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Verleihung Point-Alpha-Preis
Rede der Präsidentin des Kuratoriums Deutsche Einheit
Christine Lieberknecht, MdL, Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit
anlässlich der Verleihung des Point-Alpha-Preises für Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit an
Herrn Staatspräsident a. D. Václav Havel
Für mich ist es ein sehr bewegender Moment, an diesem symbolträchtigen Tag hier an diesem symbolträchtigen Ort zu sein. Dieser Moment ist umso bewegender, als ich einer wahrhaft bedeutenden Persönlichkeit der europäischen Freiheitsbewe-gung, Herrn Präsidenten Vaclav Havel, den Point Alpha Preis für Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit überreichen darf. Hierzu begrüße ich Sie im Namen des Stifters dieses Preises, des Kuratoriums Deutsche Einheit sehr herzlich.
Das Kuratorium Deutsche Einheit hat sich vor fünf Jahren am 17. Juni 2003 gegrün-det als ein Verein von engagierten Bürgern. Sie wollen der Völkerverständigung die-nen und zur Förderung und Festigung des freiheitlichen und demokratischen Staatswesens in Deutschland beitragen. Wir sind ein überparteilich und überkonfes-sionell zusammengesetzter Kreis von Mitstreitern aus den unterschiedlichsten Be-reichen und Regionen Deutschlands.
Das zentrale Anliegen ist uns die Vergabe dieses Preises für Verdienste um die Ein-heit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit.
Am 17. Juni 2005 haben wir den Preis zum ersten Mal verliehen. Die Preisverlei-hung fand am Point Alpha statt, einem Ort, den Sir Peter Ustinov einmal als den „heißesten Punkt im Kalten Krieg“ und auch als „gefährlichsten Ort der Erde“ be-zeichnet hat. Heute ist der Point Alpha ein Ort der Erinnerung und der Mahnung. Hunderttausend Menschen besuchen ihn Jahr für Jahr und halten so die Erinnerung wach, dass Freiheit nichts Selbstverständliches ist und jeden Tag neu verteidigt werden muss.
Vor drei Jahren hat das Kuratorium diesen Ort ganz bewusst gewählt, um die Staatsmänner und Architekten der Deutschen Einheit Helmut Kohl, George Bush sen. und Michael Gorbatschow zu ehren. Ein Tag, an den viele von uns mit tiefer Bewegung denken.
Heute verleihen wir, verleiht das Kuratorium Deutsche Einheit den Point-Alpha-Preis zum zweiten Mal. Wir sind hier versammelt zur Ehrung eines Mannes, der sich in herausragender Weise um die Einheit unseres Kontinents in Frieden und Freiheit und damit auch um die Einheit Deutschlands verdient gemacht hat. Ich bin auch persönlich sehr dankbar, zu diesem Anlass heute Ihnen, hoch verehrter Herr Präsi-dent Havel, gegenübertreten zu können.
Europa darf nie vergessen, dass der historische Prozess der friedlichen Revolution von 1989 zur Überwindung einer widernatürlichen Spaltung unseres Kontinents und meines Vaterlands geführt hat.
Vorausgegangen waren die mörderischen Verbrechen zweier Weltkriege mit Millio-nen von Toten. Heute vor siebzig Jahren – und das darf auch bei einem so freudi-gen Anlass wie der heutigen Preisverleihung nicht vergessen werden – wurde das Münchener Abkommen unterzeichnet – der Anfang vom Ende der Freiheit der Völ-ker der damaligen Tschechoslowakei.
Die Schuld, die Deutsche in den darauf folgenden Jahren in weiten Teilen Europas und auch in Ihrem Land auf sich geladen haben, wiegt schwer. Das neue, freie und demokratische Europa kann dauerhaft nur gelingen, wenn wir alle alles tun, um ei-ner Wiederkehr oder auch nur der Andeutung einer Wiederkehr totalitären Denkens entgegenzutreten.
Vor wenigen Wochen erst haben wir alle uns die Bilder von der blutigen Nieder-schlagung des Prager Frühlings vor vierzig Jahren vor Augen geführt. Soldaten der Volksarmee der DDR standen bereit, die Truppen der „sozialistischen Bruderstaa-ten“ zu unterstützen. Tschechen und Slowaken hatten unabhängig davon die Sym-pathien der Menschen im geteilten Deutschland auf ihrer Seite.
Aber es sollte noch einmal – über die Charta 77 hinaus – zwanzig Jahre dauern bis zur erfolgreichen friedlichen Revolution im Herbst 1989. Ende nächsten Jahres wird es genau zwanzig Jahre zurückliegen, dass Sie, Herr Havel, zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wurden. Dieses Jahr jährte sich Ihre Wahl zum Präsiden-ten der Tschechischen Republik zum fünfzehnten Mal.
Im nächsten März wird Ihr Land zehn Jahre Mitglied der NATO sein, im Mai fünf Jahre Mitglied der Europäischen Union. Welch unvorstellbare, dramatische Entwick-lung! Wir alle dürfen glücklich und dankbar sein für diese Entwicklung der letzten zwanzig Jahre – gerade auch im deutsch-tschechischen Verhältnis und im Zusam-menwachsen Europas.
Dieser Blick zurück ist uns Verpflichtung für die Zukunft. Insbesondere junge Men-schen sollen um Beispiele und Vorbilder wissen, die Hoffnung machen und Mut, die uns ermuntern wachsam zu sein, sich einzumischen und mit zu gestalten, damit Einheit und Frieden auf Dauer erhalten bleiben und gefestigt werden – in Deutsch-land und in Europa.
Sie selbst, Herr Havel, haben immer wieder die Verknüpfung zwischen menschli-chem Freiheitsstreben und musikalischen Ausdrucksformen hervorgehoben. Für uns war es deshalb naheliegend, Schülerinnen oder Schüler der Deutschen Schule in Prag heute um ihre Mitwirkung zu bitten. Ihnen danke ich an dieser Stelle gewiss auch in Ihrer aller Namen sehr herzlich.
Wie der Ort des Namens – Point Alpha – ist auch der Ort der heutigen Preisverlei-hung – die Deutsche Botschaft in Prag – ein unvergesslicher Ort. Hier im Palais Lobkowicz und im Garten dieses Palais hinter meinem Rücken spielten sich vor 19 Jahren wahrhaft dramatische Szenen, Ereignisse und Schicksale ab.
Niemand wüsste darüber besser zu berichten, als die damals Beteiligten selbst, die Flüchtlinge, aber auch Sie, sehr geehrter Herr Genscher, sehr geehrter Herr Seiters. Deswegen nur so viel: Zu den zahllosen Geschichten der Tausenden von Bot-schaftsflüchtlingen gehört auch diese: Einer unserer heutigen Gäste hier hat auf der von Ihnen, lieber Herr Seiters, begleiteten Zugfahrt gemeinsam mit Ihnen im Abteil gesessen.
Gemeinsam mit 250 weiteren Prager Botschaftsflüchtlingen „landete“ er dann im hessischen Hünfeld in unmittelbarer Nähe zum Point Alpha bei der Bundespolizei, dem damaligen Bundesgrenzschutz. Noch heute gibt es im Hünfelder Land gerade-zu eine „Kolonie“ von ehemaligen Prager Botschaftsflüchtlingen.
Stellvertretend für die tausenden von Menschen, die vor neunzehn Jahren den schwierigen Weg über die deutschen Botschaften in die deutsche Freiheit gewählt haben, grüße ich Sie, Herr Altheide, sehr herzlich unter uns.
Die Hilfe bei der Aufnahme dieser Menschen, die in diesem Falle die hessischen Mitbürger, ihre Behörden, ihre Gemeinden geleistet haben, war enorm. Und sie wur-de in Bayern genauso praktiziert wie an der Küste oder am Rhein.
Es hat eine unglaubliche, heute oft kleingeredete, Solidarität und tätige Hilfe gege-ben, auf die wir auch heute noch stolz sein dürfen.
Die Freiheitsgeschichte ist nie nur die Geschichte einzelner. Aber die Freiheitsge-schichte braucht Persönlichkeiten, die vorangehen, Beispiel geben, Zeichen setzen und das Wort ergreifen – das gesprochene und das geschriebene Wort. Sie braucht Persönlichkeiten wie Václav Havel.
Freiheitsgeschichte gelingt nur, wenn die Menschen in großer Zahl ihre individuelle und soziale Freiheit zum Ziel erheben und den Mut haben, sie einfach zu leben. Um mit Ihren Worten, Herr Havel, zu sprechen: „Jeder der keine Angst hatte, der nicht im alltäglichen Leben log und nicht fürchtete seine Kinder in der gleichen Weise zu erziehen, hat dazu beigetragen.“
So sind es viele Beiträge bescheidener Menschen im Verborgenen die dazu beige-tragen haben. So ist es aber auch in besonderer Weise Ihrer Bescheidenheit und Ihrer gewaltlosen Beharrlichkeit zu verdanken, dass wir uns heute so frei und voller Freude hier versammeln können. Wer von uns hat sich dieses Bild vor 20 Jahren für den heutigen Tag an diesem Ort auch nur im Traum vorstellen können?
Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter, dass wir diese Feier heute an die-sem besonderen Ort begehen dürfen.
Ich danke dem Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes, unserem Mitkurator Ru-dolf Seiters, dass er ein Grußwort an den Preisträger und insbesondere an die tschechischen und deutschen Gäste und Zuschauer richten wird.
Und ich danke ganz besonders Ihnen, Herr Doktor Genscher, dass Sie die Laudatio auf unseren Preisträger halten werden. Václav Havel hat es uns mit seinem aufrech-ten und beeindruckenden Lebensweg von seiner Seite aus leicht gemacht, ihn zu loben. Sie selbst haben deutsche und Europäische Geschichte mit geschrieben, ha-ben im politischen Geschäft und in der internationalen Diplomatie Jahrzehnte ver-bracht. Gleichwohl denke ich, dass auch für Sie diese Aufgabe mit vielen auch ganz persönlichen Erinnerungen und Gefühlen verbunden ist. Ich danke Ihnen noch ein-mal sehr dafür, dass Sie die Aufgabe des Laudators übernommen haben.