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Am 6. März 2003 wurde der dritte Band der PISA-Berichterstattung „PISA 2000 - Ein differenzierter Blick auf die Länder der Bundesrepublik Deutschland“ veröffentlicht.
Dieser vertiefende Bericht soll drei Funktionen erfüllen:
Einige wichtige Ergebnisse für Deutschland (zusammengestellt nach Informationen des PISA-Konsortiums):
Die Länder der Bundesrepublik weisen deutlich unterschiedliche Schulstrukturen und erhebliche Unterschiede in der schulformspezifischen Bildungsbeteiligung auf. Das Spektrum reicht von der Zwei- bis zur Fünfgliedrigkeit. Die traditionelle Dreigliedrigkeit (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) findet sich nur noch in wenigen Ländern. Ähnlich uneinheitlich ist das Bild, wenn man die relative Verteilung der Schulabschlüsse in den Ländern betrachtet. Die allgemeine Hochschulreife (ohne Fachhochschulreife) erreichen zwischen 20 und 31 % (Thüringen: 29 %), einen mittleren Abschluss zwischen 39 und 60 % (43 %) und einen Hauptschulabschluss zwischen 16 und 44 % (19 %) der Schülerinnen und Schüler des jeweils entsprechenden Altersjahrgangs. Zugleich sind Schulart und Schulabschluss inzwischen weitgehend entkoppelt. Man kann den gleichen Schulabschluss an unterschiedlichen Schularten erreichen. Eine wichtige Rolle spielt auch die Möglichkeit, allgemein bildende Abschlüsse an beruflichen Schulen zu erwerben. Sie wird jedoch in den einzelnen Ländern unterschiedlich genutzt.
Sowohl die Fachleistungen als auch die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft gehen auf Unterschiede zwischen Schulen unterschiedlicher Schulart sowie – in geringerem Maße – auf Unterschiede zwischen Schulen gleicher Schulart zurück. Innerhalb der Schularten bilden sich Lernumwelten, die aufgrund unterschiedlicher Ausprägungen von Merkmalen (sozioökonomischer Status und Bildungsniveau der Eltern, Anteil von Familien mit Migrationshintergrund, Verkehrssprache in den Familien) zum Teil gravierend voneinander abweichen und die mit unterschiedlich hoher Schulzufriedenheit und unterschiedlichen Leistungsniveaus einhergehen. In allen Ländern tragen diese Differenzierungsprozesse – wenngleich in unterschiedlich starkem Maße – zur Öffnung der Leistungsschere in der Sekundarstufe bei. Die im internationalen Vergleich nachgewiesene, ungewöhnlich große Leistungsstreuung am Ende der Vollzeitschulpflicht in Deutschland wird zu einem nicht unerheblichen Teil in der Sekundarstufe I erzeugt oder zumindest verstärkt.
In allen Ländern zeigt sich eine erhebliche Überlappung in den Leistungen von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulformen. Ein nicht geringer Teil der Schülerinnen und Schüler könnte dem Leistungsniveau nach in einen Bildungsgang mit höherem Abschluss wechseln. Der Anteil potenzieller Bildungsgangwechsler ist in denjenigen Ländern am größten, die am eindeutigsten an der traditionellen Dreigliedrigkeit des Schulwesens festhalten. Es zeigt sich aber auch, dass eine große Überlappung in den Leistungen positive Effekte hinsichtlich des durchschnittlichen Leistungsniveaus und der Verminderung des Anteils potenzieller Risikoschüler am unteren Rand der Leistungsverteilung in einem Lande hat.
Es gibt erhebliche Leistungsunterschiede zwischen Schulen derselben Schulform. In jeder Schulform finden sich Schulen, die sich in ihrem mittleren Leistungsniveau nicht von Schulen benachbarter Bildungsgänge unterscheiden. Auch unter schwierigen sozialen und leistungsmäßigen Rahmenbedingungen können Schulen pädagogisch erfolgreich sein, wie es umgekehrt ebenfalls Schulen gibt, deren Leistungsniveau nicht die nach ihren Umfeldbedingungen zu erwartenden Werte erreicht.
Die Länder sind unterschiedlich erfolgreich in der Förderung von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, wobei die Integration dieser Schülerinnen und Schüler in Deutschland weniger gut gelingt als in anderen Staaten. Die Analysen haben gezeigt, dass zwischen dem Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in Schulen und dem im Durchschnitt erreichten Leistungsniveau ein Zusammenhang besteht. In Schulen mit höherem Anteil von Jugendlichen, die in der Familie nicht Deutsch sprechen, werden bei vergleichbarer Zusammensetzung der Schülerschaft geringere Leistungen erzielt.
Die Leistungsunterschiede zwischen den Ländern lassen sich nicht aus unterschiedlichen Mustern der Bildungsbeteiligung erklären. Wachsende Bildungsbeteiligung sichert nicht automatisch ein insgesamt höheres Leistungsniveau, sie führt aber auch nicht zwangsläufig zu sinkenden Leistungen in Bildungsgängen, die zu herausgehobenen Bildungsabschlüssen führen. Ebenso ist der Zusammenhang zwischen dem relativen Anteil von Hauptschülerinnen und Hauptschülern und der Größe der Gruppe potenzieller Risikoschüler, die im Lesen die Kompetenzstufe I nicht überschreiten, nur schwach ausgeprägt.
Ein statistischer Zusammenhang zeigt sich zwischen den länderspezifischen Expansionsraten des Gymnasiums und dem jeweiligen durchschnittlichen gymnasialen Leistungsniveau. Dieser Befund hat seine wesentliche Ursache in der unzureichenden Sicherung des Einhaltens von Standards im unteren Leistungssegment, die nur in wenigen Ländern ausreichend gelingt.
Die aus der Befragung der Schülerinnen und Schüler gewonnenen Erkenntnisse deuten nicht auf länderspezifische Unterschiede in der Unterrichtskultur, sondern auf eine recht hohe Uniformität der Unterrichtsstile in Deutschland hin. Unterschiede, die sich im Vergleich der Schüleraussagen in anderen OECD-Länder zeigen, gelten für alle Länder innerhalb der Bundesrepublik in ähnlicher Weise. Durchweg empfinden Schülerinnen und Schüler den Leistungsdruck als relativ stark, die Unterstützung durch Lehrkräfte als relativ schwach.
Die Analyse des Zusammenhangs zwischen den im letzten Halbjahr vor der PISA-Untersuchung erreichten Schulnoten und den in den Leistungstests gezeigten Ergebnissen bestätigt den aus entsprechenden Untersuchungen bereits seit langem bekannten Befund, dass sich die Notenvergabe in erster Linie an dem spezifischen Leistungsniveau der einzelnen Schule bzw. Lerngruppe und nicht an schulübergreifenden Kriterien orientiert. Für gleiche Leistungen werden danach in unterschiedlichen Schulen unterschiedliche Noten vergeben.
Dieser in allen Ländern festzustellende Effekt wird in seinen Auswirkungen durch die Leistungsunterschiede zwischen den Ländern in zum Teil erheblicher Weise verstärkt. Diese Praxis der Notenvergabe erfüllt die pädagogisch wichtige Funktion einer Leistungsrückmeldung, die sich auch an der für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbaren Situation ihrer Schule orientieren muss. Zugleich bestätigt dieser Befund aber auch die dringende Notwendigkeit der Erarbeitung von Bildungsstandards. In einem Schulsystem, das mit den vergebenen Abschlüssen Berechtigungen verbindet, müssen Transparenz und Vergleichbarkeit der vergebenen Bewertungen gesichert sein.
Eine Zusammenfassung des Berichts gibt es unter
http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/ergebnisse_national_vertiefend.htm. Unter dieser Adresse ist auch ein Bezugshinweis für den Bericht in gedruckter Form zu finden.
Ergebnisse zu Thüringen sowie Schlussfolgerungen und Bemerkungen in der
Pressemitteilung des Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kulturs vom 6. März 2003