
Herr Ministerpräsident,
Frau Landtagspräsidentin,
hochansehnliche Festversammlung
und insbesondere: sehr geehrter Herr Professor Bernhard Vogel!
Es ist da etwas Besonderes zwischen Mainz und Thüringen: Am 8. August 1702 wird der Reichsgraf zu Boyneburg zum Kurmainzischen Statthalter Erfurts ernannt. Boyneburg bemühte sich, Missstände in der Verwaltung zu beheben und bewirkte die Stiftung einer neuen katholischen Professur an der Erfurter Universität.
Im Jahre 1771 ernannte der Kurfürst-Erzbischof von Mainz den Reichsfreiherrn von Dahlberg zum Mainzischen Statthalter in Erfurt, und Dahlberg übte dieses Amt bis 1802 aus – also zwölf Jahre. Diese Jahre gelten als die glücklichsten seines Lebens und er machte sich hier vor allem um die Hebung der Volksbildung und um die allgemeine Wohlfahrt im Sinne der Aufklärung, sowie um die Neuorganisation der Universität verdient.
Am 5. Februar 1992 wird im Thüringer Landtag in Erfurt Dr. Bernhard Vogel zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt. Ein Mann, der zuvor in Mainz lange Jahre Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war. Wer war dieser Bernhard Vogel? Der langjährige und sehr renommierte ehemalige bayerische Kultusminister, Professor Hans Maier, beschrieb ihn so: „Der Mainzer genius loci ist demokratisch. Wer es in dieser ältesten politischen Landschaft Deutschlands zu etwas bringen will, von dem werden Mutterwitz ebenso verlangt wie Weitblick, Popularität ebenso verlangt wie Gravität. Bernhard Vogel hat beides und damit wird er gewiss gegenwärtigen wie künftigen Herausforderungen gewachsen sein – im goldenen Mainz wie im turmreichen Erfurt.“
Regierungschef in einem der neuen Länder zu sein, war in der Tat eine große Herausforderung: Aufbauarbeit zu leisten auf vielen politischen Baustellen zugleich – Knochenarbeit in Thüringen einerseits, und andererseits bundesweit und international die Interessen Thüringens zu vertreten – mit Augenmaß, Überzeugungskraft und unter Einsatz der ihm über die Jahre seines Wirkens zugewachsenen Autorität. Dabei hat sich Bernhard Vogel verdient gemacht.
Ob Bernhard Vogels Thüringer Jahre, wie die des eingangs erwähnten von Dahlberg, zu seinen glücklichsten zählen, das weiß ich nicht. Aber ich bin mir ganz sicher: In seiner politischen Lebensleistung werden die Jahre des Engagements in und für Thüringen einen ganz wesentlichen Platz einnehmen!
Zu seinem 70. Geburtstag habe ich in einem Zeitungsartikel einmal geschrieben, dass ich mich, im Gegensatz zu oppositioneller Aussage aus Wahlkampfzeiten 1994, nun mehr korrigiere und sage: Herr Vogel, Sie sind nun auch für mich ein Thüringer. Und ich wiederhole dies gern an einem Tag wie dem heutigen, an dem Sie für Ihre Verdienste um Thüringen vom heutigen Ministerpräsidenten Dieter Althaus ausgezeichnet werden.
Nun wird sich der eine oder andere wundern, dass gerade ein Thüringer Sozialdemokrat aus diesem Anlass zu Ihnen spricht. Nehmen Sie es als Zeichen dafür, dass Bernhard Vogel als überzeugter Demokrat, als ein Politiker, der handelt, wie er spricht, sowohl bei politischen Freunden als auch bei politischen Gegnern hochgeachtet wird. Zu seinen persönlichen Freunden zählt der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau. Und der frühere SPD-Vorsitzende Hans Jochen Vogel sagt: „Mitunter habe ich meinen Bruder nicht nur respektiert, sondern geradezu bewundert, und ich bin als Bruder und Demokrat stolz auf dich.“
Ich hatte das Glück, seit 1990 mit den beiden prominenten Vogel-Brüdern im politischen Wirken in unterschiedlicher Weise verbunden zu sein und erlebte bei beiden ein bestes Beispiel für unser demokratisches Grundverständnis und für werteorientiertes Handeln. Beide sind zurecht hochgeachtet – beim politischen Freund, wie beim politischen Gegner –, der rote Vogel und der schwarze Vogel.
Lassen Sie mich nun einige Facetten unseres ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel aus meiner Sicht aufzeigen – ohne dabei in die Versuchung zu verfallen, konkrete landespolitische Projekte aufzuzählen, die zwischen uns einvernehmlichen oder die Differenzen. Das würde den zeitlichen Rahmen sprengen.
Zum Bild des Thüringer Bernhard Vogel gehört aber unbedingt dies: Nach dem Abklingen der
ersten Euphorien, nach der erlangten deutschen Einheit, als die Mühlen der Ebenen begannen, war wohl keiner prädestinierter als Bernhard Vogel, einige Dinge mit gleicher Sprache in Ost und West sehr klar und deutlich zu sagen. Auch deshalb, weil er als Ministerpräsident erst im Westen und dann im Osten das Gemeinsame, aber auch das über die lange Zeit der deutschen Teilung problematisch Gewordene vielleicht besonders deutlich sah. Er wies immer wieder darauf hin, dass sowohl die untergegangene DDR wie auch die alte Bundesrepublik beide Teil der deutschen Geschichte sind und dass es weder Schuld noch Verdienst für den Einzelnen war, da oder dort gelebt zu haben. Als Verdienst sah es Bernhard Vogel, im Westen eine stabile Demokratie aufgebaut zu haben, aber als ebenso verdienstvoll sah er es an, sich hier im Osten die Kraft erhalten zu haben, um im richtigen Augenblick, als die weltpolitische Lage dies zuließ, die Diktatur mit einer friedlichen Revolution zu überwinden. Und gerade im Westen sprach er immer wieder darüber, dass erst mit der deutschen Wiedervereinigung Deutschland auch seine kulturelle Identität wiedergewonnen hat.
Bernhard Vogel war, nein, er ist in seiner geradlinigen Haltung zu allen Fragen des deutschen Einheitsprozesses die verkörperte Ost-West-Brücke, und ohne den gegenwärtigen Amtsinhaber irgendetwas absprechen zu wollen, ganz gewiss nicht, aber für sehr viele – auch für mich – wäre Bernhard Vogel auch ein würdiger Bundespräsident für uns gewesen.
Als Bernhard Vogel 1992 sein Amt in Thüringen antrat, machte er sich sehr schnell mit und bei Land und Leuten in Thüringen bekannt. Dabei bediente er sich auch seiner berühmten Kreisbereisungen. Seine Achtung vor den hier lebenden Menschen und die Zuneigung zu ihnen waren dabei spürbar und sein Humor und geradliniges Handeln ließen ihn sehr bald den Ruf eines Landesvaters erwerben. Dieser Status kam beispielhaft zum Tragen, als die schrecklichen Ereignisse im Gutenberg-Gymnasium zu bewältigen waren. Für die unmittelbar betroffenen Schüler, Lehrer, Eltern und Hinterbliebenen, aber auch für alle besorgten und schockierten Bürger fand er den richtigen Ton – mitfühlend und nachdenklich, aber auch mutspendend und in die Zukunft gerichtet.
Bernhard Vogel vertritt eine wertegebundene und eine fortschrittliche Politik. In Heidelberg, von deren Universität der Vorschlag ausging, diesem Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik den Professorentitel zu verleihen, sagte er 1994: „In Zeiten großer Veränderungen ist es besonders wichtig, sich Fragen zu stellen. Fragen, was unsere Gesellschaft zusammenhält: Freiheit, Gleichheit und Solidarität müssen wieder in ganz Deutschland Gültigkeit haben.“ Vor diesem Hintergrund war es 1994 möglich – nachdem die parlamentarischen Verhältnisse dies nahe legten –, eine Regierung der großen Koalition aus CDU und SPD zu bilden. In diesen Jahren habe ich stets seinen Anstand und seine Fairness erlebt, andererseits aber auch das durchaus konsequente und klare Vertreten seiner Meinung. Er vertrat seine Überzeugungen und suchte trotzdem – wo immer es möglich war und erst recht, wo es nötig war – den Kompromiss, neben dem Konsens unseres Grundgesetzes. Für den Ministerpräsidenten Vogel war die christliche Botschaft die Orientierung seiner Wertevorstellung und für mich, als seinen damaligen Stellvertreter, eher der Kant’sche kategorische Imperativ. Das hat sich in unserer gemeinsamen Arbeit nie als Problem erwiesen. Eine nicht bei allen Politikern anzutreffende Eigenschaft ist eben auch Bernhard Vogels Bereitschaft, den politischen Gegner zuzuhören und ihn und seine Sicht der Dinge zu achten und dann, wenn möglich, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Die Zusammenarbeit auf dieser Grundlage hat uns verbunden über die Zeit des gemeinsamen Regierens bis 1999 hinaus, ohne dabei die Unterschiede unseres Denkens in mancher politischen Frage zu verwischen.
Ich denke, diese Jahre waren gute Jahre für die Entwicklung Thüringens. Und ich denke, wir Thüringer haben damit auch gezeigt, dass eine große Koalition, wenn sie denn sein soll, nicht Stillstand bedeuten muss, sondern ein Land auch ein gutes Stück voranbringen kann. Und übrigens: Die Planung für den heutigen Tag war lange vor dem 18. September.
Es freut mich sehr, dass jetzt Professor Bernhard Vogel die verdiente Würdigung für seine Verdienste um Thüringen erhält, und möchte mit meiner Gratulation dazu schließen mit einem fast wörtlichen Zitat von Bernhard Vogel, gerade heute zum 3. Oktober: „Wie wäre denn anstelle des Jammerns einmal etwas Ungewöhnliches – nämlich gegenseitige Dankbarkeit. Wie wäre es denn, wenn mancher Ostdeutscher zunächst einmal den Westdeutschen herzlich dafür dankt, dass sie in ungewöhnlichem Ausmaß finanziell und personell in all den Jahren geholfen haben. Dafür haben die Westdeutschen zunächst einmal Dank verdient. Wir wäre es, wenn der eine oder andere Westdeutsche einmal Dankbarkeit bekundete, dass 18 Millionen Ostdeutsche die Legende zerstört haben, die Deutschen seien zu keiner Revolution fähig, dass sie unter Beweis gestellt haben, dass sie nicht nur zur Revolution, sondern dass sie zu einer friedlichen Revolution fähig waren.“ Auch für diese Botschaft ist Bernhard Vogel gerade am heutigen 3. Oktober nachdrücklich zu danken.