
Den olympischen Zweierbobwettbewerb von Vancouver hatten sich viele Sportfans im Februar mit einem dicken Rotstift in ihren Terminkalender eingetragen. Und das Aufbleiben lohnte sich, zwei Thüringer Bobpiloten sorgten für einen der spektakulärsten deutschen Auftritte bei diesen Olympischen Spielen.
Einer der beiden Olympia-Stars ist Polizeikommissar und gehört zur Sportfördergruppe der Thüringer Polizei: Thomas Florschütz, in Sonneberg geboren und gerade dabei, sowohl beruflich als auch privat wieder ganz nach Thüringen zurückzukehren.
Es war sein 32. Geburtstag, als er es in Vancouver sogar dem großen André Lange im ersten Lauf zeigte, mit 51,57 Sekunden einen neuen Bahnrekord aufstellte und zwei Hundertstel vor dem späteren Olympiasieger lag. Am Ende reichte es für Thomas Florschütz und Bremser Richard Adjei zu Platz 2 hinter Lange. Aber: Diese Silbermedaille ist nicht nur für ihn eine sehr wichtige, sie ist überhaupt die erste olympische Medaille für die seit 2004 am Bildungszentrum bestehende Sportfördergruppe, Beleg für ein erfolgreiches Modell der Thüringer Polizei in Sachen Unterstützung des Spitzensports.
Nach diesem überragenden sportlichen Triumph folgte für Thomas Florschütz eine neue Herausforderung der ganz anderen Art. Mit Anfang 30 muss sich ein Leistungssportler langsam Gedanken über das Danach machen, und so entschloss sich der Olympia-Zweite zu einem sechswöchigen Praktikum im Bereich Integrierte Fortbildung sowie in der Abteilung Ermittlungen und Auswertung des Landeskriminalamtes Thüringen. Torsten Stahlberg befragte ihn am Ende dieses „Schnupperkurses“ nach seinen Eindrücken vom Alltag in einer Polizeibehörde:
Thomas, seit 2003 bist du schon Kommissar. Aber so richtig Praxiserfahrung im Polizeialltag konntest du wohl bisher noch nicht sammeln…
Ja, das ist wirklich nicht ganz leicht, wenn man schon so lange aus dem Geschäft raus ist. Anfangs ging es ja noch. Da konnte ich die Verantwortlichen für den Polizeisport unterstützen, habe geholfen, Übungseinheiten für das Fitnesstraining, das Schießen und Kampfsportübungen zu organisieren, unterzog auch die eine oder andere dieser Dienstsportveranstaltungen einem Selbstversuch.
Aber dann kam die für mich ganz ungewohnte kriminalistische Praxis, und da muss ich an dieser Stelle gleich mal ein herzliches Dankeschön loswerden:
Die Kollegen im LKA - insbesondere die vom Dezernat 62 - haben mir sehr geholfen, mich in die manchmal doch sehr komplexe Materie einzuarbeiten.
Also hattest du auch mit den großen Fällen zu tun.
Die Arbeit dort bildete sogar den Hauptteil des Praktikums. Was da mit der Bearbeitung von Aktenbergen im Bereich der Organisierten Kriminalität zu bewältigen ist, hat mich sehr beeindruckt. Ich habe einen tiefen Einblick in die Arbeit der Kollegen erhalten und erlebt, wie akribisch Fälle aufbereitet werden, welche Verantwortung dahintersteckt. Und wenn es klappt, könnte ich mir nach meiner sportlichen Karriere ein solches Tätigkeitsfeld auch für meine weitere Zukunft vorstellen.
Dieses Karriere-Ende planst du aber nicht schon für übermorgen?
Ganz und gar nicht. Ich bin zwar Sportausbilder für den mittleren Dienst am Bildungszentrum in Meiningen, aber von meinen Kollegen dort wird auch in der nächsten Zukunft schon eine Menge Verständnis gefordert, denn der Leistungssport ist für mich nun wieder die Hauptsache.
Sotschi 2014 ist mein großes Ziel, und mein Terminplan richtet sich ab sofort wieder nach Weltcups und großen internationalen Meisterschaften. Dabei wird es bestimmt nicht leichter. Auch wenn das hart klingt: Wenn man die 30 überschritten hat, beginnt bei einem Leistungssportler schon ein bisschen der Verfall. Da habe ich als Pilot noch Glück, ohne absolute Fitness läuft im Bobsport aber gar nichts.
Du warst in Vancouver schon drauf und dran, André Lange zu besiegen. Da werden wohl die Erwartungen an dich nicht unbedingt kleiner geworden sein.
Der gesamt deutsche Bobsport befindet sich gegenwärtig im Umbruch. Mit Raimund Bethge ist der große Macher der letzten Jahre in den Ruhestand gegangen. Sein Nachfolger Christoph Langen hat da wirklich ein schweres Erbe angetreten. Und er braucht natürlich nach dem Rücktritt von André Lange ein neues Zugpferd…
…das Thomas Florschütz heißt?
So sehe ich gegenwärtig meine persönlichen Ziele. Der Zweite bin ich nun lange genug gewesen, es wird Zeit, dass ich auch mal ganz oben stehe. Und derzeit bin ich dabei, mir dafür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Unter der Überschrift: Ein Thüringer kommt nach Hause?
Das wäre keine schlechte Lösung. Ich hatte bisher auch im sächsischen Riesa ein hervorragendes Umfeld, aber noch viel lieber würde ich natürlich für einen Thüringer Verein starten. Vielleicht sogar für einen Erfurter. Selbstverständlich ist das nicht nur eine Frage des Wollens, es müssen viele Faktoren stimmen. Profisport kostet viel Geld, ich muss ein neues Team zusammenstellen, die Sponsoren müssen mitspielen und natürlich auch die Medien.
Du steigst jetzt wieder ins Training ein, sagst du. Aber das ist derzeit wahrscheinlich eher Nebensache, weil sich auch ganz privat eine Menge ändert?
Ja, meine Lebensgefährtin Diane hat am 5. Mai einem neuen Thüringer das Leben geschenkt – Viktor Florschütz heißt er, wiegt sieben Pfund und ist 50 cm groß. Darum dreht sich bei uns gegenwärtig natürlich alles.
Dass der frisch gebackene Papa den Lebensstil eines Spitzensportlers pflegt, macht es für die junge Mutter aber auch nicht unbedingt einfacher…
Das stimmt, vier bis fünf Monate im Jahr ist man nur unterwegs, da leidet natürlich das Familienleben. Außerdem sind wir kurz vor Olympia noch innerhalb von Erfurt umgezogen, manchmal kommt eben alles auf einmal. Aber ich will zu Hause helfen, wo ich kann, ich freue mich sehr auf meinen Sohn. Ein echtes Wunschkind. Und die Erfahrung lehrt, dass der Kleine mich auch sportlich voranbringen wird: Andere Leistungssportler sagen, dass es bei ihnen noch mal zehn Prozent mehr herausgekitzelt hat.
Da wir gerade bei der Familie sind: Dein Bruder ist ja Rennrodler…
…gewesen. Er beginnt nun in Köln eine Trainerausbildung. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Ich hatte ja schon mal aufgehört mit dem Leistungssport, weil mir als Rennrodler der Durchbruch einfach nicht gelingen wollte. Da war es André, der mir gut zuredete: Probier es doch mal mit dem Bob! Das hat offensichtlich geholfen.
Thomas, viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.