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Festgottesdienst
Ökumenischer Festgottesdienst „Leben(s)Töne“ zum Tag der Deutschen Einheit
am Sonntag, dem 3. Oktober 2004, 10 Uhr, im Erfurter Mariendom
Predigt von Landesbischof Christoph Kähler
Römerbrief 10,13-15a.17
13 Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden.
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden?
17 Der Glaube kommt aus der gehörten Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.Liebe Schwestern und Brüder hier in Erfurt
und an den Bildschirmen draußen im Land!
Eine Frage: Können Sie gut hören?
Worauf hören Sie, wenn es darauf ankommt?
Auf wen achten Sie, wenn Sie Rat brauchen?
Wer spricht Ihnen Mut zu, wenn Sie sich nicht mehr sicher sind?
Wir hören solange wir leben.
Es ist das erste, was uns am Anfang in der Wiege erreicht,
und das Letzte auf dem Sterbebett.
Im Hören werden Erfahrungen weitergegeben, unter vier Augen in größerer Runde von Generation zu Generation.
Wir läuten in den Kirchen die Glocken, wenn wir nicht selbst reden, sondern zuhören wollen, Denn wir können uns nicht alles schon selber sagen.
Werden die Glocken gehört? Mit ihrer Bitte um Aufmerksamkeit, um ein stilles Gebet, um eine kurze Unterbrechung im Alltag? das ist keineswegs sicher, vor allem, wenn ich an die Geschichten denke, die die Glocken selbst erzählen müssten.
In Thüringen habe ich in den letzten Monaten mehrfach neue Glocken in alten Kirchen in Gebrauch genommen. Das waren schöne Feste mit ernsthaftem Hintergrund.
Zuerst wurden Glocken 1917, im Ersten Weltkrieg, zerschlagen und eingeschmolzen, um Geschosse daraus herzustellen. Was daraus folgte?
Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen. Ihre Eltern, die Frauen und Kinder fehlen auf den Inschriften. Zum zweiten Mal waren die Glocken - mit deutscher Gründlichkeit - im Zweiten Weltkrieg konfisziert und eingeschmolzen worden. Bis heute fehlen den langen Tafeln oft die Hinweise auf die, denen schon vor Kriegsausbruch die Glocken nicht mehr heim läuten durften, weil sie vertrieben, verhaftet oder ermordet worden waren.
Als Ersatz für die fehlende Bronze wurde in der DDR oft Eisenhartguss gewählt. Der hielt 50 Jahre und ist heute brüchig und verbraucht. Ein Symbol für eine Wirtschaft, die nicht mehr die Qualität erreichen konnte, die noch unseren Urgroßeltern selbstverständlich war.
Glocken können schon durch ihre deutsche Geschichte erinnern, nachdenklich machen und also predigen.
Doch wenn sie uns heute am 3. Oktober 2004 zusammenrufen dann schlagen sie für unser Gedächtnis einen besonderen Ton an: Unter dem Glockengeläut zu den Friedensgebeten haben Menschen ihren Alltag unterbrochen, erst den eigenen Arbeitstag am Montag und später den Alltag einer ganzen Diktatur. Wir sind zaghaft mit den Kerzen in der Hand in die Kirchen gegangen – und von dort auf die Straßen.
Aus dem Hören auf ermutigende Predigt entsprang die Geduld zum Zuhören am runden Tisch und der Mut zum Handeln.
Das Zeitzeichen der Glocken haben damals viele verstanden. Auch Menschen, die die Sprache der Kirchenpredigt für sich kaum noch übersetzen konnten.
Heute läuten wir aber nicht nur zur dankbaren Erinnerung, sondern auch, weil wir mit den Glocken zum Gebet für diese Welt und für dieses Land rufen, weil wir spüren, dass Vertrauen in einen Zukunft für unsere Kinder, wagendes, glaubendes Vertrauen gerade in diesen unsicheren Zeiten dringend nötig, aber auch selten geworden ist.
Dieses Vertrauen,
“dieser Glaube – sagt der Apostel Paulus -
“kommt aus der gehörten Predigt, aus dem Wort Christi.
Was meint Paulus, wenn er das sagt? Er meint das Geheimnis des christlichen Glaubens.
Er meint den Menschen Jesus und sein Schicksal, sein Ende und seine Rettung aus dem Tod. In ihm hat sich gezeigt: Gottes Macht wirkt nicht wie eine Steigerung menschlicher Macht, sondern in den und für die Ohnmächtigen, Niedergeschlagenen, Bedrückten. Dass wir vor Gott alle gleich sind auf dieser Erde, dass wir alle Gottes Kinder sind, versteht sich nicht von selbst. Aber Jesus hat das geglaubt und gelebt. Man kann es nur glauben und hoffen. Dafür hat er sich einem ungewissen, gefährlichen, ja tödlichen Schicksal ausgesetzt. Aber seine Niederlage und seine Rettung haben andere, haben viele von ihrer Angst erlöst und zum aufmerksamen Hören aufeinander und auf die Botschaft Jesu befreit.
Zum Gottvertrauen in ungewissen Zeiten ermutigt zu werden, hat Folgen:
die Folge, dass ich nicht nur nach der Gerechtigkeit für mich und meine Leute frage, sondern mich umhören kann nach der Gerechtigkeit für andere Menschen und andere Völker, für kommende Generationen; dass ich nicht nur suche, wie ich am sichersten leben kann, sondern auch nach der Sicherheit der Anderen, der Fremden, forsche und dabei entdecken kann, dass wir nur gemeinsam sicher sein können.
Das gilt für diese Welt, wie für dieses Deutschland. Wir haben mit dem 3. Oktober 1990 etwas gemeinsam begonnen, das noch lange nicht am Ziel ist.
Noch immer brauchen wir Zuhören, Verstehen und Nachdenken auf allen Seiten – und wenn es wie im Magdeburger Dom die Runde nach einer Montagsdemonstration ist.
Wir brauchen das Zuhören
bei denen aus dem Westen für die andere Geschichte, die uns im Osten geprägt hat und die uns bis heute andere Bedingungen diktiert;
bei denen im Osten für die Grenzen von Vater Staat, der nicht die wirtschaftliche Sicherheit herstellen kann, die die Verführer von vorgestern, gestern und heute versprachen und versprechen;
bei den Leistungsfähigen und wirtschaftlich Einflussreichen für die akute Gefährdung des sozialen Friedens;
bei den Enttäuschten in ganz Deutschland dafür, dass wir keinen Anspruch darauf haben,
immer Weltmeister zu sein und zu bleiben.
Aber müssen wir deswegen gleich alle Hoffnung verlieren? Brauchen wir im Gegenteil nicht gerade dann ein gemeinsames Ziel, eine klare Richtung, wie wir miteinander nicht gegeneinander Zukunft gewinnen wollen?
Es wird in unserer Gesellschaft sehr viel geredet, aber wenig zugehört. Das gegenseitige Zuhören ist zwar noch nicht alles und es ersetzt kein Handeln. Aber im Zuhören entwickelt sich die erste Ahnung, dass wir Brüder und Schwestern sind und bleiben.
Zu einem solchen Vertrauen auf den Vater aller Menschen, zu diesem Gottvertrauen, das zuerst hört, erst dann redet und handelt, wollen unsere Glocken einladen, wenn sie den Gottesdienst, die Predigt, Stille und Gebet ankündigen, heute, morgen und in der Zeit, die uns Gott schenken will.
Amen