07.01.2013 08:58 Uhr

Thüringen ist Gourmetland

Preisverleihung
Preisverleihung

Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht überreichte Marcello Fabri den Siegerpokal im Wettbewerb der Gourmetköche. Zur Gaumenfreude der über 200 Gäste kochten die Thüringer Gourmetköche Tobias Schmidt (1.v.r.), Claus Alboth (2.v.r.), Ralf Kronmüller (1.v.l.) und Ulrich Rösch (2.v.l.) im Weimarer Hotel Elephant genussvolle Menüs.


 

„Für Genuss braucht man Zeit. Man kann Musik genießen mit den Ohren, Schönheit erleben mit den Augen, gutes Essen mit dem Gaumen und mit den Augen. Genuss hat für mich auch etwas mit Glücksempfinden zu tun. Genuss entfaltet sich, wenn schöne Dinge auf unsere Sinne wirken.“ Das sagte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in einem Zeitungsinterview zum Thema „Genießen und Genuss“ anlässlich der Verleihung des Großen Gourmet Preises Thüringen am 9. April 2011 in Weimar.

„Genießen und Genuss“ Fotos: TLZ-Fotograf Peter Michaelis
„Genießen und Genuss“ Fotos: TLZ-Fotograf Peter Michaelis

Das Gespräch erschien heute (8. April 2011) in der Thüringischen Landeszeitung.

TLZ-Fotograf Peter Michaelis hat die Ministerpräsidentin für das Interview im Erfurter Theater fotografiert.

Foto: Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht
Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (Foto: Peter Michaelis, TLZ)

Von Lioba Knipping

Weimar. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht gilt als asketisch. Manche nennen das auch „evangelisch“. Die gelernte Pfarrerin - mit ausgeprägter Vorliebe für hausgeschlachtete Wurst - scheint sich in allen Situationen unter Kontrolle zu haben, Gefühlsausbrüche sind eher selten. Nicht mal in der Koalition soll sie bisher auch nur einen Wutausbruch bekommen haben. Sollte die Ministerpräsidentin wählen zwischen Sekt oder Selters, würden wohl die Thüringer darauf wetten, dass ihre Wahl auf Selters fällt. Von Champagner ganz zu schweigen.

Am 9. April ist Christine Lieberknecht Schirmherrin des Thüringer Gourmetpreises im Weimarer Hotel „Elephant“, eines lustvollen Essens, präsentiert von TLZ und TA, bestehend aus sechs Gängen, zubereitet von den besten Köchen des Landes. Da ist Genuss sogar für die Regierungschefin nicht zu vermeiden.

Frau Lieberknecht, was bedeutet für Sie Genuss wirklich?

Für Genuss braucht man Zeit. Genuss entfaltet sich, wenn schöne Dinge auf unsere Sinne wirken. Man kann Musik genießen mit den Ohren, Schönheit erleben mit den Augen, gutes Essen mit dem Gaumen und mit den Augen ...

Der Volksmund behaupt ja auch, die Augen essen mit...

Genau. Und Genuss hat für mich auch etwas mit Glücksempfinden zu tun.

Sie erwähnten die vielen Möglichkeiten des Genießens. Worin besteht für Sie kulinarischer, worin geistiger Genuss?

Ein kulinarischer Genuss kann für mich auch in ganz einfachen Speisen bestehen. Nehmen Sie beispielsweise die ganz unterschiedliche Verarbeitungsweise von Kartoffeln – um ein heimisches Produkt zu nennen. Man kann sie als feines Pürree, Gratin, Suppe, Puffer oder Kloß zubereiten. Oder ein wunderbares Wild, wenn man Genüsse mit Fleisch bevorzugt.

Für mich ist immer wieder verblüffend, aus welch einfachen Produkten man die edelsten Speisen zubereiten kann. Darin sind gerade die Thüringer Meister. Und momentan hat deshalb das Einfache für mich seinen größeren Reiz, weil man das kaum noch bekommt. Viele denken, gute Küche besteht aus tausend Extras auf dem Teller.

Um zu genießen, muss man entspannen können. Haben Sie bei Ihrem Job eigentlich diese Zeit? Wie kommen Sie zu Ihrem verdienten Genuss?

Sie haben Recht: Zeit ist für mich ein sehr kostbares Gut. Ich habe nur wenig Gelegenheit, um fern von Stress und ohne Zeitdruck im wahrsten Sinne des Wortes genießen zu können. Ich musste lernen, die wenige persönliche Zeit bewusster zu erleben. Ich glaube, das ist mir im Laufe der Jahre ganz gut gelungen.

Zum Genießen gehört für mich oft schon, wie ich den Tag beginnen kann. Zum Beispiel freue ich mich am Spinnennetz im Morgentau auf unserer Terrasse. Das ist ein so filigranes Naturkunstwerk, das lässt mich morgens kurz innehalten. Oder wenn die ersten Frühlingsblüher aus der Erde kommen, das ist für mich etwas Wunderbares. Auch die Schönheit der Natur zu genießen, ist eine Kunst. Und erst der Duft von Hyazinthen...

Zurück zum Gourmetpreis: Sie sind eigentlich kein Gourmet, oder?

Die Franzosen meinen mit „Gourmand“ jemanden, der gern und gut isst, manchmal auch etwas mehr. In diesem Sinne vielleicht schon. (lacht) Und ich bin neugierig geblieben beim essen. Essen ist für mich oft auch Entdeckung.

Was verbinden Sie denn mit dem Begriff Gourmet und mit dem Gourmetpreis?

Gourmet bedeutet für mich im deutschsprachigen Sinne Perfektionierung, Vollkommenheit von Kochkunst. Ich kann das sehr genießen, auch wenn ich selbst einfacher koche. Für mich sind besondere Gerichte auch welche, die ich mit alltäglichen Mitteln zubereiten kann. Gerade jetzt im Frühling, kann man aus den ersten zarten Löwenzahnblättern einen ganz vorzüglichen Salat machen.

Also sind Sie doch eine Feinschmeckerin! Sie haben auch ein tolles Kochbuch zu diesem Interview mitgebracht. Liegt das ansonsten bei Ihnen zu Hause eher herum?

Das Kochbuch habe ich schon fast 20 Jahre. Ich weiß gar nicht mehr, wie es in meinen Besitz gelangt ist. Die Zeit zum Kochen nehme ich mir gelegentlich, besonders aber zu Familienfesten. Die Feiertage werden, wenn es irgend geht, mit der Familie zu Hause begangen. Sicher ist das selten im Jahr, aber dann koche ich alles selbst! Von den Vorspeisen bis zum Dessert.

Was bevorzugen Sie: Süßes oder Deftiges?

Das hängt von der Gelegenheit und manchmal sogar von der Tageszeit ab. Ich esse gerne herzhaft, aber zum Dessert darf es auch etwas Süßes sein, hausgebackener Mohnkuchen zum Beispiel.

Gibt es Gaumenfreuden – wie beispielsweise Gewürztraminer mit Austern - die Sie besonders schätzen?

Freude beim Essen hat viel mit der Situation zu tun. Ich kenne Spitzenköche, die sich auch an einem guten Butterbrot erfreuen. Was Rotweine angeht, mag ich eher trockene, leichte Weine, die trotzdem rund und sonnig sind, bei Weißwein gern einen guten leichten Rießling.

Eine Studie besagt, am genussfähigsten seien die Rheinländer, die Rheinland-Pfälzer, die Bayern, die Hessen und die Baden-Württemberger. Scheint an der Mentalität zu liegen. Besonders interessant ist aber, dass es die meisten Genuss-Zweifler in den ostdeutschen Bundesländern geben soll. Was denken Sie über unsere Landsleute: Können wir Thüringer nun genießen oder nicht?

Wir Thüringer können sehr wohl genießen! Ich kenne die Studie nicht und ich bezweifle, dass sie wirklich unser auch kulinarisch-föderales Deutschland mit all seinen landesspezifischen Gerichten, Gewohnheiten und Gebräuchen aufgenommen hat. Wir Thüringer sind in der komfortablen Situation, in unserem Land selbst alles zu haben, was man für gute Küche braucht – durch alle vier Jahreszeiten hindurch. Die Rezeptbücher unserer Zeitungen zeugen davon. Sogar Trüffel gibt es in Jena, über die schon Goethe schrieb. Ich habe das in ihrer Zeitungsserie „Gärten in Jena“ gelesen, von der es ja auch schon zwei Bücher gibt. Abgesehen von exotischen Gewürzen oder Früchten finden Sie alles hier im Land. Und was wir hier nicht selbst anbauen oder züchten, dass konnten wir schon im Mittelalter importieren – Thüringen liegt schließlich an der via regia, der ältesten und längsten Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa. Seit mehr als 2000 Jahren verbindet die 4500 Kilometer lange Handelsstraße von großer wirtschaftlicher Bedeutung acht europäische Länder.

Was ist das Besondere am kulinarischen Thüringen? Was hebt uns gegenüber anderen Bundesländern hervor?

Wie so oft, die Vielfalt! Außerdem verbindet sich in Thüringen traditionelle und mediterrane Küche in besonderer Weise. Wir sind experimentierfreudig! Zum Beispiel gibt es demnächst Schwarzbierpralinen aus Thüringen. Bei uns wachsen Bärlauch und Wurzelgemüse, die schon Goethe genoss. Es gibt – übrigens ganz in der Tradition der einstigen Pfarrgärten – unzählige Kräuter. Wir haben hervorragenden Ziegenkäse aus Altenburg und seit Jahrhunderten Weinanbau, der in den letzten Jahren wieder sehr gewonnen hat.

Sie wandern gern. Mit Genuss oder doch eher mit Disziplin?

Wandern mit Disziplin? Das geht überhaupt nicht (lacht). Ja, wenn ich wandere, genieße ich die Landschaft mit allen Sinnen. Ich sehe, rieche, höre und fühle sie. Besondere Lust empfinde ich aber auch zwischendurch beim Lesen espritgeladener, geistreicher Aphorismen, zum Beispiel von Georg Christoph Lichtenberg. Oder im Urlaub bei einem spannend geschriebenen Roman, als nächstes Clemens Meyer „Als wir träumten“.

Was bevorzugen Sie: eher einen Krimi, Historisches oder einen Liebesroman?

Historisches, aber nicht nur. Gerade lese ich mit großer Freude „Jesus von Nazareth“ von Papst Benedikt XVI., zweifellos ein Werk der Weltgeschichte.

Was ist mit Musik?

Musik höre ich zur Entspannung und zwar vornehmlich am Sonntagnachmittag. Dabei taste ich mich auch mal an den musikalischen Themen des Jahres in Thüringen entlang, habe zum Beispiel Liszt entdeckt, mit dem ich mich noch nie so richtig beschäftigt hatte, was ein großes Versäumnis war.

Also ist auch das wieder mit Disziplin, wenn nicht gar mit Arbeit verbunden?

Das schließt sich gegenseitig gar nicht aus. Es ist Freude und Entspannung, die auch mal aus der Arbeit entspringt. In diesem Jahr höre ich also Franz Liszt. Den kann man nicht nebenher hören, wie ich das bei Mozart kann. Sondern Liszt braucht volle Konzentration. Ich bin überrascht, wie vielfältig seine Kompositionen sind, welch auch eigenwillige Werke er geschaffen hat. Ich nutze die Zeit des Hörens nämlich auch, um mehr über die Komponisten und ihre Musik zu erfahren, höre Stücke, die mir bis jetzt unbekannt waren. Vor ein paar Jahren habe ich mich mit den Fugen von Lyonel Feininger beschäftigt. Im vergangenen Jahr habe ich mich intensiv mit Chopin befasst, der in unserer Partnerregion Kleinpolen ja seinen Ursprung hatte.
Auch Gustav Mahler fasziniert mich, dessen 100. Todestag am 18. Mai ja auch in Jena – mit der Aufführung der siebenten Sinfonie – begangen wird.
Mahler habe ich übrigens im Sommerurlaub auch in Toblach in Südtirol entdeckt, wo er gelebt und komponiert hat.

Hatten Sie Wagners „Ring“ in Weimar gesehen?

Aber ja, jedenfalls Teile, besonders gern die „Götterdämmerung“ und „Walküre“ mit dem auch szenisch sehr beeindruckenden Schluss „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, der durchschreit das Feuer nie!“

Sie werden bei der Verleihung des Gourmetpreises am 9. April dabei sein und mit Lust genießen, was die sechs besten Köche Thüringens auftischen werden.

Ich folge sehr gern der Einladung der Chefredakteure von TLZ und TA. Thüringen ist eben auch ausgewiesenes Gourmetland. Dieser Wettbewerb ist eine großartige Idee und zeigt unsere entwickelte Genusskultur. Er macht Thüringen als Sterne-Land noch interessanter. Ein großer Dank den Köchen – aus Weimar, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Sondershausen und dem hessischen Königstein – und den Ideengebern, die so engagiert profilieren helfen.

Sie lassen sich also doch gern zum Genuss verführen?

(lacht) Das kann man so sagen.