„Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929 – 1956“
-
- Blick in die Ausstellung in der Ausstellungshalle der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Foto: Claus Bach. Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Vom 20. August bis zum 21. Oktober präsentiert die Wanderausstellung zum Thema „Gulag“ im Weimarer Schiller-Museum erstmals in Deutschland zahlreiche Relikte und Dokumente zur Geschichte des Systems der sowjetischen Straf- und Zwangsarbeitslager. In mehr als dreijähriger Arbeit ist die Exposition von der Gesellschaft „Memorial“, Moskau und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg realisiert worden.
-
- Häftlinge zerkleinern Steine, Weißmeer-Ostsee-Kanal, 1932. Quelle: Sammlung „Memorial“, Moskau
In Weimar wird die Ausstellung von einer umfangreichen und thematisch wie inhaltlich abwechslungsreichen Veranstaltungsreihe begleitet. Unter dem Titel „Den Spuren nachgehen“ finden mehr als 20 Veranstaltungen statt, darunter Fachvorträge, Zeitzeugengespräche, ein Konzert, mehrere Filmpräsentationen, öffentliche Führungen durch die Ausstellung sowie spezielle Fortbildungen für Multiplikatoren. Initiatoren und Träger der Veranstaltungsreihe sind die Gesellschaft „Memorial“, die Stiftung Gedenkstätten, das Imre-Kertész-Kolleg Jena, die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Stiftung Ettersberg.
-
- Kinder von Häftlingen arbeiten gemeinsam mit ihren Eltern. Weißmeer-Ostsee-Kanal, 1932. Quelle: Sammlung „Memorial“, Moskau
„Gulag“ steht für das System der sowjetischen Straf- und Zwangsarbeitslager in der Zeit von 1929 bis 1956. Der Name geht auf die 1930 gebildete Hauptverwaltung Lager (russ. Glawnoje Uprawlenije Lagerei) des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten der UdSSR zurück. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das ausgedehnte Lagersystem zu einem zentralen Instrument des stalinistischen Terrors mit weit reichender politischer Abschreckungswirkung. Seine Entstehung ist unmittelbar mit den maßlosen wirtschaftlichen Erschließungs- und Modernisierungsvorhaben der Sowjetunion verbunden (Fünfjahrespläne). Der Gulag galt Stalin und der Sowjetführung als unerschöpfliches und unbegrenzt verfügbares
Arbeitskräftereservoir. Zunehmend verselbständigte sich der Gulag zum Staat im Staate. Seine größte Ausdehnung erreichte er Anfang der 1950er Jahre mit mehr als 200 jeweils weit verzweigten Lagerkomplexen, in denen 2,5 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten. Heute wird in der Forschung davon ausgegangen, dass insgesamt etwa 20 Millionen Menschen in den Gulag deportiert wurden, von denen etwa zwei Millionen ums Leben kamen.
-
- Gulag-Karte nach den Angaben der Gesellschaft „Memorial“, Moskau.
Erstmals in Deutschland thematisiert eine Ausstellung die Gesamtgeschichte des Gulag an Hand zahlreicher Dokumente und originaler Relikte seiner Geschichte, die meisten davon aus der Sammlung der Gesellschaft „Memorial“. Erster Vorsitzender dieser 1988 gegründeten Menschenrechtsorganisation war der sowjetische Atomphysiker und Dissident Andrej Sacharow. Während der letzten zwei Jahrzehnte trug „Memorial“ unter anderem auf Expeditionsreisen nach Sibirien unzählige Zeugnisse aus dem Gulag zusammen. Ergänzt wird dieser Bestand in der Ausstellung durch Dokumente aus anderen Archiven, darunter dem Staatsarchiv der Russischen Föderation sowie Leihgaben der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und von privaten Leihgebern.
-
- Abladen großer Steinbrocken am Weißmeer-Ostsee-Kanal, 1932. Quelle: Sammlung „Memorial“, Moskau
Die Exponate der Ausstellung zeugen sowohl von den Lagern und den dorthin deportierten Menschen als auch von dem – politisch immer wieder behinderten – Bemühen, die Geschichte der Lager, der Repression und des Terrors öffentlich zu erinnern und die Opfer zu würdigen. Auf diese Schwierigkeiten verweist indirekt die von dem namhaften Architekten Hans Dieter Schaal entwickelte Ausstellungs-gestaltung: Unter mehr als beengten Verhältnissen sind die Realien über viele Jahre in den Räumen von „Memorial“ in teils verglasten Schränken in Moskau aufbewahrt und Besuchern gezeigt worden. Deshalb werden die über 70 dreidimensionalen Exponate und weit über einhundert Fotografien, Dokumente und Erinnerungsberichte der Ausstellung „Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929 – 1956“ u.a. in 18 darauf anspielenden „Schränken“ präsentiert. In die Ausstellung integriert sind zudem 11 Videostationen, 4 Touchscreens mit Grafiken und Diagrammen zu den Dimensionen des Gulag-Systems, 20 Hörstationen mit eingesprochenen Passagen aus Tagebüchern, Briefen und Erinnerungsberichten sowie eine Filmprojektion mit Häftlingsbiographien.
-
- „Feinde des Fünfjahresplans“. Plakat von Viktor Deni, um 1930. Der Agitationsschriftsteller Demjan Bedny verfasste dazu Schmähverse über Gutsbesitzer, „Kulaken“, Säufer, Popen, käufliche Journalisten, Kapitalisten, Menschewiki und „Weißgardisten“. Weil der Fünfjahrplan ihren Untergang bedeute, würden sie ihm den Krieg erklären. Quelle: Sammlung „Memorial“, Moskau.
Inhaltliche Schwerpunkte der Ausstellung
Im Zentrum der 400 qm großen Ausstellung steht die Erfahrung der Opfer. Die Ausstellung gliedert sich in fünf Schwerpunkte:
• Von der Oktoberrevolution zum Gulag
• Verfolgung und Deportation
• Zwangsarbeit, Überleben und Sterben im Lager
• Auflösung des Gulag-Systems und Gulag-Erinnerung
• Ausgewählte Häftlingsbiografien
Informationen und Hintergründe zur Ausstellung
Die wissenschaftliche Leitung des Ausstellungsprojektes lag bei Dr. Irina Scherbakowa („Memorial“) und Prof. Dr. Volkhard Knigge (Stiftung Gedenkstätten), Kuratoren sind Nikita Ochotin („Memorial“), Rikola-Gunnar Lüttgenau und Dr. Bodo Ritscher (Stiftung Gedenkstätten). Beide Institutionen kooperieren nicht zum ersten Mal: „Memorial“ hat beispielsweise die Aufarbeitung der Geschichte des
Sowjetischen Speziallagers im ehemaligen Konzentrationslager
Buchenwald 1945 – 1950 und die Ausstellung der Stiftung Gedenkstätten zur NS-Zwangsarbeit „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ unterstützt. Ohne Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes wäre die Realisierung der Gulag-Ausstellung nicht möglich gewesen. Die Exposition ist als Wanderausstellung konzipiert und kann von Leihnehmern im In- und Ausland übernommen werden.
Quelle: Presseinformation der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora
mehr Informationen:
www.ausstellung-gulag.org
http://www.buchenwald.de/
http://www.memorial.de/