
Springen Sie direkt zu einem der folgenden Seitenbereiche:
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Landtagsabgeordnete,
verehrter Herr Oberbürgermeister,
werte Vorsitzende des Tivoli-Vereins,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, dass ich die Gelegenheit erhalte, heute gemeinsam mit Ihnen den „Tag des offenen Denkmals“ hier in Gotha an einem traditionsreichen historischen Ort zu eröffnen.
Ich danke insbesondere den Gastgebern, namentlich dem Gothaer Oberbürgermeister Kreuch sowie der Vorsitzenden des Trägervereins dieser ehrwürdigen Gedenkstätte, Frau Mikolajczak, für Ihre freundliche Einladung, der ich gerne gefolgt bin.
Ich habe dies nicht nur deshalb getan, weil mir der „Tag des offenen Denkmals“ wie auch dieser historische Ort, dem eine herausragende Bedeutung für die Thüringer und die deutsche Sozialdemokratie – aber auch für die deutsche Demokratiegeschichte insgesamt – zukommt, besonders am Herzen liegt. Die heutige Eröffnungsveranstaltung bietet auch eine gute Gelegenheit, um die engagierte ehrenamtliche Arbeit des Trägervereins dieser Gedenkstätte zu würdigen. Dies möchte ich im Anschluss an meinen kurzen Redebeitrag durch eine symbolische Lottomittelübergabe tun.
Bevor ich den Lottomittelscheck an Frau Mikolajczak überreiche, erlauben Sie mir einige wenige Worte zur Geschichte und Bedeutung des „Tages des offenen Denkmals“ und seinem diesjährigen Motto an Sie zu richten.
Der „Tag des offenen Denkmals“ wird in diesem Jahr bereits zum zwanzigsten Mal zelebriert, und das nicht nur regional auf Thüringen oder national auf Deutschland beschränkt. Dieses besondere Ereignis geht vielmehr auf eine Initiative des Europarats zurück, hat also im besten Sinne eine völkerverbindende Idee gestiftet.
Schließlich setzt sich der „Denkmaltag“ zum Ziel, über Grenzen hinweg Menschen für die Bedeutung und den Erhalt des kulturellen Erbes – sei es nun das gemeinsame europäische oder das jeweilige nationale – zu sensibilisieren und auf diesem Wege Interesse für die Belange des Denkmalschutzes zu wecken.
Nahmen bei der erstmaligen Ausrichtung 1991, die unter der Schirmherrschaft des Europarates stand, neben Deutschland noch acht weitere Länder am „European Heritage Day“ teil, so sind es mittlerweile alle 49 Unterzeichnerstaaten der europäischen Kulturkonvention. Die Teilnehmer reichen von A wie Andorra bis Z wie Zypern.
In Deutschland ist der „Tag des offenen Denkmals“ Schritt für Schritt gewachsen. Nahmen 1991 etwa 1.200 Städte und Gemeinden mit 3.500 Denkmalen teil und wurden damals etwa 2 Millionen Besucher gezählt, so waren es im vergangenen Jahr schon 2.600 Städte und Gemeinden mit etwa 7.500 Denkmalen und circa 4,5 Millionen Besuchern.
Es lässt sich also ersehen, dass der „Tag des offenen Denkmals“ einen wichtigen Beitrag zur Förderung der europäischen Idee leistet. Dies belegt auch das Veranstaltungsmotto des Jahres 1999: „Europa – ein gemeinsames Erbe“.
Der „Denkmaltag“ ist zugleich aber auch ein Nachweis für eine aktive Bürgergesellschaft, für viele Bürgerinnen und Bürger, die sich im Ehrenamt engagieren, insbesondere in zahlreichen Vereinen. So sind es eben nicht nur Hauptamtliche, die durch Ausstellungen führen und uns die verschiedenen Denkmale und Objekte näher bringen, deren Hintergründe und Geschichte erläutern und so historische und kulturelle Bildungsarbeit leisten.
Das Gelingen des „Tages des offenen Denkmals“ hängt also auch ganz wesentlich von vielen ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern ab. Diese individuellen Leistungen sollten wir uns immer bewusst machen, würdigen und – wo es möglich ist – fördern.
Die Vielfalt, die im Rahmen des „Denkmaltages“ geboten wird, erschließt sich nicht nur aus der Anzahl der etwa 1.000 Denkmäler und Objekte, die allein in Thüringen heute den interessierten Gästen ihre Pforten öffnen. Schon das breite und facettenreiche Angebot in Gotha zeugt eindrucksvoll vom bedeutenden historischen und kulturellen Erbe dieser ehemaligen Residenzstadt.
Ich bin mir sicher, dass Gotha gute Chancen hätte, nach Weimar im Jahre 2004 die zweite thüringische Stadt zu sein, in der in absehbarer Zeit einmal die zentrale Eröffnungsveranstaltung des „Tages des offenen Denkmals“ in Deutschland ausgerichtet werden könnte.
Meine Damen und Herren,
der „Tag des offenen Denkmals“ stand im vergangenen Jahr unter dem Motto „Kultur in Bewegung – Reisen, Handel und Verkehr“ und widmete sich daher im weiteren Sinne der Frage gesellschaftlicher Mobilität und ihrer Entwicklung im Wandel der Zeit.
In diesem Jahr fokussiert er auf einen ganz konkreten Zeitraum, der gravierende Umbrüche in Staat und Gesellschaft mit sich brachte – das 19. Jahrhundert. Ich möchte hier nur einige Schlagworte in den Raum stellen, die in Verbindung mit dem 19. Jahrhundert genannt werden müssen und diese Umbrüche umreißen:
In politischer Hinsicht denken wir beim 19. Jahrhundert an den Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutschen Nation, an Napoleon, dessen Aufstieg und Niedergang und die anschließende Neuordnung im deutschen und europäischen Staatengefüge auf dem Wiener Kongress 1815 – nicht zuletzt die Gründung des Deutschen Bundes, der bis in das Jahr 1866 fortbestand.
Uns fällt die europäische Revolution des Jahres 1848 ein, die in Deutschland eine moderne Verfassung mit einem Grundrechtekatalog hervorbrachte. Wir assoziieren damit die nationale Bewegung, die letztlich unter obrigkeitlichen Vorzeichen und durch Bismarcks Machtpolitik in die nationale Einigung und die Gründung des Deutschen Kaiserreiches mündete.
In die Zeit nach der 1848er Revolution und der anschließenden Ära der politischen Reaktion fielen aber auch die Konstituierung und der unaufhaltsame Aufstieg der politischen Arbeiterbewegung und darauf fußend auch die Gründung der deutschen Sozialdemokratie.
In gesellschaftlicher Hinsicht vollzog sich ein Wandel von der althergebrachten Ständegesellschaft hin zur bürgerlichen Gesellschaft, gekennzeichnet durch den stetigen Aufstieg des Bürgertums zur neuen staatlichen Funktionselite. Ein gutes Beispiel hierfür liefert das Herzogtum Sachsen-Gotha, in dem der Linksliberalismus über lange Zeit eine dominante Rolle im politischen System und der Verwaltung inne hatte.
Das 19. Jahrhundert brachte aber auch eine stärkere Trennung von Staat und Kirche sowie einen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Kirchen, ausgelöst durch die Säkularisierung. Außerdem kam es zur Auflösung traditioneller, patriarchalisch geprägter Gesellschaftsstrukturen.
Von zentraler Bedeutung war die industrielle Revolution, die von Landflucht, Urbanisierung, der Entstehung industrieller Ballungsräume und einem enormen Bevölkerungswachstum begleitet war. Die Industrialisierung Deutschlands verursachte aber ebenso einen Wandel des Arbeitsbegriffs. Der ehemals durchaus vorherrschende Fürsorgegedanke im patriarchalen Abhängigkeitsverhältnis trat in den Hintergrund. Stattdessen wurde Arbeit nun zur Ware, deren Wert resp. Preis sich nach dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmte.
Ermöglicht und beschleunigt wurden diese Entwicklungen durch die Vereinheitlichungen und Erleichterungen im Handel und Güterverkehr, durch die Revolution in der Kommunikation und im Verkehrswesen.
Anführen will hier die Gründung des Deutschen Zollvereins 1833 und die allgemeine Durchsetzung der Gewerbefreiheit 1866/67, in den 1870er Jahren die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten sowie die Schaffung einer einheitlichen Währung.
Mit diesen Veränderungen einher gingen die Auflösung des Zunftwesens, die Verdrängung des Verlags- und Hausgewerbes durch moderne Fabriken, in denen technische Innovationen vielfach die Arbeitskraft ersetzten, gemeinhin als Mechanisierung bezeichnet.
Damit verband sich oftmals der gesellschaftliche Abstieg der traditionellen Handwerkerschaft. Aus selbständigen Handwerkexistenzen wurden oftmals abhängige Beschäftigungsverhältnisse in der Lohnarbeiterschaft.
Diese gravierenden Wandlungsprozesse schufen letztendlich den Nährboden für die sich formierende politische Arbeiterbewegung, auf deren Entstehung und Entwicklung ich noch etwas näher eingehen möchte.
Die ersten Anfänge der Arbeiterbewegung reichen bis in die 1848er Revolution – zur damals gegründeten Arbeiterverbrüderung – zurück. Nach einer Phase entschiedener politischer Unterdrückung und dem Verbot von Arbeitervereinen in Deutschland kam es in der zweiten Hälfte der 1850er Jahre zu einer erneuten Gründungswelle von sogenannten Arbeiterbildungsvereinen, die sich allerdings noch unter dem Einfluss des liberalen Bürgertums standen.
Innerhalb dieser Vereine regten sich allerdings in den 1860er Jahren Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterschaft, die sich nun nicht nur beruflich, sondern auch politisch fortbilden und politisch gleichberechtigt sein wollte.
Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863 erfolgte ein erster Schritt der Abspaltung der politischen Arbeiterbewegung von der liberalen Arbeiterbildungsvereinsbewegung, die sich damals eher lose Strukturen im Vereinstag der deutschen Arbeiterbildungsvereine gab.
Der Emanzipationsprozess setzte sich bald aber auch innerhalb des Dachverbandes der Arbeiterbildungsvereine fort, so dass man 1867 in einer Kampfabstimmung auf einem Vereinstag in Gera den später führenden Sozialdemokraten August Bebel zum Präsidenten wählte und so den linksliberalen bürgerlichen Einfluss immer stärker aus dem Dachverband drängte.
Mit dem Aufgehen des Dachverbandes in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die im August 1869 in Eisenach gegründet wurde, fand der Umwandlungsprozess formal seinen Abschluss.
1869 bestanden demnach zwei konkurrierende Strömungen innerhalb der politischen Arbeiterbewegung. Nach kräftezehrenden Konflikten, angestoßen durch wachsende politische Unterdrückungsmaßnahmen gegen beide Arbeiterorganisationen gleichermaßen kam es schließlich hier im historischen Saal des Gothaer „Tivoli“ im Mai 1875 zur deren Verschmelzung unter dem Credo „Einigkeit macht stark“. Insofern dürfen sich Gotha und das „Tivoli“ als Wiege der sozialdemokratischen Partei betrachten.
Dass sich die Einheit der politischen Arbeiterbewegung auszahlte, belegen die nachfolgenden Wahlerfolge der vereinigten Sozialistischen Arbeiterpartei. Der SAPD gelang es erstmalig – im Ostthüringer Wahlkreis Reuß älterer Linie – ein Reichstagsmandat zu erobern und insgesamt zur zweitstärksten politischen Kraft in Thüringen aufzusteigen.
Die politische Reaktion des Obrigkeitsstaates ließ nicht lange auf sich warten. Bismarck setzte mit den sogenannten Sozialistengesetzen eine Verbots- und Verfolgungswelle in Gang, die allerdings noch nicht gänzlich auf das Herzogtum Sachsen-Gotha durchschlug. Erst 1884, als hier der prominente Sozialdemokrat Wilhelm Bock erstmals als Sieger aus der Reichstagswahl hervor ging und die Sozialdemokraten landesweit ihre Stimmenzahl verdreifachen konnten, korrigierte Sachsen-Gotha seine bis dahin eher liberale Haltung und schloss sich der konsequenten Repressionspolitik Bismarckscher Prägung an.
Diese Unterdrückungswelle beeinträchtigte die sozialdemokratische Bewegung allerdings nur zeitweilig, da man sich ersatzweise in Tarnorganisationen wie Gesang- und Kulturvereinen, aber auch in Konsumgenossenschaften und Unterstützungsvereinen sowie in Arbeiterfachvereinen als Vorstufe der modernen Gewerkschaftsorganisationen formierte.
Getragen durch den gesellschaftlichen Wandel gelang der Sozialdemokratie mit der Reichstagswahl 1890 ein endgültiger Durchbruch. Die SPD stieg nicht nur in Thüringen zur stärksten Partei auf und konnte ihre Erfolge auch in den darauffolgenden Wahlen behaupten und weiter ausbauen. Dennoch zählte Thüringen neben Sachsen, insbesondere nach Jahrhundertwende zu den Hochburgen der Sozialdemokratie in den Flächenstaaten.
Die besondere Bedeutung Thüringens und Gothas für die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass in Gotha neben 1875 auch 1876, 1877 und 1896 zentrale Parteitage der Sozialdemokratie abgehalten wurden. Mit dem Erfurter Programmparteitag, der sich im Oktober zum 120. Mal jährt, fand auf Thüringer Boden ein dritter wichtiger Parteikongress mit Zäsurcharakter statt.
Dieses historische Erbe sollte aber nicht nur die Thüringer Sozialdemokratie wach halten und pflegen. Schließlich fanden viele der politischen Forderungen der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie Eingang in spätere Verfassungen und zählen zu Meilensteinen der deutschen Demokratiegeschichte.
Zu den bekanntesten Forderungen des Gothaer Programms von 1875 gehören bspw. das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht aller Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahr an, die direkte Gesetzgebung und Rechtssprechung durch das Volk, die Abschaffung sämtlicher politischer Ausnahmegesetze, die allgemeine Schulpflicht mit unentgeltlichem Unterricht oder das Verbot der Kinder- und Sonntagsarbeit.
Vieles von dem, was heute als selbstverständlich erscheinen mag, wäre also ohne die politische Arbeiterbewegung und deren Kämpfe und Opfer nicht durchgesetzt worden.
Meine Damen und Herren,
ich möchte es zum Abschluss nicht versäumen, mich bei all jenen zu bedanken, die sich in ehrenamtlicher Arbeit der Pflege dieses speziellen Erbes annehmen.
Der Trägerverein der Tivoli-Gedenkstätte, der seit 1992 existiert, leistet hierbei eine unverzichtbare Arbeit. Es ist ihm nicht nur – in gemeinsamen Anstrengungen mit der Stadt Gotha – gelungen, diesen historischen Ort zu erhalten und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Durch eine erneuerte Dauerausstellung und regelmäßige Veranstaltungen wurde diesem geschichtsträchtigen Ort auch neues Leben eingehaucht.
Dabei versammelt der Tivoli-Verein auch geballten historischen Sachverstand. Davon können Sie sich heute beim Vortrag des stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Matthias Wenzel über den Wandel Gothas von der herzoglichen Residenz zu einer modernen Industriestadt überzeugen. Er zählt zu den profiliertesten Kennern der Gothaer Stadtgeschichte.
Ich wünsche mir und uns allen, dass der Tivoli-Verein und seine Mitglieder sich auch weiterhin so engagiert um die Wahrung dieser wichtigen Traditionslinie bemühen.
Hierfür danke ich Ihnen schon jetzt ganz herzlich.
Da ich es nicht bei Worten belassen will, bitte ich Sie – liebe Frau Mikolajczak – als Vorsitzende des Tivoli-Vereins wie bereits angekündigt zu mir nach vorne, um einen symbolischen Lottomittelscheck zur Förderung Ihrer Arbeit in Empfang zu nehmen.