
Springen Sie direkt zu einem der folgenden Seitenbereiche:
Das Buch, das ich hier in Händen halte, hat ein Jurist in Rimini, Sebastiano Vantius, später Bischof in Orvieto geschrieben. Sein Werk "Tractatus de Nullitatibus Processuum ac Sententiarum" übersetzt: Abhandlung über die Nichtigkeit von Prozesshandlungen und Entscheidungen hat seit 1550 viele Auflagen erfahren. Unser Exemplar aus dem Jahre 1604 dürfte ein Unikat sein. Es stammt aus der Historischen Bibliothek des Oberlandesgerichts. Auf der Innenseite des Buchdeckels ist ein Etikett aus dem Jahr 2008 aufgeklebt mit der Inschrift: Dieser Band wurde mit Mitteln restauriert, die Frau RinOLG Jutta Zimmermann-Spring zur Verfügung gestellt hat. Viele haben sich schon für unseren Förderverein engagiert, vor allem durch den Beitritt und den Mitgliedsbeitrag. Das hat auch Frau Zimmermann-Spring getan. Sie gehört aber zu den ganz wenigen Privatpersonen, die auch eine Buchpatenschaft übernommen haben. Und deswegen stehe ich hier auch als Vertreter des Vereins, betraure den Verlust eines großzügigen Mitglieds und lege einen letzten Gruß des Vereins an Ihr Grab.
Seitdem ich fassungslos und bestürzt vom Tode unserer Kollegin Jutta Zimmermann-Spring erfahren habe, drängt sich mir immer wieder die Frage auf, die man eben als Richter auch außerhalb seines Berufs häufig stellt: Ist das denn gerecht? Kann es Gerechtigkeit sein, wenn eine gerade mal 51jährige Kollegin sterben muss? Eine Kollegin, die wir alle gemocht und geschätzt haben? Die so sehr in ihrem Beruf aufging, dass es eine wahre Freude war zuzusehen?
Sie hatte sich – mit besten Verstandesgaben gesegnet – höchste juristische Fähigkeiten angeeignet und setzte diese mit voller Kraft für die Justiz ein. Für ihren Beruf, ihren geliebten Richterberuf, für den sie sich schon im Alter von etwa 15 Jahren entschieden hatte. Trotz eindringlicher Ratschläge ihres Vaters. Dieser, selbst ehemaliger Richter am Oberlandesgericht, und mithin aus Erfahrung sprechend, riet ihr immer wieder ab: "Kind, willst Du Dir das wirklich antun?" Aber das konnte sie nicht davon abhalten, die Richterlaufbahn einzuschlagen, obwohl ihr mit ihren ausgezeichneten Examensnoten auch andere lukrativere Berufsfelder weit offen gestanden hätten. Aber gerade als Richterin konnte sie ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit am ehesten erfüllen.
Sie war für neue Ideen zu begeistern und setzte sich bei der Verwirklichung dieser Ideen tatkräftig ein. Beispiel: Güterichter. Unsere Dame von der Geschäftsstelle der Güterichter hat mir auf den Weg gegeben, dass sich viele Parteien positiv und dankbar über Frau Zimmermann-Spring und ihre einfühlsame Mediation geäußert hätten.
Wir konnten uns auf sie verlassen; ihre Hilfsbereitschaft, die stets von Herzen kam, konnte man jederzeit abrufen. Sie hatte für jeden ein Lächeln und begegnete uns mit Wärme und Freundlichkeit.
Kann es gerecht sein, wenn ein für uns so wertvoller Mitmensch, der sich trotz höchsten Einsatzes im Beruf auch noch umfangreich gesellschaftlich und ehrenamtlich einbringt, für immer gehen muss – nach unserem Dafürhalten weit vor der Zeit.
Ich kann die Frage nicht beantworten. Das Herz oder vielleicht das kleine Kind in uns wirft lautstark ein, dass der zu frühe Tod unserer Kollegin zutiefst ungerecht ist und ich denke, viele Herzen oder kleine Kinder in uns werden dem folgen. Aber der Verstand hat keine Antwort. Und wir werden eine solche Antwort auch nicht bekommen. Wir haben keine zweite Instanz, vor die wir mit unserem verletzten Gerechtigkeitsgefühl treten können. Wir müssen vielmehr einsehen, dass sich die Frage nach der Gerechtigkeit hier gar nicht stellt und dass der Schmerz über den Verlust unserer Kollegin, für die die Gerechtigkeit ein so hoher Wert war, nicht zum Zorn führen darf, sondern zur Traurigkeit. Wir wollen dankbar sein, dass sie bei und mit uns war. Dass sie uns mit ihrer ansteckenden Heiterkeit, ihrem Interesse für alles, ihrer Leidenschaft für den Beruf, und ihrem überbordenden Altruismus ein Vorbild war. Wir verneigen uns vor der Verstorbenen und wünschen ihrer Familie vor allem aber ihrem lieben Gatten die Kraft, die erforderlich ist, diese dunkle Zeit zu bestehen.