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Die Bilder gingen um die Welt: Fünf Menschen aus drei Nationen im Gespräch. Präsident Obama; Kanzlerin Angela Merkel; daneben der Autor und Nobelpreisträger Ellie Wiesel und Bertrand Herz. Und dazwischen Sie, lieber Herr Knigge. Hochkonzentriert. Mit der für Sie so typischen sparsamen Gestik. Die uns Ihr tiefes Misstrauen gegen alle leeren Pathosformeln erkennen lässt. Damals begleiteten Sie zusammen mit den beiden Überlebenden des KZ Buchenwalds zwei der mächtigsten Politiker unserer Gegenwart über das weitläufige Gelände der heutigen Gedenkstätte.
Buchenwald und Mittelbau-Dora sind Orte des Schreckens und des Entsetzens. Buchenwald heute ist aber auch ein Ort, an dem Generationen zusammenkommen, um gemeinsam Zukunft zu gestalten. Denn wo sonst, wenn nicht in der Konfrontation mit den Spuren einer menschenfeindlichen Gesellschaft erkennen wir, wie wichtig verbindliche Grundwerte für unser Zusammenleben sind.
Buchenwald war ein Antrieb für Europa. Dieser Gedanke, lieber Herr Knigge, prägt Ihre Arbeit. In einem Brief haben Sie mir von einer Begegnung berichtet, die Ihre Arbeit bis heute prägt.
1995, Sie waren gerade seit einem Jahr als Direktor der Gedenkstätte Buchenwald tätig, hielt Pierre Sudreau auf dem Appellplatz eine Rede anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung. Der Widerstandskämpfer, ehemalige Häftling und Minister unter Charles de Gaulle formulierte damals einen Gedanken, der Sie noch heute bewegt:
„In Buchenwald habe ich gelernt, Europäer zu sein.“
Diese Idee stand am Beginn Ihrer Arbeit. Und Sie leben sie bis heute. Sie wurde Ihr Programm. Lernen, Europäer zu sein: nicht durch die Erfahrung eigenen Leides, sondern durch ein kritisch reflektierendes Geschichtsbewusstsein. Das ist die Chance, die sich heute den Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätte Buchenwald/Mittelbau-Dora eröffnet.
Lieber Herr Knigge, konsequent haben Sie seit Ihrem Amtsantritt 1994 das ehemalige DDR-Nationaldenkmal zu einem Ort historischer und ethischer Bildung und zu einer europäischen Begegnungsstätte umgebaut. Wie man Wissenschaft und Öffentlichkeit zusammen bringt, das vermitteln Sie auch Ihren Studierenden an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Demokratiebewusstsein und Weltoffenheit haben nicht zuletzt durch Ihre Tätigkeit in Thüringen wieder tiefe Wurzeln schlagen können.
Vor allem junge Menschen aus allen Teilen Europas kommen heute in der Gedenkstätte Buchenwald zusammen. Gemeinsam schauen sie hier in den Abgrund unserer Geschichte. Hier erkennen sie aber auch, dass uns in Europa mehr zusammen hält als eine gemeinsame Währung und das Auf- und Ab unserer Finanzmärkte: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und die Anerkennung von Menschenrechten sind die Voraussetzungen dafür, dass der Frieden, auch der soziale Frieden, in Europa dauerhaft gesichert bleibt. Das ist die Lektion von Buchenwald.
Lieber Herr Knigge,
heute erhalten Sie den Wartburgpreis für Ihre herausragenden Dienste um die politische und kulturelle Einigung Europas. Ich danke Ihnen auch im Namen des Stiftungsrates für Ihren Einsatz. Wie groß der Respekt für Ihre Arbeit ist, lässt sich auch gut an der Person des heutigen Laudators erkennen.
Sehr geehrter, lieber Herr Hessel,
ich freue mich sehr, dass Sie den Weg aus Paris auf sich genommen haben, um heute zu uns zu sprechen. Denn Sie haben uns viel zu sagen.
Neulich las ich in einem Interview mit Ihnen einen Satz, der mich tief beeindruckt hat:
„Ich blicke nicht voller Entsetzen auf die Vergangenheit. Ich empöre mich, um es besser zu machen.“ [Berliner Zeitung vom 19. Februar 2011, Interview mit Arno Widmann]
Die Erfahrung des Schreckens als Aufgabe für eine bessere Zukunft zu begreifen: Das treibt Sie an. Geboren 1917 in Berlin-Tiergarten, kamen Sie mit den Eltern 1932 nach Paris. 1941 traten Sie der Résistance bei. Unter größter Lebensgefahr bekannten Sie Farbe – gegen Ihre alte Heimat, die ein Terrorstaat geworden war. Von einem Mitstreiter unter Folter verraten, wurden Sie im Juli 1944 von den Deutschen verhaftet, gefoltert und nach Buchenwald deportiert. Im April 1945, aus einem Zug nach Bergen-Belsen, gelang Ihnen eine spektakuläre Flucht.
Lebensrettend für Sie. Bedeutsam für uns alle. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzten Sie Ihr Engagement fort für eine bessere Gesellschaft. Die größte Errungenschaft, die aus den Erfahrungen von Krieg, Verfolgung und Vernichtung entstanden ist, ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Sie waren damals an der Erarbeitung dieses Jahrhundertdokuments beteiligt. Die Menschenrechtserklärung ist und bleibt uns Nachgeborenen Vermächtnis und Aufgabe.
Lieber Herr Hessel,
ich verbeuge mich in tiefer Dankbarkeit. Bis heute erheben Sie Ihre Stimme. Sie wissen aus Erfahrung: Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen von jeder Gesellschaft, von jeder Generation neu erstritten oder verteidigt werden. Und daher wenden Sie sich heute vor allem an die jungen Leute. Mit einem zweifachen Weckruf:
Empört Euch! lautet der erste. Betrachtet Eure Gesellschaft ganz genau – und seid wachsam gegen alle Formen der Ungleichbehandlung. Sei es durch Finanzmärkte. Sei es durch den Abbau des Sozialstaates.
Engagiert Euch! So lautet der zweite. Handelt. Bringt Euch ein. Mischt mit. Lasst Dinge nicht einfach geschehen. Denn die „schlimmste aller Haltungen“, schreiben Sie an einer Stelle, ist die Indifferenz, ist zu sagen: „Ich kann nichts dafür“ [Die ZEIT vom 13. Januar 2011, zit. nach Gero von Randow]. Lieber Herr Hessel, Ihr Weckruf kommt an. Er trifft auf offene Ohren.
Aus der Erfahrung des Schreckens eine Zivilgesellschaft der Zukunft zu gestalten: Das ist die Aufgabe, der Sie sich gestellt haben, lieber Herr Hessel. Und das ist das Programm, dem sich Volkhard Knigge in der Gedenkstättenarbeit in Buchenwald verpflichtet sieht. Ich bin gespannt, was Sie uns heute zu sagen haben.