Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Inhalt

Schulleiter Forum

Rede des Thüringer Kultusministers
Prof. Dr. Jens Goebel

zum Schulleiter-Forum des ThILLM

27. November 2004, 10 Uhr
Universität Erfurt / Audimax

 

Gliederung

Einleitung

I. Woher kommen wir?

II. Wo stehen wir heute?

III.  Wo wollen wir hin?

III. A. Eigenverantwortliche Schule
III. B. Evaluierung
III. C. Die Rolle der Schulämter
III. D. Der Personalbereich
III. E. Wie weit geht eigenverantwortliche Schule?

Schlussbemerkungen


Herr Schreier,
Prof. Dr. Schratz,
Schulleiterinnen, Schulleiter
Lehrerinnen, Lehrer,
Erzieherinnen, Erzieher,

jede Institution, auch jede Schule, kann nur so gut sein wie ihre Leitung. Das bestätigen alle Bildungsstudien.

Ich freue mich, dass sich zu diesem Forum etwa die Hälfte aller Schulleiter aus ganz Thüringen angemeldet hat. Ein klares Signal dafür, dass Sie großes Interesse zeigen:

  • an den Perspektiven für eine eigenverantwortlichen Schule
  • an den dafür erforderlichen Entwicklungsprozessen
  • an den Unterstützungsangeboten (vom Fachberater, über den didaktischen Trainer zum Schulentwicklungsberater)
  • und nicht zuletzt Interesse an dem damit eingeleiteten Wandel, an der neuen bildungspolitischen Kultur der Eigenverantwortung, dem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung.

Ich freue mich über Ihr Interesse.  Und ich bin froh, dass ich dadurch mit Ihnen als den Praktikern des Schulalltags, als den Entscheidungsträgern in den Schulen direkt ins Gespräch kommen kann. Und das ist nicht bloßes „fishing for compliments“! Es ist ehrlich gemeint. Ihre Erfahrung, Ihr Wissen sind wichtig. Auch für das Kultusministerium gilt das Postulat des lebenslangen Lernens.

Vorab jedoch mein Dank an die Veranstalter, das ThILLM, die zahlreichen Lehrerverbände, das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft und die Universitäten Erfurt und Jena, die als Kooperationspartner dieses Schulleiter-Forum gestalten. Wir werden die Ergebnisse Ihrer Vorträge und Arbeitsgruppen unmittelbar in die aktuelle Diskussion einbeziehen.


Einleitung

Ich möchte heute mit Ihnen gemeinsam über die gewachsene Verantwortung des Schulleiters für Schulqualität sowie für Personal- und Qualitätsentwicklung nachdenken.

Die Thüringer Schulen können im Rahmen der landesweiten Qualitätsstandards (von Lehrplänen bis Bildungsstandards) und ihrer Überprüfungen (durch zentrale Abschlüsse, Vergleichsarbeiten), im Rahmen der Unterstützungsangebote und des Fortbildungsbudgets seit langem eigenverantwortlich arbeiten. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, diesen laufenden Prozess  noch intensiver voranzutreiben und  zum Erfolg zu führen.

Die beste Idee nutzt nichts, wenn sie nicht konsequent in die Tat umgesetzt wird. Und dafür brauchen wir vor allem Sie, die Schulleiter! Ich will daher sowohl das Programmatische betonen als auch die Handlungskonsequenz in unser aller Bewusstein rücken.

Mein Referat steht unter drei Leitfragen:

  • Woher kommen wir?
  • Wo stehen wir? Und:
  • Wohin wollen wir?

I. Woher kommen wir?

1991 war Thüringen das erste neue Bundesland, das mit dem Vorläufigen Bildungsgesetz den Rahmen für die Neustrukturierung seines Schulwesens geschaffen hat. Ziel und Weg waren klar: weg von ideologischer Indoktrination, weg von der Einheitsschule, hin zu einer besseren Förderung des Einzelnen, hin zu  einem differenzierten Schulwesen und hin zur Priorität  des Elternwillens bei der Wahl der Schullaufbahn. Parallel zur Schulnetzplanung lief die innere Schulreform. Auf einen organisatorischen  Findungsprozess folgte die erste Entwicklungsarbeit. 1994 haben wir in Thüringen als einer der Vorreiter das Konzept der dialogischen Schulaufsicht entwickelt. Zugegeben: es wurde an der Basis nur zäh umgesetzt. Vielleicht war das Kultusministerium der Zeit sogar voraus, vielleicht waren wir einmal zu schnell!

Spätestens PISA aber hat eine Schubwirkung entfacht: es setzte eine verstärkte Orientierung hin zur Evaluation der Ergebnisse schulischer Arbeit ein. Und es wurden – auch in internationalem Rahmen – verstärkt Programme zur internen und externen Evaluation der Schulen entwickelt. Unsere Antwort in Thüringen war vielfältig und differenziert. Wir haben sowohl verschiedene Methoden der Evaluation erprobt und eingeführt, um kontinuierlich die Entwicklung an den Schulen vergleichen zu können. Wir haben Maßnahmen zur Qualitätssicherung und zur Qualitätsentwicklung ergriffen. Und wir überlegen, wie wir unser Schulsystem so gestalten können, dass die Unterrichtsqualität weiter gesteigert werden kann.

Im Rahmen der Kultusministerkonferenz haben wir  bundesweit geltende Bildungsstandards geschaffen, die wir  an unseren Schulen gegenwärtig implementieren und gut erfüllen wollen. Wir haben unser Schulgesetz umfassend novelliert. Vieles haben wir gemeinsam - Sie, die Schulaufsicht, das Kultusministerium - auf den Weg gebracht. Flexible Schuleingangsphase, Flexibilisierung der Stundentafel und Projektarbeit als Teil der Abschlussprüfung in der Regelschule, die Möglichkeit längeren gemeinsamen Lernens in unterschiedlichen Varianten, das Seminarfach an den Gymnasien – das sind nur einige Stichworte.

Wer also immer noch behauptet, seit Veröffentlichung der ersten PISA-Untersuchung 2001 sei nichts geschehen, der muss blind oder taub sein.
Dass wir aber einen langen Atem brauchen und sich die Auswirkungen der eingeleiteten Maßnahmen nicht immer gleich zeigen, das wissen Sie als Pädagogen am besten: Erziehung und Bildung brauchen Zeit und Geduld. Dass wir uns Zeit nahmen und Geduld hatten in der Vergangenheit, dass wir uns nicht haben treiben lassen, sondern Wert auf gute Qualität in unseren Schulen gelegt haben, dass bestätigen uns Prof. Jürgen Baumert mit seinem Lob unserer Regelschulen und übrigens auch die jüngste Bildungsstudie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bei der Thüringen im Vergleich aller Länder auf Platz drei kommt. Die Ergebnisse von IGLU können sich ebenso sehen lassen. Deshalb: Herzlichen Dank an Sie alle, denn Sie haben durch Ihre Arbeit zu diesen Ergebnissen entscheidend beigetragen.

II. Wo stehen wir heute?

Zur zweiten Leitfrage: Wo stehen wir heute?

Derzeit erleben wir einen Paradigmenwechsel in der deutschen Bildungspolitik: weg von der früheren Auseinandersetzung über Institutionen und Strukturen hin zum Nachdenken über Inhalte und messbare Ergebnisse. Nicht die Schulstruktur, sondern der Unterricht ist entscheidend. Im Mittelpunkt der aktuellen Schuldebatte steht die Unterrichtsqualität. Qualität und Effizienz einer Schule hängen ganz wesentlich vom Lehrerkollegium ab. Die Qualifikation und die Motivation der Lehrer sind entscheidend. In zunehmendem Maße rückt die hohe Bedeutung der Schulleitung in den Blickpunkt der Steuerung, und das zu Recht. Eine gute Schulleitung vermag zu motivieren, Impulse zu setzen, Handlungsräume und Handlungsfähigkeit zu erweitern, mehr Effizienz zu organisieren und die zweifelsohne vorhandenen Potenziale bei Schülern und Lehrern noch besser auszuloten.

Insgesamt hat sich in der Diskussion über Bildung und Schule der Blick von den Vorgaben und Ressourcen im Bildungsbereich – also von Lehrplänen, Lehrern, Klassen, Stundentafel, Stundendeputat -  hin zu überprüfbaren Ergebnissen schulischer Arbeit verlagert. Der Akzent liegt also auf der Wirkung schulischer, erzieherischer Arbeit, wobei selbstverständlich Kontext und Prozess nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

An drei Indikatoren lässt sich nachweisen, dass es seit dem PISA-Schock in Deutschland eine noch nie da gewesene bildungspolitische Übereinstimmung zwischen den Ländern gibt:

  • Erstens findet in allen Ländern  eine Umsteuerung statt, der Glaube an die alleinige Steuerkraft von Lehrplänen und Regelungen ist erschüttert und wird grundlegend überdacht.
  • Zum Zweiten, die gemeinsame Erkenntnis in allen Ländern von der Notwendigkeit systematischer und professioneller Schulentwicklung.
  • Die dritte Entwicklungslinie heißt: Stärkung der Eigenverantwortung von Schulen, weil wir der Meinung sind, dass dies der beste Weg ist, den anstehenden Herausforderungen wirksam begegnen zu können.

Und genau hier – bei der Eigenverantwortung - unterscheiden wir uns in Thüringen sehr wohltuend von anderen Ländern, die per Erlass und Gesetz ihre Schulen zu solchen Entwicklungsprozessen verpflichten, indem sie etwa allen Schulen pauschal auferlegen, bis zu einem bestimmten Termin ein Schulprogramm vorzulegen oder indem sie eine externe Inspektion flächendeckend einführen. Interessante Berichte aus England, Kanada, den Niederlanden oder Schweden mahnen uns hier zur Vorsicht. Sie bestätigen den von uns eingeschlagenen Weg, zuerst auf Eigenverantwortung, auf Selbstevaluation und erst dann – wenn dies nicht ausreicht - auf Fremdevaluation zu setzen.

Wir in Thüringen setzen ganz bewusst auf Eigeninitiative, auf Freiwilligkeit, auf Unterstützung und Begleitung. Für uns gilt auch weiterhin das Bekenntnis zur Pluralität. Für gleiche Ziele werden bewusst verschiedene Wege nicht nur zugelassen, sondern befördert. Dies zeigt: wir nehmen die Einzelschule als Partner ernst, wir bauen auf Kompetenz vor Ort. Wir vertrauen Ihnen, den Pädagogen.

Vor allem aber : Wir induzieren Verantwortung.

„Der Gegensatz zur Pflicht ist nicht die Pflichtlosigkeit, sondern die Verantwortung“ – ein kluges Wort von Pestalozzi.

Die Freiheit zur Verantwortung, das ist unser  Ansatz, unsere Kultur des Umgangs miteinander, unsere Kultur des Dialogs!

Und wenn Sie es nicht glauben, dann probieren Sie es bitte ab übermorgen aus. Wir wollen diese Idee der Selbstbestimmung und  Verantwortung auf die Schule übertragen.

Meine Damen und Herren, das ist gewiss kein leichter Prozess. Doch – wie sagt der niederländische Philosoph Spinoza - : „Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten“.

Doch damit geben wir uns natürlich nicht zufrieden: Das Vortreffliche – und das ist die Freiheit der eigenverantwortlichen Schule - das soll nicht selten, es soll zur Regel, zum Schulalltag werden!

Dass Sie in dieser großen Zahl an einem freien Samstag hierher gekommen sind, das überzeugt mich davon, dass Sie das auch wollen!

Meine Damen und Herren, das ist eine wichtige Botschaft:
Wir lassen unsere Schulen los, aber wir lassen sie nicht allein.

Das Land Thüringen investiert in das Unterstützersystem seiner Schulen bundesweit die meisten Ressourcen. Mehr als fünf Tausend Lehrerwochenstunden oder fast 220 Lehrer-Stellen, die der Steuerzahler finanziert, stehen für die verschiedenen Berater zur Verfügung. Das ThILLM hat in weiser Voraussicht und mit nicht unerheblichen Mitteln neben den Fachberatern Schulentwicklungsberater und Berater für didaktisches Training qualifiziert. Auf diese können und sollen Sie zurückgreifen! Es ist – wenn Sie so wollen - eine Art Geländer. Die einen nutzen es, die anderen brauchen es nicht oder nicht mehr. Nicht verschweigen will ich aber auch: Manche, die das Geländer ignorieren, stolpern auch. Wir sind lange noch nicht so trittsicher – um im Bild zu bleiben – wie wir es für alle Schulen wollen. Hier greift dann unsere Verantwortung, die Verantwortung der Schulaufsicht und zuletzt auch des Ministeriums.

Nur wenige andere Länder haben ein so breites Unterstützersystem wie Thüringen aufgebaut. Und wenn nun auch so manche Kritiker im eigenen Land meinen, man solle lieber mehr Lehrerstellen bewilligen statt das Unterstützersystem auszubauen – wir bleiben bei diesem Kurs, der aber nur zum Erfolg führt, wenn alle am gleichen Strang und in die gleiche Richtung ziehen. Das heißt, wenn Beratung auch angenommen wird. Und da setzen wir vor allem auf Sie, die Schulleitungen und die Schulleiter!

Thüringen hat sehr früh mit der schülerbezogenen Stundenzuweisung nach dem Sockel-Faktoren-Modell die Eigenverantwortung von Schulen gestärkt. Mit dem laufenden Schuljahr wurde das Modell weiterentwickelt. Nun wird einem Sockel ein profilorientiertes Zusatzstundendepot aufgesetzt, das beim Schulamt beantragt wird.
Jede Schule bekommt also hoffentlich das, was sie braucht.

Die Thüringer Schulen verfügen seit 1999 über ein eigenes Fortbildungsbudget und sie bekommen die Ressource Lehrerwochenstunde nicht klassenbezogen, sondern schüler- und aufgabenbezogen zugewiesen. Damit wurden zunehmend Gestaltungsfreiräume eröffnet.

Trotz dieser vorzeigbaren Voraussetzungen, was die Unterstützungsmöglichkeiten und die Eigenverantwortung von Schulen anbelangt, hat sich so manche Schule anfangs eher zögerlich auf systematische Schulentwicklungsprozesse eingelassen. Wir wollen aber auch die letzten Zauderer  für die Idee der eigenverantwortlichen Schule gewinnen! Daher mein beharrliches Werben. Unsere Schulen brauchen eine systematische und professionelle Schulenwicklung.

Wir gehen weiter aktiv mit Angeboten auf die Schulen zu!

Zwei Ansätze möchte ich hier erwähnen:

Das Entwicklungsprogramm für Unterricht und Lernqualität (E.U.LE), das die Handschrift von Prof. Fauser (Universität Jena) trägt.  Es zielt auf eine nachhaltige Verbesserung des Unterrichts durch die Konzentration auf ein Lernen durch Verstehen und durch die Stärkung  und Erweiterung entsprechender Fähigkeiten bei Lehrerinnen und Lehrern. Wichtigster Ansatzpunkt dafür ist die systematische und handlungsnahe Verbindung von Training und Reflexion.

Der zweite Ansatz wurde mit „Weiterentwicklung des Schulprofils“ bezeichnet. Dabei geht es um das Durchlaufen systematischer Schulentwicklungsprozesse mit  Blick auf die Gesamtheit der Schulentwicklung. Am Ende sollen Schulen stehen, die diesen Prozess handelnd erlebt haben, dabei die Schritte erlernen und sich befähigen, Schulentwicklung als Aufgabe selbstständig in die Hand nehmen zu können. Gleichzeitig soll die Dokumentation dieses Prozesses Erkenntnisse für den Transfer liefern und Hilfe für andere Schulen sein.

Die Methode ist klar:  für eigenverantwortliche Schulentwicklung sind systematischen Schritte notwendig. Bausteine dazu sind das Leitbild und die Iststandserhebung mit einer Analyse der Stärken und Schwächen. Das ist die Basis, um Arbeitsvorhaben zu formulieren, die Sie in einem verbindlichen Rahmen bearbeiten und selbst evaluieren. Der Rückbezug zum Iststand wird weitere Vorhaben in den Mittelpunkt rücken. So entsteht im Prozess ein Schulentwicklungsplan, der das gesamte System Schule in den Blick nimmt.

Dem Schulprofil kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Es dient dazu, die Dimensionen und Bereiche des Qualitätsrahmens, von dem wir gemeinsam ausgehen, zu verdeutlichen und dabei die Breite des Arbeitsfeldes zu erhellen.

Es geht zunächst darum, wie in einem Portrait, den Ist-Stand zu erheben. Und dann ein Ziel, ein Leitbild, zu formulieren. Sich an jeder Schule darüber zu verständigen, wo man sich verbessern kann, wo man hin will. Im Laufe der Zeit kann dann über immer neue Erhebungen der Prozess dokumentiert werden. Diese Dokumentation soll helfen, wichtige Hinweise für die Unterstützung zu gewinnen und gleichzeitig auch jeder Schule eine bewusste Reflexion dieser Prozesse zu ermöglichen.

Bei der Diskussion über das „Schulentwicklungsprogramm“ geht es nicht um ein Programm im klassischen Sinn, das alle Bereiche des Qualitätsrahmens abdeckt, sondern es geht ganz konkret um Arbeitsvorhaben, die die einzelnen Schulen bearbeiten wollen.

Und es gibt noch andere Möglichkeiten.

Das Kultusministerium wartet nicht mehr auf Anträge, sondern unterbreitet Angebote, benennt Rahmenbedingungen und garantiert Verlässlichkeit. Das ist unsere Aufgabe, unsere Verantwortung. Partner treten in eine Art Vertragsverhältnis ein, dessen Ziel und Rahmenbedingungen sie miteinander festlegen.

Für Sie als Schulleitung heißt dies konkret:

  • Visionen entwickeln: wie soll meine Schule in ein, zwei oder  zehn Jahren aussehen?
  • Dann einen Fahrplan entwickeln: was soll in den nächsten zwei Jahren alles erreicht werden?
  • Drittens die Frage: Was müssen wir verändern? Was können wir selbst? Was brauchen wir?
  • Dann Erstellen eines Veränderungsplans für die drei Ebenen Unterricht, Kollegium und Schulorganisation. Alles kommt dabei auf den eigenen Prüfstand. Alles das bleibt auf der Ebene der Schule.
  • Und zum Schluss die Frage: Was für eine Unterstützung brauchen wir an unserer Schule? Welche Art von Beratung ist nötig? Reicht unsere Selbstevaluation? Ziehen wir dann eher die „peer“-Evaluation von Schule zu Schule vor, wie sie beispielsweise in den Niederlanden geübt wird? Oder brauchen wir nach der Selbstevaluation eine Fremdevaluation? Auf jeden Fall greift hier die externe Hilfe des Unterstützersystems.

III. Wo wollen wir hin?

Und damit wären wir bei der dritten Leitfrage: Wo wollen wir hin? Oder exakter: Wo wollen wir gemeinsam hin ?

Das Ziel ist klar: Wir wollen hin zu einer immer systematischeren und professionelleren Schulentwicklung mit dem Ziel einer stetigen Verbesserung der Unterrichtsqualität, um die Zukunftschancen der uns anvertrauten jungen Leute und damit auch die Zukunftschancen unseres Landes zu verbessern – und zwar an jeder Schule und für jeden Schüler und jede Schülerin.

Schulentwicklung ist dafür der zentrale Oberbegriff. Wobei drei Elemente wie Zahnräder organisch ineinander greifen und zusammenwirken müssen, damit sich das Getriebe Schulentwicklung bewegt:

  • der Unterricht,
  • das Lehrerkollegium
  • die Schulleitung, und hier vor allem die Schulorganisation.

Dabei soll überhaupt nicht verschwiegen werden, dass Schule schon heute viel leistet. Man führe sich einmal vor Augen, was an den rund 42.000 Schulen in Deutschland Tag für Tag geschieht – und da können wir locker mit unserer Wirtschaft mithalten - :

  • rund vier Millionen Unterrichtsstunden täglich,
  • hunderttausende pünktlicher und sicherer Schulbusse,
  • eine halbe Million gereinigter Klassenräume,
  • dazu 150 Millionen verteilte und eingesammelte Schulbücher pro Schuljahr,
  • und – sie sehen es einem Mathematiker nach, wenn er noch mehr Zahlen aufbietet – alljährlich auf der Basis von mehr als einer Milliarde individueller Leistungsmessungen 24 Millionen Zwischen- und Leistungszertifikate.

Unsere Schule ist ein sehr komplexes System. Und es muss kontinuierlich verbessert werden, um mit der rasanten Entwicklung – auch der Leistungsentwicklung – der internationalen Konkurrenten mithalten zu können. Dafür zu arbeiten, das sind wir – Sie als Lehrer und ich als Kultusminister – unseren Kindern schuldig. Wir alle, die wir heute hier sind, bauen mit an der Grundlage für das geistige Niveau in Deutschland.

Controlling – um es mit einem Begriff aus dem Wirtschaftsleben zu formulieren - hat in der Schule längst Einzug gehalten: denken Sie als Experten an TIMSS, PISA, IGLU. Oder denken Sie an die täglichen Leistungsüberprüfungen gleich welcher Art. Und Evaluation ist heute – fast überall - Schulalltag. Aber allein vom Pulsmessen wird man nicht gesund! Wir dürfen nicht nur Symptome feststellen. Ursachen müssen diagnostiziert werden, und der Patient muss therapiert werden, er muss gefördert werden. Gesundes und Bewährtes dagegen gilt es zu pflegen und fort zu entwickeln.

Leitziel und Methode unserer Schulpolitik ist es, heute und  morgen Schulen den Rahmen zu geben, sich eigenverantwortliche entwickeln zu können, dabei Qualitätsentwicklung, Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle als Maßstab für diese Entwicklung bewusst zu machen sowie diese auch in öffentlicher Rechenschaftslegung zu dokumentieren.

Dahinter steht die Erkenntnis, die auch Erfahrungen aus anderen Ländern bestätigen, dass es vermessen wäre, wollte man von den Büros des Kultusministeriums aus die optimalen Lösungen für jede einzelne Schule vorschreiben können.

Warum sollte ein Beamter aus der fernen Landeshauptstadt besser wissen, was für die Schule vor Ort nötig ist? Sollten nicht diejenigen, die am nächsten an den Schülern und ihren Eltern, am Unterrichtsgeschehen dran sind am besten erkennen können, wo Stärken und Schwächen der Schule und des Unterrichts, auch der schulischen Ausstattung und des Umfeldes liegen?

Ich meine ja. Und wenn das so ist, dann können doch vor Ort in der Schule auch praxisnah, direkt und unkompliziert die effektivsten Wege für eine Verbesserung von Schul- und Unterrichtsqualität entworfen werden. Selbstverständlich wird ein Lehrerkollegium die selbst erarbeiteten Schulentwicklungsmaßnahmen intensiver und mit anderem Elan verfolgen, als wenn solche Maßnahmen von außen vorgeschrieben wurden.

All diese Argumente begründen geradezu die Notwendigkeit, den Schulen die dafür notwendigen Freiheiten zu geben. Wohlgemerkt Freiheiten nicht um der Freiheit willen. Sondern mit dem klaren Ziel dadurch am meisten für eine höhere Qualität im Schulwesen erreichen zu können, zum Nutzen der Schüler und damit zum Nutzen von uns allen.

III. A. Eigenverantwortliche Schule

Lassen Sie mich noch einmal etwas ausführlicher darauf eingehen, was sich hinter dem Leitbegriff der eigenverantwortlichen Schule verbirgt.

Kurz gesagt: Die einzelne Schule gestaltet ihr Schulleben in Zusammenarbeit mit ihren Partnern weitgehend selbstständig und verantwortet dabei die Ergebnisse ihres Handelns selbst. Dabei – ich habe es schon mehrfach betont - kommt Ihnen als Schulleitern eine tragende Rolle zu!

Eigenverantwortung heißt dabei immer zweierlei:

  • einerseits mehr Verantwortung und Entscheidungsspielraum an der Einzelschule
  • andererseits die Bereitschaft zu noch mehr Verantwortungs-übernahme an der Schule, und zwar durch alle Beteiligten.

Die Idee der eigenverantwortlichen Schule erschöpft sich keineswegs darin, Kompetenzen umzuverteilen und neu zu bündeln. Auch nicht darin, den Schulen neue, vorgegebene Handlungsoptionen zu eröffnen. Wir haben Freiräume, die dazu da sind, auch tatsächlich genutzt zu werden. Mit der Schulgesetznovelle der letzten Legislaturperiode haben wir die Weichen für eigenverantwortliche Schulen gestellt. Es geht deshalb darum, die vorhandenen und weiter dazu kommenden Spielräume im Spannungsfeld von Freiheit, Verantwortung und öffentlicher Rechenschaft als Chance zur Eigenprofilierung zu nutzen, mit dem Ziel, unsere Kinder und Jugendlichen optimal zu fordern und zu fördern.

Eigenverantwortung verlangt dabei vom gesamten pädagogischen Personal, sich auf diese Hauptaufgabe zu konzentrieren. Der Unterricht, das heißt, das Fördern und Fordern der Kinder und Jugendlichen ist die zentrale Aufgabe. Jeder Heranwachsende muss das Gefühl haben, in unserer Gesellschaft gebraucht zu werden und er muss sich deshalb anstrengen wollen. Das fängt in der Schule an. Das ist leichter gesagt als getan. Darum brauchen wir Partner.

Die Schule ist keine Insel, Sie ist Teil und Spiegelbild der Gesellschaft, mit all ihren Problemen von Absentismus über Disziplinlosigkeit, Drogen,  Gewalt bis Verwahrlosung. Schule muss sich deshalb dem Umfeld öffnen: zur Kommune, zu den Vereinen, zur Wirtschaft hin – mit Partnerschaften, mit dem Schmieden von Netzwerken. Mehr Eigenverantwortung, das heißt mehr Eigeninitiative, heißt Erfahrungen gewinnen, heißt Partner suchen, heißt Verantwortung wahrnehmen, Entscheidungen treffen. Nichts anderes übrigens verfolgt unser in Arbeit befindliches Konzept „Bildung und Betreuung von 2 bis 16“. Es geht darum, Netzwerke zu bilden und die vorhandenen Ressourcen auf allen Feldern von Bildung, Erziehung und Betreuung besser zu nutzen.

Eigenverantwortung von Schule als gelebte und angenommene Verantwortung folgt auch konsequent dem Ziel, Kindern und Jugendlichen sehr früh ihr Lernen selbst in die Hand zu geben und ist damit ein gelebtes Vorbild für den Lernalltag. Das Kompetenzmodell der Lehrpläne soll konsequent umgesetzt werden. Dies bedeutet auch, stärker als bisher die Schüler und ihre Meinungen ernst zu nehmen. Sie in die Pflicht zu nehmen und in Entwicklungen an der Schule einzubinden. Auch das sagt uns im Übrigen die jüngste Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Die Schulen füllen im Dialog die vorhandenen Freiräume aus; den erreichten Stand überprüfen sie regelmäßig. Gleichzeitig prüfen sie, wo sie sich in ihrer Verantwortung eingeengt fühlen; dafür entwickeln und erproben sie tragfähige Alternativen.

Der bereits erreichte Entwicklungsstand muss dabei regelmäßig selbst überprüft werden. Die aktuellen Bedingungen und Voraussetzungen für die Arbeit der Schule werden in Kooperation mit den schulischen Partnern und unter Nutzung von Ressourcen oder Synergieeffekten vor Ort optimiert. Zu den Bedingungen und Voraussetzungen gehören die materiellen sowie die personellen Gegebenheiten und Erfordernisse. Die Umsetzung der Stundentafel, die Gestaltung der Arbeitszeit und die Qualifikation des pädagogischen Personals spielen hier ebenso eine Rolle wie die Zusammensetzung der Schülerschaft, die Zusammenarbeit mit den Eltern und mit dem Schulträger. Auch hier sind Sie als Lehrer und als Schulleiter gefragt!

Die Schule selbst ist es also, die erst bei sich selbst die Voraussetzungen für mehr Eigenverantwortung schaffen muss, in der Leitung durch mehr Entscheidungsverantwortung in flachen Hierarchien, im Controlling durch mehr Informationsverantwortung und vor allem auch professionelle Teamarbeit.

Ich bin mir sicher: Schul- und Unterrichtsqualität werden entscheidend durch diese größeren Gestaltungsspielraum der einzelnen Schule verbessert. Gestaltungsfreiheit statt bürokratische Feinsteuerung - das ist das Gebot der Stunde.

III. B. Evaluation

Eng mit „Eigenverantwortung“ verbunden ist das Thema „Evaluation“.

Die Schule evaluiert selbst ihre Arbeit und deren Qualität mit verschiedenen Instrumenten. Ein grundsätzliches, strategisches Ziel zukünftiger Schulentwicklung – und dies nicht nur in Thüringen – muss darin bestehen, den Schulen effektive und aussagekräftige Evaluationsinstrumente bereitzustellen.

Neben den bisherigen Leistungsstanderfassungen durch die Thüringer Kompetenztests ist auch eine prozessbezogene Evaluation notwendig. Von dieser Erkenntnis ausgehend erproben gegenwärtig 82 Thüringer Schulen das in einem internationalen Netzwerk von Schulen aus acht Nationen entwickelte INIS-Instrument zur prozessbezogenen Selbstevaluation. Demnächst werden weitere Schulen folgen, die derzeitige Ausschreibung stößt auf große Resonanz. Dieses Befragungsinstrument erfasst systematisch die Sichtweisen aller schulischen Akteure, wie Schüler, Eltern, Lehrer, Verwaltung, schulisches Umfeld und auch zentrale schulische Prozesse (wie Unterricht, Schulklima, Qualifikation, Kommunikation und Information, Führung und Management, Leistungsbewertungen u.a.). Auf der Grundlage der gewonnenen und im Schulbericht durch die Universität Jena aufbereiteten Daten lassen sich fördernde oder hemmende Faktoren im schulischen Prozess, aber auch Stärken und Schwächen der eigenen schulischen Arbeit identifizieren. Gleichzeitig wird so eine diagnostische Analyse sowie eine vertiefende Interpretation der aus Kompetenzmessungen und durch die Thüringer Kompetenztests gewonnenen Leistungsdaten möglich.

Neben dem INIS-Projekt werden an den Schulen auch andere Selbstevaluationsverfahren erprobt.

Alle diese Evaluationen sollen Hilfen für die Schulen sein. Im Ergebnis der Evaluation – und das ist entscheidend - kennt die Schule ihren Entwicklungsbedarf (Unterrichtsentwicklung, Organisationsentwicklung, Personalentwicklung mit Blick auf Kontextqualitäten, Prozessqualitäten und Wirkungsqualitäten) und kann diesen Bedarf auch benennen. Schulisches Handeln wird transparent. Die Schule kann vor sich selbst und vor der Öffentlichkeit Rechenschaft über ihr Handeln ablegen und Konsequenzen ableiten. Im Dialog mit dem Schulamt wird sie dann klären, welche Unterstützung sie erhalten kann. In Arbeitsplänen werden konkrete Schwerpunkte für die zukünftige Arbeit festgelegt, deren Erreichung dann auch überprüft wird. Auch in diesem Zusammenhang wird  wieder die zentrale Bedeutung des Schulleiters/der Schulleitung für den gesamten Prozess offensichtlich.

III. C. Die Rolle der Schulämter

Das Stichwort Schulamt ist damit gefallen. Und der Begriff Dialogische Schulaufsicht ist ja auch nicht neu. Er erhält jedoch für die konsequente Umsetzung des Prinzips der eigenverantwortlichen Schule eine noch einmal zu vertiefende Bedeutung.

Was hat die eigenverantwortliche Schule von der Schulaufsicht, dem Schulamt zu erwarten?

Die Schulämter sollen kompetente Partner sein, die mit den Schulen auf gleicher Augenhöhe kommunizieren und den Schulen als Dienstleister gegenüberstehen. Dienstleister im Dienst der Weiterentwicklung der Schul- und Unterrichtsqualität.

Auch für die Schulaufsicht gilt: Lassen Sie die Schulen los, aber lassen Sie sie nicht im Stich ! Jeder Partner muss seine Verantwortung wahrnehmen.

Die Schulen sollen vor allem bei der Umsetzung ihrer Entwicklungsvorhaben unterstützt werden. Sie erwarten eine konstruktiv-kritische Begleitung bei ihrem Handeln, Hilfe bei der Selbstevaluation, Vermittlung von Peer- oder Fremdevaluationen und deren Auswertungen. Schulen sollen im Dialog mit dem Schulamt ihre Problemfelder immer deutlicher formulieren können und dazu das Gespräch mit kompetenten Partnern suchen. Sie sollen Beratung erfahren und Unterstützung vermittelt bekommen. So wird das Schulamt zur Qualitätsagentur für die Schulen.

Die dialogische Schulaufsicht wird dabei sehr viel stärker der Kommunikation, dem Dialog und der Vermittlung von Personen (z.B. aus dem Unterstützungssystem) verpflichtet sein als der Kontrolle, der Aufsicht. Das Schulamt muss einer der verlässlichen Partner zur Unterstützung der Schulen sein.

Dabei bleibt der Schulaufsicht selbstverständlich nach wie vor die Aufgabe, Chancengerechtigkeit abzusichern und zu verhindern, dass es zu Benachteiligungen kommt. Ebenso wird es Aufgabe der Schulaufsicht sein, sozusagen von außen für Evaluationen und Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung an den Schulen zu sorgen, die das aus eigener Kraft nicht bewältigen können oder wollen. Schöne Ideen und guter Wille schaffen noch kein Paradies. Wir werden – bei all den guten Vorsätzen – mit unserer Begrenztheit rechnen müssen.

Die Schulen sollen sich aber auf ihr Schulamt verlassen können, wenn es um die Bewältigung laufender Geschäfte (Bedienung von Anfragen, Beschwerden, Statistiken, ...) geht. Sie dürfen vom Schulamt als Dienstleister vor allem auch Hilfe im Bereich Personal (nicht nur quantitativ - Stellenbewirtschaftung, Personalverwaltung - , sondern auch qualitativ - Personal- und Kompetenzentwicklung) erwarten.

III. D. Der Personalbereich

Bei allen Fragen nach der Qualität hat der Personalbereich und hier insbesondere die Gewinnung und Entwicklung von Führungskräften eine Schlüsselfunktion. Eigenverantwortliche Schulen brauchen eigenverantwortliche Lehrer und Schulleiter.

Nachzudenken über das Lehrerbild ist dafür dringend erforderlich. Das Kultusministerium hat dazu ein Arbeitspapier „Leitbild für das pädagogische Personal an Kindertagesstätten und an Schulen“ entwickelt.

Die Kernaussagen: Alle Pädagogen sind Führungskräfte, die Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen tragen. Die einzelne Lehrkraft muss nicht alles können, aber den Blick für das ganze bewahren: für die Gesellschaft und ihre Zukunft, für die Schule im Kontext, für die Partner der Schule – Wirtschaft, Kommune, Vereine – und vor allem für die Schüler als Persönlichkeiten. Lehrer vermitteln nicht nur Wissen, sondern vor allem Werte. Sie sind Vorbild. Sie betrachten Erziehung als gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule.

Mir fällt da immer Fröbel ein: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. Dies gilt für alle, die am Erziehungsprozess beteiligt sind – Eltern und Lehrer gleichermaßen.

Unsere Schulen brauchen Lehrkräfte, die in der Lage sind, das Lernpotenzial ihrer Schüler durch individuelle Förderung auszuschöpfen und zu steigern. Auf diese Weise zeigen Lehrer den Kindern und Jugendlichen, dass sie wertvoll und wichtig sind, dass sie in unserer Gesellschaft eine Aufgabe haben. Die Aufgaben des Lehrers sind enorm gewachsen: diagnostizieren, beraten, fördern, beurteilen, führen, Verantwortung übernehmen, Mitwirken an der innovativen Schulentwicklung, ständige Weiterentwicklung der eigenen Kompetenzen. Lebenslanges Lernen, das gilt auch für Lehrer und Schulleiter.

Wir werden unseren Führungskräften lebenslanges Leben auch an anderen Orten ermöglichen.

Die Züricher Weltwoche hat schon vor 15 Jahren – wie ich finde - sehr treffend geschrieben – das Zitat dürfte Ihnen wohl bekannt sein -:

„Wahrscheinlich gibt es nicht viele Berufe, an die die Gesellschaft so widersprüchliche Anforderungen stellt. Gerecht soll er sein, der Lehrer, und zugleich menschlich und nachsichtig, straff soll er führen, doch taktvoll auf jedes Kind eingehen, Begabungen wecken, pädagogische Defizite ausgleichen, Suchtprophylaxe und Aids-Aufklärung betreiben, auf jeden Fall den Lehrplan einhalten, wobei hoch begabte Schüler gleichermaßen zu berücksichtigen sind wie begriffsstutzige. Mit einem Wort: der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe von Spitzensportlern und Behinderten bei Nacht durch unwegsames Gelände in nord-südlicher Richtung zu führen, und zwar so, dass alle bei bester Laune gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.“  
 Ihnen, den Universalgenies - heute Manager, morgen Psychologe -  meine Hochachtung! Vielleicht sollte man diese Passage einmal all denen schicken, die sich über die „faulen Lehrer“ mit dem Halbtagsjob und den langen Ferien in schönen Abständen immer wieder gerne mokieren. 

Eigenverantwortung von Schule bedeutet also ein Mehr an Verantwortung für die Schulleitung. Ich bin der festen Überzeugung, dass man Verantwortung nicht kollektivieren kann. Kollektivierte Verantwortung führt über kurz oder lang zu Verantwortungslosigkeit. Daher muss die Rolle des Schulleiters und derer, die ihn in seiner Arbeit unterstützen, auch besonders beleuchtet werden. Das unterstreicht die Bedeutung einer systematischen und kontinuierlichen  Personalentwicklung und der Gewinnung und Qualifizierung von Führungskräften.

Die hochqualifizierte Arbeit des pädagogischen Personals, der Führungskräfte ist das A und O. Deshalb gibt es zur Zeit Arbeitsgruppen im Kultusministerium, die Konzepte für die Bereiche Aus-, Fort- und Weiterbildung entwickeln. Dazu ist ein neues Gesetz in Vorbereitung. Die KMK erarbeitet Standards für die Lehrerbildung.  Selbstständigkeit, Eigenverantwortung von Schule braucht Menschen, die diese Aufgaben leisten können. Und zwar dauerhaft.

III. E. Wie weit geht eigenverantwortliche Schule?

Sie merken: Das Konzept der eigenverantwortlichen Schule ist im Prinzip sehr einfach und einleuchtend, aber auch sehr umfassend, wenn man es richtig vorantreiben will. Und vielleicht werden Sie fragen: Wie weit kann denn das mit dieser Eigenverantwortung getrieben werden? Wo sind die Grenzen? Eine Grenze liegt sicherlich im Menschen selbst.

Die OECD hat in ihrer jüngsten Studie u.a. auch den großen Nachholbedarf Deutschlands bei der Entbürokratisierung der Schulen unterstrichen. Zugegeben, zu lange hat man in Deutschland geglaubt, den staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag primär mit einer Detailsteuerung über Lehrpläne, Gesetze, Verordnungen und Erlasse erreichen zu können. Dem Glauben ist der Unglauben gefolgt. Die Vergleichsstudien haben so manche Illusionen zerstört.

Wenn von Eigenverantwortung der Schule die Rede ist, dann sollten wir heute vielleicht noch nicht an eine auch personalrechtlich völlig selbstständige staatliche Schule denken. Dies müsste einerseits an dem gesetzlichen Auftrag einer flächendeckenden gleichwertigen Schulversorgung im Lande festgemacht werden, wo ich durchaus Reibungspunkte erkenne. Sie werden meine Sorgen aus eigener Erfahrung bestätigen. Andererseits wäre der Verwaltungsaufwand an jeder Einzelschule auf der Basis des derzeitigen Personalrechts kaum zu bewältigen. Gleichwohl reicht es nicht aus, die erweiterten Freiräume der Schule nach dem novellierten Schulgesetz auszuschöpfen. Es geht darum sinnvolle Erweiterungen dieser Freiräume auszuloten und zügig umzusetzen. Immer mit dem Ziel, die Schule instand zu setzen, möglichst unbürokratisch und zügig, das Nötige für eine weitere Verbesserung von Schul- und Unterrichtsqualität zu tun. Dabei bietet schulische Evaluation für die Schulen selbst die Sicherheit, ihren Iststand zu kennen, und hieraus zielgerichtet und langfristig Schul- und Qualitätsentwicklungsmaßnahmen abzuleiten.

Schlussbemerkungen

Meine Damen und Herren,

die Qualitätsdebatte im Bildungsbereich zu führen, auch unter dem Aspekt der Selbstevaluation als Ausgangspunkt für eine eigenverantwortliche Schul- und Qualitätsentwicklung – das heißt zugleich, sich Gedanken über einen normativen zeitgemäßen Bildungsbegriff zu machen. Bildung hat immer zwei Aspekte. Sie ist zum einen Voraussetzung zur Zukunftsbewältigung, die Basis für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Aufgabe von Bildung ist es aber auch, die ganzheitliche Entfaltung der Persönlichkeit sowie die Orientierung in der komplexen Welt von heute zu ermöglichen. Dabei geht es uns immer um den Schüler, um jeden einzelnen Schüler an jeder einzelnen Schule und seine Entwicklungschancen. „Kein Kind darf zurückgelassen werden“ (wie die US-Amerikaner ihre Bildungsoffensive überschrieben haben).

Wissen findet man im Netz, Gewissen aber nur im Menschen. Bildung lebt von dem, was immer gilt. Das ist für mich zentraler Ausgangspunkt der Debatte über die eigenverantwortliche Schule und letztlich das Ziel all unserer Bemühungen.

Das Projekt „Eigenverantwortliche Schule“ fordert von allen Beteiligten ein neues Denken, ein Um-Denken:

  • von der Schulleitung
  • von der einzelnen Lehrerin, dem einzelnen Lehrer, allen Pädagogen,
  • vom Schulträger (vor allem von den Bildungsausschüssen)
  • von der gesamten Schulgemeinde und den Schulpartnern
  • von der Schulaufsicht
  • von den Aus-, Fort- und Weiterbildnern
  • und nicht zuletzt auch vom Kultusministerium, da nehmen wir uns bestimmt nicht aus!

Das Projekt „Eigenverantwortliche Schule“ fordert von uns allen, dass wir bereit sind, unsere Vorstellungen auf den Prüfstand zu stellen. Die jüngst erschienene Bildungsstudie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gibt uns Auftrieb, lässt aber auch Reserven erkennen. Wir müssen noch effizienter werden und noch mehr junge Menschen in Bildungsprozesse integrieren. Und wir müssen gemeinsam dafür wirken, dass der Stellenwert schulischer Bildung im Bewusstsein aller in unserer Gesellschaft deutlich wächst.

Nur durch das synergetische Zusammenwirken aller an der Schule Beteiligten erhält das Konzept „eigenverantwortliche Schule“ die nötige Schubkraft und den erhofften Erfolg. Und diesen Erfolg brauchen wir für die Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen.

Deshalb zum Schluss nochmals meine Bitte: Helfen Sie dabei mit, und zwar jeder an seinem Ort!