Freistaat Thüringen Freistaat Thüringen - Thüringentag

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Gedanken zum Tage von Bischof Dr. Joachim Wanke

Verehrte Festversammlung,
meine Damen und Herren,

wenn es irgendwie möglich ist, führe ich Besucher, die zum ersten Mal in Erfurt sind, gerne am Abend einmal auf den Domplatz. Die vom warmen Licht der Scheinwerfer eingehüllte Baugruppe des Mariendomes und der Severikirche, dazwischen die breite einladende Treppe, die in den dunklem Nachthimmel ragenden Türme von Severi mit ihren golden glänzenden Turmknöpfen – das ist für alle Besucher unserer Landeshauptstadt schon ein unvergesslicher Anblick. Ich muss gestehen, auch ich selbst sehe dann auf die beiden Kirchen mit anderen Augen. Ich vergesse in solchen Augenblicken alle Sorgen, die ich mit der Bausubstanz dieser alterwürdigen Gebäude habe. Ich bin mir sicher: Auch die Erfurter Mitbürger und viele Thüringer wissen diesen Anblick des abendlich erleuchteten Domberges zuschätzen. Es ist, als ob das Licht die Einmaligkeit und Schönheit dieser Baugruppe besonders eindrücklich hervortreten lässt.

Ja, Architektur ist mehr als die Ansammlung von irgendwelchen Baumaterialien. Ich möchte diese Gedanken auf das Ereignis übertragen, dessen wir heute gedenken: die Vollendung der Einheit Deutschlands vor 15 Jahren. Auch an der deutschen Einheit nagt der Zahn der Zeit. Nicht alles ist eingetroffen, was manche sich im ersten Überschwang an paradiesischen Zuständen erhofft haben. Und mancher, der von Amtswegen genauer auf den inneren und äußeren Zustand unseres geeinten Vaterlandes schauen muss, sieht die Schwachstellen im Gebäude, die Risse im Mauerwerk und die Schäden im Dach, wo es noch hereinregnet.

Es ist gut, dass wir jedes Jahr diesen Tag der Deutschen Einheit feiern. Er lädt uns ein, einmal mit anderen Augen auf das zuschauen, was uns damals vor 15 Jahren geschenkt wurde. Unsere ausländischen Freunde und Nachbarn sagen es deutlicher, als wir es heute wahr haben wollen: Die friedliche Zusammenführung der beiden deutschen Staaten in Freiheit, ohne Gewalt und Blutvergießen und unter Zustimmung der Völker Europas und der Großmächte – das war und ist eine Sternstunde unserer Geschichte!

Dass wir jetzt – 60 Jahre nach einem von Deutschland ausgehenden Krieg – an unseren Grenzen Völker und Staaten haben, mit denen wir in Freundschaft und guter Nachbarschaft zusammenleben können, das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir haben bleibenden Grund zur Dankbarkeit, auch wenn diese sich bekanntlich nach Erhalt eines Geschenkes langsam zu verflüchtigen pflegt.

Was uns helfen könnte, die Dankbarkeit nicht zu vergessen, ist genau das, was ich mit meinen auswärtigen Gästen mache, wenn ich sie abends auf den Domplatz führe, um mich mit ihnen zusammen am beleuchteten Dompanorama zu erfreuen. Wir sollten uns bewusst bleiben: Unser geeintes Deutschland ist mehr als ein Kostenfaktor! Es ist eine einmalige Chance, auf der Grundlage einer freiheitlichen Verfassung an einem Gemeinwesen mitzubauen, das allen ideologischen Diktaturen der jüngsten Geschichte, was Menschenwürde, Freiheitsrechte, ja auch wirtschaftliche Leistungskraft betrifft, haushoch überlegen ist. Wenn ich das sage, gieße ich keine Verklärungssoße über unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Status.

Ja, es gibt Probleme, es gibt dringenden Reformbedarf. Manchmal kann man sich als einfacher Bürger wirklich die Haare raufen, über das, was auf da auf öffentlicher Bühne passiert. Aber mir hilft bei der Wahrnehmung solcher Unzulänglichkeiten, ja solchen Versagens zum einen die Überlegung, dass auch der liberale Verfassungsstaat nicht aus lauter Heiligen besteht. Übrigens, die Kirche auch nicht. Ich denke noch an den alten DDR-Witz, der vom damaligen sozialistischen Bürger behauptete, er wolle arbeiten wie in KarlMarx-Stadt und leben wie in Düsseldorf.

Zum anderen zeigt sich, dass die Kräfte der Selbstreinigung in den gesellschaftlichen und politischen Institutionen auf Dauer, trotz allem, doch wieder in der Lage sind, einen Neuanfang zu bewirken.

Und ich meine, eine solche Selbstbesinnung auch derzeit in Berlin und anderswo beobachten zu können. Freilich, das alles geschieht nicht im Selbstlauf. Von Willy Brandt fand ich die bedenkenswerten Sätze aus einer seiner letzten öffentlichen Äußerungen kurz vor seinem Tod im Jahre 1992, er sagte damals: „Unsere Zeit steckt wie kaum eine andere zuvor voller Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen, nichts kommt von selbst und nur wenig ist von Dauer!“ Diese Sätze Willy Brandts sind kein Ausdruck von Resignation, sondern eine Einladung, bei allem Wissen um die bestehenden Probleme, dennoch zu handeln. Das erwarten die Menschen von der Politik. Möglichkeiten, auch wenn sie Risiken in sich bergen, sollen nicht nur beschrieben, sondern auch ergriffen und angepackt werden. Und dabei sollte allen deutlich vor Augen stehen: Unser freiheitliches Gemeinwesen ist mehr als die Summe von Einzelinteressen.

In der Heiligen Schrift ist die Aufforderung Jesu an seine Jünger überliefert: „Euch muss es zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazu gegeben.“ Die Christen unter Ihnen wissen, dass ein solcher Satz keine Aufforderung zum Müßiggang ist, im Gegenteil: Wer weiß, dass in dieser Welt und ihrer Geschichte Gott sein Werk tut, wird seine eigenen Anstrengungen für das Gute und das Wohl der Mitmenschen nicht für vergeblich halten. Christen haben ein Licht von oben, das ihnen hilft, trotz aller Dunkelheit in uns und um uns, dennoch die Schönheit und Kostbarkeit dieser Welt und unseres Lebens immer neu zu erkennen. Und ich meine, alle Menschen guten Willens haben Zugang zu diesem Licht. Vielleicht bezeichnen Nichtchristen dieses Licht anders. Man könnte es nennen ein Licht von innen, eine Vision, die aus dem Herzen kommt, die immer neu und einladend die Ideale der Freiheit, der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und einer gewaltfreien Welt und Völkergemeinschaft vor Augen stellt.

Als Bischof bin ich zwar der Überzeugung, dass dieses Licht auch von oben kommt und etwas mit dem Reich Gottes zu tun hat. Aber wie dem auch sei: Hauptsache, es leuchtet uns allen gemeinsam, damit wir miteinander in Zuversicht und Solidarität unseren Weg im geeinten Deutschland weitergehen können. Ich danke Ihnen!