Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat anlässlich des zehnten Jahrestags des Amoklaufs am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zum Gedenken an die 16 Todesopfer aufgerufen. „Die schreckliche Bluttat macht uns nach wie vor sehr betroffen. Ich weiß, dass die Wunden bei den Angehörigen und Hinterbliebenen noch lange nicht verheilt sind. Jede Nachricht über einen erneuten Amoklauf an einer Schule in Deutschland oder in anderen Ländern bewegt uns tief, weckt erneut die Erinnerungen an das grausame Geschehen am 26. April 2002 in Erfurt. Wir trauern mit den Angehörigen der Opfer im stillen Gedenken vor der Schule und bei einem ökumenischen Gottesdienst“, sagte die Ministerpräsidentin.
„Das Massaker vom Gutenberg-Gymnasium bleibt in Thüringen und ganz Deutschland fest in Erinnerung. So schrecklich und unfassbar das Geschehen von damals auch heute noch ist: Es hat uns nicht sprachlos gemacht, sondern es hat uns zum Handeln angeregt. Thüringen hat weitreichende Konsequenzen gezogen.“ Das unterstreicht Thüringens Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur und stellvertretende Ministerpräsident, Christoph Matschie, zehn Jahre nach dem Schulmassaker vom 26. April 2002. An diesem Tag hatte ein Attentäter 16 Menschen und anschließend sich selbst getötet.
"Staat und Gesellschaft stehen in der Pflicht, alles zu tun, um solche Gewalttaten zu verhindern“, stellte die Ministerpräsidentin fest. Sie bemerkte, dass sich die öffentliche Diskussion der letzten Tage zu sehr auf das Waffenrecht und die Aufbewahrung von Schusswaffen in Wohnräumen konzentriere. Die Wahl der Tatwaffe, ob Schusswaffe, Messer oder Brandsatz, stehe aber erst am Ende einer langen Entwicklungslinie, die es frühzeitig zu erkennen und zu unterbrechen gelte, so Lieberknecht.
„Wir müssen mehr Leidenschaft füreinander entwickeln und Solidarität mit denen, die vor dem Leistungsdruck in Schule und Gesellschaft zu scheitern drohen. Dies und eine umfassende Wertevermittlung und Gewaltprävention in den Schulen, in den Vereinen, in den Medien, in den Familien und in der Gesellschaft bilden die Grundsäulen der Verhinderung von solchen Amokläufen“, betonte Lieberknecht.
In diesen Bereichen habe sich in Deutschland, vor allem aber auch hier im Freistaat, seit dem April 2002 viel getan: Die Gewaltprävention in Schulen und Kindertagesstätten wurde ausgebaut. Die Zusammenarbeit mit den Eltern wurde verstärkt. Die Schulen müssen die Eltern über wichtige Vorkommnisse unterrichten, selbst wenn die Schüler bereits volljährig sind. Der Jugendmedienschutzstaatsvertrag von 2003 bildet zudem die Grundlage für vielfältige Maßnahmen zur Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, aber auch von deren Eltern. Im Bereich des Waffenrechts komme es heute darauf an, die strengen Vorschriften zum Erwerb und zur Lagerung von Waffen wirksam zu kontrollieren. Polizei, Schulleitungen und Jugendämter seien heute mehr denn je sensibilisiert für jede Andeutung einer möglichen Gewaltandrohung. Jedem einzelnen Hinweis werde intensiv nachgegangen, erklärte die Regierungschefin.
Keinen jungen Menschen zurücklassen, sich in- und außerhalb der Schule um jeden kümmern – das sei die wichtigste Schlussfolgerung, so Matschie. Thüringen habe dabei in den vergangenen 10 Jahren viel getan, von der Änderung des Jugend- und Jugendmedienschutzes bis hin zur Verschärfung des Waffenrechts. „Gutenberg hat aber auch unsere Bildungslandschaft nachhaltig verändert“, unterstreicht Matschie. Kein Schüler müsse heute nach der 10. Klasse mehr das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. „Wir haben ein Notfallsystem etabliert, das schnelle Information und koordiniertes Eingreifen ermöglicht. Jede Schule hat einen Notfallplan und weiß, was im Falle eines Falles zu tun ist“, so der Minister. Zur Prävention gehöre insbesondere der Ausbau des schulpsychologischen Angebots. „Weil ich um die Bedeutung weiß, habe ich die Zahl der Schulpsychologen in Thüringen von 17 auf 32 erhöht. Unsere Psychologen sind Ansprechpartner für Schüler und Lehrer und helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen.“
Dass die individuelle Förderung jedes Schülers im Thüringer Schulgesetz sowie in der Schulordnung als zentrales Prinzip verankert wurde, ist für Matschie eine wichtige Konsequenz für die Schulentwicklung. „Schule vermittelt Wissen, aber Schule ist auch ein Ort des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens. Beides muss zu einer Schulkultur verschmelzen, die Leistungsanreize gibt und in der unsere Schüler gern lernen“, so Matschie. Das unterstütze er politisch aktiv. Der Minister nennt als Beispiele die Einführung der weiterentwickelten Lehrpläne, die verbale Leistungseinschätzung, die jeder Schüler zusätzlich zu den Zeugnissen erhält, die individuelle Schulausgangsphase, die dabei helfen soll, dass kein Schüler die Schule mehr ohne Abschluss verlässt, sowie zahlreiche Projekte zur Demokratieerziehung an Thüringens Schulen.