
Sehr verehrte Frau Landtagspräsidentin, verehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Landrat, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren, verehrte Gäste und schließlich liebe Mühlhäuser!
Ganz gleich, von wo aus Sie sich Mühlhausen nähern, ob vom Westen, vom Osten, vom Süden oder vom Norden, die prägende Silhouette der Kirchen und der Türme ist immer wieder beeindruckend. Mühlhausen wird die Stadt der Tore und der Türme genannt und es ist eine schöne Stadt, eine kleine Stadt, eine überschaubare Stadt. Ich bin gerne hier. Manche sagen, sie ist provinziell.
Was die Stadt groß macht, ist ihre Geschichte, der Herr Oberbürgermeister hat daran erinnert, und an die Namen derer, die hier waren. Einige wenige möchte ich noch einmal nennen: Thomas Müntzer, Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach. Thomas Müntzer, der mit seiner aufrührerischen Theologie Bewegung brachte und dabei den Blick auf die soziale Lage der Armen lenkte.
Heinrich Schütz, der 1627 zum Kürfürstentag hier in Mühlhausen weilte und da seine Motette »Da pacem domine in diebus nostris – Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen« zur Aufführung brachte und wohl damals wie heute den richtigen Ton getroffen hat. Ich denke, die Bitte »Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen« ist heute noch genauso wichtig. Auch für diesen Tag heute.
Schließlich Johann Sebastian Bach, der mit der Ratswechselkantate von 1708 »Gott ist mein König« sein Lebensmotto »Soli deo gloria – Gott allein die Ehre« zum Klingen gebracht hat.
Aber auch die steinernen Zeugen dieser Zeiten reihen sich in der Stadt wie Perlen aneinander: Die Kirche St. Marien, die Divi Blasii Kirche, das Frauentor, das Rathaus, die Kornmarktkirche, die Allerheiligenkirche, die Jakobikirche, die Kilianikirche, die Martinikirche und viele andere mehr. Mühlhausen hat 13 Kirchen. Immer noch mehr als Banken und Kreditinstitute, und das will in unserer Zeit schon etwas heißen.
Damit will ich nicht sagen, dass Banken und Kreditinstitute nicht wichtig sind, gar keine Frage. Aber die Kirchen weisen uns auf den Grund unseres Lebens hin. Mühlhausen hat zu den Kirchen auch viele Türme. Auch der höchste Turm Thüringens wurde schon erwähnt, der Turm der St. Marienkirche.
Heute sind die Kirchen zum Großteil saniert oder noch in Sanierung. Vieles muss an einigen noch geschehen, aber sie sind vor allem Orte der Begegnungen, Orte des Gebetes, Orte, an dem das Wort Gottes gehört wird. Sie sind Orte für Ausstellungen, für Konzerte, für Theater, für Bildung und ganz konkrete Erfahrungen mit praktizierter Kunst hier in Thüringen.
Im Vorübergehen können sich diese Bauwerke, die vielen wunderschönen Fachwerkhäuser seien nicht vergessen, sehen und bewundern lassen. Wer aber ihre tiefe Bedeutung für Geschichte und Gegenwart verstehen will, muss länger bleiben als einen Tag. Man muss den Menschen begegnen, die heute hinter den Mauern am Werken und am Wirken sind.
Dazu lädt der Thüringentag in diesem Jahr ein. Mühlhausen miteinander mittendrin.
Mühlhausen mittendrin und nicht außen vor. Dazu gehört die Geschichte, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Das bewusste Bürgertum, die streitbare Theologie und die wohlklingende Kirchenmusik als Kontrapunkt durchziehen die Geschichte Mühlhausens bis heute.
Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Tag, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander auf stimmiger Art und Weise versöhnt werden können. Denn Einheit, davon bin ich überzeugt, ist ohne Versöhnung nicht möglich.
Heute blicken wir auf 13 Jahre der Wiedervereinigung zurück. 13 Kirchen hat Mühlhausen. Wenn man so will – eine Kirche für jedes Jahr. Nun könnte ich jede Kirche einem Jahr zuordnen, das würde – denke ich – auch ganz gut gehen. Ich würde mir jedenfalls Mühe geben, das zu tun, aber so viel Zeit bleibt mir heute leider nicht.
Der 3. Oktober also kann ein Tag sein, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander versöhnt werden. Denn es ist kein Tag, der durch seine spezifische Geschichte für die Erinnerung und für den Rückblick festgehalten wurde. Damit wurde kein bestimmtes Ereignis innerhalb bewegter Monate des rasanten Wandels zur Wiedervereinigung herausgestellt, wie es in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Es ist viel mehr die Summe vieler Ereignisse, die zu diesem Tag in Beziehung gesetzt werden müssen. Der 17. Juni 1953 oder noch weitere zehn Jahre zurück das Jahr 1943, wo die Geschwister Hans und Sophie Scholl sich gegen den Krieg und für den Frieden einsetzten und dabei ihr Leben ließen. Der 9. Oktober und der 9. November 1989. Jedes Mal geht es um Menschen, die Wiederstand geleistet haben. Das Mutigste daran ist, sie haben friedlich gekämpft.
Deshalb ist der 3. Oktober für mich nicht denkbar ohne die Friedensgebete, die am 20. Oktober 1989 hier in Mühlhausen in der St. Martinikirche aufgenommen wurden. 2.000 Leute waren da in Bewegung geraten. Diese Friedensgebete, ob hier in Mühlhausen oder in anderen Städten, waren wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde und eine Wellenbewegung in Gang setzte. Diese Grunderfahrung von damals dürfen wir nicht vergessen. Sie muss weitergehen, die Wellenbewegung, wenn es gilt, die Einheit miteinander zu gestalten.
Der berühmte Satz von John F. Kennedy ist da ein guter Ansatz für mich. »Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst.« Danach haben viele im Herbst 1989 gefragt. Ich selber gehörte mit dazu in Erfurt damals. Was können wir für unser Land tun? Und das müssen wir uns noch heute immer wieder fragen. Denn nur miteinander, das ist meine Überzeugung, lassen sich die Probleme der Gegenwart lösen. Nur gemeinsam kann man gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft angehen und die nötigen Reformen meistern.
1992, als die Einheit noch ganz jung war, da hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ähnlich wie Kennedy, gewarnt. Er sagte: »Wir machen keinen guten Staat, sondern wir zerrütten ihn, wenn jeder versucht, mehr mitzunehmen, als er einbringt.« Bis heute hat sich an der Wahrheit dieser Aussage nichts geändert. Es ist unser aller Aufgabe, die Demokratie und die Freiheit zu bewahren und uns für soziale Gerechtigkeit stark zu machen. Denn dann, und nur dann, ich zitiere wieder Richard von Weizsäcker, »gleitet uns die Freiheit, dieses kostbare Gut, nicht aus den Händen«.
Der 3. Oktober, der Tag der deutschen Einheit, ist also kein Gedenktag, sondern für mich eher ein Denktag. Sie, Herr Ministerpräsident, waren gerade in Frankreich, deshalb möchte ich an der Stelle einen Franzosen zitieren, der gesagt hat: »Das Verhängnis ist, dass die Beter zu wenig denken und die Denker zu wenig beten.« Das muss nicht so sein und muss nicht so bleiben. Und der 3. Oktober ist kein Schlussstrich und darf auch kein Schlussstrich sein, nachdem nichts mehr kommt.
Den Mühlhäusern sage ich, es gibt auch eine Zeit nach dem Thüringentag.
Möge es aber auch in diesem Jahr einen Tag der Freude und des Aufbruchs sein, so wie die Nationalfeiertage in vielen anderen europäischen Staaten. Mühlhausen, weil es mittendrin ist, kann dafür Anstoß sein, miteinander sich zu freuen und aufzubrechen. Die Zivilcourage der Bürgerinnen und Bürger, die theologische Vertiefung des Glaubens auch in den Friedensgebeten und die wohlklingende Kirchenmusik sind guter Ausdruck dafür.
Für den heutigen Tag hat der Kantor, der Nachfolger Johann Sebastian Bachs also an der Divi-Blasii-Kirche, wohl die richtige Bachkantate herausgesucht. Der Text stammt von Georg Neumark, der in Bad Langensalza geboren wurde und hier in Mühlhausen aufgewachsen ist »Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.« Eine Kantate, die in die Zukunft weist, wie besonders auch die letzte Strophe deutlich macht: »Sing, geh und bet auf Gottes Wegen, verricht das deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.«
Mühlhausen ist ein Ort der Bewahrung und der Bewährung von Geschichte. Einer Geschichte, die nicht am Ende ist. Die Kir-chen sind dabei mittendrin und eben nicht außen vor. Wir freuen uns auf ihren Besuch.
Vielen Dank!