Inhalt
Festrede
Festrede von Freya Klier zum Tag der deutschen Einheit
am 3. Oktober 2002Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, liebe Freunde der deutschen Einheit!
Als ich Anfang 1988 in die Haftanstalt Hohenschönhausen eingeliefert wurde, fand ich in der Zelle eine verweinte junge Frau vor - Susanne, eine Architektur-Studentin. Sie war bei einem Fluchtversuch geschnappt worden und soeben von einem Verhör zurück. Zusammen mit einem befreundeten Ehepaar und deren Sohn hatte sie versucht, die Grenzanlagen von Thüringen nach Hessen zu überwinden: Geplant war, eine etwa 2 km lange unterirdische Beton-Röhre zu durchkriechen, welche die Werra vom Osten in den Westen leitete. Den Fluchtplan hatte der Freund der Studentin telephonisch durchgegeben - aus Hessen, nachdem ihm selbst die Flucht auf diese Weise geglückt war. So leichtsinnig uns das Telephonat heute anmuten mag, es blieb unbemerkt.
Der Freund diente 1987 als Grenzer in jenem Abschnitt, in dem die Werra vom Friedensstaat DDR ins Land der Kriegstreiber hinüberfloß. Um ein Durchschwimmen zu verhindern, hatte man den Fluß auf der Grenzpassage kurzerhand in die Unterwelt verlegt. Ein ortskundiger Thüringer Kamerad wußte Genaueres: Es gab da, nur ein paar Kilometer vom Grenzdorf Großburschla entfernt, irgendwo im Gras des Sperrgebietes einen verplombten Gully-Deckel... einen Zugang zum Unterirdischen. Wie alle Flüsse, kann sich auch die Werra in einen reißenden Strom verwandeln; durch die Röhre schießt dann etwa deckenhoch das Wasser. Im November aber, so wußte der Insider, ist der Wasserstand im Normalfall extrem niedrig, so daß man sich in der Pipeline der Werra anschließen könnte; er hatte von Fällen gehört, wo das gelungen war.
Im November 1987 herrschte der Normalfall. Die beiden Grenzer knackten also die Plombe und seilten sich in den Fluß hinunter, sie kamen klatschnaß, doch wohlbehalten in Hessen an.
Studentin Susanne sollte folgen. So exakt wie möglich gab der Freund die Stelle des Gullys durch, dessen Deckel die beiden Soldaten von unten geschlossen hatten.
Ohne Fahrzeug war das Sperrgebiet kaum zu erreichen, weshalb sich die Architekturstudentin einem befreundeten Ehepaar mit Wartburg anvertraute, von dem sie wußte, daß es wie sie keinen Bock mehr auf den Zwangsstaat hatte.
Die kleine Berliner Truppe machte sich also nach Thüringen auf - im Gepäck Gummistiefel und schwarze Klamotten, Taschenlampe, Kompaß, Seitenschneider und Seil. Im Fond des Wartburgs der 8-jährige Sohn des Ehepaares, den man mit dem Versprechen bei Laune hielt, es winke ein geheimes nächtliches Abenteuer.
Weit nach Mitternacht durchfuhr der Wartburg das Dörfchen Großburschla, das in scheinbar tiefem Schlafe lag. Die Flüchtlinge parkten das Auto im Dickicht des Sperrgebietes und krochen mit Kind und Kompaß los - über gefrorene Äcker und Gras, dann lief man schweigend am Rand eines Wäldchens entlang, die Erwachsenen lauschten nach dem unterirdischen Rauschen des Flusses...
Sie fanden den Gullydeckel nicht, zumindest nicht auf Anhieb. Das Kind war müde, die Lust am Abenteuer verflogen. Hatten sie die Orientierung verloren? Einen Grenzturm oder Stacheldrahtzaun könnte man unter Umständen nachts ausmachen, doch einen Gullydeckel... irgendwo im Gras?
Sie krochen zum Auto zurück und nahmen die Fährte erneut auf, nun etwas nördlicher. Um des Kindes willen würde es der letzte Versuch sein: Sollten sie auch diesmal nicht fündig werden, würden sie zurück fahren, sich für einen Tag in Eisenach einquartieren und es in der kommenden Nacht wieder versuchen.
Erneut am Wäldchen angelangt, hörten sie plötzlich hinter sich Fahrzeug-Geräusche, dann Stimmen und Hundegebell. Über den Acker schoß Scheinwerferlicht...
Einwohner des Dorfes hatten die Grenzorgane benachrichtigt.
Diese Geschichte ist später oft durch mich hindurch gegangen. Den Moment des Erstarrens bei aufkommendem Hundegebell, das Klicken von Handschellen, die ersten Fingerabdrücke...das alles kannte ich ja von meinem eigenen gescheiterten Fluchtversuch. Es waren die Dorfbewohner, die mich beschäftigten - immerhin waren gleich zwei nächtliche Anrufe bei den Grenztruppen eingegangen. So leise der Wartburg auch durchs Dorf gerollt war, gleich zweimal war er erlauscht, das fremde Kennzeichen hinter nächtlichen Gardinen erspäht worden... Ich stellte mir vor, wie eifrige Genossen aus dem Bett springen, im Dunklen erst zum Fenster, dann zum Telephon eilen, um Menschen ins Unglück zu stürzen, deren ganze Kriminalität darin bestand, das DDR- Kollektiv verlassen zu wollen. Wie sie zufrieden einschliefen, für den kommenden Tag ein Lob erwartend...
Wie viele Denunziationen mit Haft- oder gar Todesfolge sind lastend in das vereinte Deutschland eingegangen?
Ich erinnere diese Geschichte, weil ich unsere Brüder und Schwestern von Jenseits der Grenze bitten möchte, sich etwas in Geduld zu üben - auch zwölf Jahre nach der Vereinigung gibt es noch immer Themen, die vor allem die Gemüter von uns Ostlern erhitzen.
Brauchen wir noch das Wissen um unsere Vergangenheit?
Nur jede dritte Universität in Deutschland, so habe ich gelesen, befaßt sich heute noch mit DDR-Geschichte. Ich halte das für verhängnisvoll. Um nach vorn schauen zu können, brauchen wir auch die Erinnerung. Und besonders jenen fehlt Zuversicht und Kraft für unsere gemeinsame Zukunft, die erlittenes Unrecht wie Blei mit sich herumschleppen.
In der Thüringer Landesvertretung Berlin, einer wirklich würdigen Vertretung Ihres Freistaates, wurde kürzlich das Buch „Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 - 1990“ des in der DDR geborenen Journalisten Roman Grafe vorgestellt. Eine beeindruckende und auch erschütternde Lektüre: Für den Umkreis eines einzigen Ortes - der thüringischen Kleinstadt Probstzella - wurden die Fluchtversuche vierer Jahrzehnte zusammengetragen, die gelungenen und auch die mißglückten. Rechnet man die damit verbundenen Einzelschicksale und Familientragödien auf 1400 km Mauer und Stacheldraht hoch, dann läßt sich die Dimension des Leids an der deutsch-deutschen Grenze erahnen. Sonneberg ist ein Teil dieser Geschichte.
Ich bin heute zum dritten Mal in der Stadt. Das erste Mal rückten wir hier als Gruppe eines Kinderferienlagers ein, und die Erinnerung daran fällt rundum rosig aus: Zunächst schauten wir einem Glasbläser bei der Arbeit zu, danach kramten wir unser Taschengeld zusammen, um Bockwurst und Waldmeisterbrause zu kaufen und schließlich tauchten wir in die bunte Märchenwelt des Spielzeugmuseums ein. Wir waren fasziniert. Daß gleich hinter der Stadt mit dem fröhlichen Namen eine Grenze verläuft, wußten wir damals nicht... es hätte uns wohl als Kinder auch nicht interessiert.
In den frühen 90-er Jahren war ich wieder da. Diesmal sprach ich an einem Sonneberger Gymnasium mit Schülern über die untergegangene DDR und ihre persönlichen Befindlichkeiten.
Dieser zweite Besuch verlief schon nicht mehr so rundum harmonisch: Nicht wenige Schüler trauerten dem Staat ihrer Eltern nach, Flüchtlingsschicksale waren so gut wie unbekannt, auch erinnere ich mich, daß das Gros der Lehrer von meinem kritischen DDR-Bild nicht eben begeistert war.
Ich würde das Gespräch gern wieder aufnehmen, auch, um die Verhaltensweisen aufzugreifen, die zukunftsweisend für junge Leute sein können. Denn es gab ja nicht nur lauschende und meldende Zeitgenossen im Grenzgebiet:
Die 1952 unter der Parole „Ungeziefer“ einsetzenden Zwangsumsiedelungen beispielsweise lösten zum Teil eine beeindruckende Solidarität mit denen aus, die es traf: Barrikaden wurden errichtet, bereits mit Hausrat beladene Lastwagen kurzerhand wieder entladen. In einem Dorf gab es einen kleinen Volksaufstand - er wurde mit Hilfe der Sowjets niedergeschlagen und zog für einige hohe Zuchthausstrafen nach sich...
Müssen wir uns unserer Geschichte schämen?
Ich denke: Nicht, wenn wir uns ihr unverfälscht nähern.
Klaus von Dohnanyi beklagte kürzlich während einer Gedenkfeier zum Widerstand im „Dritten Reich“ eine verhängnisvolle Verschiebung von Wahrnehmungen: Während Nazi-Größen und ihre Verbrechen heute bereits ganze Bibliotheken füllen, sind die vielen Deutschen, die dem Regime damals widerstanden haben, kaum noch in Erinnerung.
Wir sollten diesen Fehler nicht wiederholen, um unserer Kinder willen. Denn die brauchen Vorbilder, um Glaubwürdigkeit, Mut und Zivilcourage zu entwickeln.
Nicht jedem ist es gegeben, sich furchtlos gegen die Staatsmacht zu stellen, zumal in einer Diktatur. Und so haben wohl viele Grenzbewohner in ihren Häusern gesessen und gebetet, sie mögen verschont bleiben. Doch auch, es möge den Nachbarn nicht allzu schlecht ergehen. Die meisten DDR-Bürger waren anständig genug, aus der Not anderer keinen persönlichen Vorteil zu ziehen, auch davon können wir Schülern erzählen.
Deutsche Einheit, das heißt für mich: Die Neugier aufeinander nicht zu verlieren, Geschichte gemeinsam zu erkunden, einander zuzuhören, unter Umständen miteinander zu leben. Einen Ort gibt es in Thüringen, der mich immer wieder fasziniert, weil sich dort etwas vollzieht, was ich für zukunftstauglich halte - ich spreche von Volkenroda, einem ehemaligen Zisterzienser-Kloster, nicht weit von Mühlhausen entfernt. Hier hielt, zunächst argwöhnisch beäugt, nach der Wende eine Gemeinschaft aus dem Hessischen Einzug, wie sie kontrastreicher zum preußisch gedrillten und säkularisierten DDR-Volk nicht hätte ausfallen können - die
Jesus-Bruderschaft. Schon der Name roch nach Frömmelei und Leid am Leben, und frauenfreundlich klang das auch nicht gerade.
Die ökumenische Christen- Gemeinschaft, die Einzelne und Familien umfaßt, fiel völlig aus der Norm. Doch schon bald waren die Ressentiments verschwunden: Die Zugereisten praktizierten eine Kultur der Einfachheit, des verantwortlichen Umgangs des Menschen mit der Natur, sie bauten das zerstörte Kloster wieder auf und banden bei all ihren Projekten die Dorfbewohner mit ein. Aus dem öden und halb verwilderten Ort wurde ein europäisches Jugendbegegnungszentrum. Inzwischen zieht der hinzu gekommene Christus-Pavillon ganze Reisebusse an, haben auch Kunst und Kultur Einzug gehalten. Ich habe beobachtet, daß sich selbst Schüler dort sehr entspannt bewegen, Schüler aus Ost und West.
Immer, wenn ich Volkenroda verlasse, denke ich: Auf diesem Ort liegt ein Segen. Das hat vor allem mit der Glaubwürdigkeit seiner Bewohner zu tun. Wenige Gemeinschaften sind mir begegnet, die auf so stimmige Art Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft versöhnen: Ob avantgardistische Akkordeon-Klänge oder Franz Schubert, Gottesdienste oder Schüler-Seminare über die Punk-und Rock - Szene der DDR - Volkenroda bietet Geborgenheit, ein Miteinander unabhängig der regionalen Herkunft, ein Miteinander von Mensch und Natur.
So idyllisch geht es allerdings nur selten zu zwischen Ost und West.
Schauen wir, liebe Freunde der deutschen Einheit, noch einmal zurück: Wie ist es uns miteinander ergangen, die wir seit zwölf Jahren an einem Tisch sitzen?
Zunächst wirkte das wiedervereinigte Land einfach zukunftstrunken. In Erinnerung sind jedem von uns die Bilder der über die Grenze schwappenden Euphorie im Jahr 1990, der Scharen von Menschen, die gen Westen strömten...
Der Strom schwoll derart an, daß die D-Mark schließlich wie ein Stopp-Schild vor´s Brandenburger Tor gerollt wurde. Dann folgte, nach all den Tränen der Freude und Fassungslosigkeit, den leidenschaftlichen Montagsdemos und Erkundungsfahrten via Westen, der Ausnahmezustand: Die Republik der Trabis und Kittelschürzen stürzte in einen Kaufrausch, bei dem die Freßwelle nahtlos in die Möbel- und PKW-Welle überging. Der Anschluß wurde frei nach Heinrich Heine vollzogen:
Im düsteren Auge keine Träne, wir stehen im Kaufhaus und fletschen die Zähne...Das Glücksgefühl vieler mündete in die schwindelerregende Kreditaufnahme; die Begeisterung ob der liebevoll aufgemachten Postwurfsendung, auf der sogar der eigene Name prangte, war so groß wie die Arglosigkeit, mit der so mancher sich windige Versicherungen aufschwatzen ließ. Die Reisebüros verzeichneten Rekordumsätze.
Kein Rausch hält ewig. Die Katerstimmung setzte ein, als das Ausmaß, in dem Arbeitsplätze wegbrachen, die Mehrheit ostdeutscher Familien erreicht hatte. Feste Bezugskreise rissen plötzlich auseinander, weil Freunde und Bekannte auf der Suche nach neuer Arbeit die Stadt verließen. Ein Existenzkampf setzte ein, auf den niemand vorbereitet war; der auf die Familien drückte und sowohl die Scheidungs- als auch die Abtreibungsquote in die Höhe schnellen ließ. Erst jetzt spürten wohl viele, daß nicht nur der historische, sondern auch der existentielle Einschnitt ein gewaltigerer war, als in der Euphorie vorausgesehen. All das Bekannte und Gewohnte war plötzlich außer Kraft gesetzt; der Teppich unter den Füßen begann zu rutschen - es mag ein schäbiger gewesen sein, doch hatte man immerhin mit beiden Beinen drauf gestanden. Erste depressive Stimmungen machten sich breit und die Angst, den Anforderungen der neuen Gesellschaft nicht gewachsen zu sein. Dabei wollten die meisten endlich ankommen und ihren Platz finden - aber wo? Und vor allem wie?
Allein die Terminologie der neuen Welt war eine fremde. Und empfand man schon die DDR-Bürokratie als ätzend, so hatte man sich nun durch einen bürokratischen Wust zu ackern, der den Verdacht nährte, eine riesige Beamtenschar müsse sich täglich was Neues ausdenken, um ihre Unersetzbarkeit nachzuweisen. Die Leute rannten auf Ämter, wo niemand durchblickte; Seelsorger wurden rar, weil viele von ihnen ihr Herz für die Politik entdeckt hatten. Ein Beratungsnetz aber für die vielen, einander überlagernden psychischen und sozialen Probleme gab es schon zu DDR-Zeiten nicht - in einem Land, in dem es psychische und soziale Probleme nicht geben durfte. Wofür es in westlichen Bundesländern seit langem ein breitgefächertes Netz von Beratungs-und Anlaufstellen gibt, das war im Osten am Ende so extrem ausgedünnt, daß die meisten Bürger mit ihren Fragen, Irritationen und psychischen Berg-und Talfahrten allein zurande kommen mußten.
Der Aufbruch in die neue Gesellschaft war ja ein doppelter: Die DDR wurde 1990 nicht in eine Bundesrepublik der florierenden Prosperität integriert, wie sie die 70-er und 80-er Jahre beherrschte, mit kontinuierlichem Wachstum, breitem gesellschaftlichen Wohlstand und einer vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenquote; die DDR stieß zu einem Zeitpunkt dazu, der zugleich Beginn eines großen technologischen und strukturellen Umbruchs in Westeuropa war - ein Prozeß, der Deutschland auch heute noch in Atem hält. Beide Teile Deutschlands waren davon betroffen.
Ausgerechnet dieser Prozeß aber, der ein Umdenken in völlig neue Arbeitszusammenhänge erfordert, überlagerte nun jenen historischen Vorgang, den ich
Aufbruch in die Demokratie nenne - dem waren ausschließlich die östlichen Bundesländer ausgesetzt.
Für den Osten war es also ein doppelter Aufbruch. Den einigermaßen bewältigt zu haben, halte ich für eine große Leistung. Und: Er wäre ohne die enorme Hilfe aus dem Westen nicht zu schaffen gewesen.
Ich glaube, die Menschen im Osten wurden damals stärker aus der Bahn geschleudert, als wir uns dessen bewußt sind.
Vielleicht erklärt das, wieso die Stimmung plötzlich derart zu kippen begann, daß Manager-Seminare für deutsch-deutsche Umgangsformen eingeführt werden mußten. Keine Frage, windige Beutelschneider und Konjunkturritter aus dem Franken- oder Odenwald hatten das Chaos des Umbruchs genutzt, um Ostler übers Ohr zu hauen. Das allein erklärt nicht den zunehmend verengten Blick. Die Aversion gegenüber allem, was ´von drüben´ kam, nahm irgendwann derart überhand, daß beispielsweise die Wirtschaftskriminalität der PDS völlig aus den Köpfen geriet: Die hatte sich in der Umbruchzeit mittels Geldwäsche und einem massenhaften Verwandeln von Volkseigentum in private GmbHs die eigenen Taschen gefüllt. Begleitet von einem Satz, der jeden Westler zum Verstummen zwang und der schon bald zwischen Ostsee und Thüringer Wald im Volkschor gesungen wurde, der Satz:
Sie können nicht mitreden, Sie haben hier nicht gelebt!´Die Verteilung der Charakterzüge war klar: Hier Bescheidenheit und solidarisches Miteinander, dort Raffgier und menschliche Kälte. Nur Vater-Figuren wie Bernhard Vogel oder Roman Herzog blieben verschont. Wurde der Ex-DDR-ler gefragt:
„Wo geht´s denn hier zum Aufschwung Ost?“, antwortete er:
„Da drüben - immer den Bach runter!...“ Nein, einfach hatten wir es miteinander nicht. Die Frage war: Wie kommt man ins Gespräch auf gleicher Augenhöhe?
Zu lange schon lagen die gebeutelten Ostler auf der Analyse-Couch. Gleich spartenweise hatte man sich über das Beitrittsgebiet hergemacht...um herauszufinden, daß der Osten anders tickt: Daß hier langsamer gesprochen, früher ins Bett gegangen und zwei Jährchen früher gestorben wird... man aber zum Ausgleich hier mehr Sex hat als bei den Brüdern und Schwestern im Hochglanzgebiet.
Wie Letzteres nachgeprüft wurde, entzieht sich meiner Kenntnis - auch wage ich zu bezweifeln, daß hier langsamer gesprochen wird.
Die Lust aufeinander vollzog sich jedenfalls bald nur noch unter dem großen Einheitsteppich: Als manche in Ost und West das große Ja-Wort schon wieder rückgängig machen wollten, stieg die Zahl der zwischendeutschen Eheschließungen.
Es gab sichtbare wirtschaftliche Erfolge und ein paar Episoden zum Streicheln der Ost-Seele: Als das ehemalige DDR-Kombinat „Rotkäppchen“ den hessischen Mumm-Sekt schluckte, kam zwischen Oder und Elbe Jubel auf... dem ich mich, ich gestehe es, anschloß. Und daß Thüringen bei der letzten Winterolympiade de facto Platz 4 belegte, war Balsam wohl für alle Ostler.
Und heute - im Herbst 2002 ?
Wir haben uns aneinander gewöhnt. Mehr noch: Die Fähigkeit hat zugenommen, einander individuell zu beurteilen statt nach der Herkunft. Manchmal kommt sogar schon so etwas wie Zuneigung auf: Zwischen all dem Schutt und Geröll, welches das Hochwasser kürzlich vom Osten mit in den Westen riß, konnte, wer wollte, ein Staunen ausmachen und eine unsichtbare Flaschenpost mit einem großen
Danke!´Thüringen...´ so triumphierte 1990 ein strikter Einheitsgegner,
´ ...hat Napoleon überstanden, Luther und den Schwedenkönig. Wir werden auch die BRD-ler ziehen sehen.´. Bleibt zu hoffen, der Mann konnte sich inzwischen mit seinem Irrtum versöhnen.
Meine Damen und Herren, liebe Einheitsfreunde, ich bin zuversichtlich. Zwar drücken noch immer ökonomische Probleme, doch wird an der Grenze heute nicht mehr geschossen, sondern zur Arbeit gependelt - die einst bedrückende Nähe erweist sich inzwischen als Standortvorteil.
Thüringen liegt in der Mitte Europas. Und es hat nicht nur eine herrliche Landschaft und die mit Abstand schmackhaftesten Klöße. Thüringen hat auch einen außergewöhnlichen Pioniergeist...was sich schon daran zeigt, daß Sie mir die Festrede anvertraut haben -
mir, einer gebürtigen Sächsin!
Dafür danke ich Ihnen.