienstorden des Freistaats Thüringen für seine großen Verdienste für unser Land Thüringen, für die Menschen, für den Frieden zwischen unseren Völkern und für eine gute gemeinsame Zukunft für alle Menschen anzunehmen.
Das ist eine große Ehre für Thüringen. Es ist alles andere als selbstverständlich.
Denn dass ein Land, das so tief und so gründlich der dunklen Seite des 20. Jahrhunderts bis hin zur Barbarei und Hölle auf Buchenwald verfallen war, heute im Licht eines so großen Europäers und Kosmopoliten auf Pariser Bühne steht, kann ich wahrlich nur als eine der glücklichsten Wendungen von Geschichte begreifen.
Thüringen steht in tiefer Achtung und mit großem Respekt vor den Verdiensten und dem Leben von Stéphane Hessel und seiner Familie, ganz besonders auch vor Ihnen, liebe, verehrte Frau Christiane Hessel.“
2. Tag: „Kulturelle Zusammenarbeit der Regionen weiter stärken“
Am zweiten Tag ihrer Frankreisreise besuchte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht die Gedenkstätte Historial de la Grande Guerre in Péronne.
Bei dem Besuch des Museums sagte die Ministerpräsidentin: „Historial de la Guerre in Péronne ist ein historischer Ort, der uns die Geschichte des 1. Weltkrieges vor Augen führt. Diese Gedenkstätte ist sehr wichtig für uns, denn sie zeigt auch, dass die Partnerschaft zwischen der Picardie und Thüringen auf einem gemeinsamen historischen Fundament steht. Sie mahnt uns und fordert uns auf, alles zu tun, dass sich die Zerrissenheit Europas mit seinen Kriegen nicht im 21. Jahrhundert wiederholt“.
Im Gespräch mit dem Direktor Hervé Francois lotete Lieberknecht mögliche Kooperationen anlässlich des im Jahr 2014 stattfinden Jahrestages des Beginns des 1. Weltkrieges aus. Der 100. Jahrestag des 1. Weltkrieges 2014 ist für die Picardie ein wichtiges historisches Ereignis. In Thüringen wird sich die Jahresausstellung der Stiftung Weimarer Klassik dem Thema widmen. Zum Jahrestag des Beginns des 1. Weltkrieges sind in Thüringen auch Schulprojekte mit picardischen Partnern geplant.
Anschließend begab sich die gesamte Delegation zur Firma ENERCON GmbH in Compiègne. Herr Peter Schuster, Leiter von ENERCON France, und der Standortleiter, Herr Henry Nicollet, begrüßte die Delegation und stellte die Firma und die Produktionsanlage für Windradmasten vor.
Die
ENERCON GmbH ist der größte deutsche Hersteller von Windkraftanlagen mit Stammsitz in Aurich. Dieser Tage hat das Unternehmen seine 1000. Windkraftanlage in Frankreich fertig gestellt. Seit November 2012 hat ENERCON ein Logistik- und Schulungszentrum in Gotha. Mit der Unternehmensgründung 1984 begann Diplomingenieur Aloys Wobben die ökonomisch-ökologische Geschichte von ENERCON. Als eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich Windenergie mit langjähriger Marktführerschaft in Deutschland beschäftigt ENERCON weltweit direkt und indirekt mittlerweile mehr als 13.000 Menschen. Mit mehr als 20.000 installierten Windenergieanlagen in über 30 Ländern zählt ENERCON auch international zu den führenden Herstellern. Für das Jahr 2013 rechnet das Unternehmen mit einem Exportanteil von über 60 % und einer sukzessiven Steigerung in den kommenden Jahren.
Lieberknecht sagte: „Frankreich war bisher stark auf Kernenergie ausgerichtet. Durch die Energiewende wird davon Abstand genommen und es werden dezidiert Zeichen für die Erneuerbaren Energien gesetzt.“ Der Besuch habe gezeigt, dass die Möglichkeiten bestehen, auf Zukunftsfeldern wie den Erneuerbaren Energien die wirtschaftlichen Kontakte mit den picardischen Partnern zu vertiefen. „Es gibt viele Potentiale und Chancen auf diesem Zukunftsmarkt“, so die Ministerpräsidentin nach dem Firmenbesuch.
Nach dem Besuch bei ENERCON beendete die Wirtschaftsdelegation ihre Frankreichreise. Die Ministerpräsidentin reiste anschließend nach Paris. Hier trifft Sie sich zur Stunde mit der Deutschen Botschafterin Dr. Susanne Rainer- Wasum. Anschließend werden sie gemeinsam die Ausstellung „De l'Allemagne 1800 - 1930“ im Louvre besuchen.
„De l'Allemagne 1800 – 1939“ (etwa: Über Deutschland 1800 – 1939) zeigt dem Besucher im Louvre eine Kunst, die in Frankreich größtenteils unbekannt oder mit Vorurteilen behaftet ist. Ausgestellt sind 200 Werke, darunter zahlreiche Landschaftsdarstellungen von Caspar David Friedrich und einige Exponate der Stiftung Weimarer Klassik.
Am Abend führt die Ministerpräsidentin ein Gespräch mit Vertretern der Thüringer Tourismus GmbH und französischen Tourismusveranstaltern.
Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus GmbH sagte im Vorfeld der Begegnung: „Uns ist es gelungen, mehrere hochkarätige Kulturreiseveranstalter und Vertreter der DB Frankreich zu einem Hintergrundgespräch über den Tourismus einzuladen. Dabei kommt uns auch die viel beachtete Ausstellung der „deutschen Kunst“ im Louvre mit Leihgaben aus Weimar und das damit verbundene gesteigerte Interesse an der deutschen Klassik zu Gute“.
Der dritte Tag (04. April 2013) der Frankreichreise beginnt für die Ministerpräsidentin und die Vertreter der Fraktionen im Thüringer Landtag von CDU, SPD und FDP mit einem Arbeitsfrühstück mit Vertretern der französischen - protestantischen Kirche und der Deutschen Evangelischen Kirche in Frankreich.
Ziel des Gespräches ist die Information über das Lutherjubiläum in Thüringen, Deutschland und Frankreich. „Da in Noyon in der Picardie mit Calvin ein weiterer wichtiger Reformator geboren wurde, bestehen auch hier wichtige Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit“, so die Ministerpräsidentin vorab.