Thüringen und das Mikroelektronikprogramm der DDR" />

(Beitrag aus der Reihe Thüringen Blätter zur Landeskunde - Informationen über die Geschichte Thüringens, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen)
Am 12. September 1988 übergab der Generaldirektor des VEB Kombinat "Carl Zeiss Jena" dem Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, ein erstes Funktionsmuster eines von Zeiss produzierten 1-Megabit-Speicherschaltkreises. Und kaum ein Jahr später, am 14. August 1989, traf Honecker mit Werktätigen des VEB Kombinat Mikroelektronik "Karl Marx" Erfurt zusammen, wo ihm ein erstes funktionsfähiges Muster eines in der DDR hergestellten 32-Bit-Mikroprozessors überreicht wurde. Hierbei prägte er den schon legendären Ausspruch: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Derartige Propagandaaktionen bewiesen augenfällig, dass die Südbezirke Erfurt, Gera und Suhl Ende der achziger Jahre das Zentrum der Mikroelektronikindustrie der DDR, ja des gesamten RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe) waren.
Diese beiden Ereignisse bildeten den Höhepunkt einer Entwicklung, die Mitte der siebziger Jahre begann. Damals erkannte die Führung der SED die grundlegende Bedeutung der Mikroelektronik für die weitere Entwicklung der Industrie-gesellschaft. In einem bis dahin für die Volkswirtschaft der DDR beispiellosen Kraftakt sollten die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl zu einem Zentrum der Hochtechnologie entwickelt werden. Von 1986 bis 1990 wurden für die Entwicklung, Produktion und Anwendung elektronischer Bauelemente in der DDR rund 14,2 Milliarden Mark sowie 15,6 Milliarden Mark für Investitionen aufgewendet. Das entsprach durchschnittlich jährlich 7% der für die Industrie zur Verfügung stehenden Mittel. Ein Großteil davon floss nach Thüringen.
Die Basis des neuen Industriezweiges waren traditionsreiche thüringische Industrien wie die Glasindustrie und die feinmechanische Industrie. Beispielsweise entwickelte sich aus der Neuhäuser Glasindustrie heraus die Produktion von Gasentladungsröhren später von Radioröhren, dann von Transistoren. Rheinmetall Sömmerda, in den dreißiger Jahren das größte Büromaschinenwerk Europas, wandelte sich zum Hersteller von Personalcomputern (PC) und Druckern. Die technische Kompetenz der Jenaer Zeisswerke in der Präzisionsoptik war die Grundlage für die Produktion von Spezialausrüstungen zur Herstellung mikroelektronischer Bauelemente im Kombinat Carl Zeiss.
Der Mikroelektronikbeschluss
Gegen Ende der 70er Jahre sank die internationale Wettbewerbsfähigkeit vieler Exportprodukte der DDR dramatisch ab. Eine Hauptursache dafür war der technologische Rückstand in der Mikroelektronikindustrie. Insbesondere bei Exporten des DDR-Maschinenbaus und der feinmechanisch-optischen Industrie in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) machten sich fehlende oder veraltete elektronische Komponenten negativ bemerkbar. Zudem passte die Mikroelektronik in das Konzept der Lohnveredelung. Die Erdölpreisschocks von 1973 und 1979 führten auch den Verantwortlichen in der DDR vor Augen, dass ein rohstoffarmes Industrieland auf den Weltmärkten nur mit technisch hochwertigen Produkten Bestand haben kann.
Am 23. und 24. Juni 1977 fasste das ZK der SED den Beschluss "Zur weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED auf dem Gebiet der Elektrotechnik und Elektronik". Die Entwicklung und der Einsatz der Mikroelektronik, insbesondere in der Automatisierungs- und Rechentechnik, wurde als zentrale volkswirtschaftliche Aufgabe herausgestellt. Ein wichtiges Resultat dieses Beschlusses war die 1978 erfolgte Gründung des Kombinates Mikroelektronik Erfurt. Zusammen mit den Kombinaten Robotron und Zeiss bildete das Kombinat Mikroelektronik die industrielle Basis des Elektronik-Hochtechnologieprogramms der DDR.
Auf das sich rasant beschleunigende internationale Entwicklungstempo der Mikroelektronik und die unzureichende Realisierung des Mikroelektronikbeschlusses von 1977 reagierte das Politbüro des ZK der SED mit dem "Beschluss über die langfristige Konzeption zur beschleunigten Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik in der Volkswirtschaft der DDR" vom 26. Juni 1979. Das erneute Bekenntnis zur Mikroelektronik schlug sich auch in einer Verschiebung der Investitionsstruktur in der Volkswirtschaft der DDR nieder. Betrug der Anteil des Ministeriumsbereiches Elektronik/Elektrotechnik an den Gesamtinvestitionen der Industrie 1977 6,2%, so waren es 1979 bereits 7,4%. Während im Funkwerk Erfurt, dem Stammbetrieb des Kombinats Mikroelektronik, im Jahr 1977 31,8 Mio. Mark investiert wurden, waren es 1978 schon 55,8 Mio., 1979 71 Mio. und 1980 101,4 Mio. Mark. 1981 begann der Aufbau eines neuen Mikroelektronikwerkes in Erfurt-Südost, welches ab 1983 schrittweise in Betrieb genommen wurde. Der dafür notwendige Investitionsaufwand lag in der Größenordnung von einer halben Milliarde Mark.
Die Forcierung der Mikroelektronik in Produktion und Anwendung hatte weit reichende Auswirkungen über den eigentlichen Industriebereich hinaus. So erhielt beispielsweise die Fabrikation von Kieselglasrohren zur Herstellung von mikroelektronischen Halbleitersubstanzen innerhalb des Kombinates Technisches Glas Ilmenau absolute Priorität. Mit der ab 1980 erfolgten Produktion des Uhrenschaltkreises U 114 begann für die traditionsreiche thüringische Uhrenindustrie um Ruhla ein neues technologisches Zeitalter. Uhren waren die ersten Konsumgüter der DDR, die mit mikroelektronischen Schaltkreisen ausgestattet wurden. Einen technologischen und wirtschaftlichen Höhepunkt der Anwendung der Mikroelektronik bei der Konsumgüterproduktion in der DDR sollte der allerdings nicht mehr realisierte Plan der Herstellung von Videorecordern und Camcordern in den Kombinaten Zeiss Jena und Mikroelektronik Erfurt ab 1991 bilden. Der verstärkte Auf- und Ausbau von Produktionskapazitäten bedingte auch die Notwendigkeit der Qualifizierung auf allen Bildungsebenen. Für den Beruf des Elekrtronikfacharbeiters wurden mit der Spezialisierungsrichtung Halbleiter-Mikroelektronik in Erfurt und Quarzuhrfertigung in Ruhla neue Berufsbilder geprägt.
Bis zu Anfang der 80er Jahre gelang es der DDR, trotz vieler Einschränkungen und Mängel, den technologischen Abstand zur Weltspitze der Mikroelektronik nicht merklich größer werden zu lassen. Obwohl im Jahr 1981 die japanische Monatsproduktion von 64-Kilobit Speicherchips der 56-fachen DDR-Jahresproduktion an allen Typen von Speicherchips entsprach, war die institutionelle, industrielle und personelle Basis für eine Mikroelektronikindustrie in der DDR gelegt.
Der Nato-Doppelbeschluss von Dezember 1979, der die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Europa vorsah sowie das Anfang 1983 vom US-Präsidenten Ronald Reagan verkündete SDI-Projekt (Strategic Defense Initiative; in die Zeitgeschichte als "Krieg der Sterne" eingegangen) läuteten eine neue Runde im Rüstungswettlauf zwischen NATO und Warschauer Pakt ein. Das Resultat für die Mikroelektronikindustrie der DDR war die Konzentration der Kräfte auf die Militärelektronik. Im Mittelpunkt dieser Neuausrichtung stand das Kombinat Carl Zeiss Jena. Mit dem Politbürobeschluss vom 24. Mai 1983 zur Entwicklungskonzeption des Forschungs-, Produktions-, und Exportprofils des Kombinates Carl Zeiss Jena startete die DDR ein ehrgeiziges Innovationsprojekt. Der Anteil militärischer Produktion an der industriellen Warenproduktion des Kombinates Carl Zeiss Jena sollte von 15,7% im Jahr 1983 auf 28 % im Jahr 1990 gesteigert werden, während die Steigerung der Gerätefertigung für die Mikroelektronik nur unterproportional wachsen sollte. Kernvorhaben waren die Entwicklung und Produktion eines Zielsuchkopfes für Luft-Luft-Raketen, eines optoelektronischen Zielsuchkopfes für Seezielraketen und eines Systems zur Fernerkundung der Erde für den Krieg im Weltraum. Die "Militarisierung" der Mikroelektronik betraf nicht nur Zeiss, sondern den ganzen Industriebereich. Für den Zeitraum 1986 bis 1990 war eine Steigerung des militärischen Exportes, vorwiegend in die Sowjetunion, gegenüber 1981/85 auf 275% vorgesehen. Obwohl auch technologische Synergieeffekte zu Zivilprojekten bestanden, ist davon auszugehen, dass auf Grund der einseitigen Ausrichtung auf die Militärelektronik die beschränkten Kapazitäten der Wirtschaft der DDR nicht mehr dazu ausreichten den zivilen Bedarf vollständig abzudecken. Im RGW-Vergleich nahm die "Mikroelektronik made in GDR" (GDR - German Democratic Republik), abgesehen von der sowjetischen Rüstungsindustrie, den wissenschaftlich-technologischen Spitzenplatz ein.
"Projekt Mikron"
Am 11. Februar 1986 befasste sich das Politbüro der SED wiederum mit der Mikroelektronikindustrie. Der hier gefasste Beschluss über die weitere Entwicklung der Mikroelektronik in den Kombinaten Carl Zeiss Jena und Mikroelektronik Erfurt konkretisierte sich im "Projekt Mikron". Das vom Generaldirektor des VEB Carl Zeiss Jena , Wolfgang Biermann, erarbeitete Projekt umfasste alle Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zur Beherrschung des Technologieniveaus 5 bis zum Prototypschaltkreis. Mit dem Technologieniveau 5 werden hochintegrierte Schaltkreise bei minimalen Strukturabmessungen von 1 - 1,2 µm hergestellt. Die Planung sah vor, einen 1 Megabit-DRAM Speicherchip zu entwickeln und herzustellen. Danach sollten weitere Schaltkreise dieses Technologieniveaus, wie Mikroprozessoren für 32-Bit Rechner folgen. Der Aufwand zur Entwicklung und Produktionsvorbereitung war mit Investitionen in Höhe von rund 1,5 Milliarden M kalkuliert. Nach Beginn der Pilotproduktion im September 1990 sollte dann in einer neugebauten Chipfabrik in Erfurt-Südost die Massenproduktion anlaufen.
Wie 1983 gaben die Auswirkungen der Weltpolitik im Jahr 1986/87 der Mikroelektronikindustrie der DDR wiederum eine entscheidende Wende. Mit der Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU am 11. März 1985 wandelte sich die Politik der UdSSR. Damit änderten sich auch für die DDR die wirtschaftlichen Konstellationen. Schlagartig hatte die Rüstungsindustrie der DDR durch die weltpolitische Entspannung ihren mit Abstand größten Abnehmer, die Sowjetunion, verloren. Die Zeiten, in denen der "große Bruder" nahezu alle Produkte der Volkswirtschaft der DDR ohne Rücksicht auf die Weltmarktlage abnahm und billige Rohstoffe lieferte, waren vorbei.
Der Politbürobeschluss vom 11. Februar 1986 gab die weiter forcierte Entwicklung der Mikroelektronik als neue Hauptlinie der Wirtschaftsentwicklung der DDR vor. Mitte 1986 ließ der Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann auf persönliche Weisung Honeckers eine Konzeption zur faktischen Einstellung der Militärprojekte bei Zeiss erarbeiten. Alle freiwerdenden Kapazitäten sollten zur Produktion von technischen Spezialausrüstungen für die Mikroelektronik-industrie eingesetzt werden. Langfristiges Ziel war es, bis 1994 erste eigene Ausrüstungen für die Serienproduktion des 1-Megabit-Speicherchips zur Verfügung zu stellen und den NSW-Importanteil von Elektronikmaschinen bis 1995 auf 40% (1986 70%) zu senken. Darüber hinaus sollte die technologische Abhängigkeit von der Sowjetunion entscheidend reduziert werden. Von der forcierten "Mikroelektronisierung" der Volkswirtschaft versprach man sich zudem eine Steigerung der Exportkraft der DDR.
Die Konsequenz, mit der das Mikroelektronikprogramm angegangen wurde, verdeutlichen die investierten Mittel. Allein in das Kombinat Carl Zeiss flossen beispielsweise in den Jahren 1987 und 1988 jeweils rund 3,5% der gesamten Nettoinvestitionen der DDR-Industrie, über 900 Mio. M pro Jahr. Das Kernstück der neuen Wirtschaftsstrategie war die massenhafte, weitgehend autarke Produktion von Elektronikmaschinen, Schaltkreisen und Computern. Als Zentren des Elektronikmaschinenbaus waren die Zeissbetriebe in Jena und Gera-Bieblach vorgesehen. Der Elektronikmaschinenbau zur Herstellung von Hybridbauelementen und Ferriten sollte im Kombinat VEB Keramische Werke Hermsdorf an den Standorten Hermsdorf und Engelsdorf konzentriert werden. Schaltkreise sollten im Dresdener Forschungszentrum von Carl Zeiss Jena in Pilotproduktion und dann von den Erfurter Chipfabriken des Kombinates Mikroelektronik in Massenproduktion hergestellt werden. Als Hauptproduzent von Personalcomputern war das Sömmerdaer Büromaschinenwerk des VEB Robotron Dresden ausersehen. In Erfurt und Apolda sollte die Produktion von Plottern ausgebaut werden. Während in Zella-Mehlis ein Werk für die Produktion von Festplatten geplant war, sollte Arnstadt zu einem Zentrum für die Produktion von digitaler Nachrichtentechnik ausgebaut werden.
Das Ende des "Marsches der DDR in die Informationsgesellschaft" lässt sich beispielhaft an der Produktion von 256 kDRAM Speicherschaltkreisen im Dresdener Forschungszentrum Mikroelektronik des Kombinates Carl Zeiss Jena festmachen. Mit erheblichen personellen und finanziellen Aufwand gelang es, eine Pilotproduktion der Speicherchips aufzubauen. Im Juli 1989 kam es zu einer technologisch bedingten Havarie, bei der die Gutausbeute von 6,1% auf unter 1% zurückging. Die Anpassung und technologische Abstimmung der aus dem "kapitalistischen Ausland" beschafften Maschinen an die selbst gefertigte Geräteausstattung und die von der UdSSR bezogenen Komponenten hatte sich als unerwartet schwierig herausgestellt. Alle Produktionspläne waren somit hinfällig und die Überleitung zur Massenproduktion in die Erfurter Chipfabriken war akut gefährdet. Bis zu den "Wirren der Wendezeit" gelang es dann nicht mehr, diesen Rückschlag aufzuholen.
| Internationaler Entwicklungsstand bei DRAM- Speicherchips (DRAM – Dynamic Random Access Memory)1 | ||||
| Typ | DDR- Einführung | Internationale Einführung | ||
| FoMu | LaFe | MaFe2 | MaFe | |
| 64-Kilobit | 1981 | 1986 | 1988 | 1979/80 |
| 256-Kilobit | 1987 | 1988 | 1990 (P)3 | 1983 |
| 1-Megabit | 1988 | 1989 | 1992 (P) | 1986/87 |
| 4-Megabit | 1991 (P) | 1993 (P) | 1994/95 (P) | 1989/90 |
| Preise von DRAM-Speicherchips in der DDR im Jahr 19894 | ||||
| Typ | Herstellungspreis in Mark | Verkaufspreis in Mark | staatliche Subvention/Bauelement im Mark | Weltmarktpreis in Valutamark5 |
| 64-Kilobit | 40,00 | 9,25 | 30,75 | 4,50 |
| 256-Kilobit | 534,00 | 18,50 | 515,006 | 5,00-7,00 |
| 1-Megabit | 1675,00 | 120,00 | 1555,006 | 16,00-18,00 |
1 Quelle: Buthmann, Reinhard: Kadersicherung im VEB Carl Zeiss Jena. Berlin 1997. S. 28.
2 FoMu: Forschungsmuster, LaFe: Laborfertigung, MaFe: Massenfertigung.
3 (P): Plan
4 Quelle: Unternehmensarchiv der Carl-Zeiss-Jena GmbH. Nr. 4828. unpaginiert.
5 Eine Valutamark entsprach im innerdeutschen Handelsverkehr 1 DM.
6 Unter den Bedingungen der Pilotproduktion.
Das MfS und die Mikroelektronik
Das MfS hatte das Mikroelektronikprogramm "politisch-operativ" zu sichern. Dies konkretisierte sich in der Aufklärung gegnerischer Geheimdienste, der inneren Abwehr durch Aufdeckung von Spionage und Sabotage, der Überwachung von Leitungs- Reise- und Auslandskadern, der Information der Partei- und Staatsführung sowie der Wirtschaftsspionage und der Unterlaufung von Embargomaßnahmen. In langfristig orientierten "Sicherungskonzeptionen" wurde die Arbeit des MfS programmatisch definiert.
Das Ministerium für Staatssicherheit hatte entscheidenden Einfluss auf die Personalpolitik im Komplex Mikroelektronikprogramm. Im Rahmen von Sicherheits-überprüfungen, Überwachungen und der "vorgangsmäßigen Bearbeitungen" von Führungskadern in der Forschung und der Produktion fungierte die "Stasi" als politische Polizei in der Wirtschaft. Regelmäßige "Kaderüberprüfungen" fanden vor allem bei der mittleren und höheren Leitungsebene sowie bei den NSW-Reisekadern statt. Allein im Rahmen der Sicherungskonzeption "Präzision" wurden 1076 Zeissianer überprüft. In enger Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Stellen der Kombinate wurden die Untersuchungsergebnisse des MfS in Personalentscheidungen umgesetzt. Oft lautete dann die Schlussfolgerung: Ist aus dem Betrieb herauszulösen.
Der Aufbau einer leistungsfähigen Mikroelektronikindustrie in der DDR wurde von Exportbeschränkungen seitens der westlichen Staaten enorm erschwert. In der so genannten Cocom(Coordinating Commitee for East-West-Trade-Policy)-Liste fanden sich viele Ausrüstungen der Mikroelektronik sowie elektronische Bauelemente, die nicht in sozialistische Länder exportiert werden durften. Die Beschaffung von immateriellen und materiellen Gütern, die teilweise unter strengstem Embargo standen, war die sicherlich anspruchsvollste, spektakulärste und zuletzt mehr und mehr dominierende Aufgabe des MfS. Ohne die "operativ realisierte Unterstützung" der Staatssicherheit wäre das Mikroelektronikprogramm der DDR nicht machbar gewesen. So findet sich in einem streng geheimen internen Bericht des MfS vom Mai 1986 eine Vielzahl von unterstützten Projekten. Für die Produktion von Speicher- und Mikroprozessorchips in der Chipfabrik ESO I des Kombinates Mikroelektronik Erfurt beschaffte die Staatssicherheit die komplette Logik- und Speichertesttechnik. Die Büromaschinenwerker in Sömmerda erhielten Anwendersoftware zum produzierten PC 1715 sowie technische Dokumentationen und neueste Muster zur Produktion von Druckern. Für das Kombinat Carl Zeiss Jena wurde die erste komplette Ingenieursarbeitsstation der DDR und Entwurfssoftware für höchstintegrierte Schaltkreise "konspirativ beschafft". Zur Absicherung der 50 bis 60 Hauptbeschaffungslinien (Handelswege) arbeitete das MfS sogar mit Profis des internationalen Waffenhandels zusammen. Mit Hilfe zahlreicher Tarnfirmen wurde die Spur der Embargogüter zusätzlich verschleiert. Insgesamt ist festzustellen, dass die DDR den technologischen und wirtschaftlichen Wettlauf auf dem Gebiet der Mikroelektronik nicht gewinnen konnte. Einerseits überstiegen die notwendigen Investitionen zunehmend das wirtschaftliche Potenzial der DDR, andererseits war die staatlich gelenkte Wirtschaft zu langsam und zu ineffektiv, um ausreichend schnelle Produktzyklen zu gewährleisten. Ein wichtiger Aspekt war auch die ungenügende Einbindung der Mikroelektronikindustrie der DDR in die internationale Arbeitsteilung. Die Eigenproduktion mikroelektronischer Bauelemente lag 1989 bei rund 70% (BRD rund 40%). Nahezu das gesamte Erzeugnisspektrum musste in der DDR selbst produziert werden. Die anderen RGW-Länder konnten keine, kapitalistische Unternehmen durften keine Bauelemente liefern. Dieser hohe Grad der Bedarfsdeckung aus Eigenproduktion mit geringen Stückzahlen führte zu aberwitzigen Fertigungskosten wie aus der obigen Tabelle zu entnehmen ist.
All das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die 90.000 Beschäftigten in der Mikroelektronikindustrie der DDR, davon rund 50.000 in Thüringen, mit zum Teil hohem persönlichen Einsatz unter den gegebenen Bedingungen herausragende Leistungen vollbrachten.
Andre Beyermann