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Neubau, Umbau und Sanierung
1993 erwarb der Freistaat Thüringen vom Bund eine rund 30.000 m²
große Teilfläche der 5,2 ha großen historischen Hauptkaserne
in Meiningen mit der Absicht, hier ein Behördenzentrum zur Unterbringung
der Meiniger Justizbehörden sowie der Polizeiinspektion zu errichten. Die
unter Ensembleschutz stehende Kasernenanlage liegt in der Innenstadt, jedoch
außerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns und hebt sich von der
umgebenden Bebauung als Quartier eigenen Charakters ab. Die Hauptkaserne wurde
1866/67 als imposanter Zweckbau auf einem bis dahin als Gärten der
Meininger genutzten Gelände in unmittelbarer Nachbarschaft des Englischen
Gartens und der 1859 angelegten Charlottenstraße errichtet.

Durchgang Gerichtsgebäude und
Fortführung der Lindenallee Südseite
Die 1838 entstandene Lindenallee fand ihren nördlichen Abschluss im
repräsentativen Gebäude der Hauptkaserne. Die 1872/73 und 1937
errichteten bzw. umgebauten Nebengebäude komplettieren das Ensemble. Die
Hauptkaserne gehört neben der Stadtkirche, dem Theater und dem Schloss
Elisabethenburg zu den bedeutendsten historischen Großbauten Meiningens
und ist ein kunsthistorisch bemerkenswerter Bau des strengen Historismus. Zudem
dokumentiert die Hauptkaserne eine wesentliche Epoche deutscher
Militärgeschichte ebenso wie über vierzig Jahre die Nutzung durch die
sowjetischen Streitkräfte und ist somit ein unverzichtbares
militär-historisches Denkmal.

A - Amtsgerichts- und
Sitzungsgebäude B/C - Gerichtsgebäude D - Kantine und
Bewährungshilfe E - Bibliothek
Architekturwettbewerb
Vom Freistaat Thüringen, vertreten durch das Thüringer
Finanzministerium, Hochbau- und Liegenschaftsabteilung wurde 1994/95 ein
EU-weiter Architektenwettbewerb als begrenzt offener, baulicher
Realisierungswettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren
durchgeführt. Im November 1994 wählte ein unabhängiges
Auswahlgremium aus 167 eingegangenen Bewerbungen 25 Büros zur Teilnahme am
Wettbewerb aus. 22 Büros gaben nach dreimonatiger Bearbeitungszeit im
März 1995 ihre Wettbewerbsbeiträge ab. Die Preisgerichtssitzung fand
im Mai 1995 in Meiningen statt.
Die Wettbewerbsaufgabe bestand
darin, planerische Lösungen zu finden für
- einen Umbau mit Anbau oder eine Neukonzeption für ein
Justizzentrum mit ca. 10.000 m² Hauptnutzfläche für Landgericht,
Verwaltungsgericht, Amtsgericht, Staatsanwaltschaft, Landesanwaltschaft und
Bewährungshilfe;
einen Umbau mit Anbau oder einen Neubau für die
Polizeiinspektion Meiningen mit ca. 1000 m² Hauptnutzungsfläche;
zentrale allgemeine Einrichtungen des
Behördenzentrums, wie z.B. Räume für Hausverwaltung und
Kantine.
Entsprechend der Empfehlung des Preisgerichts wurde als erster
Preisträger das Architektenbüro Belz, Kucher und Partner mit der
Planung des Justizzentrums und der Verfasser des mit dem 5. Preis
ausgezeichneten Beitrages mit der Planung der Polizei beauftragt.
Abwicklung
Nach den weiterführenden Entwurfs- und Genehmigungsplanungen sowie der
Vergabevorbereitung mit der Zielsetzung einer alternativen Finanzierung wurden
im Oktober 1997 die Bau- und Finanzierungsleistungen mit den einzelnen Losen
Justizzentrum und Polizeiinspektion entsprechend der Verfahrensweise nach dem
Thüringer Modell EWR-weit öffentlich ausgeschrieben. Leasinggeber ist
nach Abschluss eines Immobilien-Leasingvertrages im September 1998 für
beide Projekte die von der Commerzleasing und Immobilien GmbH gegründete
Objektgesellschaft LIVIDA MOLARIS. Als Generalunternehmer wurde dabei die ARGE
HOCHTIEF Erfurt und IHB Schleusingen Projekt mit der schlüsselfertigen
Ausführung beauftragt.

Südansicht

Westansicht, Schnitt

Nordansicht, Gerichtsgebäude, im
Vordergrund Bibliothek
Städtebauliches und architektonisches
Konzept
Das historische, ehemals als Hauptkaserne gebaute und genutzte Gebäude
wird als Bestandteil der Stadtgeschichte Meiningens erhalten und durch die
Umnutzung zu einem wesentlichen Teil der Gesamtanlage. Zusammen mit den
Neubauten für das Amtsgericht und die Kantine entsteht eine
städtebauliche Ordnung, die sich unaufdringlich, aber unverwechselbar in
die bestehende Stadtstruktur einfügt. Die räumliche Struktur wird
geprägt durch die Solitäre des Amtsgerichts, des
Gerichtsgebäudes und der Kantine sowie durch den Wechsel von
Raumöffnung und Verdichtung. Zentraler Gedanke ist, die wichtige
Wegeverbindung der Lindenallee aufzunehmen und durch das ehemalige
Kasernengebäude weiterzuführen. Durch die Verlängerung der
Lindenallee entsteht ein "grüner Weg", der dem Goethepark mit dem
Grünraum zwischen Kantinengebäude und Polizeiinspektion und weiter
nördlich gelegenen Stadtteilen verbindet. Ein inzwischen gerne
angenommener Verbindungsweg abseits der parallel verlaufenden stark befahrenen
Leipziger Straße.
Die 2-geschossigen Stützreihen des
Sitzungsgebäudes, mit dem dahinterliegenden Innenhof, bilden den
öffentlichkeitswirksamen Haupteingang der Gesamtanlage zum Justizzentrum.
Der Gedanke der Wegeverbindung im Außenbereich wiederholt sich im
Gebäudeinneren als erdgeschossiger Haupterschließungsweg zwischen
Sitzungsgebäude, Gerichtsgebäude und Kantine.
Zur Gestaltung
Übergeordnetes
Gestaltungsziel ist, durch eine offene und transparente Erscheinung die
Bedeutung eines bürgernahen Justizzentrums zu übersetzen und die
Abgeschlossenheit und den von vielen Betrachtern als abweisend empfundenen
Charakter des Kasernengebäudes aufzuheben. Dies wird durch die zwei im
Norden der Kaserne eingestellten, nach außen geschosshoch verglasten
Neubauteile und durch das 3-geschossige Aufbrechen der Hauptachse mit dem
zurückliegend voll verglasten Verbindungsflur erreicht. Noch
verstärkt wird diese Absicht durch die innere Gestaltung der Alt- und
Neubauteile. Große Öffnungen in den Geschossdecken und offene
Treppenverbindungen ermöglichen räumliche Zusammenhänge
über alle Geschosse. Alle öffentlichkeitsbezogenen Bereiche des
Amtsgerichts, wie Grundbuchamt, Gerichtskasse und die Gerichtssäle sowie
der 100 Zuhörer fassende Schwurgerichtssaal gruppieren sich um den
3-geschosshohen, verglasten Luftraum der Eingangshalle des
Sitzungsgebäudes.
Im Alt- und Neubauteil des Gerichtsgebäudes
sind vor allem Büros für Landgericht, Verwaltungsgericht sowie die
Staatsanwaltschaft untergebracht. Das kreisrunde 2-geschossige
Kantinengebäude, im nördlichen Kasernengelände gelegen,
öffnet sich mit dem erdgeschossigen Speiseraum zum Grünbereich. Im
Obergeschoss befinden sich die Räume der Bewährungshilfe.
Die
kleine, satellitenartig vor die mächtige Kaserne gestellte Bibliothek
erhält ihren eigenen Charakter aus dem Gegensatz zwischen der außen
umlaufenden hohen, völlig verglasten Lesezone und dem eingestellten
2-geschossigen, massiv betonierten quadratischen Körper für die
Buchstellflächen.
Materialkonzept
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Foyer 1. OG
im Sitzungsgebäude |
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In den verwendeten Materialien sollen sich Begriffe wie Offenheit, Transparenz,
Dauerhaftigkeit und vor allem Würde widerspiegeln. Das Sichtmauerwerk der
Außenfassade der Kaserne wird in den geschlossenen Wandscheiben der
Neubauten aufgenommen.
Die Neubauten bleiben aber durch den dunklen
Klinkerstein und vor allem durch die großflächigen, zum Teil bis zum
Boden verglasten Fassaden und durch die mit Aluminiumtafeln verkleideten
Flächen als neue eigenständige Gebäude erlebbar.
Im
Gebäudeinneren sind es eher die hellen Birkenholzflächen der Fassaden
und Wandverkleidungen, die dunkel gestrichenen Stahlprofile, weiße
Putzflächen, dunkelgrauer Naturstein und die kräftigen Farben der
Linoleumbodenbeläge, die einen freundlichen und würdigen Eindruck
hinterlassen.

Ansicht Schwurgerichtssaal und Hauptzugang
Justizzentrum

Ost-Ansicht
Der Thüringer Staatshochbau hat seit Gründung Anfang 1991 fast
zwanzig Milliarden DM im Bereich der öffentlichen Infrastruktur des Landes
beplant, betreut und investiert. Dazu gehören Polizeidienststellen und
Haftanstalten ebenso wie Hochschul- und Hochschulklinikbauten. Damit
übernimmt die Staatliche Hochbauverwaltung im Thüringer
Finanzministerium und ihre nachgeordneten Dienststellen Verantwortung für
rund 20.000 Arbeitsplatzinhaber und ihre Familien. Darüber hinaus
trägt sie auch maßgeblich zur Verbesserung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen im Lande bei. Die Projekte stellen dabei sowohl ein
Instrument der Wirtschaftsförderung als auch einen bedeutenden Beitrag zur
Gestaltung einer lebenswerten Umwelt dar. Im Spannungsfeld von
zeitgenössischer Architektur und Anknüpfung an Thüringer
Bautradition entsteht der bauliche Ausdruck eines modernen, weltoffenen, aber
auch sensiblen wie traditionsbewussten Landes.

Foyer 2. OG, Sitzungsgebäude
Gebäudedaten
Wettbewerb 1. Preis April
1995 Planungsbeginn August 1996 Gebäudebezug August
2000
Hauptnutzfläche 11.261 m² Nebennutzfläche 2.300
m² Funktionsfläche 900 m² Verkehrsfläche 8.753
m²
Bruttogrundfläche 26.782 m² Bruttorauminhalt
111.216 m²
Gesamtkosten 71 Mio. DM |
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Leasinggeber / Bauherr
LIVIDA MOLARIS
Grundstücksvermietungsgesellschaft mbH & Co. Justiz und Polizei
Meiningen KG, eine Objektgesellschaft der Commerz Leasing und Immobilien AG,
Düsseldorf
Nutzer
Meininger Justizbehörden
Landgericht, Amtsgericht, Verwaltungsgericht, Sozialgericht, Staatsanwaltschaft
sowie Bewährungshilfe / Soziale
Dienste
Architekten
Belz, Kucher und Partner, Stuttgart
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