Revue-Operette in Erfurt
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- Temperamentvoll wird Emmerich Kálmáns Revue-Operette am Theater Erfurt von Guy Montavon inszeniert.
Bei der Neuinszenierung der Operette „Grafin Mariza“ hängt der Erfurter Theaterhimmel voller Geigen, denn in einer der Szenen hat sich der Regisseur einen „Himmel voller Geigen“ gewünscht. Um dies ganz wörtlich umsetzen zu können, gab es einen Aufruf, dem Theater Geigen zu spenden. Daraufhin sind bemerkenswert viele Rückmeldungen eingegangen, so dass eine ausreichende Zahl von Geigen für den Theaterhimmel zusammenkam. Der österreichische Bühnenbildner Hartmut Schörghofer, der in Erfurt bereits mit Rusalka großen Erfolg hatte, und die Kostümbilderin Roswitha Thiel haben für die Revue-Operette „Gräfin Mariza“ opulente und geschmackvolle Bilder entworfen.
Inhalt
Tassilo, der neue Verwalter auf dem Gut der Gräfin Mariza, ist ein junger Graf aus verarmter Familie, der mit seiner inkognito aufgenommenen Arbeit die Ausbildung und Mitgift seiner jüngeren Schwester Lisa finanzieren will. Als diese, eine gute Freundin der Mariza, überraschend auf dem Gut erscheint, kann er ihr das Versprechen abnehmen, seine Tarnung zu wahren. Die reiche und schöne Gutsherrin fühlt sich bei ihrer ersten Begegnung mit Tassilo durchaus zu ihm hingezogen, ist aber von dessen Mangel an Unterwürfigkeit irritiert. So straft sie ihn zunächst mit Herablassung. Über mangelndes Interesse der Männerwelt kann sie sich ohnehin nicht beklagen. Um die hartnäckigsten Verehrer abzuschütteln, hat sie sogar per Zeitungsannonce eine Verlobung vorgetäuscht. Als nun der erfundene Verlobte, Baron Koloman Zsupán, leibhaftig vor ihr steht, spielt sie zunächst auf Zeit. Schließlich können weder Marizas Temperament noch ihr Stolz verhindern, dass sie und Tassilo ein Paar werden.
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- Die in der Figur des Barons Koloman Zsupán verkörperten Ungarn- Klischees wirken oftmals wie ironische Zitate auf die österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.
Manches an der Gräfin Mariza erinnert an die Csárdásfürstin, doch zeigt der Vergleich beider Werke, wie sich die Welt und die Welt der Operette zwischen der Uraufführung der Csárdásfürstin 1915 bis zu der der Mariza 1924 verändert hat. Auf den ersten Blick scheint der in der Csárdásfürstin nur zu ahnende, inzwischen aber vollzogene Untergang der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie folgenlos geblieben zu sein. Der Schauplatz der Gräfin Mariza liegt näher an Bukarest als an Budapest (und damit im heutigen Rumänien), und die Figuren stammen aus den verschiedensten Teilen der Vielvölkermonarchie, selbst das mehrfach besungene Varasdin gehörte längst zu Jugoslawien.
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- In „Gräfin Mariza“ wird ein Spiel von Verstellung und Entlarvung gespielt, getrieben von der Sehnsucht, jemand anderes zu sein.
Dies nun mit einer lediglich folkloristischen Verklärung der Vergangenheit und damit als reaktionäre Ignoranz abzutun, würde dem Werk und vor allem der Musik Kálmáns Unrecht tun; denn die Partitur offenbart in vielfältiger Weise den Zeitgeist der 1920er Jahre. Die aktuellen Modetänze der Zeit und die teils jazzige Instrumentation wurden damals als ausgesprochen neu empfunden, ebenso die prächtige Ausstattung der Uraufführung am Theater an der Wien, die den neuen Typus der Revue- Operette begründete. Die vor allem in der Figur des Barons Koloman Zsupán verkörperten Ungarn- Klischees wirken in diesem Umfeld wie ironische Zitate. Dazu passt, dass schon der Name der Figur ausdrücklich auf den Zigeunerbaron von Johann Strauß zurückgeht und damit auf eine Operette sehr
viel älteren Typs. Dieser „falsche Bräutigam“ Zsupán ist bezeichnenderweise der einzige Charakter, der das Stück hindurch mit sich selbst im Reinen ist und bleibt. Zwischen allen anderen wird ein Spiel von Verstellung und Entlarvung gespielt, getrieben von der Sehnsucht, jemand anderes zu sein, als man unter den gegebenen Umständen ist.
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- Über mangelndes Interesse der Männerwelt kann sich Gräfin Mariza wahrlich nicht beklagen.
In der Inszenierung von Guy Montavon, der erstmals bei einer Operette Regie führt, ist es vor allem die Figur des Tassilo, aus dessen Perspektive sich das Geschehen entwickelt. Die Geschichte vom mittellosen Edelmann, der nach diversen Irritationen, ausgelöst durch verletzten Stolz und fatale Missverständnisse, schließlich die so heiratsunwillige Mariza für sich gewinnt, wird in der Inszenierung zu einem aus der Sehnsucht nach Schönheit und Melancholie entstandenen Traumbild einer verklärten Vergangenheit.
Einen wichtigen Part hat auch der Berliner Choreograf Götz Hellriegel übernommen, der zuletzt am Theater Erfurt den Solisten und dem gesamten Ensemble in Orpheus in der Unterwelt „Beine gemacht“ hat. Schließlich gehen die meisten Musiknummern in der Gräfin Mariza auf Tanzformen zurück, zudem gibt es viele so genannte „Nachtänze“ am Ende von Duetten, in denen die Solisten das Tanzbein zu schwingen haben. Für das Ensemble heißt das, neben den Musik-, Dialog- und Szenenproben auch noch spezielle Tanzproben zu absolvieren, um z. B. den Foxtrott in „Komm mitnach Varasdin“ einzustudieren.
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Künstlerische Leitung
Johannes Pell – Musikalische Leitung
Guy Montavon – Inszenierung
Hartmut Schörghofer – Bühnenbild
Roswitha Thiel – Kostüme
Götz Hellriegel – Choreografie
Die Hauptrollen
Marisca Mulder – Gräfin Mariza
Ilia Papandreou – Gräfin Mariza
Jörg Rathmann – Baron Koloman Zsupán
Steffen Schantz – Graf Tassilo
Daniela Gerstenmeyer – Lisa
Gräfin Mariza
Operette in drei Akten von Emmerich Kálmán
Text von Julius Brammer und Alfred Grünwald
UA Wien 1924
In deutscher Sprache
Premiere: Sa, 8. Dezember 2012, 19.30 Uhr, Großes Haus
Weitere Aufführungen:
So, 16.12. | So, 30.12. | Mo, 31.12.2012 | Sa, 05.01. | Sa. 19.01. | Fr, 25.01. |
So, 03.03. | Sa, 23.03.2013
Karten und Informationen unter www.theater-erfurt.de und Telefon 0361 22 33 155.
Die Fotos von Lutz Edelhoff wurden thueringen.de freundlicherweise vom Theater Erfurt zur Verfügung gestellt.